Valentin Beck über das Leben und den Tod in den Gassen von Luzern
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Valentin Beck zieht nach intensiven ersten sechs Monaten als Seelsorger ein positives Fazit. (Bild: ida)

Neuer Seelsorger der Gassenarbeit Valentin Beck über das Leben und den Tod in den Gassen von Luzern

5 min Lesezeit 4 Kommentare 25.09.2021, 15:50 Uhr

Valentin Beck ist seit einem knappen halben Jahr Seelsorger bei der Gassenarbeit Luzern. Gleich zu Beginn seiner Arbeit musste er sich um mehrere Todesfälle kümmern. Im Gespräch mit zentralplus erzählt er, was das mit ihm gemacht hat und wieso dieser intensive Einstieg für ihn auch hilfreich war.

Valentin Beck ist noch kein halbes Jahr als Seelsorger bei der Gassenarbeit Luzern tätig und musste sich in dieser Funktion schon um über zehn Todesfälle von Menschen auf der Gasse kümmern. Vor allem im Frühling starben gleich mehrere Personen innert kurzer Zeit – just in der Phase, in der Beck mit seiner neuen Tätigkeit begann.

«Das war schon ein sehr steiler und dichter Einstieg. Ich wurde da voll ins kalte Wasser geworfen», berichtet der 37-Jährige über seine ersten Monate. Als neuer Seelsorger ist es Becks Aufgabe, sucht- und armutsbetroffenen Menschen in Krisensituationen, bei Sinnfragen oder eben auch bei Todesfällen zur Seite zu stehen. Im April hatte der Theologe aus Ruswil die Seelsorge der Gassenarbeit übernommen. Parallel dazu ist Beck als Bundespräses bei der Jungwacht Blauring Schweiz tätig und arbeitete zuvor als Stellvertretung bei der Seelsorge der Psychiatrischen Klinik St. Urban.

Abschied von Menschen, die er nicht kannte

Herausfordernd war der Einstieg bei der Luzerner Gassenarbeit für Beck auch darum, weil er mehrere der verstorbenen Personen gar nicht kannte. In diesen Fällen geht es für den Seelsorger insbesondere darum, ähnlich wie ein Detektiv, Hintergrundinformationen über den Charakter und das Leben der Verstorbenen zusammenzutragen.

«Oft sind es Gerüchte, die über den Tod einer Person von der Gasse berichten. Diesem Gerücht gehe ich nach und kläre es mit den Behörden ab. Denn manchmal sind die erwähnten Personen gar nicht gestorben, sondern im Gefängnis oder in einer anderen Stadt», erklärt Beck seine Arbeit. Danach geht es für den Seelsorger darum, Informationen zur verstorbenen Person zusammenzutragen, um später eine würdevolle Abdankung zu halten.

«Es gab in jedem Leben auch schöne und würdevolle Momente. Diese zu rekonstruieren ist eine sehr schöne Aufgabe.»

Valentin Beck, Seelsorger Gassenarbeit Luzern

«Ich spreche mit Angehörigen, Freunden und Kolleginnen. So fügen sich schnell mehrere Puzzleteile zusammen.» Häufig seien es spannende Geschichten, die gemeinsam mit der jetzt verstorbenen Person erlebt wurden. Beck ergänzt: «Wir wollen die schwierigen Seiten nicht verschweigen. Aber es gab in jedem Leben auch schöne und würdevolle Momente. Diese zu rekonstruieren ist eine sehr schöne Aufgabe.»

Verlangen nach Versöhnung

Falls der Todesfall nicht überraschend kommt, sondern sich bereits abzeichnet, beginnt die Arbeit des Seelsorgers schon vor dem Zeitpunkt des Todes. «Es ist meine Aufgabe, diese Menschen in ihren letzten Wochen zu begleiten und auf den Tod vorzubereiten.» Zudem sei die Versöhnung ein wichtiges Thema während dieser Phase. «Die Aussicht auf den Tod schafft bei vielen Menschen das Verlangen nach Versöhnung mit Angehörigen und Bekannten.»

In der Mainstream-Gesellschaft sei dies nicht anders, erklärt Beck. «Doch bei Menschen von der Gasse ist das Verhältnis zu den Angehörigen aufgrund der Vorgeschichten oftmals angespannter. Es geht um Suchtprobleme, Geld, Lügen und Konflikte. Das wollen die Betroffenen vor ihrem Tod aufarbeiten.»

Abdankungsfeier in der Gassenküche

Nach dem Tod wird in der Gassenküche eine Abdankungsfeier organisiert. Die Idee dieser Feier ist es, die verstorbene Person würdevoll zu verabschieden. «Die Feier findet jeweils vor dem Mittag statt. Wir schliessen alle Konsumationsräume, auch wird währenddessen nicht gekocht», erklärt Beck den Ablauf. «Danach führen wir eine Zeremonie durch, mit Musik und Kerzen. Ich sage einige Worte zur Person. Das Bild der verstorbenen Person bleibt jeweils vom Todestag bis zur Abdankung in der Gassenküche hängen, damit alle genügend Zeit haben, um sich von der Person zu verabschieden.»

«Die Stimmung ist wirklich sehr würdevoll. Nicht wie in einer Kirche, es wird auch Bier getrunken. Aber das ganze Ritual ist sehr eindrücklich.»

Valentin Beck

Die Feier dauert eine halbe Stunde. Das hört sich nach einer kurzen Dauer an. Doch für Süchtige sei es keine Selbstverständlichkeit, dreissig Minuten ruhig und still da zu sitzen und einer Person zu gedenken. «Die Stimmung ist wirklich sehr würdevoll. Nicht wie in einer Kirche, es wird auch Bier getrunken. Aber das ganze Ritual ist sehr eindrücklich.»

Die Konsumationsräume der Gassenküche werden während den Trauerfeiern geschlossen.

Die Todesfälle im Frühling lösten beim Seelsorger auch persönlich viel aus. «Manche Verstorbene waren im selben Alter wie ich und starben aufgrund gesundheitlicher Probleme.» In solchen Momenten beginnt Beck, in Varianten zu denken: «Wie wäre das Leben dieser Person verlaufen, wenn sie nicht süchtig gewesen wäre? Diese Frage stelle ich mir oft.»

Positives Fazit zum ersten halben Jahr

Die Todesfälle im Frühling haben Valentin Beck bei seinem Einstieg als neuer Seelsorger aber auch geholfen. Denn durch die vielen Gespräche, die er im Zusammenhang mit den Todesfällen mit anderen Menschen von der Gasse führte, habe er schnell eine vertrauensvolle Beziehung zu den Leuten aufbauen können. «Ich habe gestaunt, wie schnell diese Beziehungen entstehen», verrät Beck. Zwar brauche es am Anfang schon ein wenig Smalltalk über das Wetter, das Essen oder natürlich auch über Corona. «Doch man redet auf der Gasse nicht lange um den heissen Brei herum, sondern wird schnell direkt. So entstehen tiefgründige Gespräche.»

Entsprechend zieht Beck ein durchwegs positives erstes Fazit über seine neue Tätigkeit als Seelsorger. «Ich habe viele Menschen und Geschichten kennengelernt. Ich bin auf Wohlwollen und viel Offenheit gestossen, sowohl seitens des Personals als auch seitens der Klientinnen.»

Gerade diese Vielzahl an verschiedenen Menschen und Geschichten mache die Arbeit als Seelsorger für ihn spannend. So sei er Menschen begegnet, die schon in ihrer Kindheit aufgrund einer Fremdplatzierung oder Suchtproblemen in der Familie einen schweren Start ins Leben hatten und früh an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Und solchen, die plötzlich und erst als Erwachsene abgestürzt seien. «Das war für mich zwar nicht ganz überraschend. Aber es ist eindrücklich zu sehen, wie gross die Bandbreite an Schicksalen auf der Gasse ist.»

Über die Gassenarbeit

Der Verein Kirchliche Gassenarbeit Luzern unterstützt mit seinen 50 Mitarbeiterinnen über 700 sucht- und armutsbetroffene Menschen in den Betrieben Gassechuchi, Schalter 20, Paradiesgässli, aufsuchende Sozialarbeit und Seelsorge. Ebenso sind die «Gasse Ziitig» und das Catering Mundwerk Angebote der Gassenarbeit. Die Seelsorge begleitet sucht- und armutsbetroffene Menschen bei Todesfällen, in Krisensituation oder bei Sinnfragen.

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4 Kommentare
  1. Marsumarsu, 26.09.2021, 20:23 Uhr

    Was jetzt:
    30 Minuten oder eine halbe Minute.
    Das Erste ist für einen Süchtigen eine sehr lange Zeit, wenn es darum geht, die Gier nach Stoff zu befriedigen
    Jede(r) ist sich selbst der Nächste.
    Leider!

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  2. Familie Fasel, 25.09.2021, 21:42 Uhr

    «Doch für Süchtige sei es keine Selbstverständlichkeit, dreissig Minuten ruhig und still da zu sitzen und einer Person zu gedenken.» Diese Aussage finden wir total daneben. Wir kennen auch Suchtbetroffene und die sind sehr wohl in der Lage, eine halbe Minute ruhig zu sitzen und Verstorbener zu gedenken.

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    1. Melchior Hoffmann, 26.09.2021, 10:38 Uhr

      Ich wiederum finde es «total daneben», seine Aussage «total daneben» zu finden. Sie könnten ja auch einfach sagen, dass sich das nicht mit Ihrer Erfahrung deckt. Das wäre doch total in Ordnung. Seine Erfahrungen scheinen aber zu einem anderen Eindruck geführt zu haben, das sollte man doch respektieren.

      Kommt – ganz wichtig! – noch hinzu, dass er sagt es sei «keine Selbstverständlichkeit», was ja gar nicht heisst, KEINE Suchtbetroffenen könnten das, sondern eben nicht unbedingt alle. Oder vielleicht auch viele nicht zu jeder Zeit. Auch still zu sitzen braucht für manche Menschen Kraft, und gerade Süchtige, aber auch Nichtsüchtige, verfügen vermutlich nicht immer über die entsprechenden Ressourcen.

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      1. Familie Fasel, 26.09.2021, 19:32 Uhr

        Die Aussage Becks, der tatsächlich zwischen Suchtbetroffenen und Nicht-Suchtbetroffenen bezüglich persönlichem Totengedenken (!) Unterschiede macht resp. dieses für Nicht-Suchtbetroffene für selbstverständlicher hält als für die anderen, finden wir total daneben.

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