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«… um ein Haar wäre mir der Kopf abgerissen worden»
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Der Plan: Peter Hegglin noch einmal auszuquetschen, bevor er nach Bern ins Stöckli zieht. Und das haben wir auch gründlich getan. (Bild: wia )

50 Fragen an Peter Hegglin «… um ein Haar wäre mir der Kopf abgerissen worden»

17 min Lesezeit 14.02.2016, 12:00 Uhr

Nach 13 Jahren in der Zuger Regierung wechselt Peter Hegglin nun in den Ständerat. Zuvor aber muss er sich den 50 Fragen von zentral+ stellen. Wir erfahren, was er besser kann als Bundesrat Ueli Maurer, und was das Gefährlichste ist, das er je getan hat.

Bald konzentriert sich der Zuger Nochregierungsrat Peter Hegglin auf sein neues Ständeratsamt. Nur noch wenige Wochen kann Hegglin die famose Aussicht aus dem Eckbüro des Finanzdepartements geniessen, dann ist ein Aufbruch nach Bern angesagt. Wir haben den Finanzdirektor quasi in letzter Minute abgepasst und uns vorgenommen, ihn noch einmal so richtig auszuquetschen. Was uns auch gelungen ist. Das Wasser ist eingeschenkt, die Aussicht ist noch immer gut, dann kann es also losgehen.

zentral+: 1. Sie stehen gerade zwischen Stuhl und Bank. Zwischen Regierungsrat und Ständerat. Oder wenn man so will, mit je einer Pobacke auf einem Sitz. Wie geht es Ihnen dabei?

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Peter Hegglin: Ich fühle mich überhaupt nicht zwischen Stuhl und Bank, sondern bin, im Gegenteil, an beiden Orten gefordert. Beim Regierungsrat bin ich daran, das Amt abzugeben, beim Ständeratsamt bin ich mich derzeit intensiv am Einarbeiten. Das ist eine Doppelbelastung. Über eine längere Zeitspanne könnte man das so wohl nicht machen.

 2. Was würden Sie anders machen, wenn Sie zurückblicken auf 13 Jahre Regierungsrat?

Ich denke, ich würde es wieder gleich machen. Wir hatten vor 13 Jahren, wie ja heute auch, eine schwierige finanzielle Lage. Zuerst war ich mir daher unsicher, ob mir das Gebiet liegen würde. Im Nachhinein war das jedoch super.

3. Mit welchen Leuten können Sie am besten arbeiten?

Mit fast allen.

4. Mit wem am wenigsten gut?

Mit Querulanten, Nörglern und Menschen, die keine Visionen haben. Die nicht zielgerichtet arbeiten wollen. Ich versuche aber, auch die auf einen Vorwärtskurs zu bringen.

«Mit 20 Jahren hatte ich mir sogar vorgenommen, nie in ein öffentliches Amt zu treten.»

5. Bevor Sie politisierten, waren Sie Landwirt. Wie hätten Sie darauf reagiert, wenn Ihnen jemand damals gesagt hätte, dass Sie eines Tages ins Stöckli ziehen?

Ungläubig. Ich habe dieses Amt nie angestrebt. Mit 20 Jahren hatte ich mir sogar vorgenommen, nie in ein öffentliches Amt zu treten.

6. Was ist denn passiert, dass sich das geändert hat?
 
Mein Ziel war es damals, einen möglichst grossen Betrieb zu führen. Das habe ich auch erreicht. Mit 30 bin ich dann aber an mehreren Orten angestanden. Weil mein Betrieb gewachsen war, hatten beispielsweise einige Nachbarn keine Freude. Dazu kamen entsprechende, schärfere Vorschriften, etwa betreffend Düngemittel. Irgendwann hat mich die CVP angefragt, ob ich nicht Lust hätte, für den Kantonsrat zu kandidieren. Da habe ich zugesagt.
 
7. Haben Sie Angst vor dem Ständeratsamt?
 
Angst per se nicht, ich sehe das als Herausforderung. Das ist ein ganz anderes Amt als das des Regierungsrates. Ich bin nicht mehr in der Exekutive, bringe keine Vorlagen mehr ins Parlament, sondern beurteile viel eher die Arbeit des Bundesrates. Mir ist das Regierungsratsamt gleich lieb wie das, welches ich nun begonnen habe. Obwohl ich natürlich nicht genau weiss, was ich bewirken kann und was nicht.
 
8. Können Sie kochen?
 
Ja, zum Beispiel Piccata Milanese oder Saltimbocca. Kochen ist eine Tätigkeit, in denen ich kreativer sein kann als in meinem Job, und die ich, besonders an den Wochenenden, gerne mache. In den letzten vier, fünf Jahren bin ich jedoch kaum mehr dazugekommen.
 
9. Und singen?
 
Nicht gut. Er fügt scheu hinzu: Es klingt ein wenig falsch.
 
10. Was wären Sie geworden, wenn nicht Bauer?
 
Keine Ahnung. Ich war in der Schule sehr vielseitig interessiert, daher war es nicht von vorneweg klar, dass ich in die Landwirtschaft gehe. Ich verbrachte mein erstes Lehrjahr in Lausanne, das stellte sich als guter Start in die Berufswelt heraus. Ich glaube, ich würde es heute nicht anders machen. Darum habe ich mir diese Frage gar nie gestellt. Aber wer weiss, vielleicht wäre ein Job in der Baubranche nicht schlecht gewesen. Ich sehe nämlich gern, was ich selber geschaffen habe. Das ist momentan etwas schwieriger. Wenn ich Budgets und Jahresabschlüsse vorstelle, dann landen die Zahlen einfach in den Büchern, ohne dass ich konkrete Auswirkungen dabei sehe.
 
11. Und was wollten Sie werden, als Sie im Kindergarten waren?
 
Wie aus der Pistole geschossen. Pfarrer. Also eigentlich wollte ich das nicht selber, sondern meine Kindergärtnerin, weil ich so scheu und brav war.
 
12. Wie würde Sie Ihre Frau beschreiben?
 
Hegglin scheint etwas überfordert mit der Frage. Hmmm. Dominant? Ungestüm? Ich weiss es gar nicht. Ich müsste sie mal fragen. Sie würde wohl sagen, dass ich gerne recht habe und das letzte Wort haben will. – Obwohl ich glaube, dass ich schon kritikfähig bin.
 
13. Beatles oder Stones?
 
Beides. Ich mag Abwechslung in der Musik. Es darf aber auch ab und zu Volksmusik sein.

«Ich habe schon ein Urvertrauen, dass es irgendeine Macht gibt, welche die Welt stützt.»

14. Dass Sie in der CVP sind, lässt schwer vermuten, dass Sie an einen Gott glauben. An was genau glauben Sie?
 
Ich bin in der CVP, weil mich diese damals gefragt hat, ob ich bei ihnen kandidieren wolle. Hätte mich damals die FDP gefragt, wäre ich vielleicht heute dort dabei. Aber ja, ich habe da schon ein Urvertrauen, dass es irgendeine Macht gibt, welche die Welt stützt. Grundsätzlich ist es ja sowieso so, dass die westliche Welt geprägt ist von christlich-ethischen Grundsätzen, und diese Werte halte auch ich hoch: Gegenseitiger Respekt. Hilfe und Selbsthilfe, also auch Eigenverantwortung. Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Sowohl in den Rechten wie auch in Pflichten. Für mich sind solche Dinge wichtig.
 
15. Was verschlägt Ihnen den Atem?
 
Unehrlichkeit. Oder wenn ich hintergangen werde. Das ist etwas, womit ich grosse Mühe habe.
 
16. Was bringt Sie zum Weinen?
 
Beerdigungen.
 
17. Was zum Lachen?
 
Ein guter Witz. Ein Bühnenspiel wie etwa am Schmutzigen Donnerstag, der sogenannte «Bergspiegel» der Guggenmusik Menzikus. Ein Sketch. Dick und Doof und auch Charlie Chaplin.
 
18. Was stört Sie an sich selber?
 
Wenn ich, besonders im Büro, mein Zeug nicht auf Anhieb finde. Das klingt sehr seltsam. Hegglins Büro wirkt für einen Aussenstehenden wie die Ordnung selbst. Mit dem PC ist das mittlerweile einfacher. Aber die Fähigkeit, zu unterscheiden zwischen Wegwerfen und Behalten von Dokumenten dürfte etwas ausgeprägter sein. Das dürfte in Bern einfacher werden. Sie haben mir geraten, dass ich das Material nach jeder Sitzung gleich wegwerfe, da es von der Menge her sowieso unmöglich sei, alles zu behalten.
 
19. Können Sie sich bitte zeichnen?

Hegglin ziert sich zu Beginn. Stapelt tief: Wahrscheinlich sieht man nicht einmal, ob es ein Mann oder eine Frau sein soll. Und nimmt dann doch den Stift in die Hand.

Peter Hegglin by Peter Hegglin

Peter Hegglin by Peter Hegglin

 
20. Was bereuen Sie in Ihrem Leben?
 
Bereuen heisst, etwas nicht gemacht zu haben oder verpasst zu haben … Vielleicht, einen schöneren, grösseren Hof zu bewirtschaften. Oder aber, Karriere in einem Unternehmen gemacht zu haben. Das Unternehmerische liegt mir fast mehr als das Politische. In der Privatwirtschaft ist man flexibler, freier und kann schneller reagieren. Im politischen Prozess ist das nicht so. Da dauert es lange, bis ein Resultat vorliegt. – Und häufig ist dieses nicht mal das, welches man sich gewünscht hätte.

Aber ich kann eigentlich nicht klagen. Ich hatte bisher ein sehr interessantes Leben. Ich habe sogar mal in Südkorea einen Vortrag gehalten über die multifunktionale Landwirtschaft und durfte mit dem südkoreanischen Minister Tee trinken. Das war auf der Kommunikationsebene etwas herausfordernd. Er lacht.

«Es darf nie zu viel Macht an einem Ort entstehen, sonst wird es gefährlich.»

21. Wovor haben Sie Angst?
 
Vor den Auswirkungen, welche die Radikalisierung der islamistischen Fundamentalisten haben wird. Die Brutalität, die verwendet wird, um Menschen zu bekehren, finde ich schlimm.
Für mich ist die Trennung von Kirche und Staat sehr wichtig. Es darf nie zu viel Macht an einem Ort entstehen, sonst wird es gefährlich.  
 
22. Apropos Gefahr: Was ist das Gefährlichste, was Sie je getan haben?

Das war noch als Bauer. Da bin ich mehrmals mit dem Traktor am Hang abgerutscht und gerade noch zum Stillstand gekommen, bevor es brenzlig geworden wäre. Als Kind wurde ich ausserdem einmal vom Obstlift eingeklemmt und um ein Haar wäre mir der Kopf abgerissen worden. Sehen Sie, diese Narbe stammt von diesem Unfall. Er zeigt auf seine linke Wange, wo er eine lange Narbe trägt.
 
Und dann war da noch das Attentat im Kantonsrat.
 
23. Was steht bei Ihnen auf dem Nachttisch?
 
Baldriantropfen. Ein paar Bücher und Imkerzeitschriften. Er lacht. Ich lese so viel während des Tages, dass ich im Bett höchstens noch kurz vor dem Einschlafen ein paar Seiten durchblättere.
 
24. Was ist Ihr Lieblingsfilm?
 
Ich mag eigentlich keine Filme, schaue praktisch kein Fernsehen und gehe auch selten ins Kino. Ich gehe gerne an Konzerte im KKL oder an Vereinsvorführungen: Deren Arbeit weiss ich sehr zu schätzen. Ich mag keine Krimis und erst recht keine Horrorfilme. Dafür ist mein Nervenkostüm nicht gemacht. Ich habe genügend Spannung im Leben.
 
25. Welche Tätigkeit schieben Sie schon lange auf die lange Bank?

Meine Frau sagt mir immer wieder, ich solle «die Umgebung» machen, also den Bereich um unser Haus herum. Ich müsste mich da einmal dransetzen und zu planen beginnen. Ausserdem haben wir vor dem Haus ein Alpinum, das man pflegen sollte. Das wäre ein Ausgleich, für den ich jedoch keine Zeit gehabt habe in letzter Zeit. Aber eigentlich hasse ich es, etwas aufzuschieben. Ich erledige die Dinge am liebsten möglichst schnell.
 
26. Können Sie einen Witz erzählen?
 
Hegglin überlegt. Ich habe am Donnerstag bei dieser Vorführung so viele Witze gehört und jetzt fällt mir kein einziger mehr ein. Können wir das auf den Schluss verschieben? Vielleicht fällt mir in der Zwischenzeit einer ein.
 
27. Können wir. Auf einer Skala von eins bis zehn: Für wie gescheit halten Sie sich?
 
Hier stellt sich die Frage, wie man gescheit definiert. Ist gescheit, wenn jemand etwas auswendig kann, aber das Wissen in der Praxis nicht anwenden kann? Oder ist jemand gescheit, wenn er Gelerntes in der Praxis umsetzen kann? Ich würde die zweite Definition nehmen und sagen, dass ich bei sieben oder acht liege.
 
28. Gibt es eine «Deformation professionelle» aus Ihrem Bauernalltag, die Sie bis heute verfolgt?
 
Vielleicht der tief verankerte Grundsatz, nie mehr auszugeben, als man einnimmt. Oder aber, Tendenzen zu sehen, bevor die Veränderung eintritt. Auch, dass man nicht von einem Erfolg redet, während das Projekt noch läuft. Das habe ich etwa beim Heuen gelernt. Da läuft alles rund, man mäht das Gras, das Wetter hält und das Heu trocknet, man holt es mit dem Traktor rein und auf den letzten hundert Metern beginnt es zu regnen. In solchen Fällen lohnt sich einen Hang hin zum Zweckpessimismus.
 
29. Was heisst Lebensqualität für Sie?
 
In der Schweiz leben zu dürfen. Frische Luft. Gutes Wetter. Die Nähe, die wir hier zu allem haben. Zu den Bergen, aber auch zu anderen Ländern. Es ist einfach, von hier nach überall zu gelangen. Schwimmen im sauberen Zugersee. Wandern. Gutes Essen. Guter Wein. Gute Kollegen, Freunde, Familie.
 
30. Wer beeindruckt Sie?

Es gibt in jedem Beruf Leute, die etwas zur Perfektion beherrschen. Etwa die Fähigkeit, ein solches Hochhaus zu bauen. Er deutet aus dem Fenster auf den Parktower. Einen Chor oder eine Firma erfolgreich zu leiten oder ein brillantes Buch zu schreiben.
 
31. Welche Fähigkeiten hätten Sie gerne?
 
Ich wäre in den Fremdsprachen gerne besser. Klar, ich verstehe Französisch, das muss man ja, wenn man ins Bundesparlament kommt. Doch sobald Aussagen sarkastisch sind, wird’s schwierig mit dem Verständnis.

«Ich bin überzeugt, dass viele Menschen überlastet sind, weil sie nicht genügend schlafen.»

32. Wo ist Ihr Lieblingsort in Zug?
 
Zuhause. Er lacht verschmitzt. Und bei meinem Bienenhaus. Das ist übrigens eine der schwierigeren Tierhaltungen. Bei Hunden und Katzen merkt man schnell, ob sie hungrig oder durstig sind. Bei den Bienen nicht. Und dann geht es sehr schnell, bis die Tiere verenden. Da braucht man ein gutes Gespür dafür.
 
33. Wie viel Schlaf benötigen Sie?
 
So sieben bis acht Stunden. Weniger geht auf lange Frist nicht. Ich habe ausserdem das Gefühl, dass ich, wenn ich unter Druck bin, mehr Schlaf brauche. Ich bin überzeugt, dass viele Menschen überlastet sind, weil sie nicht genügend schlafen.

«Gewöhnliche Arbeitszeiten kannte ich nie, auch jetzt nicht.»

34. Sie sind ja praktisch immer auf Achse. Wenn Sie nicht Ihre Ämter ausüben, trifft man Sie häufig an lokalen Veranstaltungen. Letzthin habe ich Ihnen am Wochenende angerufen und Sie haben das Telefon – auf der Skipiste – abgenommen. Wird es Ihnen nie zu viel?
 
Eigentlich nicht. Vielleicht kommt auch das noch aus meiner Zeit als Bauer. Dass man eine Verantwortung trägt, die man zu erfüllen hat, egal wie lange man dafür arbeitet. Früher war das eine Verantwortung gegenüber den Tieren. Wenn man nicht richtig für sie sorgt, verenden sie zwar nicht gerade, doch zeichnet sich sofort ein Leistungseinbruch ab und es geht ihnen nicht gut. Das braucht dann einige Zeit, bis sie wieder gesund sind. Daher war ich früher auch immer rund um die Uhr präsent.

Gewöhnliche Arbeitszeiten kannte ich nie, auch jetzt nicht. Ich habe ja keine Arbeitszeit, sondern ein Mandat. Und ich wurde nicht angestellt, sondern gewählt. Klar könnte ich mein Amt auch weniger engagiert machen. Aber ich gebe lieber vollen Einsatz. Ich finde es erst dann belastend, wenn ich merke, dass ich nicht weiter komme.
 
35. Dennoch haben Sie zwischendurch auch sehr lange, anstrengende Tage. Was tun Sie, um Energie zu bekommen?
 
Es kommt sehr selten vor, dass ich schlaflose Nächte habe. Aber na ja, ich gehe Ski fahren oder wandern. Und ich besitze etwas Wald. Mit der Arbeit dort kann ich mich ablenken. Aber dazu komme ich selten. Ich brauche wohl einfach nicht so viel Erholung. Aber ich merke schon, dass ich in den letzten 13 Jahren müder geworden bin. Und dieses Doppelmandat, Ständerat und Regierungsrat, das ist schon streng. Doch nun übergebe ich mein Amt ja bald an meinen Nachfolger.

«Ein guter Vater hilft zudem seinen Kindern bei den Hausaufgaben, setzt Grenzen und zieht mit dem anderen Elternteil an einem Strang.»

36. Was zeichnet einen guten Vater aus?
 
Dass er da ist, wenn die Kinder ein Problem haben. Letzthin, während der Ständeratswahlfeier haben mich meine Töchter gerühmt, dass ich trotz meines Amtes immer da gewesen sei für sie. Als ich in den Regierungsrat kam, war meine jüngste Tochter acht Jahre alt. Es ist schon ein riesiger Vorteil, dass ich von hier aus in zehn Minuten zuhause bin. Ein guter Vater hilft zudem seinen Kindern bei den Hausaufgaben, setzt Grenzen und zieht mit dem anderen Elternteil an einem Strang.
 
37. Wenn Sie an einer anstrengenden Kantonsratssitzung sind oder bezüglich NFA bei den anderen Kantonen an eine Wand reden: Wünschen Sie sich da manchmal, wieder ein gewöhnlicher Bauer zu sein?
 
Nein, nein, das nicht. Nach zwölf Jahren im Kantonsrat hatte es mir zwar schon gereicht. Aber die jetzige Verantwortung als Regierungsrat ist wiederum etwas anderes. Ich hätte die laufende Legislatur gut noch beenden können, ohne amtsmüde zu werden. Daher war es keine Option, wieder auf dem Hof zu arbeiten. Ich kann ja nicht für ein paar Jahre den Betrieb wieder hochfahren. Das würde ausserdem hohe Investitionen erfordern und jemand aus der Familie müsste den Betrieb weiterführen.
 
38. Bezüglich der Abstimmung zur «Heiratsstrafe» haben wir Sie schon häufig auf steuerlicher Ebene dafür argumentieren hören. Zur Definitionsfrage des Begriffs «Ehe» haben Sie sich nicht geäussert. Gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie sich dagegen aussprechen, dass gleichgeschlechtliche Paare «heiraten» dürfen im traditionellen Sinn?
 
Das habe ich nie gesagt und ich verschliesse mich einer solchen Diskussion auch nicht. Meiner Meinung nach wäre dafür jedoch eine eigene Verfassungsbestimmung nötig. Das Volk müsste separat über diesen zivilrechtlichen Aspekt abstimmen.
 
39. Wie würden Sie ein Outing eines Ihrer vier Kinder aufnehmen?
 
Ich würde es sicher akzeptieren, wenn das für mein Kind so stimmt. Es ist schliesslich selber dafür verantwortlich, was es macht.
 
40. Was sagen Sie Ihren Bekannten oder Zugern, die im Ausland shoppen gehen?
 
Das finde ich schon seltsam. Ich kenne einige Leute, die das machen. Auch solche in höheren Positionen. Einerseits will man höhere Löhne in der Schweiz, anderseits aber günstig einkaufen. Ich selber mache das nie. Nicht mal, wenn ich in Deutschland in den Ferien bin. Aber ich nehme an, der Mensch ist von Natur aus ein Schnäppchenjäger.
 
41. Nun mal ganz im Ernst: Glauben Sie wirklich, das andere Kantone die NFA-Last des Kt. Zug in den nächsten 10 Jahren senken werden?
 
Hm. Ich hoffe es. Doch, ich glaube schon. Es ist ja die Frage, wie das System ausgestaltet ist. Nun ist eine Mindestausstattung definiert und eine Summe, die festgelegt wird. Also sind das zwei Bestimmungen. Neu soll nur noch ein Punkt festgelegt werden. Der tiefste Kanton soll mindestens 85 oder 86 Prozent des Durchschnittes ausgeglichen erhalten. Die Ausgleichssumme soll sich daraus berechnen. Das ist die aktuelle Richtung. Ich hoffe zudem, dass Zürich wieder stärker wird. Eine Bank hat sich mittlerweile wieder erholt und sollte wieder anfangen, Steuern zu zahlen.
Der Kanton Zug wird zudem insofern entlastet, als der Sondereffekt, der durch den Börsengang einer grossen Firma entstanden ist, ab 2017 nicht mehr zu Buche schlagen sollte. Hegglin meint den Börsengang der Glencore 2011.

42. Was war der unangenehmste Moment in Ihrem politischen Leben?
 
Der hing wohl mit dem Informatikprojekt für die Einwohnerkontrollen zusammen. Anfang 2013 musste die Zuger Regierung das Projekt nach wiederholten Projektverzögerungen endgültig stoppen. Grund war der Ausstieg eines Entwicklungs- und Vertriebspartners der beauftragten Firma. Eine Standardlösung war damit verunmöglicht. Bis dahin hatte der Kanton bereits 2,8 Millionen Franken in das Projekt gesteckt. Ich war damals nicht Auftraggeber des Projekts und habe das Projekt auch nicht geleitet. Dennoch habe ich den Stopp aufgrund einer Risikobeurteilung in die Wege geleitet. Obwohl dieser Entscheid richtig war, war das emotional sehr schwierig.
 
43. Als Präsident der Finanzdirektorenkonferenz wurden Sie auch als Schattenfinanzminister der Schweiz bezeichnet. Was können Sie besser als Ueli Maurer?
 
Er denkt nach. Ich war überrascht, dass Maurer ins Finanzdepartement wechseln wollte. Das ist eine sehr herausfordernde Aufgabe, einerseits das nationale und internationale Steuerrecht, die Bankenregulierung, aber auch der Finanzhaushalt in der Schweiz. Ich weiss wovon ich spreche, ich durfte in den letzten Jahren als Finanzdirektor und FDK-Präsident in diesen Dossiers intensiv mitarbeiten. Deshalb frage ich mich: Hat Maurer die nötige Gestaltungskraft für das Amt? Als Maurer zum Bundesamt für Verteidigung kam, hatte er die Idee, die beste Armee der Welt zu entwickeln. Das ist meines Erachtens nicht gelungen.

«Schon von klein an habe ich gelernt, kritisch zu sein mit der Obrigkeit.»

44. Bitte beantworten Sie die folgende Frage ohne Worte … Trinken Sie manchmal zu viel?

Nein. Das war mit Worten. Hegglin tut sich schwer, nur mit Gesten zu antworten. Scheu nimmt er sein Wasserglas zur Hand, stellt es wieder ab, nimmt es wieder zur Hand. Und sagt: Was heisst, zu viel zu trinken? Heisst das, wenn man nicht mehr weiss, was man tut, oder heisst das, nicht mehr fahren zu dürfen? Ich würde sagen, bei meinem Konsum darf ich immer noch fahren. Ich könnte es mir doch gar nicht leisten, zu viel zu trinken, denn ich werde mittlerweile fast überall erkannt.

 
45. Der Smartspider der SVP sieht dem Ihren nicht sehr unähnlich. Sind Sie überhaupt in der richtigen Partei?
 
Mir ist es wohl in der CVP. Klar gibt es hier Ähnlichkeiten, doch schauen Sie mal. Ich habe beispielsweise nicht das Gefühl, dass ich mich nicht für eine liberale Gesellschaft einsetzen würde. Ich bin tolerant gegenüber den Toleranten. Nicht aber gegenüber Extremisten. Und auch hier, er zeigt auf die Spider beim Sozialstaat: Ich bin klar für Hilfe zur Selbsthilfe und finde es wichtig, dass man an die Eigenverantwortung der Menschen appelliert.  Auch wenn ich selber dort arbeite: Ich glaube nicht an einen allmächtigen Staat. Schon von klein an habe ich gelernt, kritisch zu sein mit der Obrigkeit.
Ausserdem arbeite ich gern lösungsorientiert. Die SVP ist zwar gut darin, salopp zu kritisieren, doch ist die Lösung letztlich entscheidend. Und im Problemlösen sind die Mitteparteien besser. Dazu trage ich gerne bei.

Links das Profil der SVP, rechts jenes von Peter Hegglin.

Links das Profil der SVP, rechts jenes von Peter Hegglin.

 
46. Wem würden Sie gerne einmal die Meinung sagen?
 
Ich habe mit niemandem eine Rechnung offen. Höchstens mit den Fundamentalisten. Aber dort bringt das Reden nichts. Die hören sowieso nicht zu.

«Schon von klein an habe ich gelernt, kritisch zu sein mit der Obrigkeit.»

47. Sie sind Bauer und schreiben, dass unsere Landwirtschaft Unterstützung braucht. Erhält sie heute noch zu wenig?
 
Nein, die Art der Unterstützung hat sich gewandelt und sollte vom Umfang her genügen. Früher wurden Gebäude subventioniert, heute beziehen Landwirte Direktzahlungen für erbrachte Leistungen. Ich finde, zu viel Schutz ist nicht gut, denn er untergräbt die Eigenverantwortung. Gutgemeintes kann sich häufig negativ auswirken. So wie etwa damals bei der Käse-Union. Die hat im Moment geholfen, doch letztlich die Entwicklung und Innovation behindert. Schon von klein an habe ich gelernt, kritisch zu sein mit der Obrigkeit.

48. Wie werden Sie am 28. Februar zur zweiten Gotthard-Röhre abstimmen?

Wir haben damals als Regierung geschlossen Ja gesagt. Und da ich noch immer Teil der Regierung bin, muss ich mich an diese Parole halten.
 
49. Gab es in Ihrer Familie eine Sackgeld-Politik?
 
Ja, bei unseren Kindern gab es früher Taschengeld. Das war jedoch eine ziemlich restriktive Politik. Sprich, das Sackgeld wurde eher in Münzen ausgezahlt als in Noten.
 
Sie Schulden uns übrigens noch einen Witz …

Jetzt hatte ich gar keine Zeit, um darüber nachzudenken. Mir fällt immer noch keiner ein. Das ist jetzt etwas peinlich. Dürfte ich hier den Joker nehmen?

50. Sie dürfen. Und somit sind wir bereits bei der letzten Frage. Wann haben Sie zuletzt gelogen?

Jedenfalls nicht hier während des Interviews. Aber auch hier stellt sich die Frage nach der Definition. Ist es auch Lügen, etwas bewusst nicht zu sagen? Ich wüsste jedenfalls nicht, wann ich das letzte Mal mutwillig gelogen hätte.
 

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