Und am Morgen zuerst: Schellenmatt mit Kühen
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Christoph Blocher während seiner 90minütigen Rede (Bild: zentral+)

Christoph Blocher in der Luzerner Messehalle Und am Morgen zuerst: Schellenmatt mit Kühen

4 min Lesezeit 2 Kommentare 03.01.2014, 06:00 Uhr

Mythen seien «oft wahrer als die Realität», meint Christoph Blocher. Und so dozierte er seinen zahlreichen Anhängern in der Luzerner Messehalle über dreier Zentralschweizer Männer, einer ein Mystiker, einer ein rückwärtsgewandter Patrizier, der dritte ein Landschaftsidylliker. Danach gab es gratis Älplermagronen mit Apfelmus. Ein Feature.

Vor der Messehalle stehen alte Traktoren, alles Schweizer Fabrikate, die Marken meist vom Markt verschwunden. Im Vorraum hängen Landschaftsbilder von Robert Zünd, darauf wenige Menschen und wenige Nutztiere und keine Maschinen. Die Messehalle ist abgedunkelt, doch gut gefüllt, einiges an SVP-Prominenz ist anwesend, nicht nur aus der Innerschweiz. Auch Christoph Mörgeli, einst Leiter eines Medizinhistorischen Museums, hat Zeit, um der Geschichtslektion des diplomierten Landwirten und Juristen Blocher zu folgen. Dessen Leitspruch im Unternehmen ist zwar, wie er selber berichtet, «Schuster bleib bei deinen Leisten». Aber das hält ihn nicht davon ab, «am Bächtelistag Persönlichkeiten schweizerischer Regionen zu würdigen».

«Erfolgsmodell Schweiz unter Dauerbeschuss»

Zuerst allerdings klagt der Luzern SVP-Kantonalpräsident Franz Grüter, dass das «Erfolgmodell Schweiz» unter Dauerbeschuss sei, «ohne Not» seien «jene in Bern dabei, die Standortvorteile zu verspielen». Dann bittet er «standfeste» Trychler und Geisselchlöpfer in die Halle, unter ihnen Yvette Estermann in Trachtenuniform als Trägerin einer Luzernerfahne. Applaus und einige Bravorufe, dann Abgang und Ruhe im Saal. Christoph Blocher begrüsst die «lieben Männer und Frauen».

Ankündigen liess er eine «Würdigung grosser Zentralschweizer Persönlichkeiten und ihre Bedeutung für die heutige Schweiz». Er vereinnahmt den Kunstmaler Robert Zünd («Das Schöne, das die Natur geschaffen hat, herauszufühlen»); auch den «Staatsmann» Philipp Anton von Segesser («Ich bin Demokrat, Föderalist, Katholik»). Zuerst allerdings ergeht sich Blocher über den Mahner und Mystiker Niklaus von Flüe («Machend den zun nit zu wit!»). Zwar räumt Blocher ein, dass dieser Satz «vielleicht gar nie gesagt worden» sei. Macht aber nichts, dem SVP-Vizepräsidenten geht es nicht um sachliche Auseinandersetzung, sondern um Mythen, Sagen und Legenden.

Die eingebildeten «Gschtudierten»

Der «Schwur auf dem Rütli, die Legende vom Tell, der Apfelschuss, Winkelried und vieles mehr», alles sei in den letzten 50 Jahren «lächerlich» gemacht worden, erklärt er, «vor allem von einigen eingebildeten‚ Gschtudierten». Der Doktor Jus behauptet dann: «Wer einem Volk die Geschichte zerstört und die Mythen abschafft, macht es heimatlos, womit das Land leichter in fremde Mächte einverleibt» werden könne. Zum ersten Mal erntet Blocher Zwischenapplaus.

«Wer einem Volk die Geschichte zerstört und die Mythen abschafft, macht es heimatlos»

Christoph Blocher, Alt-Bundesrat SVP

«Machet den Zaun nicht zu weit», das ist der Satz, den Schweizer Isolationisten – wie auch Fremdenfeinde – seit Jahrzehnten verbreiten. Er gelte, so Blocher, für «ewige Zeiten». Gegen den EWU-Beitritt von 1992, wie auch gegen die «Massenzuwanderung». Blocher verzichtet aber darauf, weiter auf die Abstimmung vom kommenden Februar einzugehen, darunter auch die SVP-Initiative, die von Einwanderung spricht, aber die Bilateralen Verträge treffen will.

Von von Flüe, Zwingli und Segesser

Blocher erklärt dann noch, dass von Flüe auch vor dem Söldnerwesen gewarnt habe. Und behauptet: «Erst Zwingli räumte damit dann handfest auf.» Vielleicht in Zürich, sicher nicht in Bern und in der Zentralschweiz, wie in Luzern das Löwendenkmal seit Jahrzehnten touristenwirksam belegt. Erbaut zur Erinnerung an die beim Tuileriensturm (1792) in Paris gefallenen Schweizergardisten, übrigens befehligt von einem Luzerner Patrizier.

Auch mit dem Söldnerwesen sein Geld gemacht haben die Vorfahren des nächsten Blocherschen Helden: Philipp Anton von Segesser. Die Familie habe, so schreibt Kirchengeschichtler Viktor Conzemius in einer von Segesser-Biografie, «im französischen und kaiserlich-deutschen Kriegsdienst, in der städtischen Magistratur und vor allem in den behaglichen Pfründen der geistlichen Stifte und Abteien ihr sicheres Einkommen» gefunden. Das erwähnt der Mythenprediger Blocher nicht, wie er auch darüber hinweg geht, dass der Luzerner Katholisch-Konservative ein ausgewachsener Antisemit war.

Einige unerwähnte Details

Oder wie es die Historikerin Heidi Bossard-Borner beschreibt: Von Segesser (1817-1888) gelte zwar «gemeinhin als einer der eigenständigsten und differenziertesten politischen Denker des frühen Bundesstaates», doch habe er einerseits «den gängigen judenfeindlichen Stereotypen getreu» argumentiert, andererseits auch Formen übernommen, die mit «der Emanzipation der Juden im besonderen» zusammenhängen. Von Segesser kämpfte denn auch in den 1860er-Jahren dagegen, dass die Juden in der Schweiz die vollen politischen Rechte zuerkannt erhielten.

All dies lässt Blocher unerwähnt, er lobt den Föderalisten, der gegen den zentralen Bundessstaat und für die Rechte der Kantone kämpfte. Und so der Führungselite der katholisch-konservativen Kantone Macht und Einfluss erhalten wollte. «Ein mutiger Nein-Sager», nennt ihn Blocher. Und besonders gefällt dem SVP-Verleger, dass der Luzerner Patrizier damals für die «Basler Zeitung» schrieb. Schon deshalb habe er (Blocher) «persönlich» alles daran gesetzt habe, «dass die ‚Basler Zeitung’ gerettet» werde. Wenn wundert’s, nun schreibt dort der Blocher-Biograf Markus Somm, wie es dem Geldgeber gefällt.

Über 90 minütiger Vortrag

Ebenfalls im Privatbesitz Blochers sind einige Bilder, die Robert Zünd (1826-1909) gemalt hat. Auch jenes, das er «nach dem Aufstehen als erstes» zu Gesicht bekomme: «Schellenmatt mit Kühen». Zünd malte zwar realistisch, aber was er nicht in der Landschaft sehen wollte, malte er klein: Schwitzende Knechte und Mägde beispielsweise. Auch blendete er Eisenbahnen und Fabriken aus, die den technischen Fortschritt auch in die Innerschweiz brachten.

Nach über 90minütiger Geschichtslektion erhält Jurist Blocher freundlichen Applaus: Und die Hungrigen können sich noch an gratis verteiltem Speis und Trank laben und dann vorbei an den ausgestellten Idyllen und den alten Traktoren vorbeischlendern, hinein ins Politjahr 2014.

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2 Kommentare
  1. Peter With, 04.01.2014, 23:30 Uhr

    Zynische Bemerkungen, spitze Nadelstiche und genaue Beschreibung, was alles NICHT gesagt wurde, und das vom selbsternannten Rassismusexperten. 1300 Leute aus allen sozialen Schichten und Parteien werden unterschwellig als realitätsfremd und fremdenfeindlich abgekanzelt. Echt schade, dass es Menschen gibt, die sich nicht mit anderen freuen können und sogar bei diesem unpolitischen Parteianlass (welche andere Partei macht schon sowas) noch rumstänkern müssen. Wurde halt einfach von der falschen Partei organisiert.

  2. Pirmin Meier, 04.01.2014, 18:48 Uhr

    Ich habe am Anlass nicht teilgenommen, weil ich mit der politischen Beanspruchung von Klaus von Flüe Mühe habe. Er rettete nämlich die Schweiz, weil er sie als einziger Schweizer gerade nicht retten wollte. Der Satz „Machet den Zun nicht zu wit“ wird verständlich aus dem Entlebucher Zaunrecht von ca. 1479. Es geht hier tatsächlich um Grenzen setzen, das Mein und Dein, aber auch Dämonisches, die „Hagazussa“ ist die Hexe, die hinter dem Zaun sitzt. Der Satz von Klaus v. Flüe, der zwar spät belegt ist, den ich aber als authentisch einschätze, hat seine Bedeutung, ist auch noch aus dem Zusammenhang zu verstehen, dass damals, d.h. wenig später die Grenzumritte aufkamen. Es sollten also der Jugend Grenzen gezeigt werden.

    Dass nun aber statt Blocher zu kritisieren von Heidi Borner Philipp Anton von Segesser mit der Antisemitismuskeule belegt wird, ist in diesem Zusammenhang weichgespülte Mainstreamhistorie. Es gibt Antisemitisches bei Pestalozzi, Verfassungsvater Steiger, der überdies bei jeder Gelegenheit Siegwart-Müller als Ausländer abqualifizierte, Philosoph Troxler , Kunsthistoriker Jacob Burckhardt (der auf der Tausendernote) usw. Beim Versuch der Emanzipation der Juden hat die radikale AG-Regierung 1862 so viele Fehler gemacht, dass ein Ja des Volkes ausgeschlossen war. Das Argument, „das hat Blocher nicht gesagt“, ist sowieso das Billigste. Für mich ist Segesser, dessen historische Schriften, etwa die vierbändige Rechtsgeschichte des Kantons Luzern und die Geschichte des Stanser Verkommnisses, bedeutender sind als meine und Frau Borners Lebensleistung, vor allem der mutigste und gelehrteste konservative Politiker Luzerns aller Zeiten, so wie Steiger der mutigste Liberale war. In einer Zeit allgemeiner nationalistischer Erregung stimmte er in Bern als einziger 1857 gegen die chauvinistisch-republikanische „Roulez-tambours“-Entschliessung des Nationalrates, und als einziger konservativer Schweizer Katholik formulierte er Vorbehalte gegen das päpstliche Unfehlbarkeitsdogma von 1870, was für einen frommen Mann enorm mutig war. Vom Bildungsniveau her erreicht kein heutiger Politiker der Innerschweiz und auch Blocher nicht das Format Segessers, über den sich nach meiner Erfahrung auch die Professoren der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Uni LU noch etwas besser ins Bild setzen sollten. Wenn allzu schwärmerisch von der Verfassung von 1848 geträumt wird, was auch bei SVP-Kreisen vorkommt, könnte man sich bei Segesser noch im kritischen Sinn besser ins Bild setzen. Die CVP Luzern hat sich bei ihrer zwar missglückten Opposition gegen die Reform der Statthalterkreise endlich wieder mal an den Geist Segessers erinnert.

    PS. Bei Segesser war der Antisemitismus etwa 10 Prozent so wichtig wie der Antijesuitismus bei den Liberalen. Diese zeitbedingten Positionierungen ändern nichts daran, dass Blocher ein von der CVP arg vernachlässigtes konservativ-föderalistisches Gedankengut für seine Zwecke nutzbar zu machen versucht. Interessant ist aber, dass der neue Präsident der Jungen CVP Schweiz in der neuesten Nummer der „Civitas“ erstmals wieder seit Generationen ein gutes Wort für den Föderalismus einlegt.

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