«Unser Sozialsystem ist voll auf den klassischen erwerbstätigen Mann ausgerichtet»
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Viele Mütter arbeiten Teilzeit – oft fehlen Reserven, um die Ausfälle durch Kurzarbeit aufzufangen. (Bild: Symbolbild Adobe Stock)

Die Corona-Krise bringts ans Licht «Unser Sozialsystem ist voll auf den klassischen erwerbstätigen Mann ausgerichtet»

5 min Lesezeit 4 Kommentare 17.05.2020, 05:00 Uhr

Peter A. Schmid ist Studiengangleiter des Masters Soziale Arbeit an der Hochschule Luzern. Er ist überzeugt, dass die sozialen Probleme schon lange unter der Oberfläche brodeln, die jetzt durch die Corona-Krise sichtbar werden. Nun sei der Moment gekommen, diese anzupacken.

Die Corona-Krise hat zu Beginn eine grosse Solidaritätswelle ausgelöst. In Zug und Luzern haben sich Hunderte von Freiwilligen gemeldet, um die Risikogruppen zu unterstützen (zentralplus berichtete). Innerhalb weniger Tage organisierten Vereine entsprechende Netzwerke – und es gab weit mehr Helfer als Menschen, die tatsächlich Hilfe benötigten.

Besonders erfreulich: Vor allem viele junge Leute zwischen 14 und 22 Jahren machten mit. Die Kleinräumigkeit der Schweiz begünstigt die Solidarität in der Zivilgesellschaft ­– weil man sieht, wer betroffen ist. Nachbarn, das sind Leute, die man kennt. So entsteht Nähe.

«Wir hatten lange das Gefühl, dass unser Staat soziale Gerechtigkeit bereits geschaffen hat.»

Peter A. Schmid

Noch unklar ist, ob mit dem Abklingen der ersten Infektionswelle auch die Solidaritätswelle abflaut. Zu Beginn der Krise sorgte sich die Bevölkerung um gefährdete und betagte Menschen. Nun – nach fast zwei Monaten Lockdown – sind es andere Bevölkerungsgruppen, die von der Krise besonders hart getroffen werden: etwa Selbstständige, Alleinerziehende, Künstler und Freelancer. Ob auch sie auf Unterstützung durch die Zivilgesellschaft hoffen dürfen?

Erschütternde Bilder aus Genf

1’500 Menschen sind letzte Woche in Genf drei Stunden in einer Warteschlange gestanden, um ein paar Lebensmittel zu bekommen. Auch in Luzern nimmt die Zahl der Notgesuche deutlich zu, wie die Caritas mitteilte (zentralplus berichtete). Der Verein «Alleinerziehende Luzern» hat ebenfalls eine Lebensmittelabgabe organisiert, um Familien in Not zu unterstützen (zentralplus berichtete).

Wie kann es sein, dass Menschen in der reichen Schweiz plötzlich nicht mehr genug zu essen haben? «Wir haben in der Schweiz eine relativ grosse Gruppe, die bislang unsichtbar am sozialen Rand gelebt hat», sagt dazu Peter A. Schmid, Verantwortlicher für den Master in Sozialer Arbeit und Dozent an der Hochschule Luzern.

Bislang konnten sich diese Menschen knapp durchschlagen. Sie sind aber sozial ungenügend abgesichert und haben keine Reserven. Nun wird dieser Teil der Bevölkerung durch die Corona-Krise sichtbar.

Sozialsystem ist ungenügend auf Selbstständige ausgerichtet

In einer schwierigen Situation sind insbesondere auch die selbstständig Erwerbenden. Auch wenn sie gute Jobs haben – etwa als Architektinnen oder Unternehmensberater –, sind sie krisenanfällig. Wenn keine Aufträge reinkommen, kommt kein Geld rein. Gleiches gilt für selbstständige Putzmänner, Taxifahrerinnen, Künstlerinnen oder auch Prostituierte.

«So funktioniert das System: Arbeiten tut man nur wirklich, wenn man in einem Arbeitsverhältnis steht, das von Abhängigkeit geprägt ist, und regelmässigen Lohn bekommt.»

Peter A. Schmid

Bund und Kantone haben zwar Notkredite zugesichert. Aber unser Sozialsystem ist ungenügend auf Selbstständige ausgerichtet. Sie sind bei der Arbeitslosenversicherung nicht versichert und auch nicht versicherbar. Und wenn sich Selbstständige bei der Sozialhilfe melden, arbeitet das System vielfach darauf hin, sie in eine Festanstellung zu zwängen. Sie müssen aufhören, mit dem, was sie gemacht haben, weil zum Beispiel freischaffende Kunsttätigkeit in der Logik unseres Sozialsystems keine wirkliche Arbeit ist.

Ein Buch schreiben? Das ist doch keine Arbeit!

Peter A. Schmid macht ein Beispiel: Er hat zehn Jahre für einen schweizerischen Kulturverband gearbeitet. «Mein grosses Thema war damals die soziale Sicherheit von Künstlerinnen und Künstlern. Unter anderem hatte ich mit einem Autor zu tun, der bereits mehrere erfolgreiche Bücher veröffentlicht und dafür bedeutende Auszeichnungen erhalten hatte.»

«Wenn Selbstständige kurzfristige Einbrüche haben, werden sie nicht kurzfristig unterstützt.»

Peter A. Schmid

Nun aber hatte er eine Durststrecke. Er ging aufs Sozialamt. Und dort sagte man ihm, es sei schwierig, weil er ja bisher nicht gearbeitet hätte. «So funktioniert das System: Arbeiten tut man nur wirklich, wenn man in einem Arbeitsverhältnis steht, das von Abhängigkeit geprägt ist, und regelmässigen Lohn bekommt», sagt Schmid.

Zwang zur «normalen» Arbeit

Es gibt viele Menschen, die im freien Verhältnis Geld verdienen. Unser System blendet dies aber aus. «Wenn Selbstständige kurzfristige Einbrüche haben, werden sie nicht kurzfristig unterstützt. Stattdessen werden sie vielfach gezwungen, alles aufzugeben, damit man sie in ein normales Arbeitsverhältnis integrieren kann.» Es sei aber nicht jeder dafür geeignet, so zu arbeiten, und zudem nehmen die untypischen Arbeitsformen seit Jahren zu.  

«Unser Sozialsystem ist voll auf den klassischen erwerbstätigen Mann ausgerichtet. Die Politik sollte die Krise jetzt nutzen. Er gilt, die bestehenden Instrumente an den modernen Arbeitsmarkt anzupassen», findet Schmid. In der Stadt Zürich habe die Sozialhilfe bereits angefangen, die Selbstständigen spezifisch anzuschauen. Das sei der richtige Weg.

Organisationen haben besseren Zugang als der Staat

Die Krise hat zudem gezeigt, dass unser System Löcher hat. Der Staat erreicht nicht alle. Es gibt Menschen, die man nicht integrieren kann. Manche wohnen beispielsweise lieber im Wald als in einer Sozialwohnung. Oder sie sind Sans-Papiers und verstecken sich vor den Behörden.

«Wir haben in der Schweiz eine relativ grosse Gruppe, die bislang unsichtbar am sozialen Rand gelebt hat.»

Peter A. Schmid

Die langen Warteschlangen in Genf haben aber gezeigt: Auch sie brauchen Unterstützung. Und es gibt Organisationen, die Zugang zu diesen Gruppen haben. «Um allen Menschen in der Schweiz ein würdiges Leben zu ermöglichen, sollte der Staat deshalb diese Organisationen finanziell grosszügig unterstützen», findet Schmid.

Was also können Politik und Gesellschaft aus der Corona-Krise lernen? «Wir hatten lange das Gefühl, dass unser Staat soziale Gerechtigkeit bereits geschaffen hat», sagt Schmid dazu. «Jetzt sehen wir aber deutlich, dass einige Leute sehr schnell aus dem System fallen und geeignete Unterstützung nur schwer zu realisieren ist.» Es sei nun an der Politik, diese Lücken zu schliessen. Dann wird sich zeigen, ob es gelingt, die grosse Solidarität in der Zivilgesellschaft in das Sozialsystem einfliessen zu lassen und dieses ein Stück gerechter zu machen.

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4 Kommentare
  1. David L, 17.05.2020, 17:07 Uhr

    Tja, wir Selbstständigen haben ganz offensichtlich keine Lobby… im März und April je 15’000 .- an Ertrag verloren mit dem ich Miete, Infrastruktur etc. zahlen müsste. Die Ausgleichskasse zahlt keinen Rappen, denn ich bin ja kein „Härtefall“ weil ich 2019 „zu viel“ verdient habe…
    („Zu viel“ bedeutet in dem Fall: Mein Steuerbares Einkommen liegt etwa 10’000 .- unter dem durchschnittlichen steuerbaren Einkommen in der Stadt Luzern… nicht dass jemand das Gefühl hat nur die „Oberschicht“ werde hier ausgeklammert.)

    Erwerbsausfall durch Krankheit oder gar Invalidität kann ich mir auf keinen Fall leisten, denn dagegen bin ich nicht versicherbar. Gemäss Vorstellung unseres Sozialsystems müsste ich mich auf dem „freien Versicherungsmarkt“ absichern. Tja, hab ich versucht. Aber keine Versicherung gefunden, die mich versichern wollte.

    Für die Altersvorsorge schickt man uns – statt einer Rente die bis zum Lebensende zahlt und das Guthaben mit einem gesetzlich vorgeschriebenen Mindestzinssatz verzinsen muss – zur dritten Säule. Da gibts keinen gesetzlich vorgeschriebenen Mindestzinssatz, folglich sind die Zinsen quasi auf Null.

    Alles ganz super. (Und nein, mich hat niemand „gezwungen“ Selbstständig zu werden. Ausser die Tatsache, dass man mir nach sieben Jahren Ausbildung – für einen typischen ‚Angestelltenberuf‘ übrigens – eröffnet hat, dass die Arbeitsmarktlage sich in diesem Bereich nun doch anders entwickelt hat als man es vorhersah, weswegen ich jetzt überraschenderweise eigentlich nur arbeitsmarktfähig sei, wenn ich noch einmal zwei Jahre Weiterbildung [in Wirklichkeit eher Umschulung] anhängen würde. Das fand ich mit Ende 20 dann irgendwie keine so tolle Perspektive mehr.)

    1. E.S., 17.05.2020, 20:20 Uhr

      Ein super Schlaglicht auf ein wirklich unterschätztes Thema! Ein frei Arbeitender Mensch wird vom derzeitigen System zur abhängigen Person degradiert.

    2. Silvan Studer, 18.05.2020, 11:23 Uhr

      @David L:
      Und was wäre die Alternative? Noch mehr Nanny-Staat und höhere Steuern?
      Noch mehr Gängelung?
      Ich bin auch Selbständig und fühle mich (immer noch) relativ frei in diesem Land. Das ist mir wichtig.
      Das Leben ist mit Risiken und Chancen verbunden. Ich brauche keinen Staat, der mir auf das Töpfchen hilft.

      P.S. Warum man mit „Ende 20“ keine Weiterbildung mehr machen kann, erschliesst sich mir auch nicht. Sie meinen wohl „Ende 50“.

    3. CScherrer, 18.05.2020, 15:50 Uhr

      Vielleicht sollten Sie sich mal richtig beraten lassen. Auch als Selbständiger haben Sie die Möglichkeit einer PK beizutreten. Sei es die Auffangeinrichtung oder eine PK des Berufsverbandes. Es gibt also Möglichkeiten. Auch haben Sie die Möglichkeit – seit 2008 – als Einzelunternehmer eine GmbH oder AG zu gründen. Sie haben sich – so wie Sie argumentieren – für die Freiheit und den Alleingang entschieden. Jetzt jammern Sie rum, dass alles zu teuer wäre. Das kann gut sein, aber dann war wohl Ihr Entscheid in die Selbständigkeit zu gehen falsch, denn Sie können sich das gar nicht leisten.

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