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Vater: Alain hatte nicht zum ersten Mal Suizidgedanken
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Die Schützenmattwiese am Zugersee, wo Alain M. und die Jugendclique zusammentrafen. Wegen eines verweigerten Biers eskalierte die Situation. (Bild: mbe.)

Prozess gegen Schützenmatt-Schläger in Zug Vater: Alain hatte nicht zum ersten Mal Suizidgedanken

6 min Lesezeit 03.10.2016, 19:59 Uhr

Am Strafgericht Zug mussten sich am Montag drei Jugendliche verantworten, die im September 2015 den 21-jährigen Alain M. auf der Schützenmattwiese brutal verprügelt haben sollen. Einige Tage später beging das Opfer Suizid. Sein Vater räumte am Prozess ein, dass Alain schon vorher Suizidgedanken hatte.

Vor gut einem Jahr erschütterte eine Selbsttötung den Kanton Zug. Alain M., ein damals 21-jähriger Mann, wurde in einer Freitagnacht kurz vor Mitternacht bei der Zuger Schützenmattwiese von einer Gruppe Jugendlicher angegriffen. Es ging um ein Bier, das ihnen Alain verweigerte, weil sie minderjährig waren (zentralplus berichtete). Vier Tage später nahm sich das Opfer das Leben.

Am Montag nun mussten sich für den Angriff zwei 17-Jährige und ein 16-Jähriger vor dem Zuger Strafgericht verantworten. Ihnen wird versuchte schwere Körperverletzung, Angriff und Raufhandel vorgeworfen. Dazu kommen Delikte wie Ungehorsam gegen amtliche Verfügungen, Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz und falsche Anschuldigungen.

«Viele Falschinformationen verbreitet»

Zu Beginn des Prozesses war die Rolle der Medien ein Thema. Laut dem Gerichtsvorsitzenden Marc Siegwart seien viele Falschinformationen verbreitet worden. «Alain ist nicht spitalreif geschlagen worden, wie geschrieben wurde», so Siegwart. Er sei Opfer einer massiven Attacke geworden, bei der er eher leicht verletzt wurde. Er habe die Polizei selbst benachrichtigt und sich ins Spital Baar begeben. Siegwart stellte klar: «Es geht bei diesem Prozess nicht um ein mögliches Tötungsdelikt, sondern um versuchte Körperverletzung.» Damit bestehe kein direkter Zusammenhang zwischen dem Vorfall auf der Schützenmattwiese und dem Suizid.

Jugendliche schwiegen

Anwesenheit des Vaters erlaubt

Ein Thema beim Prozess war auch die Anwesenheit von Alains Vater (zentralplus berichtete). Die Zulassung des Privatklägers wurde mit «besonderen Umständen» begründet. An Jugendstrafprozessen werden zum Schutz der Jugendlichen die Öffentlichkeit und Privatkläger normalerweise ausgeschlossen. Er sei die Stimme des verstorbenen Sohnes und wolle dessen Standpunkt einbringen, erklärte das Gericht die Ausnahme. Es gehe aber auch darum, ihm die persönliche Verarbeitung zu ermöglichen.

Zwei der drei Verteidiger sprachen sich gegen seine Anwesenheit aus. Der Vater habe sich dahingehend geäussert, «dass die Jugendlichen meinen Sohn auf dem Gewissen haben». Das Jugendgericht entschied, dass der Vater bleiben darf.

Die drei Jugendlichen aus Zug, von denen zwei in ausserkantonalen Institutionen untergebracht sind, verweigerten jede Aussage, wie sich die Sache auf der Schützenmattwiese abgespielt hat. Einer der Jugendlichen meinte in der Befragung immerhin, er habe «einen Scheiss gemacht». Der Richter forderte ihn daraufhin auf, doch auch zu sagen, was denn geschehen sei. Vergeblich. Ein möglicher Grund für dieses Verhalten: Die Jugendlichen sollen sich, mit zwei weiteren Mittätern, kurz nach der Tat in der Grafenau getroffen und ihre Aussagen abgesprochen haben. Danach wurden sie verhaftet.

Als er auf dem Boden lag, traten sie auf ihn ein

Jugendanwalt Rolf Meier schilderte die Vorkommnisse vom 4. September 2015 so. Die drei Beschuldigten hätten sich wie eine Wand vor Alain aufgebaut und sollen ihn dann mit Fäusten und Tritten attackiert und zu Boden gebracht haben. Dieser habe sich vergeblich gewehrt. Als er auf dem Boden lag, hätten die Beschuldigten den Mann weiter gegen Körper und Kopf getreten. Sie steigerten sich richtiggehend hinein. Zeitweilig hätten zwei der Aggressoren ihn gehalten, damit der Dritte umso hemmungsloser auf ihn einkicken konnte. «Das Opfer war aufgrund der Übermacht chancen- und hilflos», so der Jugendanwalt. Die Folgen: Alain erlitt ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma, Verletzungen am Jochbein und am Daumen.

«Skrupelloses Verhalten»

Der Jugend-Staatsanwalt Zugs sprach von «Skrupellosigkeit». «Es ist das erschreckende Bild eines kleinen Teils unserer Jugend», sagte Rolf Meier. Die Nationalität spiele keine Rolle. Aber diese Jugendlichen fühlten sich nur in der Clique stark. «Es ist eine Welt mit eigenen Regeln und Wertvorstellungen aus medialem Schrott», sagt er, «die Eltern haben keine Kontrolle mehr.» Die Beschuldigten zeigten auch keine Einsicht. Es brauche deshalb lange pädagogische und erzieherische Massnahmen. Die Täterbehandlung sei ein potenzieller Opferschutz.

«Es ist das erschreckende Bild eines kleinen Teils unserer Jugend.»
Rolf Meier, Jugend-Staatsanwalt des Kantons Zug

Hohe Strafen gefordert

Meier fordert für den ersten Jugendlichen eine Unterbringung in einer Jugendinstitution und eine ambulante Behandlung. Er soll mit einem Freiheitsentzug von 36 Monaten bestraft werden und eine Busse von 600 Franken bezahlen. Für den zweiten Jugendlichen wird dasselbe gefordert, aber 32 Monate und eine Busse von 400 Franken. Beim jüngsten 16-jährigen Jugendlichen, der sich laut Zeugen weniger an der Attacke beteiligt hatte, weil ihn eine Kollegin wegzog von Alain, soll eine Aufsicht angeordnet werden. Diese soll die Eltern bei der Erziehung unterstützen. Zudem soll er zu einem bedingten Freiheitsentzug von 9 Monaten bei zwei Jahren Probezeit verurteilt werden.

«Ich möchte Einsicht sehen»

Der Vater von Alain, Beat M., erklärte am Prozess, er wolle, dass sich die drei Täter einsichtig zeigten. Er hoffe, dass die Strafen einen therapeutischen Effekt erzielten. Er schilderte das Geschehen aus seiner Sicht. Er habe seinen Sohn am 5. September 2015 im Spital Baar besucht. Dieser habe geschildert, er sei «von sechs bis acht Ausländern» geschlagen worden. Der Grund war, dass er ihnen ein Bier verweigerte. Auf die Frage des Vaters, warum er sich nicht gewehrt habe, habe Alain von einer «Übermacht» der Jugendlichen gesprochen. «Sie spielten Fussball mit seinem Kopf», so der Vater vor Gericht.

Letzte SMS von Alain

Tage später habe er per SMS Kontakt mit seinem Sohn gehabt. Beat M. schilderte die letzte Kommunikation in einem SMS. «Papi, ich habe jetzt eine Stelle gefunden, wo ich von zu Hause aus arbeiten kann. Ich habe Angst, auf die Strasse hinaus zu gehen.» Er habe ihm zurückgeschrieben, aber keine Antwort erhalten. Beat M.: «Später fand ich meinen Sohn tot vor.» Der Vater erklärte dem Gericht, Alain habe unter Morbus Crohn, einer schweren Darmkrankheit, gelitten. Er habe vor dem Ereignis vom 4. September Todesgedanken geäussert. «Dieser Vorfall hat das Fass wohl zum Überlaufen gebracht», so der Vater.

Verteidiger sehen alles anders

Die Verteidiger der Beschuldigten bestritten, dass die Geschehnisse auf der Schützenmattwiese so klar sind. Es lägen verschiedene Tatversionen von Zeugen vor, die sich teilweise widersprächen. Man könne ihren Mandanten nicht klar nachweisen, wer was getan hat. Sie fordern mildere Strafen für alle drei.

«Der Vater hat eine Medienhetze losgetreten.»
Marcel Furrer, amtlicher Verteidiger eines Jugendlichen

Der Chamer Anwalt Marcel Furrer bestritt nicht, dass sein Mandant auf der Schützenwiese war. Es sei aber bloss ein Raufhandel gewesen. Furrer sprach von einer «Medienhetze», die der Vater losgetreten habe. Ihr Ziel sei es, das Gericht zu beeinflussen. Verschwiegen werde dabei, dass Alain beim ambulanten psychiatrischen Dienst Baar angemeldet gewesen sei. «Wahrscheinlich hat man auch Psychopharmaka bei ihm gefunden», so Furrer. Er sei auch kurz vor dem Ereignis von einer Frau zurückgewiesen worden, was ihn ebenfalls belastete.

«Opfergefärbte Berichte»

Heiner Bernold, Verteidiger des zweiten Jugendlichen und Anwalt in Zug, bestreitet den Tathergang ebenfalls. Medien hätten unter Mithilfe des Vaters von Alain zahlreiche «opfergefärbte Berichte» publiziert. Es sei nicht klar, ob der Vorfall ein Angriff auf Alain oder aber eine Verteidigung der Jugendlichen gegen diesen gewesen sei. Alain sei betrunken und aggressiv gewesen, habe eine Bierflasche in der Hand gehalten und gegen die Jungen gepöbelt. Er habe sie als «Pisser» bezeichnet. «Der Beginn der Auseinandersetzung war also wechselseitig», so Bernold.

Der dritte Zuger Anwalt, Andreas Schilter, bestritt wie die Vorgänger die Schilderung des Jugendanwalts und dass sein Mandant all diese Taten auf dem Kerbholz habe. Er kehrte den Spiess um und meinte, die Zeugen – zumeist Jugendliche, darunter viele Frauen – hätten wochenlang Zeit gehabt, sich abzusprechen.

«Ich wollte sagen, dass es mit leid tut, was mit Alain passierte.»
Einer der Jugendlichen

Beschuldigte bedauerten Geschehnisse

Die beschuldigten Jugendlichen hatten nach den Plädoyers die Möglichkeit zu einem Schlusswort und redeten doch noch. Alle drei sagten, sie bereuten, was sie getan hätten. Während die zwei Hauptbeschuldigten eher allgemein blieben oder ihre eigene Situation bedauerten («Ich bereue, dass mir mein altes Leben weggenommen wurde»), zeigte der jüngste Beschuldigte mit dem mildesten Strafantrag zumindest verbal ein wenig mehr Empathie. Er nannte das Opfer beim Namen. «Ich wollte sagen, dass es mit leid tut, was mit Alain passierte», meinte er.

Das Urteil wird am Dienstag mündlich eröffnet. zentralplus wird informieren, wie der Prozess ausgegangen ist.

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