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Und unser Funkgerät? Die Auflösung
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Chalet Alpina in Zug. In diesem Turm wurde das Funkgerät gefunden. (Bild: Amt für Denkmalpflege und Archäologie des Kantons Zug, Direktion des Innern (Archiv Denkmalpflege))

Nazi-Agenten in Zug: Finale Und unser Funkgerät? Die Auflösung

8 min Lesezeit 26.10.2018, 13:07 Uhr

Auf den Spuren des Funkgeräts: Dieser Mann ist höchst verdächtig.

Jetzt haben wir lange genug gewartet, nicht wahr? Sie erinnern sich: Da stand ein Nazi-Funkgerät in der Zuger Villa «Chalet Alpina».

Noch nicht gelesen? Hier geht’s zu Teil 1, Teil 2 und Teil 3.

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Jetzt wollen wir dem Geheimnis auf die Schliche kommen. Denn wir haben unter den Hausbewohnern während des Krieges tatsächlich ein besonders verdächtiges Exemplar gefunden.

So verdächtig, dass er schon zu Lebzeiten mit schöner Konstanz beim militärischen Spionageabwehr-Dienst und bei der Bundesanwaltschaft angeschwärzt wurde: Otto Brand heisst der Mann, und er schafft es, sich innert weniger Jahre vom Spionage-Verdächtigen zum Kommandanten einer Kompanie und retour zu manövrieren – ohne dass ihm jemals das Handwerk gelegt wird.

Im Visier der Spionageabwehr

Aber von vorne. Brand ist für uns ein fantastischer Hauptverdächtiger. Und das bleibt er auch – verdächtig. Denn beweisen können wir ihm die Spionage nicht. Spätestens im Jahr 1944 wohnt er in einer Wohnung der frisch renovierten Villa Alpina. Er ist damals als Kompanie-Kommandant in Zug eingeteilt. Die Wohnung ist für ihn offenbar nur Absteige – sein Wohnsitz bleibt in Zürich, bei seiner damaligen Frau. Die Adresse taucht in keinem seiner Dossiers auf.

Brand ist ein Geschöpf seiner Zeit: ein Draufgänger, ein Abenteurer, ein Konjunkturritter. Zumindest wirft ihm das seine damalige Frau vor. «Kaum hast du Geld, Otti, pfeifst du auf mich», schreibt sie ihm in einem Brief, den die Zensurbehörde abfängt – Otto Brand ist im Visier der militärischen Spionageabwehr. 99 Seiten dick ist sein Dossier, plus Briefe. Viele Briefe, vor allem: Liebesbriefe.

«Brand verbringt wohl seine gesamte (Frei-)Zeit, damit Briefe zu schreiben», notiert ein Beamter der Spionageabwehr in seinem Bericht. Briefe an Irma, Germaine, Erna, an «Tigerli» und Iseli und Margritli. Die Frauen verfallen dem «schneidigen Kommandanten» reihenweise, so die missbilligende Einschätzung der Überwacher. Das grosse Misstrauen, das man Brand Zeit seiner Karriere entgegenbringt, entspringt auch seinem liederlichen Lebenswandel. Familienverhältnisse: zerrüttet. So was findet man damals nicht gut.

Geheim, geheim, streng geheim!

Allerdings macht das Brand nichts aus. Seine Energie ist ungebremst. Seinen weiblichen Bekanntschaften schwärmt er vor, wie geheim sein Auftrag sei – er müsse stets da und dort hin, und sei mit Wichtigem betraut. Bei der Spionageabwehr hat man dafür nur hochgezogene Augenbrauen übrig: Brand komme sich gerne wichtig vor. Allerdings ist er tatsächlich viel unterwegs – und führt nicht nur Gutes im Schilde. Seine Aufenthalte in den Vorkriegs- und Kriegsjahren in Liechtenstein bleiben der Spionageabwehr ein Rätsel, ebenso jene in Frankreich und Deutschland.

Das sind die zwei Seiten dieses Mannes, der uns nur aus alten Akten entgegenblickt: ein Schwärmer, der sich für abenteuerliche Unternehmungen begeistern kann, und gleichzeitig ein vorsichtiger Agent, der keine Fehler macht. «Brand geht äusserst behutsam vor», schreibt die Bundesanwaltschaft in einer ihrer Einschätzungen zu Brand – und deren gibt es über die Jahre viele.

Alpina-Turmzimmer von aussen.

Alpina-Turmzimmer von aussen.

(Bild: fam)

Wir haben ein seltsames Leben vor uns. Es beginnt in Basel. Brands erste Schritte in eine gut dokumentierte Karriere der gesellschaftlichen Seltsamkeit beginnen damit, dass er sein Verlobungsversprechen mit einer gewissen Olga in Bern auflöst: Ehrverletzung. Es geht damit weiter, dass er 1935 wegen Privatkonkurs aus der Armee fliegt. Es folgt eine kurze Karriere bei der Basler Polizei, dann sucht Brand den Weg zurück ins Militär, will als Instruktionsaspirant zur Sanitätstruppe. Neben undurchsichtigen Geschäften ist die Armee die zweite Konstante in Brands Leben. Allerdings ist man da von ihm nur mässig begeistert: Ein Aufstieg bleibt ihm vorerst verwehrt. Brand sei instabil, schlecht gebildet, habe keine Maturität, solle sich lieber einen Job suchen, schreibt sein Vorgesetzter in einer vertraulichen Notiz.

Waffen nach Spanien geschoben

Also begibt sich Brand auf Arbeitssuche – und findet nach mehreren Stationen als Kaufmann den Weg in seltsame Gesellschaft. Die Sache gipfelt darin, dass er 1938 vom Amtsgericht Luzern zu einer Busse von 150 Franken verdonnert wird: Er hat mit einer zwielichtigen Gruppe von Schweizer Waffenschiebern versucht, Waffen nach Spanien zu verkaufen, an die Volksfront, mitten im Bürgerkrieg. Nicht aus Liebe zu den Roten, sondern aus Interesse an der Provision. Brand bewegt sich nun in einem international agierenden Netz von Waffenschiebern. Er sollte als Spezialkontakt eines der Drahtzieher für den Deal einen Käufer auftreiben.

Ermöglicht durch Förderfonds M.M.V.

Diese vierteilige Recherche wurde unterstützt durch den Verein M.M.V. Der als gemeinnützig anerkannte Verein setzt sich für die Förderung der Medienvielfalt in Luzern und Zug ein. Nebst dem regionalen Bezug sollen die geförderten Artikel Einblicke bieten, die über das journalistische Tagesgeschäft hinausgehen. Interessierte finden hier weitere Informationen.

Das Abenteuer geht schief, aber wie für Brand typisch, nicht zu sehr. Laut dem Verhörprotokoll eines der Angeklagten soll Brand schon viele solcher Geschäfte abgehandelt haben, Waffen und unter anderem auch Flugzeuge nach Spanien geliefert haben. Brand bestreitet das. Der Vertrag, der ihn laut seinen Mitangeklagten als Mitunternehmer der Sache ausgewiesen hätte, ist bei der Hausdurchsuchung in Brands Wohnung nicht aufgetaucht. Brand war wohl vorsichtig genug, ihn verschwinden zu lassen. Die Busse akzeptiert er. 150 Franken sind damals rund ein Monatslohn. Wenigstens kein Gefängnis.

Werkzeug der deutschen Finanzspionage

Gleichzeitig läuft 1937 bis 38 ein Verfahren der Bundespolizei wegen Finanzspionage gegen ihn. Denn Brand, der nun in Zürich wohnt, hat sich mittlerweile auf den Handel mit Liegenschaften und Devisen spezialisiert, in erster Linie Reichsmark. Die besten Voraussetzungen für ein Spiel, das die deutsche Zollfahndung damals spielt: Über ein ausgeklügeltes System werden deutsche Reichsbürger in der Schweiz dazu verleitet, ihre versteckten Vermögen in Reichsmark an Agenten der Zollfahndung zu veräussern – wenn der Agent Provocateur erfolgreich war, wurden die so Ertappten nach Liechtenstein gelockt, dort verhaftet und dann nach Deutschland abgeschoben, zu Gefängnisstrafen verurteilt und oft enteignet.

Brand ist dabei Mittels-Mittelsmann. Die Bundesanwaltschaft kommt zum Schluss: Brand war bewusst oder unbewusst Werkzeug der deutschen Finanzspionage. Er war erwiesenermassen mit Agenten des deutschen Grenzschutzes in Kontakt. Allerdings kommt Brand mit einem blauen Auge davon – nicht einmal eine Busse wird gesprochen, es fehlen die Beweise für aktive Spionagetätigkeit, das Verfahren wird eingestellt.

Im Visier der Bundespolizei

1938 kommt Brand also finanziell etwas zurechtgestutzt und juristisch leicht durch die Mangel gedreht nach Landquart, und gründet dort mit einem ebenfalls in Ungnade gefallenen ehemaligen Finanzbeamten des Kantons Zürich eine Advokatur. Brand ist dabei nicht zimperlich – den nötigen Dr. jur. legt er sich an einem nicht anerkannten Privat-Institut in Brüssel zu, was ihm einige scharfe Verweise im Militär einbringt.

Aber die Advokatur hält auch so nicht lange hin. Zürn und Brand verkrachten sich schon nach einem halben Jahr. Genauso wechselhaft läuft es für ihn im Militär. Das Geld ist immer knapp, aber die Motivation nicht. Brand wird im Mai 1939 bei der freiwilligen Grenzschutztruppe angestellt und aufgrund der haareraufenden Intervention der Bundesanwaltschaft wieder ausgeschlossen: Es könne doch nicht sein, dass ein so verdächtig agierender Mann bei der Grenzschutzbehörde arbeite, teilt sie dem Kommando in einer vertraulichen Nachricht mit.

Die Akte wird dicker. Mittlerweile schreibt die Bundesanwaltschaft jeder Behörde, die Brand anstellen will, lakonisch, man solle darauf verzichten, ihn anzustellen – bis man sich offenbar bewusst wird, dass das so nicht geht. Brand wurde immerhin nicht für Finanzspionage verurteilt. Deshalb klappt es dann endlich mit der Karriere: Der Kanton St. Gallen stellt Brand als Oberleutnant ein und befördert ihn zum Hauptmann – gegen den Willen des eidgenössischen Militärdepartements. Dabei macht Brand offenbar im Militär einen guten Job – und Karriere. Er ist von 1942 an erst in Baar, dann 1944 bis 1949 in Zug stationiert.

Bahnbrechende Erfindung: Die knalllose Pistole

Im Militär ist Brand angekommen. Im Zivilen sieht das anders aus, zumindest aus Sicht der Überwacher von der Bundesanwaltschaft: Brands Freundschaften sind notorisch. Mit einem Gemeindeschreiber etwa, der ausgesprochen nazifreundlich war, arbeitete er gerne und oft zusammen. Ein Brief, der abgefangen wird, lässt vermuten, dass Brand beim Ausbruchsversuch eines Gefängnisinsassen beteiligt war – auch das bleibt ohne Konsequenzen.

Plan: Südfassade, Chalet Alpina

Plan: Südfassade, Chalet Alpina

(Bild: Amt für Denkmalpflege und Archäologie des Kantons Zug, Direktion des Innern (Archiv Denkmalpflege))

Dann bekommt er die Gelegenheit für den grossen Coup. Eine geheime Erfindung fällt ihm in die Hände. Eine Pistolenpatrone, die nicht knallt. Die Schweizer seien nicht interessiert, schreibt er einer seiner Geliebten. Deshalb wolle er sie jetzt den Deutschen anbieten. Mit Erfolg, habe man ihm mitgeteilt, schreibt einer der auf Brand angesetzten Denunzianten: Er wolle für die Erfindung von den Deutschen eine Million Schweizer Franken bekommen haben.

Brand arbeitet mit einer Reihe von Vertrauten daran, die Erfindung an den Mann zu bringen. Er organisiert Treffen mit ausländischen Militär-Attachées und Waffenschieber-Agenten und will die Erfindung verkaufen: Kein Knall, kein Mündungsfeuer, steht im Exposée. Besonders gut geeignet, um aus einem Versteck auf andere Menschen zu schiessen. Was daraus wird, ist unklar. Jedenfalls nicht: «die wichtigste militärische Erfindung unserer Zeit», wie das Team sich im Exposé ausmalt. Vielleicht hat’s dann doch geknallt.

Neue Karriere in Zug

Brand nimmt den Rückschlag hin – und hat jedenfalls schon neue Pläne. Seine Ehe geht in der Zwischenzeit in die Brüche, und Brand zieht mit seiner dritten Ehefrau nach Zug. Allerdings nicht an den Oberwiler Kirchweg, wie damals 1942. Sondern an die Alpenstrasse. Was er dort tut? Das wollte die Bundesanwaltschaft von der Zuger Polizei ebenfalls wissen. Man wisse es nicht genau, schreibt diese. Aber man sei sich einig, dass es sich dabei um Schiebergeschäfte handle.

«Die eigentliche Tätigkeit des Rubriken Dr. Brand konnte diskret nicht erfahren werden. Sie gilt mehr oder weniger als undurchsichtig und die allgemeine Meinung ist, dass Brand sich sehr wohl mit Schiebergeschäften und dergleichen befassen dürfte, wozu seine Auslandreisen und seine Person selbst darauf schliessen lassen.» 1949 gibt es wieder Hinweise auf Waffenschiebergeschäfte Brands. Aber Beweise? Fehlanzeige.

Reich ist er bei all der Anstrengung nicht geworden. Zumindest nicht, wenn es nach seinem Steuerausweis geht. Seine unwahrscheinliche Karriere im Militär bleibt 1952 stehen – er kann nicht zum Major befördert werden, obwohl der Kanton Zug gerne würde. Auch da ist die Akte der Bundesanwaltschaft wieder im Spiel, allerdings fehlen auch sonst die nötigen Voraussetzungen.

War er’s nun?

Was bleibt also von fast zwanzig Jahren geheimdienstlicher Überwachung? Ein einziger, riesiger Verdacht. Sein Lebenswandel lasse «den Genannten auch für landesverräterische Umtriebe fähig erscheinen». Das schreibt die Bundesanwaltschaft 1939. Beweisen kann sie es nicht.

Und so einer wohnt dann direkt unter einem geheimen Funkgerät und soll nichts damit zu tun haben? Da werden wir misstrauisch, wie alle anderen Beobachter Brands vor uns auch. Und auch wir finden keinen Beweis. Vielleicht hat Aldo Caviezel ihn gefunden. Damals in den neunziger Jahren. Unter einer Tonne toter Fliegen. Vielleicht aber auch nicht.

Das Funkgerät bleibt verschwunden. Caviezel hat es damals als Teenager über die «Tierwelt» an einen Hobbyfunker verkauft. Wir staubsaugen also die Fliegen weg und machen die Falltür wieder zu. Und die Akte Brand? Die endet mit dessen Wegzug aus Zug. Auch diesmal bleibt von ihm nichts, ausser einem Verdacht.

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