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Unterwegs mit den Pendlern
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Der Zug von Luzern nach Zürich ist während der Stosszeiten jeweils sehr gut ausgelastet. (Bild: any )

Zug-Luzern Unterwegs mit den Pendlern

5 min Lesezeit 23.01.2013, 11:15 Uhr

17’000 verlassen täglich Zug, um in einem anderen Kanton zu arbeiten. 33’000 wiederum pendeln in die Gegenrichtung. zentral+ hat sich in einen Morgenzug von Zürich nach Luzern und zurück gesetzt und beobachtet.

Fast 15’000 Kilometer fährt der durchschnittliche Zuger im Jahr, mit Bahn und Bus und im Auto in der Schweiz. Das berichtete die Fachstelle für Statistik des Kantons Zug kürzlich in einer Mitteilung.

Und so sehen sie auch aus, die Pendler am Bahnhof: Es ist morgens um Viertel vor sieben. Die Gesichter sind verknautscht, und der Rettungsanker in Form von Zigarette oder Kaffee beginnt erst langsam zu greifen. Der Interregio von Zug rollt ins verschlafene Perron am Hauptbahnhof in Zürich ein – wie etwas Ausserirdisches. Die aussteigenden Zentralschweizer überfluten die Rolltreppen, sie sind schon einiges wacher als jene, die einsteigen. Jeden Tag verlassen 17’000 Menschen Zug, um in einem anderen Kanton zu arbeiten. 33’000 Erwerbstätige wiederum sind es im Schnitt, die täglich in den Kanton Zug pendeln. Und wir fahren heute mit; von Zürich nach Zug nach Luzern und wieder zurück.

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Lunia Zevenhuizen (24) ist ebenfalls ein Stück weit dabei, sie arbeitet in Luzern und steht regelmässig vor vollen Abteilen, Frust oder Routine? «Man muss nur wissen, wo man einsteigen soll», sagt sie und ergänzt: «Vorne hat es meistens Plätze.» Gesagt getan, denn Sitzplätze sind für Pendler wie das freie Vierer-Abteil für Nachmittagsfahrer, deshalb sind die Taschen nie so dreist auf Nebensitzen platziert wie im Sieben-Uhr-Zug; einen Versuch ist die Ellenbogenfreiheit allemal wert.

Jeden Morgen, jeden Abend

Und dann sitzen alle, nach hundert «isch da no frei». Und jeder Platz ist besetzt, aber stehen muss noch keiner. Die Stöpsel der Kopfhöhrer sind drin, die Hefte gezückt, der Blick auf einen unbestimmten Ort in der Ferne fixiert. Acht Menschen pro Gang-Querschnitt, jeder in seiner eigenen konzentrierten Privatsphäre, jeden Morgen und jeden Abend.

Die Zuger sind in den letzten Jahren schneller geworden, im Vergleich zum Jahr 2000 haben sie 2010 tendenziell grössere Distanzen bei kleinerem Zeitaufwand zurückgelegt. Die Reisegeschwindigkeit hat also zugenommen, dank der Ausbauten bei Strasse und Schiene. 

Es geht schnell, durch den mit Neuschnee beklebten Sihlwald und durch Baar, und schon ist man in Zug und hofft auf platzmässige Erleichterung. Falsch gedacht. Jetzt wird es erst richtig eng: Dreitausend Zugerinnen und Zuger fahren täglich in den Kanton Luzern, gefühlterweise alle in diesem Zug. Und Klischee, denkt man, alles Mantelträger und solche mit Bügelfalten, und beginnt zu zählen.

In Zug steigt die Bürotauglichkeit

Und das Klischee ist erbarmungslos. Die bunt durchmischte Gesellschaft wird geschäftlicher in Zug, gepolsterte Winterjacken weichen Bürotauglichkeit. Und wer rüberblickt aufs andere Gleis und in den Zug nach Zürich, der wird neidisch, denn da legt man gerade gemütlich den Mantel auf die Sitzbank und macht sich breit im leeren Abteil.

Die 8000 Zugerinnen und Zuger, die täglich in den Kanton Zürich pendeln, sind entweder schon da oder nehmen die Autobahn. Denn laut dem Bericht der Fachstelle Statistik sind Zuger zwar überdurchschnittlich mobil, legen aber immer noch die meisten Kilometer mit dem Auto zurück, mehr als drei mal so viele wie mit der Bahn.

Alleine ist es manchmal langweilig

Dann fährt der Zug in Luzern ein, die Pendler steigen aus, die Pendler steigen wieder ein. Nicolas Bundi (25) steht vor der Waggontür, sagt: «Komm wir machen das Interview drinnen, weil der Platz ist knapp.» Zuerst glaubt man ihm nicht, es geht noch zehn Minuten bis zur Abfahrt in Richtung Zug und Zürich Flughafen. Aber die Sitze sind nicht mehr lange frei. «Ich pendle jeden Tag von Affoltern am Albis nach Luzern», sagt Bundi, zuerst mit dem Bus, dann mit der Stadtbahn, dann mit dem Interregio.

Er besucht in Luzern die Pädagogische Hochschule. Zur Zeit hat er eigentlich Ferien, hat aber bei der Freundin übernachtet. Pendeln sogar in der Freizeit? Bundi sagt: «Naja, wir mussten früh raus. Und so kann ich noch etwas unternehmen. Normalerweise bin ich aber noch früher dran.» Ob ihm das Pendeln angenehm ist? «Ich habe schon in Luzern gewohnt, aber das hat sich wieder aufgelöst, es ist einfach viel teurer. Insofern gibt es momentan keine Alternative.»

Die Kostenfrage

Allerdings müsse er für das Pendeln ebenfalls in die Tasche greifen: «Das GA kostet viel Geld. Aber ein Auto würde noch viel mehr kosten, Unterhalt und Versicherung und alles.» Und wie geht er mit der Langeweile um im Zug? «Mit Freunden pendeln macht Spass, aber das ist nicht so häufig.» Alleine sei die Zugfahrt mühsamer: «Viele denken, man könne beim Zugfahren lernen, aber wenn es so eng wird, dann ist das unmöglich. Man kann sich nicht konzentrieren.» Stattdessen? «Einfach sitzen und warten», sagt Bundi und lacht, «am Morgen eine Stunde gemütlich erwachen und am Abend herunterkommen.»

Er steigt in Zug aus. Es ist halb neun und der Waggon immer noch gut gefüllt, eine Unterhaltung im Viererabteil nebenan lässt jene rundherum schmunzeln. Einfach sitzen und warten. Bis die Kontrolleure kommen und das Pendler-Kollektiv wie ein wild gewordenes Tier in den Taschen nach Ausweisen forscht.

Pendeln ermöglicht Zeit für sich

Für Bettina Horber (36) ist das tägliche Hin- und Her nicht unangenehm, sie fährt von Luzern nach Zürich, hat schon geschlafen und das ganze Gratis-Heft gelesen: «Ich mache das seit sieben Jahren und finde es völlig normal.» Also keine verlorene Zeit? «Ich habe einen kleinen Jungen zu Hause», sagt Horber, «diese Stunde am Morgen und am Abend ist meine Zeit für mich, zum Schlafen und Nichtstun.» Dann packt sie ihre Sachen, der Zug fährt wieder im Zürcher Hauptbahnhof ein, wir überfluten die Rolltreppen und sind schon einiges wacher, als die auf dem Perron. Aber die haben dafür Kaffee und Zigaretten.

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