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Und die Mitarbeiter tragen das Risiko
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Hat er schlecht verhandelt? Arbeitnehmervertreter Ivano De Gobbi sieht das naturgemäss anders. (Bild: fam )

Siemens: Alle rufen «Frankenstärke» Und die Mitarbeiter tragen das Risiko

7 Min 17.04.2015, 11:49 Uhr

Bei der Zuger Siemens-Division rumort es: Seit die Mitarbeiter fünf Stunden länger arbeiten müssen, herrscht schlechte Stimmung. Ein Mitarbeiter wirft dem Arbeitnehmervertreter schlechtes Verhandeln vor – der kontert im Interview. Besonders eine Massnahme wird als Ungerechtigkeit verstanden.

«Der Unmut ist spürbar», sagt E.F., er ist Mitarbeiter der Siemens Building Technologies, und muss seit zwei Wochen fünf  Stunden pro Woche mehr arbeiten. Für den selben Lohn. «Die Stimmung ist schlecht, und die Leute sprechen auch offen darüber: Man hört nicht auf zu reden, auch wenn jemand in die Kantine kommt.»

Ausgelöst hatte den Unmut die Ankündigung des neuen CEO der Siemens Division Building Technologies (BT): CEO Matthias Rebellius hatte als zweite Massnahme in seiner neuen Position verkündet, die Belegschaft müsse härter Arbeiten, um den Frankenschock auszugleichen (zentral+ berichtete).

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Das ist bei der Belegschaft selber aus mehreren Gründen schlecht angekommen: «Erstens einmal kommt das bei mir so an, wie wenn der CEO einfach die Zahlen bis im Herbst auf demselben Niveau halten wolle wie sein Vorgänger.» Der EBIT, also der Gewinn vor Zinsen und Steuern, solle gleich bleiben, damit Rebellius einen guten Eindruck machen könne. «So tragen die Mitarbeiter das unternehmerische Risiko.»

«Müssen wir dann nur noch 35 Stunden arbeiten?»

Der Frankenschock soll auf die Mitarbeiter überwälzt werden, so das Gefühl in der Belegschaft. «Da frage ich mich einfach, wenn die Lage besser wird, werden wir dann in den Gewinn mit einbezogen? Müssen wir dann nur noch 35 Stunden arbeiten für denselben Lohn?»

«Jetzt muss einfach die Belegschaft mehr arbeiten, damit am Schluss die Zahlen für die Aktionäre stimmen.»

Ein Mitarbeiter der Siemens BT

Auch die Verteilung der Last kommt bei Mitarbeitern nicht  gut an: Es sei ungerecht, dass das Management nur auf zehn Ferientage über zwei Jahre verzichten müsse und auf variable Lohnbestandteile. «Die müssen nur auf Boni verzichten. Die Belegschaft verzichtet dagegen auf 12,5 Prozent ihres Lohnes, faktisch.»

Hinterlässt Fragen

Zumindest bis im Herbst, ab dann wird die Siemens BT eine Arbeitszeit von 43 Stunden einführen, und ab Juni 2016 soll wieder die ursprüngliche Arbeitszeit von 40 Stunden gelten. CEO Rebellius hatte das als «Verhandlungsergebnis» aus den Verhandlungen mit der Arbeitnehmervertretung bezeichnet.

Für den Mitarbeiter E.F. hinterlässt das Fragen: «Mich würde wundernehmen, was die Alternativen gewesen wären. Ich muss wirklich sagen, so wie das aussieht, hat die Arbeitnehmervertretung einfach schlecht verhandelt.» Immerhin die Stellengarantie für die nächsten 18 Monate sei positiv. «Aber trotzdem, jetzt muss einfach die Belegschaft mehr arbeiten, damit am Schluss die Zahlen für die Aktionäre stimmen.»

«Ich bin der erste, der bei Herrn Rebellius im Büro steht, wenn der Franken wieder schwächer werden sollte.»

Ivano De Gobbi, Arbeitnehmervertreter

Wie sieht das die Arbeitnehmervertretung? Ivano De Gobbi öffnet im Sitzungszimmer das Fenster und setzt sich hin. De Gobbi ist Präsident der Arbeitnehmervertretung (ANV), er wurde vor rund vier Jahren von der Belegschaft gewählt. Arbeitet in der Firmware-Abteilung und trägt T-Shirt statt Jackett. Im Interview sagt De Gobbi, weshalb er hinter den Massnahmen stehe – und kritisiert trotzdem die Geschäftsleitung.

zentral+: Herr De Gobbi, hat die Siemens BT nun tatsächlich ein so grosses Problem mit dem starken Franken?

Ivano De Gobbi: Ich würde sagen ja, sie hat ein Problem. Wie gross, darüber gehen die Meinungen auseinander (lacht).

zentral+: Was wären denn die Alternativen zur Mehrarbeit gewesen?

De Gobbi: Das ist eine gute Frage. Sehen Sie, wir haben keinen Patron der sagt, er könne fünf Jahre lang damit leben, wenn die Firma weniger verdient. Stellenabbau, Lohnkürzungen, da hätte es mehrere Möglichkeiten gegeben, wie die Firma auf die Frankenstärke reagieren könnte. Die Geschäftsleitung ist zum Schluss gekommen, dass die Erhöhung der Arbeitszeit der Weg ist, der uns hilft, gestärkt aus dieser wirtschaftlichen schwierigen Lage zu kommen. Wir von der Arbeitnehmervertretung haben die Alternativen für uns geprüft und sind zum gleichen Schluss gekommen.

zentral+: Das heisst, es hat gar keine Verhandlung stattgefunden?

De Gobbi: Doch, die hat stattgefunden. Wir haben über die Bedingungen rund um die Mehrarbeit verhandelt. Zum Beispiel über das Volumen der Mehrarbeit, wie viele Stunden man erhöhen soll.

zentral+: Jetzt stehen die Stunden auf dem Maximalstand, haben Sie da schlecht verhandelt?

De Gobbi: Nein, das sehen wir nicht so. Das Maximum gilt nur bis September 2015, danach wird auf 43 Stunden reduziert. Zudem haben wir auch über Jobgarantien verhandelt, und wir haben sie für die nächsten 18 Monate erwirkt. Ohne diese wären wir nicht bereit gewesen, die Mehrarbeit mitzutragen. Natürlich hat niemand wirklich Freude an diesem Entscheid. Ich verstehe auch, wenn ein Mitarbeiter denkt, jetzt muss ich mehr arbeiten, die Jobgarantie nützt mir nichts. Aber wir von der ANV stehen ganz klar dahinter, wir denken, so lassen sich langfristig Arbeitsplätze sichern.

zentral+: Es steht der Vorwurf im Raum, die Geschäftsleitung wolle schlicht Ende Geschäftsjahr mit einem guten EBIT dastehen, auf dem Buckel der Mitarbeiter. Herr Rebellius ist ja neu als CEO, will er damit vor allem einen guten Eindruck bei den Aktionären machen?

De Gobbi: (lacht) Nein, das hat damit nichts zu tun. Die Mehrarbeit deckt auch nicht den ganzen Einbruch durch die Frankenstärke ab. Sogar weniger als die Hälfte. Es geht wirklich darum, das Unternehmen fit durch diese schwierige Zeit zu bringen. Der EBIT wird so oder so schwächer sein als im letzten Jahr.

«Wir hätten uns da eine andere Kommunikationsstrategie gewünscht.»

Ivano De Gobbi, Arbeitnehmervertreter

zentral+: Es scheint aber doch so, dass das unternehmerische Risiko nun den Mitarbeitern übergeben wird. Die Mitarbeiter haben jedoch nichts zu gewinnen: Wenn die Lage besser wird, werden sie wohl kaum weniger arbeiten müssen als zuvor?

De Gobbi: Teilweise wird den Mitarbeitern das unternehmerische Risiko übergeben. Wir werden uns aber dafür einsetzen, dass sie auch etwas davon haben, sollte die Lage besser werden. Ich bin der erste, der bei Herrn Rebellius im Büro steht, wenn der Franken wieder schwächer werden sollte. Ich bin der Meinung, dann sollte es eine Entschädigung für die Mehrarbeit geben. Überdies werden wir laufend darauf bestehen, dass die Massnahme auch konkrete Auswirkungen hat – es ist uns extrem wichtig, dass es jetzt auch vorwärts geht. Wenn nicht, werden wir unser Einverständnis für die Mehrarbeit zurückziehen.

zentral+: Die Mehrarbeit wurde quasi über Nacht eingeführt, für gewisse Mitarbeiter birgt das handfeste Schwierigkeiten: Wer wegen der Mehrarbeit mehr oder längere Krippenplätze für Kinder braucht, hatte keine Chance, so kurzfristig etwas zu finden. Wieso konnte man nicht längere Vorlaufzeiten aushandeln?

De Gobbi: Wir hätten uns da eine andere Kommunikationsstrategie gewünscht. Wir hätten gerne von Beginn weg kommuniziert, dass Verhandlungen laufen. Man hat das nicht gemacht. Obwohl die Mitarbeiter wohl auch vermutet haben, dass es bei uns zu ähnlichen Entscheidungen kommen wird, als die V-Zug bekanntgab, dass sie die Arbeitszeit erhöht.

«Es ist wirklich gerecht ausgestaltet»

Ivano De Gobbi, Arbeitnehmervertreter

zentral+: Als besonders ungerecht wird von Mitarbeitern empfunden, dass die Belegschaft zwar eine Mehrarbeit von vier Wochen im Jahr auf sich nehmen muss, die Kaderleute aber nur gerade zehn Tage weniger Ferien haben über die nächsten zwei Jahre. Wie soll das aufgehen?

De Gobbi: Das werde ich gerne erklären. Hier hat es die Geschäftsleitung leider verpasst, das transparent und klar rüberzubringen. Bei den Kadermitarbeitern hätte eine Mehrarbeitszeit nichts genützt, sie arbeiten schon jetzt mehr als die 45 Stunden pro Woche. Sie werden stattdessen finanziell belastet.

zentral+: Für die Mitarbeiter heisst das: Wir müssen länger arbeiten und das Kader bekommt etwas weniger Bonus.

De Gobbi: Auch das wurde zu wenig klar aufgezeigt. Herr Rebellius hat zwar von Boni gesprochen, die gestrichen werden. Aber es geht hier eigentlich um variable, leistungsabhängige Lohnbestandteile, die gekürzt werden, und die sind nicht klein. Da reden wir von bis zu sechzig Prozent des Lohns, die variabel sind. Da trifft eine Kürzung die Kadermitarbeiter substanziell. Wir haben verlangt, dass die Geschäftsleitung aufzeigt, wie auf welcher Stufe die Mitarbeiter belastet werden. Und es ist wirklich gerecht ausgestaltet. Das war ein Streitpunkt bis ganz zuletzt.

zentral+: Es wurde von Mitarbeitern auch kritisiert, die Firma mache ja auch Geschäfte im Dollarraum, und da profitiert sie vom Dollarkurs. Wurde das miteinbezogen?

De Gobbi: Das stimmt, die Siemens BT macht ungefähr zwanzig Prozent ihres Umsatzes in Dollar, das ist ein starker Markt. Und da profitieren wir tatsächlich. Wir haben deshalb in den Verhandlungen auch darauf bestanden, dass das mitgerechnet wird. Wir haben auch viele Dienstleistungen, die wir im Euroraum jetzt günstiger einkaufen können, auch das ist mit einberechnet. Trotzdem ist der Euroraum für uns immer noch der grösste Absatzmarkt, mit ungefähr 70 Prozent.

zentral+: Sie sind Arbeitnehmervertreter und gleichzeitig Mitarbeiter, können Sie in dieser Doppelrolle überhaupt mit der Geschäftsleitung verhandeln?

De Gobbi: Das ist schwierig, aber bis jetzt hatten wir keine Probleme. Der ehemalige CEO Johannes Milde hat uns ernst genommen und wir haben eine gute Zusammenarbeit gepflegt. Herr Rebellius ist noch neu, ich kann ihn noch nicht richtig einschätzen. Er hat aber mir und der ANV gezeigt, dass ihm der offenen Dialog wichtig ist. Zudem bin ich überzeugt, dass auch die Geschäftsleitung ein Interesse an einer guten Beziehung mit der Arbeitnehmervertretung hat.

 

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