Spektakuläre Insektenfunde im «Urwald» bei Hünenberg

Sensation: In diesem Wald steigt ein wahrhaftiges Käferfest

In einem Waldstück bei Hünenberg fanden begeisterte Forscher unerwartete Käfer.

Kürzlich machten Forscher im Zollischlag, einem Wald im Hünenberger Frauental, eine tolle Entdeckung. Die Käferdiversität ist dort deutlich höher, als sich das Biologen und Kanton erhofft hätten. Ausserdem sind hier auch äusserst rare Arten zu finden.

Es ist gemein. Die unzähligen Mücken, die sich während des Medienanlasses im Waldnaturschutzgebiet «Zollischlag» im Frauental tummeln, stehlen dem eigentlichen Star dieser Begehung die Show. Die Rehkuh, die vor lauter Menschen aus dem Kornfeld in den Wald flieht, ist nur eine Nebendarstellerin. An diesem Tag dreht sich alles um den Käfer, oder besser gesagt um die über 200 zum Teil sehr seltenen Käferarten, die in diesem Gebiet kürzlich nachgewiesen werden konnten.

Der Zollischlag, welcher der Korporation Hünenberg gehört, ist ein besonderes Gebiet. Eines, das man in der Schweiz selten, und im Kanton Zug sonst nirgends antrifft. Denn seit rund 50 Jahren hat hier kein Förster mehr Hand angelegt. Entsprechend stehen hier viele alte Eichen in grossen Durchmessern, deren Alter weit über der normalen Nutzungsgrenze liegt. Abgestorbene Bäume werden sich selber überlassen, die Vegetation darf ihren ganzen Lebenszyklus vom Samen bis zum Totholz durchleben.

«Auf einer Fläche von etwa einem Hektar wird weder Holz geschlagen noch abgestorbenes Holz, sogenanntes Totholz, abgeführt. So entwickelt sich ein fast urwaldähnlicher Bestand, wie man in der Gegend keinen zweiten findet», erklärt Daniel Müller, Projektleiter für den Waldnaturschutz im Kanton Zug. Dieses Totholz wird nicht nur von Vögeln, wie etwa dem Schwarzspecht, als Unterschlupf genutzt, sondern auch als Lebensraum von Käfern.

Ein toter Baum im Zollischlag: Nicht mehr ganz so sicher, um daneben zu stehen, dafür ein prima Habitat für Viecher. (Bild: wia)

57 Prozent der Käferarten kannte man in Zug bisher noch nicht

Im Auftrag des Kantons Zug untersuchte der Biologe und Käferexperte Roman Graf im vergangenen Sommer die sogenannt xylobionten, also totholzbewohnenden Käfer vor Ort. Im Bereich «Nutzungsverzicht», also dort, wo alles wächst, lebt und stirbt, wie es will, hat Graf fünf Käferfallen aufgehängt. Ein Gemisch aus Wein, Essig, Terpentin und Seife lockte die Tiere an, die in dieser Plörre einen raschen, angesäuselten Tod fanden. Die ertrunkenen Insekten untersuchte der Biologe. Und er stellte dabei Erstaunliches fest.

158 xylobionte Käfer fand Graf. «Viele dieser Arten sind äusserst selten und gelten als Erstnachweise für den Kanton Zug oder gar für die Zentralschweiz», sagt er, während er sich neben einen augenscheinlich toten, gekippten Baumstamm stellt. «57 Prozent der gefangenen Arten wurden zuvor noch nie im Kanton Zug gemeldet.» Nennenswert seien unter anderem der Eichen-Düsterkäfer sowie der Linien-Schwarzkäfer. «Diese beiden Arten sind in der Schweiz sehr selten zu finden», erklärt Graf erfreut.

Dirrhagofarsus modestus, ist ja logisch!

Dutzende weitere Käferarten im Zollischlag seien für den Kanton Zug oder die Zentralschweiz neu. So etwa auch der Urwald-Halbflügler, der eines sehr anspruchsvollen Habitats bedarf, was die Qualität von abgestorbenem Holz anbelange und das in Mitteleuropa vielerorts verschwunden sei. «Auch der Marmorrosenkäfer ist erwähnenswert. Dieser kommt nur dort vor, wo grosse Baumhöhlen existieren, in denen es Mulm gibt.» Mulm, das ist ehemaliges Totholz, das bereits im Prozess der Humifizierung ist und teilweise aus dem Kot anderer Insekten besteht. Überhaupt sei es interessant, dass jede Käferart seine ganz individuellen Bedürfnisse in Bezug auf seinen Lebensraum habe.

Bei der Auswertung machte Graf zudem eine spektakuläre Entdeckung. In der Falle befand sich auch ein dunkler, länglicher Käfer, den der Experte nicht benennen konnte. «Ich musste auf die Hilfe eines finnischen Käferexperten zurückgreifen. Dieser fand, dass man doch auf den ersten Blick sehe, dass es sich um einen Dirrhagofarsus modestus handle. Es handelt sich dabei um eine Käferart, die in der Schweiz bisher noch nie festgestellt wurde», sagt Graf begeistert.

«Einen deutschen Namen hat das Tier nicht.» Und weiter: «Er wurde unter anderem in Polen, der Ukraine, aber auch in wenigen Teilen Deutschlands nachgewiesen. Mich hat es sehr gefreut, dass auf nur wenigen Hektaren Wald eine so grosse Käfervielfalt vorkommt, wenn man den Wald sich selber überlässt.»

Ein Käfer, der nur auf lateinisch benannt werden kann: Der Dirrhagofarsus modestus hat keinen deutschen Namen. (Bild: zvg/ Kanton Zug)

Der vermeintlich fiese Borkenkäfer ist nicht unbedingt fies

Am häufigsten gezählt worden sei der Borkenkäfer Xyleborinus saxsenseni. Vom Borkenkäfer hört man bekanntlich wenig Gutes. Ist die Vielzahl dieser Tiere vor Ort eine Bedrohung? Dazu sagt Graf: «In der Schweiz existieren über 50 Borkenkäfer-Arten. Nur zwei von ihnen verursachen relevante forstliche Schäden. Die, welche hier zu finden ist, gehört nicht dazu.»

Dann fügt er an: «Schaut man sich die Sache aus der Perspektive des Walds an, ist der Borkenkäfer übrigens unproblematisch. Klar, bei grosser Trockenheit können massenweise Bäume von Borkenkäfern befallen werden. Doch der Wald denkt nicht in Fünf-Jahres-Zyklen. Wenn ein Waldstück abstirbt, entwickelt sich ein neues, das wahrscheinlich sogar weniger monoton ist als das bisherige.» Problematisch sei der Borkenkäfer hingegen aus Menschensicht dort, wo der Wald dem Schutz vor Lawinen oder Erdrutschen diene oder wo möglichst makellose Bäume zur Holzverarbeitung produziert werden.

So sieht Wald aus, wenn der Mensch 50 Jahre lang die Finger davon lässt. (Bild: wia)

Nur wenige Steinwürfe entfernt ist die Käfervielfalt massiv kleiner

Bezüglich der Untersuchungen im Gebiet Zollischlag hat Graf überdies eine weitere spannende Begebenheit festgestellt. Neben den fünf erwähnten Fallen im Waldbereich «Nutzungsverzicht» wurden gleich daneben, in einem «Dauerwald»-Stück, das begrenzt bewirtschaftet wird, weitere fünf Fallen aufgestellt. «Dort ist die Artenvielfalt der Käfer massiv kleiner als hier. Nur rund ein Drittel der Arten aus dem Nutzungsverzicht kommt auch im Kontrollgebiet vor.»

Dieser Umstand berge Gefahren, denn «wenn dieses Gebiet, etwa aufgrund eines Unwetters, zerstört wird und alle Bäume mit grossen Höhlen fallen, sterben 20 Käferarten aus.» Es bräuchte gemäss dem Biologen also im Umfeld des unbewirtschafteten Gebiets ein zweites davon. «Sonst haben wir irgendwann einen Dominoeffekt, was die Artenvielfalt betrifft», sagt Graf.

Diese tote Buche bietet diversen anderen Lebewesen ein Zuhause. (Bild: wia)
Verwendete Quellen
  • Medienbegehung
  • Gespräche vor Ort
  • Medienmitteilung des Kantons
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