Uli Siggs chinesisches Doppelleben
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Das filmische Portrait über den China-Kenner und Kunstsammler Uli Sigg läuft derzeit im Kino.

Der neue Dokumentarfilm von Michael Schindhelm Uli Siggs chinesisches Doppelleben

3 min Lesezeit 09.03.2016, 13:54 Uhr

Das filmische Porträt über den Chinakenner und Kunstsammler Uli Sigg gewährt einen Einblick in ein spannendes und aussergewöhnliches Leben. Die Person des Luzerners bleibt allerdings ein Rätsel.

Der gebürtige Luzerner Uli Sigg ist ein Begriff weit über die Grenzen der Schweiz hinaus. Erfolgreicher Unternehmer, Botschafter, Brückenbauer zwischen China und der westlichen Welt. Und: Kunstsammler – über Jahrzehnte hinweg trug er die weltweit grösste und bedeutendste Sammlung chinesischer Kunst zusammen.

Im Dokumentarfilm «The Chinese Lives of Uli Sigg» von Michael Schindhelm erhofft man sich, ein Gefühl für seine Person zu erhalten. Wer ist der Mann, der einen solch grossen Einfluss im Austausch zwischen China und der westlichen Welt ausübte?

Der Film zeigt, wie alles begann: Sigg gerät als junger Mann eher zufällig in das Reich der Mitte, das sich nach Mao’s Tod in politischer Umbruchstimmung befindet. Die Möglichkeit ergab sich, als er für den Luzerner Lifthersteller Schindler Ende der 1970-er-Jahre nach China ging, um die neue Technologie in das nun sich langsam wirtschaftlich öffnende Land zu bringen. Ein Kulturschock zunächst. Die Sitzungen dauerten meist 20 Stunden, es wurde gequalmt, sodass man die gegenüberliegende Wand nicht mehr sah, die noch so «verworrensten Ausführungen» mussten bis zum Schluss angehört werden und dann ging es noch in die Karaoke. «Jemanden zu unterbrechen habe ich mir schnell abgewöhnt», so Uli Sigg. Durch seine respektvoll reservierte Art seinen Geschäftspartnern gegenüber erlangte er schnell das Vertrauen und das Ansehen der Chinesen.

Der Kunstliebhaber im politischen Balanceakt

Der Erfolg im Geschäftsleben reichte Uli Sigg jedoch nicht. Er wollte einen anderen Zugang zur chinesischen Realität, und so wagte sich der Kunstliebhaber, mit der chinesischen Untergrundszene in Kontakt zu treten. Künstler wie Ai Weiwei, Zeng Fanzhi, Fang Lijun berichten im Film über ihre Erfahrungen mit Sigg. Der Schweizer sei kein gewöhnlicher Sammler gewesen, sondern hätte genau recherchiert und sich mit den Arbeiten sehr gründlich auseinandergesetzt. Er nahm sich viel Zeit für die Künstler. Für manche war es völlig unverständlich, wie er über Tage hinweg mit ihnen diskutieren und Tee trinken konnte, war er doch eine öffentliche Person mit vielen Verpflichtungen.

My Ego – My Way

Auch wenn es die Dokumentation trotz Einblicke ins Privatleben nicht schafft, an den Menschen Uli Sigg heranzukommen und man auch nach 90 Minuten immer noch nicht genau weiss, wer er eigentlich wirklich ist: So muss man Michael Schindelhelm positiv anerkennen, dass er vielschichtig über China und manchmal mit ironischen Beigeschmack über den westlichen Kunstretter berichtet. In einer Szene rudert Uli Sigg um sein Schlösschen in Mauensee mit dem T-Shirt Aufdruck «Mein Ego – My Way».  Vielleicht liegt es daran, dass der Filmer selbst im kommunistischen System gelebt hat und auf die Schwarz-Weiß, Gut-Böse, West-Ost–Einteilung verzichtet. So wird auf die Folgen der Mao-Diktatur ebenso eingegangen, wie auf die Folgen der wirtschaftlichen Öffnung, wie der Verlust der Tradition und die katastrophalen Umweltverschmutzung.

Ebenso ermöglicht die Dokumentation einen Blick hinter die Kulissen des Kunstmarktes und zeigt den immensen Einfluss eines Sammler auf die Kunstwahrnehmung. Glücklich dürfen sich die Künstler wähnen, die dabei waren. Die anderen dürfen weiterhin darauf hoffen, dass ein Kunstsammler ihre Kunst entdeckt und sie in die wichtigen Institutionen bringt, damit sie auch etwas vom globalen zeitgenössischen Kunstmarktkuchen abhaben dürfen.

Im ausführlichen Eventkalender von zentralplus finden Sie eine weitere Besprechung und alle Daten zu diesem und allen weiteren, derzeit in der Zentralschweiz gezeigten Filmen.

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