«Unsere Ideale sind längst vom Alltag eingeholt»
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Bettina Beer forscht im Bereich Globalisierung und Familie. (Bild: jav)

Studie an Uni Luzern: Wie war das mit der Familie? «Unsere Ideale sind längst vom Alltag eingeholt»

5 min Lesezeit 21.12.2016, 15:50 Uhr

Wir leben in einer globalisierten Welt. Doch wie verändert das unsere Vorstellung von Familie und wie unseren tatsächlichen Familienalltag? Bettina Beer forscht an der Uni Luzern und in Papua-Neuguinea, spricht über notwendige Veränderungen in der katholischen Kirche und staunt über Schweizer Geburtstafeln.

Wieso sind unsere Weihnachtspläne jedes Jahr gleich: An Heiligabend Fondue Chinoise beim Grosi mutterseits, am 25. Dezember grosse Bescherung in der väterlichen Verwandschaft und am 26. Dezember den ganzen Tag auf dem Sofa liegen und sich erholen. Doch die Welt um uns verändert sich: wachsende Migrationsströme, neue Gesetzgebung und die schwindende Rolle der Ehe als Fundament des katholischen Familienideals. Wie betrifft uns das?

An der Uni Luzern wird genau dazu geforscht. Bettina Beer hat diesen Herbst gemeinsam mit zwei Kolleginnen diverse Projekte an mehreren Fakultäten gestartet. Alles dreht sich um die Frage, wie die Globalisierung unsere Vorstellung von Familie – und unser tatsächliches Leben als Familie beeinflusst. Wir haben sie zum Interview getroffen.

zentralplus: Bettina Beer, wie kommt man dazu, zum Thema Globalisierung und Familie zu forschen?  

Bettina Beer: Das ist über den üblichen Weg passiert. Die Uni Luzern hatte den Forschungsschwerpunkt für fünf Jahre überfakultär ausgeschrieben. Darauf habe ich mich schliesslich als Sozialwissenschaftlerin, gemeinsam mit einer Theologin und einer Juristin, beworben. Mittlerweile stossen weitere Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zu unserem Team dazu, wie etwa bereits ein Historiker.

Es gibt sie noch: die klassische Familie. Allerdings immer seltener.

Es gibt sie noch: die klassische Familie. Allerdings immer seltener.

(Bild: zvg)

zentralplus: Um erst mal die Gesprächsgrundlage zu klären: Was beinhaltet die Globalisierung alles – wozu forscht man da?

Beer: Heute wird dieses Label ja schon überall draufgepappt. In der Ethnologie jedoch schauen wir uns die Auswirkungen der Globalisierung ganz spezifisch und lokal an. Wie verändern sich materielle Lebensgrundlagen und soziale Beziehungen in einer Kultur, die durch Migration und weltweiten Informationsfluss verändert wird? Wie verändert das auch die Vorstellungen, die Ideale der Menschen? Was wird von anderen Kulturen übernommen? Aber auch: Was wird ausgeschlossen – beziehungsweise: Was wird zurückgewiesen? Und auch: Wo wird plötzlich wieder der Fokus aufs Altbekannte, Traditionelle gelegt?

«Gerade das Schweizer Recht ist im Bereich Familie äusserst konservativ.»

zentralplus: Und wie definieren Sie darin Familie?

Beer: Unsere Arbeit besteht eben genau darin, Definitionen zu hinterfragen. Es gibt Definitionen per Gesetz und religiöse Vorstellungen, die in einer Kultur wichtig sind. Und dann existiert die Vorstellung jedes einzelnen Menschen, beeinflusst durch die eigene Familienbiografie und durch lokale und heute auch durch globale Ideale. «Die Familie» ist nicht «natürlich» gegeben, sie ist ein Konstrukt. Um jetzt aber trotzdem von etwas ausgehen zu können, könnte man Familie als «Bündel sozialer Nahbeziehungen» bezeichnen.

zentralplus: Sie erwähnten die Definition per Gesetz. Was ist hier der Ansatz der Forschung?

Beer: Meine Kollegin Martina Caroni aus der Rechtsfakultät konzentriert sich darauf, wie die Gesetze sind und wie sie sein «sollten». Gerade das Schweizer Recht ist im Bereich Familie äusserst konservativ im europäischen Vergleich. Unsere Ideale sind längst vom Alltag eingeholt worden. Denn mit den Realitäten von Migration und Globalisierung haben sich die Vorstellungen und auch die Realitäten in unserer Gesellschaft stark verändert.

zentralplus: Inwiefern?

Beer: Die Frage ist: Was sind Familien heute? Es gibt gleichgeschlechtliche Partnerschaften und Elternschaften, Patchworkfamilien und Adoptionen. Die Realität ist schon bei vielen Menschen nicht mehr: Papi, Mami und Kinder. Dazu kommen durch die Migration ganz neue Fragen auf. Zum Beispiel: Wie regelt man den Familiennachzug bei Menschen aus einer Kultur, in welcher Polygamie erlaubt ist und mehrere Ehepartner zur Familie gehören?

Bettina Beer (links) forscht auch in Papua-Neuguinea.

Bettina Beer (links) forscht auch in Papua-Neuguinea.

(Bild: zvg)

zentralplus: Das gibt uns ja schon mal eine ungefähre Vorstellung ihrer Arbeit. Aber was bedeuten diese Überlegungen konkret auf unseren Alltag und unser Leben angewendet? Welche Fragen untersuchen Sie?

Beer: Was sind zum Beispiel die Auswirkungen der Möglichkeit von künstlicher Befruchtung oder Leihmutterschaft. Was ist Elternschaft heute? Ist sie genetisch, geht’s ums Aufziehen des Kindes, also um die Fürsorge oder um das Austragen beziehungsweise die Geburt? – denn das ist in der Schweiz gesetzlich der ausschlaggebende Punkt. Wer das Kind gebärt, ist die Mutter. Was nun, wenn aber die Gebärende nicht genetisch die Mutter ist und das Kind auch nicht aufzieht? Wir haben noch immer das Ideal der Kleinfamilie vor Augen. Unsere Wirklichkeit sieht jedoch ganz anders aus. Auch das Christentum prägt unsere Vorstellungen: Hier steht klar die Ehe im Zentrum als Fundament der Familie. Die Theologin Stefanie Klein setzt sich damit auseinander und betont dabei auch immer, dass die katholische Kirche sich bei ihrem Familienbild bewegen muss.

zentralplus: Wie vermitteln Sie ein solches Thema an Ihre Studierenden?

Beer: Ich habe sie im Seminar beispielsweise ein persönliches Familiendiagramm erstellen lassen. Darin sollten die Studierenden darstellen, woher ihre Verwandten kommen, welche Beziehungsgeflechte existieren. Nur schon da wird es sehr spannend. Ein gutes Beispiel ist auch: Wie feiert man Weihnachten. Bei vielen Familien gehen die Verhandlungen darüber schon viel früher los: Welcher Tag wird bei welchen Grosseltern verbracht. Vielleicht sind da mittlerweile vier Grosselternpaare oder man reist einmal um die halbe Welt.

«Eigentlich sind die Menschen überall gleich.»

zentralplus: Inwiefern ist die Globalisierung für solche Konstellationen verantwortlich?

Beer: Wir leben mit mehr Mobilität beim Reisen, während des Studiums, bei der Arbeit. Wir wollen und müssen flexibel und mobil sein. Dadurch entstehen dann auch oft Partnerschaften nicht nur in der Nachbarschaft. Man sieht mehr verschiedene Kulturen und Lebensformen – die Ideale sind nicht mehr nur durch Tradition, den Dorfpfarrer und den Kantonsrichter vorgegeben.

zentralplus: Sie bewegen sich in ihrem Forschungsgebiet nicht nur in der Schweiz, sondern vor allem auch in Papua-Neuguinea. Worauf konzentrieren Sie sich dort?

Beer: Es geht uns um die Entwicklung von Bindungen und gegenseitigen Verpflichtungen innerhalb grösserer Verwandschaftsbünde hin zur Kleinfamilie, welche dort derzeit stattfindet. Der Wendepunkt ist jetzt da. Das Ideal der Kleinfamilie wird hier gestärkt durch die wirtschaftlichen Veränderungen in der Region und durch den Einfluss – durch Medien und Werbung. So werden Ideale transportiert.

zentralplus: Sie als Ethnologin leben mittlerweile seit acht Jahren in Luzern – was war das Erste, das Ihnen bei uns aufgefallen ist?

Beer: Das waren die Geburtstafeln. Das ist eine Besonderheit, die ich noch nirgends gesehen habe. Dies ist eine Eigenheit in der Schweiz, dass die Eltern der Öffentlichkeit mitteilen, wie ihr Kind heisst und wann es zur Welt gekommen ist. Aber eine Beobachtung macht man als Ethnologin: Eigentlich sind die Menschen überall gleich – es sind dieselben Grundthemen, Freuden, die gleichen Ängste, welche uns Menschen umtreiben. Besonders deshalb sehe ich Migration auch nicht als «Problem».

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