Politik

Luzerner Nationalrat warnt vor negativen Effekten
Wieso Veloverbände die Helmpflicht für Teenager ablehnen

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Einen Velohelm zu tragen, ist in der Schweiz freiwillig. Der Bundesrat will das für Teenager ändern.
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Einen Velohelm zu tragen, ist in der Schweiz freiwillig. Der Bundesrat will das für Teenager ändern. (Bild: Emanuel Ammon)

Der Velohelm kann Leben retten. Für Kinder und Jugendliche soll er deshalb zur Pflicht werden. So will es der Bundesrat. Die klassischen Veloverbände lehnen Helmpflichten jedoch klar ab. Auch aus Luzern sind Warnungen vor einem falschen Sicherheitsgefühl und Forderungen nach anderen Massnahmen zu vernehmen.

Es ist die Stunde des Velo. Seit über einem Jahr erfährt das Zweirad einen ungebrochenen Boom und ist in dieser Zeit auch zu einem heissen Politikum geworden.

Davon zeugt in Luzern etwa die kürzlich präsentierte Klima- und Energiestrategie der Stadt Luzern, die sehr stark auf einen Umstieg aufs Velo baut (zentralplus berichtete). Aber auch die Veloinitiative und der nun vom Stadtrat präsentierte Gegenvorschlag, um das Veloroutennetz in der Stadt auszubauen, zeugen davon, dass das Velo auf dem Vormarsch ist (zentralplus berichtete).

Mehr Veloverkehr bedeutet aber auch ein grösseres Konflikt- und Gefahrenpotenzial, was das Thema Sicherheit aufs Tapet bringt. Der Bundesrat will nun eine Sicherheitsmassnahme implementieren, die kontroverser ist, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.

Ab 12 wird der Helm weniger oft angezogen

Der Bundesrat hat zuhanden des Parlaments eine Reihe von Anpassungen am Strassenverkehrsgesetz verabschiedet. Als Teil des Revisionspakets soll der Bundesrat die Kompetenz erhalten, für Kinder und Jugendliche bis 16 Jahren eine Velohelmtragpflicht einzuführen.

Grund dafür sei die stark angestiegene Zahl der schwer verunfallten Velofahrer ab einem Alter von zwölf Jahren. Dies sei verbunden mit einer sinkenden Helmtragequote ab diesem Alter, erklärt der Bundesrat sein Ansinnen.

Kinder und Jugendliche bis 16 sollen also einen Helm tragen müssen, wenn sie sich auf dem Velo in den Verkehr begeben. Was zunächst nicht allzu disputabel klingt, ist in Tat und Wahrheit ein ziemlich heisses Eisen. Die zwei grössten Verbände, die die Interessen der Velofahrerinnen vertreten, sind der Verkehrs-Club der Schweiz (VCS) und Pro Velo. Beide sind klar gegen Helmpflichten, die als Helmzwang taxiert wird.

Eigentlich eine E-Bike-Diskussion

Dazu muss man wissen: Vergangenes Jahr, als das vom Bundesrat vorgeschlagene Massnahmenpaket in die Vernehmlassung geschickt wurde, drehte sich die Diskussion vorab um das E-Bike. Der Bundesrat erwog damals ein Helmobligatorium für alle E-Bikes. Heute gilt lediglich die Helmpflicht für solche, die bis 45 Kilometer pro Stunde fahren.

Die Rückmeldungen, insbesondere von den genannten Verbänden, waren laut und deutlich. Ein solches Obligatorium würde alten Forderungen nach einer Helmpflicht für alle Velofahrerinnen Tür und Tor öffnen. Dies wiederum würde sich negativ auf die Förderung des Veloverkehrs auswirken, etwa in Bezug auf die Veloverleihs oder der potenziellen Abwendung junger Nutzer (zentralplus berichtete).

Ein Helmobligatorium für alle E-Biker hat der Bundesrat in der Folge verworfen. Die Helmpflicht für alle Velofahrerinnen bis zum 16. Lebensjahr war in der letztjährigen Diskussion lediglich ein Nebensatz. Nun aber steht sie im Zentrum der politischen Diskussion.

Junge fahren weniger Velo als vor 20 Jahren

Ein Kernargument des VCS gegen die Helmplicht für Junge: Für Jugendliche darf das Velo nicht unattraktiver werden. Bei den Jugendlichen fand in den letzten 20 Jahren eine massive Abwendung vom Velo statt, argumentiert der VCS. In der Altersgruppe zwischen 13 und 20 fahren demnach heute nur noch etwa halb so viele Velo wie vor 20 Jahren.

«Die Nutzung des Velos hat unter den Jugendlichen leider abgenommen statt zugenommen.»

Michael Töngi, Nationalrat (Grüne) und VCS-Vorstandsmitglied

Diesen Punkt unterstreicht auch Michael Töngi, Luzerner Nationalrat (Grüne) und VCS-Vorstandsmitglied. «Die Nutzung des Velos hat unter den Jugendlichen leider abgenommen statt zugenommen. Dabei ist das Velo für viele Distanzen von Jugendlichen zur Schule, Lehrstätte oder zu Freizeitaktivitäten prädestiniert», sagt Töngi. «Eine Velohelmpflicht baut eine weitere Hürde zur Benutzung des Velos ein.»

Bessere Infrastruktur gefordert

Ein weiterer zentraler Punkt, den beide Verbände gegen eine Helmpflicht anführen, manifestiert sich in der Luzerner Velonetzinitiative: Sicherheit soll in erster Linie durch bessere Infrastruktur geschaffen werden. «Wir wehren uns dagegen, dass die Verantwortung für Unfälle und Verletzungen von den Verursachern von Gefahren auf die Opfer verschoben werden», schrieb Pro Velo Schweiz bereits 2010 in einem Positionspapier dazu.

«Holland zeigt eindrücklich, wie mit einer besseren Infrastruktur trotz viel höherem Veloanteil Unfälle vermieden werden können.»

Die Forderung nach besserer Infrastruktur ist legitim. Solche Strassenbauprojekte haben aber bekanntlich oftmals einen sehr langen Realisierungshorizont. Das wirft die Frage auf, ob junge Velofahrerinnen den zusätzlichen Schutz durch den Helm nicht jetzt sofort brauchen. «Natürlich hat eine Helmpflicht eine raschere Wirkung. Sie kann aber auch weitere Leute vom Velofahren abhalten», entgegnet Töngi. «Holland zeigt eindrücklich, wie mit einer besseren Infrastruktur trotz viel höherem Veloanteil Unfälle vermieden werden können.»

Beide Verbände geben zudem zu bedenken, dass der Velohelm auch ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln kann. Bei Kollisionen wirken oftmals Rotationskräfte, auf welche Helme nicht oder unzureichend konzipiert sind, schreibt der VCS dazu. «Velohelme bringen nicht vollkommene Sicherheit. Sie lindern die Folgen von Unfällen, vermeiden sie aber nicht.» Pro Velo warnt derweil vor einer Überschätzung der Schutzwirkung des Velohelms gerade für schwere Kopfverletzungen und vor den Folgen eines falsch getragenen Helms.

Gute Helmtragequote bei den Jungen

Auf der anderen Seite der Diskussion steht unter anderem die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU). Diese setzt sich für eine Helmtragepflicht ein und hat dazu auch statistische Erhebungen durchgeführt. Die Zahlen ermöglichen spannende Erkenntnisse zur Helmtragequote in verschiedenen Altersklassen und Demografien.

Zunächst etwa gilt es festzuhalten, dass die Helmtragequote in den vergangenen 20 Jahren deutlich angestiegen ist. Im Jahr 2000 lag sie bei gerade mal 20 Prozent. Aktuell tragen 57 Prozent der Velofahrer einen Helm.

Im Rahmen der aktuellen Diskussion ist der Blick auf die Quote innerhalb der verschiedenen Altersklassen ebenfalls lohnenswert. Dort zeigt sich, dass die Quote bei den 0- bis 14-Jährigen bis 2019 bei über 70 Prozent lag. 2020 wurde keine Erhebung durchgeführt. Im aktuellen Jahr nahm die Tragequote bei den Jungen zwar deutlich ab, dieser Abschwung ist jedoch mit Vorsicht zu lesen, erklärt die BFU: «Da jüngere Kinder häufiger einen Helm tragen als die Älteren in der gleichen Altersklasse, kann bereits der Anteil der älteren beobachteten Kinder an den Erhebungsorten zu einer tieferen Schätzung der Tragequote für die gesamte Altersklasse führen.»

In der Altersgruppe zwischen 15 und 29 Jahren ist danach aber unbestritten eine deutliche tiefere Helmtragequote auszumachen, wie die Statistik zeigt

Schwere Unfälle haben zugenommen

Fakt ist aber auch, dass die Zahl der schweren Velounfälle insgesamt zugenommen hat. 2020 registrierte die Suva im Kanton Luzern rund 2200 Unfälle im Strassenverkehr, davon 1’200 mit Velos. Die vom Versicherer registrierten Velounfälle nahmen gegenüber dem Vorjahr um 24 Prozent zu.

Dabei gilt es jedoch zu beachten, dass die Suva als Versicherer lediglich über Angaben aus dem Kollektiv der obligatorisch nach Unfallversicherungsgesetz versicherten Arbeitnehmer verfügt. Entsprechend verfügt sie über keine Zahlen zur Häufigkeit von Velounfällen mit Kindern und Jugendlichen.

Unabhängig davon empfiehlt die Suva in jedem Fall das Tragen eines Velohelms. Um Unfällen vorzubeugen, vermittelt die Versicherung zudem folgende Präventionsbotschaften:

  • Ablenkung: Ablenkung und Unaufmerksamkeit sind die häufigsten Unfallursachen im Strassenverkehr. Manchmal sogar mit tödlichen Folgen.
  • Mach dich sichtbar: Bei Dämmerung und in der Nacht ist das Unfallrisiko dreimal höher als am Tag. Auch tagsüber ist Sichtbarkeit aber dein entscheidender Vorteil. Die Hälfte aller Unfälle nachts könnten verhindert werden, wenn sich die Unfallbeteiligten nur eine Sekunde früher sähen (zentralplus berichtete).
  • Gefährliche Manöver: Beim Linksabbiegen und Kreiselfahren heisst es: Klare Zeichen geben und auf der Strasse selbstbewusst seinen Platz einnehmen. So bist du sicher unterwegs. Das Linksabbiegen gehört zu den gefährlichsten Situationen beim Velofahren.

Debatte im Parlament folgt

In einem nächsten Schritt werden die beiden Bundeskammern über das Revisionspaket befinden müssen. Die Inkraftsetzung der Änderungen ist gestaffelt ab 2023 vorgesehen.

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Wird ein Änderungsvorschlag abgelehnt, ist er in der Regel für einige Jahre vom Tisch. Gibt es neue Erkenntnisse, kann der Bundesrat ein Thema aber auch schneller wieder aufgreifen. Das letzte Wort bezüglich des Velohelms wird in beiden Fällen noch lange nicht gesprochen sein.

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3 Kommentare
  1. Karl-Heinz Rubin, 23.11.2021, 04:00 Uhr

    Einen Helm zu tragen wäre wie sich impfen zu lassen um grössere Schäden zu vermeiden.
    Aber……
    Wer schon nicht versteht für was ein Helm gut ist…….der macht Politik….

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  2. Paul Bründler, 20.11.2021, 21:10 Uhr

    Wieso machen Sie immer Umfragen mit solchen überflüssigerweise eingeschränkten Antwortoptionen?

    Warum kann man auf die Frage: «Sinnvoll oder Zwängerei?» nicht einfach mit
    A: Sinnvoll
    B: Zwängerei
    antworten?
    Wieso muss ich «andere Massnahmen» fordern,, wenn ich es als Zwängerei empfinde?

    Und wem es «egal» ist, der muss ja seine Stimme nicht abgeben. Dafür braucht es keinen Extrapunkt.

    Warum tun Sie das?

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  3. Michel, 20.11.2021, 16:53 Uhr

    Was bringt mir ein Helm wenn ein Auto in mich hineinfährt?

    (Übrigens: ich trage trotzdem Helm – Unfälle gehen aber eher auf gefährliche Autofahrer, und z.T. aber weit weniger auf einen gefährlichen Fahrstil, zurück.)

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