Verheiratete Frauen sollen nicht länger die Nummer 2 im Steuerwesen sein
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Frauen sind per Definition die Nummer 2, wenn es ums Ausfüllen der Steuererklärung geht. (Bild: ida)

Gleichberechtigung in Luzern angepeilt Verheiratete Frauen sollen nicht länger die Nummer 2 im Steuerwesen sein

4 min Lesezeit 2 Kommentare 14.06.2021, 05:00 Uhr

Das Prinzip des Ehemanns als Person 1 im Steuerwesen soll abgeschafft werden. Das fordert die Luzerner Kantonsrätin Rahel Estermann. Ein Blick nach Zürich zeigt: Nur zu ändern, dass der Ehemann nicht mehr automatisch als Person 1 in den Formularen aufgeführt wird, bringt noch lange keine Gleichberechtigung. Deswegen geht die Forderung Estermanns weiter.

Frauen sind per Definition die Nummer 2, wenn es ums Ausfüllen der Steuererklärung geht. Da steht nämlich in der ersten Spalte: Ehemann/Einzelperson/P1 – also Person 1. Und die zweite Spalte «Ehefrau/P2».

Verständlich, dass das bei einigen Frauen für rote Köpfe sorgt. «Als Frau ist man die Zweitgenannte, die Zweitwichtige, die mit dem Zweiteinkommen, dem Zweitdasein als Appendix der Hauptfigur, ein politischer und wirtschaftlicher Blinddarm», schreibt Güzin Kar, Schweizer Filmregisseurin und Kolumnistin, im «Spiegel».

Wenn es um Gleichberechtigung im Steuerwesen geht, sehen viele noch Handlungsbedarf. Langsam kommt aber etwas Bewegung in die Sache. Anfang des Jahres wurde eine Volksinitiative lanciert, mit der auf Bundesebene die Einführung einer zivilstandsunabhängigen Individualbesteuerung gefordert wird.

Und auch in Luzern tut sich was. Vor Kurzem hat GLP-Kantonsrätin Riccarda Schaller einen Vorstoss eingereicht. In diesem fordert sie die Abschaffung der Heiratsstrafe. Schaller fordert ausserdem, dass sich die Luzerner Männerregierung beim Bund für die Individualbesteuerung starkmacht (zentralplus berichtete).

Grüne Politikerin will bereits jetzt ein kleines bisschen mehr Gleichstellung

Auch die Luzerner Kantonsrätin Rahel Estermann (Grüne) findet den Weg der Individualbesteuerung den richtigen. Da der Initiative aber noch viele Jahre politischer Prozess bevorsteht, will sie bereits zumindest jetzt ein kleines bisschen mehr Gleichstellung im Steuerwesen erreichen.

«Ich kenne so viele verheiratete Frauen – und Männer –, die sich Jahr für Jahr ärgern, wenn sie das Steuerformular ausfüllen.»

Rahel Estermann, Luzerner Kantonsrätin (Grüne)

Denn es obliegt dem Kanton, das Steuerformular und die Prozesse des Steuerwesens zu gestalten sowie die Steuerstatistiken auszuweisen. Kürzlich hat Estermann deswegen einen Vorstoss eingereicht, mit dem sie fordert, dass das Prinzip des Ehemanns als Person 1 im Steuerwesen abgeschafft wird. Für ihren Vorstoss erhält sie Unterstützung bis in die politische Mitte.

Die grüne Kantonsrätin Rahel Estermann.

Ehemann als Familienoberhaupt? Längst passé, doch …

In der neuen Steuersoftware des Kantons Luzern werden zu Beginn beim Angeben der Personalien bereits geschlechtsneutrale Begriffe aufgeführt, wie ein Test zeigt. Da heisst es nämlich «Person 1» und «Person 2», ohne die beiden Nummern mit einem Geschlecht zu verknüpfen.

«Es ändert aber nichts daran: Bei Ehepaaren ist immer der Ehemann die Person 1, die Ehefrau die Person 2. Egal, ob elektronisch oder von Hand», so Estermann. So läuft auch das Dossier immer unter dem Namen des Ehemanns.

«Ich kenne so viele verheiratete Frauen – und Männer –, die sich Jahr für Jahr ärgern, wenn sie das Steuerformular ausfüllen. Oder mal beim Steueramt anrufen, und dann erklären müssen: ‹Genau, ich bin angehängt bei Herrn …›» Ihre Forderung sei wichtig, weil wir in allen Lebensbereichen Gleichstellung anstreben sollten, wie sie findet. «Die gemeinsame Besteuerung ist ein Relikt aus früheren Zeiten, als die Heirat die gesellschaftliche Norm war und der Mann automatisch zum Familienoberhaupt wurde.»

Inzwischen hat sich die Gesellschaft aber bekanntlich weiterentwickelt. «Und der Ehemann als Familienoberhaupt, welches der Ehefrau vorsteht, das haben wir zum Glück in den letzten Jahrzehnten abgeschafft», so Estermann. Und sie ergänzt: «Ausser dann, wenn man als Ehepaar sein Steuerformular ausfüllt.»

Zürich: geschlechtsneutrale Formulierung, dennoch erst ein Teilerfolg

Auch in anderen Kantonen sorgt das Thema der «Ehefrau als Person 2» im Steuerwesen für Diskussionen. So feierten Frauen im Kanton Zürich letztes Jahr einen Teilerfolg, berichtete der «Tagesanzeiger». Nachdem Frauen aus der Gleichstellungskommission des Zürcher Kantonsrats intervenierten, teilte der Zürcher Finanzdirektor mit, dass die Steuerformulare künftig möglichst geschlechtsneutral ausgestaltet werden sollen.

Die Zürcher GLP-Kantonsrätin Monica Sanesi sprach aber nur von einem Teilerfolg, weil der Ehemann nach wie vor Träger des Steuerdossiers bleibt. Dies, weil laut Angaben des Finanzdirektors aus «organisatorischen Gründen» die Steuererklärung an den Mann adressiert werden müsste.

«Das Problem, dass der Mann als Hauptverdiener gilt und sämtliche Unterlagen an ihn adressiert werden, besteht nach wie vor.»

Monica Sanesi, Zürcher GLP-Kantonsrätin

Wie Sanesi auf Anfrage erklärt, besteht das Problem in Zürich nach wie vor. Zwar wurden die Begriffe zumindest ein bisschen geschlechtsneutraler gestaltet. Nun ist die Rede von «Person 1» als «Ehemann, Partner/Partnerin» und «Person 2» als «Ehefrau, Partner/Partnerin». «Das Problem, dass der Mann als Hauptverdiener gilt und sämtliche Unterlagen an ihn adressiert werden, besteht nach wie vor.» Man versuche weiterhin Wege zu finden, damit das behoben wird. Parallel dazu laufen national die Bestrebungen einer Individualbesteuerung.

Rahel Estermann spricht mit einem Blick auf den Kanton Zürich von «etwas Kosmetik auf dem Formular». Sie will aber mehr: Ihr Vorstoss strebt an, dass die Paare frei wählen können, wer der Träger beziehungsweise die Trägerin des Steuerdossiers sein sollte – so wie das auch bei gleichgeschlechtlichen Paaren möglich ist.

«Auch wenn diese Veränderungen nur ein sehr kleiner Schritt zu einer gleichberechtigten Beziehung von Mann und Frau darstellen, so kommt der Anpassung doch ein symbolischer Wert mit hoher Wirkung zu», so Estermann abschliessend.

Umweltnaturwissenschaftlerin und Zürcher GLP-Kantonsrätin Monica Sanesi.

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2 Kommentare
  1. IK, 14.06.2021, 12:17 Uhr

    Auch bei der Zuger Kantonal Bank wird der Mann zuerst eingetragen, obwohl möglicherweise die Frau an erstere Stelle im Mietvertrag steht, bzw. sie das Geld auf dem gemeinsamen Konto überwiesen hat. Das IT Programm gibt dies wohl so vor. Dies ist nicht mehr zeitgemäss.

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  2. Peter Bitterli, 14.06.2021, 05:26 Uhr

    Da scheint es einigen Frauen doch sehr stark an Selbstbewusstsein zu fehlen. Nr. 1, Nr. 2? Come on! Dreht es doch um!
    Und mit der Individualbesteuerung hat dieses Problemchen rein gar nichts zu tun.

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