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Verjüngung durch Rechtsdrehung: So sollen Frauen wieder 18-jährig werden
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Laut Geistiger Homöopathie hilft das Sternbild Eidechse bei der Verjüngung. Zusätzlich muss man ganz fest daran glauben, dass es möglich ist. (Bild: screenshot youtube )

Der «Heiler» Hugin Munin trat in Zug auf Verjüngung durch Rechtsdrehung: So sollen Frauen wieder 18-jährig werden

7 min Lesezeit 03.05.2018, 16:46 Uhr

Verjüngung über Auferweckung, bei Frauen am besten auf das Alter von 18 Jahren: Diese These vertritt Hugin Munin, ein führender Vertreter der Geistigen Homöopathie. Vor kurzem hielt der 72-Jährige in Zug einen Vortrag. Zwar wollte sich die Erleuchtung auch nach sechs Stunden nicht einstellen, dafür wissen wir nun, weshalb Zähne so schlecht nachwachsen.

«Ich bin 72, doch ich fühle mich wie 35», sagt Hugin Munin gleich zu Beginn der Veranstaltung. Das klingt harmlos. Doch im Verlaufe des Tages sollten wir noch merken, dass er dies durchaus wörtlich gemeint hat. «Grigori Grabovoi und die Lehre zur Wiederherstellung von allem und jedem», nennt sich die Tagesveranstaltung im Haus der Homöopathie in Zug.

Hugin Munin heisst mit bürgerlichem Namen Manfred Gröper und wohnt in Gröbenzell nahe München. An diesem windigen Samstag gibt er nun seine und die umstrittene Lehre von Grigori Grabovoi weiter (siehe Box).

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«Der Schöpfer ist manchmal so fern, und dann doch wieder so nah.»

Veranstaltungsteilnehmer

Welches Publikum ist bereit, 99 Franken für diese Veranstaltung zu bezahlen? Sind es die klischierten einsamen Damen, die für 4.50 Franken pro Minute Rat bei Mike Shiva holen? Jein. Knapp 30 Leute haben den Weg zu Hugin Munin gefunden. Davon eine Familie mit zwei Kindern und drei weitere Interessierte jungen Semesters. Der Rest ist bei 40 aufwärts anzusiedeln, wobei das Geschlechterverhältnis zwei Drittel zu einem Drittel aus Sicht der Frauen ausfällt.

Grigori Grabovoi erlangte unter anderem dadurch Bekanntheit, dass er Eltern von getöteten Kindern versprach, diese gegen Geld wieder zum Leben zu erwecken.

Grigori Grabovoi erlangte unter anderem dadurch Bekanntheit, dass er Eltern von getöteten Kindern versprach, diese gegen Geld wieder zum Leben zu erwecken.

(Bild: screenshot youtube)

Gespannt warten die Teilnehmer auf den Beginn, vor ihnen auf dem Pult liegen Stift und Block, dazu eine Wasserflasche (übrigens kein Grander-Wasser). Man hätte im geräumigen Seminarraum fast schon einen Kurs der Migros-Klubschule vermuten können. Bis auf die Bilder von Homöopathen wie James Tyler Kent oder Ernst Ferdinand Rückert, die an der Wand hängen.

Ein Dumbledore’scher Bart

Hugin Munin selbst sieht aus, wie ein geistiger Führer wohl aussehen muss: lange weisse Haare, dazu ein Bart, der mit jenem von Albus Dumbledore mithalten kann. Hinzu kommen eine randlose Brille, violette Hosen, violettes Hemd sowie ein blaues Gilet. Trotz seiner sehenswerten Erscheinung möchte Munin nicht fotografiert werden. Auch im Internet lässt sich keinerlei Bildmaterial von ihm finden.

«Ich bin ein Wissenschafter, der mit beiden Beinen auf dem Boden steht.»

Hugin Munin

Munin setzt sich ans erhöhte Rednerpult und fragt nach ein paar einführenden Worten in die Runde, weshalb die Besucher den Weg hierher gefunden haben. «Mich fasziniert das Thema. Der Schöpfer ist manchmal so fern, und dann doch wieder so nah», gibt ein Herr in der ersten Reihe zu Protokoll. Generell wird in der Geistigen Homöopathie meist vom «Schöpfer» und seltener von «Gott» gesprochen. Eine ältere Dame antwortet, sie habe bereits im Alter von zwölf Jahren Bekanntschaft mit den russischen Heilmethoden gemacht und wolle ihr Wissen nun vertiefen. 

Daraufhin gibt Hugin Munin seine hehren Ziele bekannt. «Ich bin hier, damit alle Probleme in den Griff bekommen werden können, bin hier, um Hoffnung zu machen.» Die Hoffnung ist vorhanden, erkennt man beim Blick in die Gesichter.

Geheilte Elle und ein Junge, der wieder laufen kann – ein Teufelskerl

Glaubt man den Worten Munins, hat er ziemlich viele Fähigkeiten. Schüler mit Lernschwäche würden nach ein, zwei Sitzungen bei ihm bereits ein bis zwei Noten besser abschliessen. Doch das ist nur der Anfang. Er habe auch schon überhöhte Tumormarker-Werte wieder ins Lot gebracht. Eine gebrochene und verschobene Elle habe er nur mit geistiger Kraft wieder an die richtige Stelle gesetzt. Und: «Ich habe einmal in einer Sitzung einen Jungen aus dem Rollstuhl geholt.» Acht Zeugen seien anwesend gewesen. «Darunter auch ein Hausarzt», beteuert der 72-Jährige.

Glaubt man Hugin Munin, treten die hellen Punkte dort auf Fotos auf, wo viel Liebe herrscht.

Glaubt man Hugin Munin, treten die hellen Punkte dort auf Fotos auf, wo viel Liebe herrscht.

(Bild: J.P. Ascension)

 

In mehreren weiteren Situationen unterstreicht Munin die Seriosität der Geistigen Homöopathie. So bezeichnet er sich selbst als «Wissenschafter, der mit beiden Beinen auf dem Boden steht». Zudem liege das Wissen Grabovois der Unesco vor. Auch den Regierungen sei es zugänglich.

Munin «widerlegt» Einstein

Überzeugen muss er hier niemanden. Die Zuhörer hängen sowieso an seinen Lippen. Beispielsweise beim Stichwort Hellseher: «Gute Hellseher sehen die entscheidenden Schritte voraus und wissen, was auf der anderen Seite der Tür passiert», sagt Munin. Während wir uns einen imaginären Apfel bloss vorstellen könnten, sehe ihn der Hellseher tatsächlich.

«Ich bin ein grosser Fan von Ihnen.»

Zwischenruf einer Teilnehmerin

Hugin Munin verwendet während seines Vortrages an zahlreichen Stellen physikalische Termini wie «Neuronenwege», spricht von «Atomen» und «Elektronen». «Nichts ist schneller als das Licht», zitiert er Albert Einstein. Doch dem widerspricht Munin entschieden. Jeder Gedanke könne schneller sein als das Licht. Es gebe einfache Phänomene wie die Teleportation oder eben das Hellsehen, welche mit Einstein nicht zu erklären seien.

Es ist dies ein Muster, welches sich durch die sechsstündige Veranstaltung zieht: physikalische Gesetze und Phänomene, die ausgelegt werden, damit sie ins Weltbild der Geistigen Homöopathie passen. So geschieht dies auch bei Drehfeldern. In jedem Atom, jedem Elektron, einfach überall gebe es ein Drehfeld, sagt Munin. Dabei sei ein rechtsdrehendes Feld gut, und ein linksdrehendes Feld führe zu einer Verschlechterung.

Wehe, in Ihnen befindet sich eine Linksdrehung

Dies sei auch die Erklärung, weshalb manche Menschen vor Ikonen in Ohnmacht fallen: «In diesen Menschen befindet sich eine Linksdrehung», erklärt Munin. Den Gästen scheint dies einzuleuchten: kollektives Kopfnicken. Auch bei Zwischenfragen erntet Munin jeweils überzeugte Zustimmung.

«Der Mensch akzeptiert den Tod, weil er keinen Ausweg sieht.»

Hugin Munin

Die positive Wirkung der Rechtsdrehung scheint auch von der Jungmannschaft bereits verinnerlicht worden zu sein: Der etwa neunjährige Junge bestätigt, dass er die Suppe jeweils rechtsherum umrühre. Bislang eher gelangweilt, wachen die Kinder erst im zweiten Teil nach einer kurzen Mittagspause richtig auf. Sie melden sich mehrmals zu Wort und brillieren mit ihrem Wissen zur Geistigen Homöopathie. So wissen sie, dass der Hund das erste Tier sein werde, das sprechen können werde.

Denkt man böse über eine Pflanze, geht sie ein

Fleissig wird mitgeschrieben sowie ab und an eine Frage gestellt. Es darf auch mal ein Zwischenruf sein: «Folge 15», präzisiert eine Frau aus der ersten Reihe einen Verweis Munins auf ein Kapitel seiner Website. «Ich bin ein grosser Fan von Ihnen», ergreift sie die Gelegenheit, ihre Faszination für den Mann, der auf alles eine Antwort zu haben scheint, zum Ausdruck zu bringen.

Jeder Gedanke habe eine Geometrie. Denke man böse über eine Pflanze, gehe sie ein. Negatives Denken führe zu Linksdrehung. Der Schöpfer gehe nicht in Kriege hinein; deswegen gebe es sie. Der Schöpfer sehe alles; auch jeden Gedanken. Die hellen Punkte auf Fotos («Orbs») seien Stellen, wo ganz viel Liebe sei – nach einiger Zeit denkt man sich, die Theorien Munins könnten einen nicht mehr überraschen. Doch dann kommt er auf den Tod zu sprechen, wobei er hinter diesen drei Fragezeichen setzen müsse.

«Die Zähne sind das Härteste am menschlichen Körper. Entsprechend gestaltet sich dort die Verjüngung schwieriger.»

Hugin Munin

Grabovoi propagiere eine ewige Weiterentwicklung in Richtung ewiges Leben, sagt Munin. «Sobald man den Tod in Erwägung zieht, lässt der Körper nach», fährt er fort.

Und der Bart werde dunkler

Doch das müsse nicht sein. «Der Mensch akzeptiert den Tod, weil er keinen Ausweg sieht», erklärt Munin. «Das heisst aber nicht, dass es tatsächlich so ist.» Nur weil die Zeit vergehe, heisse dies nicht, dass der Mensch auch älter werde. «Wir kommen mit der Zeit nicht zwingend dem Tod näher.»

Man könne sich gar verjüngen. Sich selbst sieht Hugin Munin dabei als lebenden Beweis dafür, denn er sei gerade dabei, jünger zu werden: «Sehen Sie die dunklen Stellen meines Bartes?», fragt er, währenddem er sich über die Wangen streicht. «Die waren bis vor Kurzem noch schneeweiss», versichert er. Eine Dame aus der zweiten Reihe bestätigt sogleich: «Das ist mir am Morgen auch gleich aufgefallen!»

Wer ist Grigori Grabovoi?

Grabovoi ist ein russischer Geistheiler und Erfinder pseudomedizinischer Therapiemethoden wie «Heilen mit Zahlenreihen». Grabovoi gab auch schon zahlenden Kunden gegenüber das Heilversprechen, ihre Organe wieder nachwachsen oder Tote auferstehen zu lassen. Wegen Betruges mit dieser Masche sass er eine mehrjährige Haftstrafe ab.

Munin hat für seine Jünger auch eine Erklärung parat, weshalb sein Gebiss nur spärlich mit Zähnen bestückt ist. «Die Zähne sind das Härteste am menschlichen Körper. Entsprechend gestaltet sich dort die Verjüngung schwieriger.» Da beginne man eben lieber bei etwas Weicherem, Leichterem wie dem Bart.

«Was Sie mit dem Wissen machen, ist Ihnen überlassen»

Wenn man sich verjüngen könne, könne man auch nicht sterben, so der Schluss Munins. «Ausser, der Schöpfer hat etwas anderes mit einem vor», ergänzt er.

Die Veranstaltung neigt sich langsam dem Ende zu. Mit Ausnahme der Kinder, die langsam zappelig werden, ist die Aufmerksamkeit ungebrochen. Abgesehen von einer halbstündigen Mittagspause hat Hugin Munin die sechs Stunden voll durchgezogen.

Er versichert nochmals, wie «ultramodern» sein Wissen sei, das er hier weitergibt. «Was Sie damit machen, ist Ihnen selbst überlassen.» Das stösst bei allen auf offene Ohren. Applaus brandet durch den Raum. «Ich gebe den Dank gerne nach oben weiter, denn wir sind nur die Durchsteller», schliesst Munin.

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