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Ungenierte Gespräche und fragwürdige Diagnosen in Zug
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Gesundheitstage Zug 2017 finden vom 12. bis zum 14. Mai auf dem Areal der Bossard-Arena Zug statt. (Bild: zvg)

Zu Besuch an den Gesundheitstagen 2017 Ungenierte Gespräche und fragwürdige Diagnosen in Zug

5 min Lesezeit 14.05.2017, 11:02 Uhr

Der Verein «Netzwerk Gesundheit Zug» lädt dieses Wochenende zu den Gesundheitstagen Zug auf dem Bossard-Areal. zentralplus hat sich unter die Besucher gemischt und die eigene Gesundheit mal genauer unter die Lupe genommen. Herausgekommen sind zweifelhafte Befunde.

Mens sana in corpore sano (lat. Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper). Seit jeher gilt Juvenals Zitat aus seiner 10. Satire als das Sinnbild des erfolgreichen Menschen – der CEO, der jeden Tag joggen geht und fünf Sprachen spricht, der Hochleistungssportler, der nebenbei Mathematik unterrichtet und Geige spielt.

Wir alle streben danach, fit und gebildet zu sein, Körper und Geist bis zum Anschlag zu strapazieren, denn nur wer sein ganzes Potenzial ausschöpft, ist ein erfolgreicher Teil der Leistungsgesellschaft. Aber was, wenn der Körper nicht mehr will? Wenn das Alter zuschlägt oder die Gesundheit einem einen Strich durch die Rechnung macht? Genau darüber informieren die Stände an den diesjährigen Gesundheitstagen Zug auf dem Bossard-Areal.

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Zwischen Hüftbeschwerden und Alters-Diabetes

Auf den ersten Blick möchte man meinen, Gesundheitsvorsorge sei eine Frage des Alters. Im Eingangsbereich kann man das Rollator-Fahren ausprobieren, daneben wird ein Workshop zum Thema «Fit und beweglich im Alter» angeleitet. In der zweiten Halle reiht sich Sehtest an Hörtest, Blutzuckertest an Lauftest, soweit das Auge reicht.

Dazwischen Stände der Pro Senectute Zug, der Spitex Zug, Palliativ Zug und der Kantonale Seniorenverband Zug, welche die Besucher über gesundes und würdevolles Älterwerden informieren. Das Durchschnittsalter der Besucher bewegte sich am Freitagabend dann auch innerhalb dieser Zielgruppe.

 

Fit und beweglich – Training in der Curling-Halle

Fit und beweglich – Training in der Curling-Halle

(Bild: Laura Livers)

Routine: Seh- und Hörtest

Mit viel Interesse und Begeisterung liessen sie sich in den Finger stupfen, um sich danach von den Damen von diabetes Zug über ihre Blutzuckerwerte informieren zu lassen. Oder liefen durch ein Wohnzimmer, auf dessen Boden nummerierte Fliesen, denen es zu folgen galt, lagen, um für einen Wettbewerb zu würfeln.

Routiniert werden Seh- und Hörtests gemacht, vermutlich gehören diese ab einem gewissen Alter tatsächlich zur Routine. Die Resultate der Tests bergen für die Besucher keine grossen Überraschungen, sie nutzen die Zeit lieber, um den Standbetreibern von ihren Erfahrungen mit dem Zucker oder dem Hörsturz vor zehn Jahren zu berichten.

Es wird frisch von der Leber weg über Stuhlgang und Hämorriden gesprochen, während gleich daneben der nächste darauf wartet, endlich an die Reihe zu kommen. Ein solch freier Umgang mit Informationen, welche normalerweise nur in einem Sprechzimmer laut ausgesprochen werden, ist dann auch im ersten Moment eher unangenehm.

Schulmedizin versus Alternativmedizin

Neben den altbekannten schulmedizinisch-wissenschaftlichen Vertretern findet sich auch eine erstaunlich hohe Anzahl von Alternativmedizin-Ständen. Die längsten Schlangen bildeten sich vor den Ständen für traditionelle chinesische Medizin (TCM). Seit TCM-Behandlungen von der Grundversicherung übernommen werden, erlebt diese einen regelrechten Boom in der Schweiz.

Ein medizinisches Verständnis, das die letzten 2’000 Jahre überdauert hat, muss ein Körnchen Wahrheit beinhalten, scheint man sich zu sagen. Tatsächlich ist die heute im Westen verbreitete Version der TCM ein Konstrukt aus den 1950er-Jahren. Auf Geheiss der Regierung wurde die heterogene Heilmedizin auf einen, in die westliche Medizin integrierbaren, Bruchteil reduziert mit dem Ziel, die traditionelle Heilkunde verschwinden zu lassen.

Wirksamkeit umstritten

Als nach der Öffnung Chinas der Westen sich für die chinesische Medizin zu interessieren begann, wurde die TCM gezielt staatlich gefördert und nach Europa und Amerika exportiert. Die westliche TCM ist dann auch nicht deckungsgleich mit der in China praktizierten Heilmedizin – die viel gelobte Akupunktur zum Beispiel spielt im modernen China praktisch keine Rolle. Die Wirksamkeit der TCM ist, wie bei allen anderen Alternativ-Medizin-Metiers, in der Wissenschaft immer noch umstritten.

Zwar gibt es mittlerweile Studien, die aufzeigen, dass Akupunktur eine andere Wirkung auf den Patienten hat als die Schein-Akupunktur, die als Kontrollgruppe verwendet wurde. Über die Gründe sind sich Experten aber nicht einig. Vermutet wird ein Zusammenspiel aus Placebo-Effekt und der Aufmerksamkeit, die dem Patienten gewidmet wird.

Eine Alternativmedizin-Konsultation dauert oft 45 Minuten, im Vergleich zur Schulmedizin, wo oft grosser Zeitdruck herrscht, sodass der Alternativ-Mediziner auf den Patienten und seinen körperlich-geistigen Zustand eingehen kann. Gerade bei Langzeitpatienten zeigt sich die Mischung aus medizinischer Behandlung und Gesprächen über den allgemeinen Gemütszustand als besonders effektiv.

Die Autorin macht den Raucher-Selbsttest.

Die Autorin macht den Raucher-Selbsttest.

(Bild: Laura Livers)

Der Praxistest

 «Traditionelle chinesische Medizin basiert auf der Idee des Qi», erklärt eine anwesende TCM-Ärztin. «Das Qi kann man am einfachsten als Energie, die durch den Körper fliesst, bezeichnen. Ist der Fluss unterbrochen, zeigt sich das durch körperliche Beschwerden.» An den Gesundheitstagen haben Besucher die Möglichkeit, anhand einer Puls- und Zungendiagnose den Fluss ihres Qis bestimmen zu lassen.

«Zu viel Feuchtigkeit im Körper bedeutet, dass Giftstoffe sich im Körper ablagern.»

TCM-Medizinerin

Die Diagnose der Autorin: Schwacher Puls und Zungenbelag deuten auf zu viel Feuchtigkeit im Körper hin. «Zu viel Feuchtigkeit im Körper bedeutet, dass Giftstoffe sich im Körper ablagern», übersetzt die TCM-Medizinerin. «Das führt zu Müdigkeit, Konzentrationsstörungen und Hautausschlägen.» Viel Wasser trinken, viel gekochtes oder angebratenes Gemüse essen, kalte Speisen meiden und viel bewegen, lautet die Empfehlung.

«Das ist natürlich nur eine Kurz-Diagnose»

Beim nächsten TCM-Stand lautet die Diagnose ähnlich, wenn auch westlicher: «Der schwache Puls und der Zungenbelag deutet auf eine verminderte Milz-Funktion hin.» Auch hier die Empfehlung zum Warm-Essen und Bewegen. Diesmal dauert es wesentlich länger, bis die Ärztin ihre Diagnose stellt.

«Haben Sie zurzeit eher viel oder wenig Stress?»

TCM-Medizinerin

Während des Pulsmessens werden unermüdlich Fragen zum derzeitigen Zustand gestellt: «Wann haben Sie zuletzt gegessen? Waren Sie heute müde nach dem Aufstehen? Haben Sie zurzeit eher viel oder wenig Stress?»

Jede Antwort wird kommentiert, bei Unklarheiten nachgefragt. «Das ist natürlich nur eine Kurz-Diagnose», sagt sie und lächelt. «Wenn Sie möchten, probieren Sie, die Essgewohnheiten zu ändern, und wenn eine Verbesserung passiert, dann sind wir auf dem richtigen Weg.» Mit einem Gutschein für eine Probebehandlung und einem Händedruck wird die Sprechstunde beendet.

Knapp daneben ist auch vorbei

Das Fazit? Durchzogen. Die der Autorin anzusehende Müdigkeit ist durch einen sehr frühen Flug am selben Tag zu erklären, der Ausschlag ist das Überbleibsel genetisch-bedingter Neurodermitis, welche sich durch den Verzicht auf Zucker und jegliches warmes Essen und Trinken praktisch in Luft aufgelöst hat.

Natürlich ist es schwierig, aufgrund einer 10-minütigen Konsultation eine Punktlandung hinzukriegen, gerade Allerweltssymptome wie Müdigkeit oder Ekzem füllen mit ihren potentiellen Ursachen ganze Bücher. Dass die Empfehlungen zur Behebung der Symptome das fast exakte Gegenteil der funktionierenden Methode sind, ist hingegen nicht sehr vertrauenerweckend.

Der schwache Puls hat immerhin noch zum Bluspenden auf dem Parkplatz gereicht.

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