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«Unterm Strich bleibt nichts übrig»
  • Gesellschaft
Vor allem im Detailhandel und der Gastronomie ist ein Lohn unter 4'000 Franken keine Seltenheit. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Tieflöhne in Luzern «Unterm Strich bleibt nichts übrig»

7 min Lesezeit 1 Kommentar 28.04.2014, 05:05 Uhr

Zwölf Prozent der Frauen und fünf Prozent der Männer in Luzern verdienen trotz Vollzeitjob monatlich weniger als 4’000 Franken brutto. Wer sind diese Menschen? Wo arbeiten sie und wie kommen sie im Alltag zurecht? Wir begaben uns in Luzern auf die Suche.

Speziell in der Gastronomie, im Detailhandel, in Wäschereien und Kosmetikstudios arbeiten laut LUSTAT Statistik Luzern die meisten Tieflohnempfänger.
Gegenüber zentral+ haben vier Angestellte offen gelegt, wie sie mit einem Lohn unter 4’000 Franken über die Runden kommen. Und, wie sie zur Mindestlohn-Initiative stehen.

Die Alleinerziehende Luzia Bachmann* fährt Taxi in der Stadt Luzern. Die 39-jährige Luzernerin ist neu in der Branche und hat sich deshalb für eine Anstellung mit festem Monatseinkommen entschieden. Von ihrem Arbeitgeber erhält sie netto 3’000 Franken im Monat. Sie verdient diesen Betrag mit einer 50 Stunden Woche, ohne 13. Monatslohn, ohne Zulagen – das sei üblich im Taxiwesen, sagt Luzia.

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Einkommen von Luzia Bachmann* netto 3’000
Ausgaben Miete 1’280
Krankenkasse 300
Fixe Ausgaben (Telefonie, Internet, Auto)                                 350
Es bleiben für Lebensmittel, Haushalt, Kleidung, Strom, Heizung,
Steuern, Versicherung, Unterstützung ihres Sohnes
1’070

Monatlich zahlt Luzia für die Miete 1’280 Franken, 300 Franken für die Krankenkasse, rund 150 Franken für Natel, TV und Internet. Für ihr Auto schlagen ca. 200 Franken monatlich zu Buche (Versicherung, Benzin, Service etc.).

Somit bleiben ihr noch 1’070.- zum Leben. «Damit bezahle ich Lebensmittel, Kleider und Schuhe, unterstütze meinen Sohn, und lege für Strom, Heizkostenabrechnung, Hausrat- und Privathaftpflicht-Versicherung und für die Steuern zur Seite.»
Unterm Strich bleibe nichts übrig.

«Ich gehe nicht in die Ferien, nicht mal ein Wochenende weg, nie ein Konzert besuchen oder mal essen», sagt Luzia. Ihr Luxus sei ihr Auto, welches sie sich knapp leisten könne. In ihrem letzten Job verdiente sie mehr, musste die Stelle aber wegen Mobbing von Seiten der Mitarbeiter aufgeben.
«Ich brauche nicht viel Geld, um glücklich zu sein. Ich liebe meinen Job. Aber ein bisschen mehr zum Leben sollte es schon sein.» Luzia ist sich sicher, sie wird die Mindestlohn-Initiative annehmen.

Ohne Partner würde es richtig eng

Gisela Brunner* arbeitet in einem Luzerner Schuhgeschäft, und das, obwohl sie bereits pensioniert wäre. Ihr gefällt der Job und der Kontakt mit Kunden, vor allem deshalb arbeitet die gelernte Schneiderin noch. Und, um sich zwischendurch etwas leisten zu können. Ferien im Tessin oder in Spanien zum Beispiel. Das geht jedoch nur, da ihr Ehemann ebenfalls noch arbeitet und ihre drei Kinder bereits auf eigenen Beinen stehen.
Wäre sie nicht verheiratet, wüsste sie nicht, wie sie durchkäme. «Man müsste natürlich. Aber wie, frage ich mich» sagt sie. Ferien wären dann nicht mehr drin. Und genau diese Auszeit sei für ihre Erholung so wichtig.

Unter ihren Kolleginnen – in einem bekannten Geschäft in der Luzerner Altstadt – würden viele der gelernten Verkäuferinnen knapp 3’000 Franken netto im Monat verdienen, erzählt sie. Ein 13. Monatslohn sei nicht garantiert, diesen erhalten die Angestellten nur bei gutem Geschäftsgang. Sie selbst ist nach 26 Jahren in der Branche etwas besser bezahlt. Wie viel genau will sie nicht verraten, auf jeden Fall unter der Mindestgrenze von Gewerkschaften. Früher hätte man ihr gesagt: «Du hast ja einen Mann, da ist dein Lohn ja nicht so wichtig». So etwas mache sie wütend. Heute könne sie sich aber besser gegen solche Aussagen wehren. 

Brunner findet, es müsse sich etwas ändern, doch der Initiative traut sie nicht wirklich. Sie wisse noch nicht, was sie stimmen soll.

Die Mindestlohn-Initiative

Am 18. Mai 2014 wird abgestimmt.  
Die Mindestlohn-Initiative verlangt Minimum 4'000 Franken pro Monat für alle Angestellte, die 100 Prozent angestellt sind. Das entspricht 22 Franken in der Stunde. Für Praktikanten und Lehrlinge zählt dieser Mindestlohn nicht.

Hauptargumente der Befürworter:
Teilweise ziehen es Arbeitgeber vor, weniger qualifizierte Personen einzustellen, um Löhne zu drücken. Ein Mindestlohn erhöhe die Attraktivität von qualifizierten Arbeitern und der Berufslehren. Anständig zahlende Arbeitgeber müssten sich nicht vor unlauterer Konkurrenz fürchten.

Hauptargumente der Gegner:
Teilzeitjobs würden mit dem geforderten Stundenlohn von 22 Franken gefährdet, weil viele Kleinbetriebe – vor allem in ländlichen Gebieten - den höheren Lohn nicht zahlen könnten und folglich weniger Angestellte beschäftigen würden. Ausserdem dürfe sich der Staat nicht in die Lohnpolitik der Unternehmen einmischen.

«Mir fehlt es an nichts»

Sonja Sterchi* ist 34 und ebenfalls im Detailhandel angestellt und seit 14 Jahren im selben Betrieb. Ihr Lohn liegt netto unter 3’700 Franken. Sie sagt, sie komme damit gut zurecht. «Mir fehlt es an nichts. Was mir wichtig ist, kann ich mir leisten», versichert sie und schiebt nach kurzer Denkpause nach: «Hätte ich aber meinen Partner nicht, der mehr verdient als ich, würde es schwierig. Ich könnte dann zum Glück meinen Vater um Unterstützung bitten.»  Eventuell würde sie dann in die Pflege wechseln, wo sie eine zusätzliche Ausbildung gemacht hat. Aber Unterstützung vom Staat zu beantragen, käme für sie nicht in Frage.

Ihr Partner übernimmt einen höheren Anteil an der Wohnungsmiete. Denn das wichtigste für Sonja ist ihr Pferd, welches pro Monat über 600 Franken kostet. Dafür steckt sie in anderen Bereichen zurück. Die Ferien verbringt sie mit ihrem Partner jeweils in der Ferienwohnung seiner Eltern im Wallis, ins Ausland gingen sie praktisch nie. Auch Ausgehen ist für Sonja kein Thema. Partys, Kleider und Kosmetik sind ihr nicht wichtig. Ihre Haare schneidet sie sich selbst.

Für Sonja ist die kommende Abstimmung ein grosses Thema. Sie beschäftigt sich gerne ausführlich mit Politik und diskutiert oft mit ihrem Partner darüber. Sie tendiert in der Abstimmung zu einem Nein. «Grundsätzlich finde ich: Hammer! Wer möchte das nicht?» sagt sie. Aber sie sei überzeugt, dass es der Wirtschaft und den kleinen Geschäften schaden würde.

Sparen geht nicht

Sara Rogenmoser* arbeitet 100 Prozent im Verkauf einer Confiserie-Kette in Luzern und bekommt 3’170 Franken monatlich ausbezahlt. Einen 13. Monatslohn erhält Sara nicht, dafür sei sie noch nicht lange genug dabei.

Auf ein Auto verzichtet sie aus finanziellen Gründen. Die 21-jährige gelernte Hotelfachfrau lebt mit ihrer Schwester in einer WG ausserhalb von Luzern. Die Miete beträgt 1’000 Franken. «Mir ist es wichtig, dass ich einmal jährlich Ferien in Italien oder Spanien machen kann. Dafür leiste ich mir fast nichts im Alltag.» Sparen kann sie nicht.
Saras Meinung zur Mindestlohninitiative ist klar: «Ich werde sicherlich Ja stimmen. Ich bin der Meinung, dass Verkäuferinnen, die teilweise um vier Uhr morgens aufstehen, an Wochenenden und Feiertagen ohne Zuschläge arbeiten, den selben Lohn verdienen wie Personen, die Montag bis Freitag zu Bürozeiten arbeiten».

Geht es nach dem Bäckermeisterverband hat Sara einen fairen Lohn, welcher dem vorgeschriebenen Minimum der Branche entspricht.

Sozialhilfe trotz Vollzeitstelle

In der Schweiz verdienen über 330’000 Personen unter 4’000 Franken im Monat. Über ein Drittel dieser Personen zählen als Working Poor – leben also unter der Armutsgrenze trotz Erwerbstätigkeit. Einzelpersonen zählen hierzu, wenn sie weniger als 2’450 Franken im Monat zur Verfügung haben. Für Alleinerziehende mit einem Kind liegt die Grenze bei 3’450 und für eine Familie mit zwei Kindern bei 4’600 Franken.

Über 1’300 Personen im Kanton Luzern müssen Sozialhilfe beziehen, obwohl sie arbeitstätig sind. Im Kanton Zug sind es 452 Personen.

Maulkorb im Detailhandel

Über den Lohn spricht man nicht. Wir fragten trotzdem und begaben uns auf einen Rundgang durch Luzerner Geschäfte. In den Gesprächen zeigte sich rasch, dass Arbeitgeber im Detailhandel keine Diskussion über Mindestlöhne zulassen möchten. Häufig hörten wir, selbst unter Kollegen dürfe der Lohn nicht besprochen werden.

In einem Luzerner Accessoires-Geschäft wird hinter vorgehaltener Hand erwähnt, dass man vor kurzem schriftlich angewiesen wurde, weder mit Mitarbeitern, noch mit Aussenstehenden über Löhne zu sprechen. Auf Nachfrage erhalten wir den Rat, es doch einmal in Schuhgeschäften oder in Confiserien zu versuchen. In den besagten Geschäften wird sofort abgewunken und an Vorgesetzte verwiesen. Angestellte reagieren überrascht auf das Thema Mindestlohn und sagen sie hätten sich darüber noch keine Gedanken gemacht. Auch im Team sei der Lohn kein Thema.

In anderen Geschäften möchten Mitarbeitende lieber nichts sagen oder flüchten ins Lager. Es sei eine Frechheit, in Geschäften nach den Löhnen der Angestellten zu fragen, heisst es in einem noblen Schuhgeschäft. Sämtliche Angestellte würden mehr als den vorgeschlagenen Mindestlohn verdienen, versichert die Filialleiterin. Falls die Initiative jedoch angenommen würde, müsse man hier Leute entlassen. Diese Aussage verwirrt. Weshalb sollten Angestellte entlassen werden müssen, wenn doch sowieso schon alle mehr verdienten? Die Filialleiterin verweist auf Teilzeitangestellte. Diese Argumente hört man oft. Es wird befürchtet, dass durch höhere Löhne weniger Verkaufspersonal beschäftigt werden kann.

Die meisten Angestellten im Verkauf scheinen das Thema zu meiden. Wird es dennoch angesprochen, wird gemauert oder geflüstert. Die Filialleitung sei gerade im Büro,  oder der Chef käme gleich aus dem Mittag zurück. Geredet wird nur in Abwesenheit der Vorgesetzten und selbst dann trauen sich nur wenige. Die Filialleiter selbst weichen aus; ihr Geschäft könne ja nur so gut laufen, da die Angestellten so zufrieden seien – auch mit dem Lohn.

 

*Name geändert

 

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1 Kommentare
  1. Graziella Bättig, 28.04.2014, 14:26 Uhr

    Toller und erschreckender Beitrag.

    In meinen Augen sollte das Tabu Thema Lohn gebrochen werden. Auf allen Ebenen.

    Sollte die Abstimmung den Menschen keine bessere Lebensgrundlage erlauben, dann ermöglicht Ihnen der FUKA-Kiosk an Konzerte zu gehen, Theater zu besuchen oder Bücher zu erhalten.

    http://www.stadtluzern.ch/de/onlinemain/dienstleistungen/?dienst_id=18333&themenbereich_id=9&thema_id=803

    Die Mitmenschen, welche unter 37`000 verdienen haben anrecht auf das KulturLegi der Caritas. Ebenfalls eine sehr tolle Möglichkeit…

    Jedoch hoffe ich, dass die betroffnen sich Kunst, Kultur und Freizeit bald aus eigener Kraft leisten können.