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«Um sich gesund vegan zu ernähren, muss man fast Ernährungsberaterin sein»
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Steht dem veganen Trend kritisch gegenüber: Natascha Potoczna, Ernährungsmedizinerin. (Bild: ida)

Luzerner Ärztin zu veganem Trend «Um sich gesund vegan zu ernähren, muss man fast Ernährungsberaterin sein»

6 min Lesezeit 2 Kommentare 25.05.2019, 11:59 Uhr

In der Schweiz spriessen vegane Restaurants in den letzten Jahren aus dem Boden. Der Hype rund um die vegane Lebensweise ebbt nicht ab. Doch: Wie gesund ist eine vegane Ernährung wirklich? Die Ärztin Natascha Potoczna sagt: Veganer leben nicht unbedingt gesünder.

Gespannt blickt Natascha Potoczna, was mit einem Handgriff aus der Tasche gefischt wird: Lachgummis, Schokolade und ein Red Bull – aber auch Apfel und Banane. Die Ärztin zieht nicht etwa die Augenbrauen hoch, sondern sie schmunzelt. «Die Lachgummis packen Sie lieber wieder ein, sonst werden sie noch gegessen.»

Natascha Potoczna (48) ist Ärztin in der Stoffwechselpraxis Zentralschweiz. Diese Woche steht sie am Treffpunkt Gesundheit Rede und Antwort. Sie pikst den Besuchern im Luzerner Rathaus in den Finger, analysiert Blutzuckerwerte. Zeit, sie mit Fragen zu löchern.

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zentralplus: Frau Potoczna, mein Mittagessen bestand aus einem Red Bull und einem Sandwich. Tadeln Sie mich nun?

Natascha Potoczna: Lacht. Das ist bestimmt nicht der Inbegriff einer ausgewogenen Ernährung. Gemüse und Früchte würden sicherlich nicht schaden. Und das Red Bull hat einen sehr hohen Zuckergehalt.

zentralplus: Sie haben in Ihrem Alltag vorwiegend mit übergewichtigen Menschen zu tun. Sie beraten aber auch zur veganen Ernährung. Wie stehen Sie zum veganen Hype?

Potoczna: Der Hype ist deshalb gefährlich, weil nur wenig über eine ausgewogene vegane Ernährung informiert wird. Der vegane Lebensstil ist erst vor wenigen Jahren aufgekommen. Wir haben noch keine Langzeitstudien, die sich damit auseinandergesetzt haben, wie sich ein veganer Lebensstil auf Dauer auf die Gesundheit eines Menschen auswirkt. Ob es gesund oder schädlich ist, kann man zum heutigen Zeitpunkt nicht sagen. Was ich jedoch wichtig finde: Nur weil man sich vegan ernährt, lebt man nicht automatisch gesund. Und nur weil man gesund leben möchte, muss man sich nicht zwingend vegan ernähren. Eine ausgewogene Ernährung ist das A und O – egal ob Veganer, Vegetarier oder Allesesser.

zentralplus: Was raten Sie, wenn jemand Ihre Praxis aufsucht, mit dem Wunsch, vegan zu leben?

Potoczna: Man muss über die Bücher, sich einlesen und am besten das Gespräch mit einer Ernährungsberaterin suchen. Man tut seiner Gesundheit keinen Gefallen, nur weil man Fleisch und tierische Produkte weglässt. Wenn man für seine Gesundheit etwas tun möchte, muss man sich mit der Materie vertieft auseinandersetzen. Um sich vegan und gesund zu ernähren, muss man schon fast ausgebildete Ernährungsberaterin sein.

«Wer sich langfristig vegan ernährt, der wird wohl früher oder später auf Nahrungsergänzungsmittel zurückgreifen müssen.»

Natascha Potoczna, Ernährungsmedizinerin

zentralplus: Also ist es gefährlich, wenn ein 0815-Fleischesser von heute auf morgen komplett vegan lebt?

Potoczna: Ja. Ich persönlich empfehle, seine Ernährung schrittweise anzupassen. Wer Fleisch, Ei und Milchprodukte weglässt, der muss auch für einen geeigneten Ersatz sorgen.

zentralplus: Rund um die vegane Ernährung gibt es Dutzende von Vorurteilen. Ist Fleisch als Eiweissquelle unentbehrlich?

Potoczna: Fleisch besteht wie jedes Eiweiss aus verschiedenen Aminosäuren, darunter sind die essenziellen Aminosäuren, welche der Mensch nicht selber produzieren kann. In der Natur findet man diese Aminosäuren nicht auf einem Haufen, wie man dies in einem Stück Fleisch tut. Wer sich vegan ernährt, muss sich diese essenziellen Aminosäuren selbst zusammensuchen.

zentralplus: Und wo finde ich diese Aminosäuren?

Potoczna: In Hülsenfrüchten, Soja, Nüssen, Eiern und Milchprodukten.

zentralplus: Worin lauert denn für einen Veganer die grösste Gefahr?

Potoczna: Der B12-Mangel ist eines der grössten Risiken einer veganen Ernährung. Bei einem Mangel können sich die unterschiedlichsten Probleme zeigen. Das Vitamin B12 ist ein wichtiger Player innerhalb der Blutbildung. Hat der Körper zu wenig B12, so hat der Körper weniger, dafür dickere, rote Blutkörperchen. Ich habe alles schon erlebt: Ein B12-Mangel kann zu Konzentrationsstörungen, Demenz bis hin zu Nervenlähmungen wie zum Beispiel einem Fallfuss und einer Psychose führen.

zentralplus: B12 ist ausschliesslich in tierischen Produkten enthalten. Muss man als Veganer zwingend Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen?

Potoczna: Es gibt auch Algen wie Spirulina, in denen Vitamin B12 enthalten ist. Aber da kann ich mich auf Studien stützen: Ich zweifle, dass dieser Ersatz auf Algenbasis ausreicht.

zentralplus: Also ist der Griff zur Tablette ein Muss?

Potoczna: Wer sich langfristig vegan ernährt, der wird wohl früher oder später auf Nahrungsergänzungsmittel zurückgreifen müssen. Für Veganer ist neben dem B12-Mangel auch die Zunahme von Eisen und Calcium wichtig. Und Vitamin D. Das ist jedoch nicht nur bei Veganern ein Problem: Mehr als 80 Prozent aller Europäer haben einen Vitamin-D-Mangel. Vitamin D kann der Mensch zum einen über das Sonnenlicht aufnehmen. Auch in Fischen wie Aal und Lachs ist das Vitamin enthalten, in Kalbfleisch oder Eigelb. Für Veganer eignen sich Avocado und Steinpilze.

zentralplus: Wer sich also vegan ernährt, is(s)t ganz schön kompliziert.

Potoczna: Lacht. Das ist so. Um sich ausgewogen vegan zu ernähren, bedarf es vielen Wissens und guter Planung. 

«Viele glauben, eine vegane Ernährung sei gleichbedeutend mit einer kalorienarmen und gesunden Ernährungsweise.»

Natascha Potoczna

zentralplus: Also stimmt die Annahme, dass alle Veganer blass, schwach und kränklich sind?

Potoczna: Um das zu sagen, habe ich wohl zu wenig Veganer kennengelernt. Meine Praxis suchen vermehrt übergewichtige Menschen auf, aber auch Menschen mit Essstörungen und Stoffwechselkrankheiten. Was ich aber eins zu eins so unterschreiben kann: Ein Veganer, der nicht auf eine ausgewogene Ernährung achtet, kann seinen Nährstoffbedarf nicht decken.

zentralplus: Es gibt aber auch prominente Beispiele, die das Gegenteil beweisen, etwa Veganer und Kampfsportler wie Patrik Baboumian: Veganismus und Spitzensport lassen sich vereinbaren.

Potoczna: Wer viel Sport macht, für den braucht’s mehr Eisen. Ich denke, dass ein Schwinger, ein Boxer oder ein Bodybuilder mehr Schwierigkeiten hat, seine Muskelmasse bei einer veganen Ernährung aufzubauen. Für einen Ausdauersportler wie Radfahrer und Marathonläufer hingegen kann eine vegane Ernährung ausreichend sein. Den Rat, den ich allen ans Herz legen möchte: Man muss auf seinen Körper achten.

zentralplus: Und was, wenn die Regelblutung ausbleibt? Im Internet prahlen Frauen, dass sie durch eine vegane Rohkosternährung ihre Periode losgeworden sind …

Potoczna: Wenn der Hormonzyklus unterbrochen wird, ist das definitiv nicht gesund. Wenn die Periode ausbleibt, ist das auf einen Mangel oder eine Stresssituation zurückzuführen. Oder auch Magersucht kann dazu führen. Wenn der Hormonhaushalt nicht mehr richtig funktioniert, sollten die Alarmglocken angehen. Es ist ein Zeichen des Körpers, dass etwas nicht in Ordnung ist.

zentralplus: Sie sind dem Veganismus gegenüber sehr kritisch eingestellt. Dennoch gibt es gute Gründe, vegan zu leben. Wohl auch aus ethischen Gründen, wie etwa Tierleid zu vermeiden. Und gegen das Essen von viel Gemüse, Früchten und Hülsenfrüchten dürfte eigentlich kaum etwas sprechen. Oder doch?

Potoczna: Worin ich sicherlich auch Nachholbedarf sehe: Wenn ein Tier getötet wird, dann sollte auch alles verwertet werden, von Kopf bis Fuss. Wer nicht jeden Tag Fleisch isst und insbesondere darauf achtet, woher tierische Produkte stammen und wie die Tiere gehalten wurden, der leistet bereits einen Beitrag. Und wie gesagt: Viele glauben, eine vegane Ernährung sei gleichbedeutend mit einer kalorienarmen und gesunden Ernährungsweise. Das ist jedoch nicht immer der Fall. Viele vegane Alternativprodukte enthalten viel Fett und Salz und Zusatzstoffe, also all die E-Nummern.

zentralplus: Sie selbst werden sich nie für die vegane Lebensweise entscheiden?

Potoczna: Ich könnte es mir nicht vorstellen. Dafür liebe ich ein liebevoll zubereitetes Rindstatar zu sehr. Lacht.

«Das ist bestimmt nicht der Inbegriff einer ausgewogenen Ernährung.»

«Das ist bestimmt nicht der Inbegriff einer ausgewogenen Ernährung.»

(Bild: ida)

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2 Kommentare
  1. Franz Peter Dinter, 25.05.2019, 21:21 Uhr

    “Vitamin D kann der Mensch zum einen über das Sonnenlicht aufnehmen.” Genau. Ein Kilo Sonnenlicht, roh gegessen, enthält genügend Vit. D für ca. 1 Woche. “Ein Veganer, der nicht auf eine ausgewogene Ernährung achtet, kann seinen Nährstoffbedarf nicht decken.” Ein Nicht-Veganer muss dagegen nicht auf eine ausgewogene Ernährung achten und kann sich ausschliesslich von Tiefkühlpizza und Red Bull ernähren, um seinen Nährstoffbedarf zu decken. “Dafür liebe ich ein liebevoll zubereitetes Rindstatar zu sehr.” Dem Foto nach zu schliessen, liebt die Dame nicht nur ein Rindstatar, sondern auch die Schwarzwäldertorte danach. (Getreu dem Motto: Der Wegweiser muss nicht dorthin gehen, wohin er zeigt……)

  2. Roland Grüter, 25.05.2019, 15:12 Uhr

    Guten Tag
    “Vegane Restaurants spriessen aus dem Boden”….
    Wohl ein Wunschtraum gewisser Leute! Mit drei Prozent Veganer* der Bevölkerung wäre ein geschäftliches Ueberleben wohl kaum möglich!