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«Värsli-Brönzlete»: Eine alte Luzerner Fasnachtstradition wird wiederbelebt
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Die drei Köpfe der «Värsli-Brönzlete: Herbert Gut, Peti Federer und Kurt Sidler (von links nach rechts) im Restaurant «Lapin».

Am «Komische Fritig» kehrt das Intrigieren zurück «Värsli-Brönzlete»: Eine alte Luzerner Fasnachtstradition wird wiederbelebt

6 min Lesezeit 08.07.2019, 15:31 Uhr

Sprüche klopfen und Politiker sowie das Publikum auf die Schippe nehmen: Das sogenannte «Intrigieren» ist in den vergangenen Jahrzehnten an der Luzerner Fasnacht immer mehr verschwunden. Nun wollen drei Fasnächtler der alten Tradition neues Leben einhauchen.

Etwas speziell ist es schon, dass mitten im Hochsommer bereits intensiv und ausgiebig über die nächste Fasnacht gesprochen und fantasiert wird. Doch wie jeder Luzerner Vollblutfasnächtler schon von Kindesbeinen an weiss, ist nach der Fasnacht bekanntlich vor der Fasnacht.

In diesem Sinne traten drei Luzerner Fasnachtsschwergewichte im Säli des Restaurants De la Paix am Montagmorgen vor die lokalen Medien, um ihr neustes Projekt vorzustellen. Dass das Thema nicht ganz unbedeutend zu sein scheint, zeigte sich daran, dass nicht weniger als fünf Medienschaffende vor Ort waren.

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Obwohl die Euphorie bei den Verantwortlichen fast mit Händen greifbar war, ist die so genannte «Värsli-Brönzlete», wie sich der neue Anlass, der am nächsten «Komische Fritig» in sechs Luzerner Beizen (siehe Box) zum ersten Mal stattfindet, an sich nichts Neues. Es handelt sich um die alte und weit herum bekannte Tradition des «Intrigierens». Dabei geht es darum, einander auf die Schippe zu nehmen und teils deftige Sprüche zu klopfen.

Beizensterben und fehlender Nachwuchs

Dass während der «rüüdigen Tage» auch in der Stadt Luzern intrigiert wird, war in früheren Jahren so sicher wie der Urknall am Schmutzigen Donnerstag. «Unter anderem aufgrund des Beizensterbens ist diese Tradition leider aus der Stadt verschwunden», blickt Peti Federer, einer der Köpfe der Värsli-Brönzlet», wehmütig zurück. Federer ist der breiten Öffentlichkeit vor allem als Kommentator der Umzüge und des Monstercorsos auf «Tele1» bekannt. Daneben ist er langjähriges Mitglied der Guuggenmusig Chottlebotzer, der Zunft zu Safran sowie Medienchef des Luzerner Fasnachtskommitees.

Aber auch der fehlende Nachwuchs habe in den letzten Jahrzehnten das Seine zum Verschwinden der Tradition beigetragen, monierte Federer. Viele Fasnächtler würden dieser Entwicklung bis heute nachtrauern. Auch weil dadurch die Beizenfasnacht viel von ihrem ursprünglichen Charme verloren habe.

«Es ist unglaublich, was unsere Idee ausgelöst hat. Die Begeisterung war riesig.»

Peti Federer, OK-Mitglied Värsli-Brönzlete

Deshalb haben sich Federer und die beiden anderen Köpfe des OKs ein Herz gefasst, um dem traditionsreichen Fasnachtstreiben wieder neues Leben einzuhauchen. «Die Idee, das Intrigieren wieder zum Leben zu erwecken, war schon seit längerem da und wir sind deshalb bereits kurz nach der letzten Fasnacht zusammengesessen, um endlich Nägel mit Köpfen zu machen», schilderte Federer die Beweggründe. «Es ist unglaublich, was unsere Idee ausgelöst hat. Die Begeisterung war riesig. Wir hatten dies nicht für möglich gehalten.»

Und tatsächlich: Innert kürzester Zeit haben sich neun Gruppen für den Anlass angemeldet. Die Formationen werden im Halbstundentakt in allen sechs teilnehmenden Beizen auftreten. «Damit gehen wir back to the roots und können die Beizenfasnacht wieder reaktivieren», erklärte Kurt Sidler, ebenfalls OK-Mitglied. Denn in den Lokalen spielten heute nur noch Kleinformationen, weshalb die Durchmischung etwas verloren gegangen sei.

Und weil heute viel mehr Leute an der Fasnacht unterwegs seien, kenne man weniger Leute in den Beizen, was das Intrigieren schwieriger mache. Sidler ist Gründer der Kleinformationen Espresso und Corretto sowie Mitbegründer der Gluggsi-Musig aus Ebikon.

Tradition aus dem Spätmittelalter

Manch ein Kritiker könnte nun sagen, dass sich Luzern mit dem Intrigieren bei den landesweit beliebten Basler Schnitzelbänken bedient. Dem ist jedoch nicht so. Denn auch in der Innerschweiz geht das traditionsreiche Sprücheklopfen bis ins Spätmittelalter zurück. Die so genannten «Bänkelsänger» nahmen schon damals vor allem die Obrigkeiten aus Politik und Kirche, aber auch das Volk auf die Schippe.

«Mit dem Intrigieren wurde schon vor langer Zeit an der Luzerner Fasnacht in den Beizen das Publikum – häufig spontan und situativ – hochgenommen», erzählte Herbert Gut, ebenfalls einer der Köpfe der Värsli-Brönzlete. Gut ist während der Fasnacht bereits seit Jahren unter dem Namen Urbi@Orbi mit zwei Kollegen als Sprücheklopfer in der Region unterwegs. Er kennt die Tradition also aus dem Effeff.

«Die Brönzlete soll auf eine ruhige, aber kreative und scharfzüngige Art stattfinden.»

Kurt Sidler, OK-Mitglied Värsli-Brönzlete

Auch wenn es in der Stadt Luzern fast kaum solche Events und Aktionen mehr gibt, sei die Tradition dennoch nie ganz verschwunden, sagte Gut mit Nachdruck. So lebte das Intrigieren zum Beispiel bei der «Gnagi-Zunft» in Luzern, beim «Haxenfrass» in Kriens oder dem «Bot der Zunft zu Gordonblööö» weiter und wird explizit gepflegt. Seit sechs Jahren findet am Sonntag nach der Fasnacht jeweils auch im Hotel Seeburg ein solcher Anlass statt.

In der Stadt sollen neue Gruppen entstehen

Auf der Luzerner Landschaft hingegen sei dieses Kulturgut aber gar nie verschwunden, obwohl es zwischenzeitlich verboten wurde. Daher gebe es auf dem Land bis heute zahlreiche solcher Veranstaltungen. «Aus dieser Überzeugung, dass auch wir Luzerner dieses ‹Sprüchlen und Verslen› offensichtlich im Blut haben, starteten wir nach der diesjährigen Fasnacht mit der Idee der Värsli-Brönzlete», so Gut.

Der Anlass

Die Värsli-Brönzlete findet am 21. Februar 2020 in folgenden Lokalen statt: Restaurant Lapin, Restaurant Barbatti, Café La Suisse (aka «Doorzögli»), Hotel Schweizerhof, Hotel zum Rebstock und Hotel Luzernerhof.

Folgende Formationen treten auf:
Urbi@Orbi – die 3 Päpste, Theatergruppe der Maskenliebhaber-Gesellschaft, die Frauenzunft, der Zunftrat der Zunft zu Gordonblööö, Echo vom Pulverturm (eine Gruppe von Wey-Zünftlern), eine Gruppe der Fidelitas Lucernensis, Geyger-Chlais aus Dallenwil (NW), Motteri’s aus Malters und Kleinformation Corretto.

Das Ziel ist, dass die Gruppen möglichst aus der Stadt kommen. «Damit wollen wir die Tradition in der Stadt wieder gezielt fördern», ergänzt Kurt Sidler. Dies sei bestens gelungen, denn es seien kurzerhand neue Gruppen gegründet worden, die momentan noch einen Arbeitstitel als Namen tragen würden. Die meisten davon gingen aus bestehenden Fasnachtsorganisationen hervor (siehe Box).

Ein gemütlicher Anlass am ruhigsten Fasnachtstag

Doch braucht Luzern wirklich noch einen weiteren Fasnachtsanlass? Mit dem «rüüdige Samstig» als offizieller Fasnachtstag ist die Stadt ja seit kurzem fast während einer ganzen Woche durchgehend eine Festhütte. «Wir haben die Värsli-Brönzlete bewusst auf den Freitag gelegt, wo sonst vergleichsweise wenig läuft. Zudem findet der Anlass ja nur in den Beizen statt und ausserhalb wird man davon kaum etwas mitbekommen und die Strassenfasnacht wird nicht konkurrenziert», beschwichtig OK-Mitglied Kurt Sidler.

«Die Brönzlete soll auf eine ruhige, aber kreative und scharfzüngige Art stattfinden.» Dabei setze man auf organisierte Spontanität, wo zwar der Rahmen und die Zeitfenster vorgegeben sind, die Gruppen aber frei seien, wie sie ihre Auftritte gestalten möchten, sagte Sidler. Als Auflockerung für zwischendurch wird auch eine Kleinformation aufspielen.

Die erste Värsli-Brönzlete beginnt am 21. Februar 2020 um 18 Uhr mit dem Nachtessen in den jeweiligen Beizen. Serviert werden passend zum Anlass gutbürgerliche und deftige Speisen. Ab 19 Uhr werden dann im Halbstundentakt die verschiedenen Formationen in den Lokalen auftreten. Wer ein Ticket ergattern kann, wir in den Genuss von neun bis zehn Värsli-Brönzlern kommen», erklärt Herbert Gut. Wer dabei sein möchte, ist gut beraten, sich frühzeitig um ein Billett zu kümmern. Denn es gibt nur knapp 400 Plätze. Reservieren kann man online ab Herbst. «Das Ticket kostet 10 Franken und ist als symbolischer Betrag gedacht», sagte Peti Federer.

Ob der Anlass dereinst noch grösser wird, kann das OK aktuell noch nicht sagen. «Wir wollen es zuerst mal eher ruhig angehen und dann schauen, wie es weitergeht», so Herbert Gut. Es ist also gut möglich, dass das Intrigieren wieder einen festen Platz im närrischen Treiben der Stadt Luzern erobern wird.

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