Weniger Fleisch und neue Heizungen

So will der Kanton Luzern gegen den Klimawandel kämpfen

«Klimaschutz jetzt» – wie der Kanton Luzern das bewerkstelligen will, erklärt Klimaexperte Jürgen Ragaller. (Bild: Pixabay/zvg)

Von A wie Auen bis Z wie Zoonosen: Auf 173 Seiten listet die Luzerner Regierung auf, wie sie den Klimawandel anpacken will. Der kantonale Klimaexperte Jürgen Ragaller erläutert einige der für ihn vielversprechendsten Massnahmen – und welche wohl am meisten zu reden geben dürften.

Ungeheure Wassermengen, die ganze Clubs fluten und zerstören (zentralplus berichtete). Wenige Wochen später: Ausgetrocknete Flussbette und sterbende Fische. Dieser Sommer hat eindrücklich vor Augen geführt, auf welche Wetter-Extreme wir uns wegen des Klimawandels einstellen müssen (zentralplus berichtete).

Vor gut einem Jahr hat der Kanton Luzern deshalb eine Strategie ausgearbeitet, wie er das übergeordnete Ziel netto null bis 2050 erreichen will. Und nun veröffentlicht er in einem 173 Seiten starken Bericht, mit welchen Massnahmen er diese Strategie umsetzten will.

Mehr Milch pro Kuh und Hitze-Warnhinweise für Grosis

Wie Klimaexperte Jürgen Ragaller auf Anfrage erläutert, bewegt sich der Kanton Luzern dafür in drei Themenfeldern: Klimaschutz, Klimaanpassungen und Ausbau der erneuerbaren Energieproduktion. Die Massnahmen variieren von Gesetzesrevisionen und Info-Kampagnen bis zu Förderprogrammen und Monitorings.

Im Bereich Klimaschutz zielen die Massnahmen vor allem darauf ab, Treibhausemissionen zu senken. So heisst es etwa in einer Massnahme, dass der Kanton Ladestationen für E-Fahrzeuge fördern will, allenfalls künftig auch für wasserstoffbetriebene Fahrzeuge. Unter dem kryptischen Namen «Programm zur Erhöhung der Anzahl Laktationen einer Kuh» plant der Kanton Förderbeiträge, wenn Bauern ihre Mutterkühe länger halten und somit weniger Kühe nachzüchten müssen. Oder im Bereich Gebäude plant der Kanton ab 2025 ein Verbot für nicht erneuerbare Heizungen bei Neubauten oder Sanierungen.

«Wir wollen die Bevölkerung aufklären und ihr nicht lustlos mit dem Mahnfinger hinterherrennen.»

Jürgen Ragaller, Klimaexperte Kanton Luzern

Der Bereich Klimaanpassungen beschreibt Massnahmen, wie der Kanton Luzern sich an die Auswirkungen des Klimawandels anpassen will. Wegen der trockenen Sommer plant die Regierung etwa, ein Monitoring zu Wassernutzung und -bestand aufzubauen. Zudem sollen vulnerable Personen wie Grosis und Babies auf die Gefahren von Hitzewellen sensibilisiert werden. Auch im Tourismus setzt der Kanton den Hebel an: Ziel sind längere Aufenthalte und vermehrt Touristinnen aus der Nähe anzulocken.

Kanton fährt künftig keine Benziner mehr

Bei Durchsicht der Liste wird klar: Der Kanton Luzern packt auf vielen Baustellen gleichzeitig an. Bei all der Fülle an Massnahmen betont Ragaller jedoch, dass es nicht «die» richtige oder wichtigste Massnahme gebe. Auf Nachfrage streicht er jedoch folgende Massnahmen hervor:

Zum einen sei das die erste Gesetzesrevision, die der Kanton vor dem Jahreswechsel in Vernehmlassung geschickt hat (zentralplus berichtete). Darin enthalten sind beispielsweise Vorgaben zur Eigenstromproduktion bei Neubauten oder Klauseln, die die Verfahren von Wind- oder Solarprojekten beschleunigen sollen. «Bei Windenergie haben wir viel Potenzial, sind aber zu langsam in den Verfahren. Dabei drängt der Ausbau auch im Hinblick auf die Versorgungssicherheit», so Ragaller dazu. «Eine unabhängige und stabile Energieversorgung wird in den kommenden Jahren immer wichtiger», betont auch Umweltdirektor Fabian Peter in der Medienmitteilung.

Zum anderen verweist Ragaller auf die kürzlich fertiggestellten Klimakarten. Darin erkennen Gemeinden, wo es wie heiss wird. Dies diene vor allem zur Planung der weiteren Siedlungsentwicklung. «So können Gemeinden einen ausreichenden Grünanteil planen oder wissen, wo sie nicht zu stark versiegeln sollten.»

Die Klimakarte für die Stadt Luzern zeigt: Es wird heiss.
Die Klimakarte für die Stadt Luzern zeigt: Es wird heiss. (Bild: Geoportal Kanton Luzern)

Ein letzter grosser Massnahmenblock betreffe den Kanton selbst: «Wir wollen eine Vorbildfunktion einnehmen und mit gutem Beispiel vorangehen», sagt Ragaller dazu. So will die Verwaltung die Dekarbonisierung ihrer eigenen Gebäude vorantreiben, indem bis 2040 möglichst alle Heizungen auf erneuerbare Energien umgestellt werden. Zudem sollen die Beschaffungsrichtlinien auf die Energiestrategie abgestimmt werden. So etwa soll der Fuhrpark der Verwaltung in Zukunft elektrisch werden, wie es etwa bereits die Luzerner Polizei umsetzt.

Mit Info-Kampagnen zu weniger Fleischkonsum

Auf der Liste stehen jedoch auch einige Massnahmen, die noch zu reden geben dürften, wie Ragaller auch einräumt. «Gerade Themen, die unser Verhalten oder unseren Konsum hinterfragen, sind sicher umstritten.» So möchte der Kanton beispielsweise mittels Info-Kampagnen auf den Einfluss der Ernährung aufs Klima aufmerksam machen. Die Ziele: Weniger Foodwaste und weniger Fleisch. Dabei betont der Klimaexperte, der Kanton habe bewusst keine Vorschriften gemacht: «Wir wollen die Bevölkerung aufklären und ihr nicht lustlos mit dem Mahnfinger hinterherrennen.»

Aber haben Sensibilisierungskampagnen denn auch die erhoffte Wirkung? Am Beispiel des Energiesparens hat sich gezeigt, dass die Luzerner trotz grossen Kommunikationskampagnen weniger Energie gespart haben als der Rest der Schweiz (zentralplus berichtete).

Trotz dieser Tatsache ist Jürgen Ragaller von Informationsmassnahmen überzeugt: «Ich finde Sensibilisierung enorm wichtig. Wir haben dafür auch starke Partner wie das Verkehrshaus ins Boot geholt.» Zudem zeige der Luzerner Ansturm auf Photovoltaik-Projekte fürs Eigenheim, dass die Kampagnen durchaus etwas bewegt hätten. «Auch wenn vielleicht die Zahlen zum Energiesparen nicht so gut gewesen sind.» Firmen, Gebäudebesitzer und Privatpersonen seien durchaus selbst sehr aktiv, was den Ausbau erneuerbarer Energien betrifft.

SP befürchtet Verzögerungen wegen Budget-Debatten

Und das brauche es auch. «Jeder und jede muss mitziehen, dass wir die Herausforderung Klimawandel packen können.» Ob die Massnahmen des Kantons dies auch vermögen, wird sich zeigen. Gemäss Plan werden die Massnahmen und die Strategie alle fünf Jahre erneuert und darüber Rechenschaft abgeliefert. Mit dem Regierungsratsbeschluss sind die Massnahmen bis 2026 jedoch fix.

In der Umsetzung werden jedoch einzelne Aspekte – wie beispielsweise Gesetzesrevisionen oder grössere Ausgaben – wieder dem Kantonsrat vorliegen. Auch im Budget wird das Parlament Gestaltungsmöglichkeiten erhalten. Das sieht die SP jedoch nicht nur positiv. In einer Medienmitteilung befürchtet sie, dass so gewisse Massnahmen aufgrund der «bürgerlichen Politik der knappen Kassen» hintanstehen müssten. Weiter fordert sie, dass der Kanton bei der Umsetzung einiger Massnahmen mehr aufs Gaspedal drückt. Immerhin fährt der Kanton gemäss Massnahmenplan dann elektrisch.

Verwendete Quellen
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