Überfalltaktik sorgt im Zuger Hertiquartier  für Unmut
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Es riecht ein bisschen nach Aufstand im Zuger Herti-Quartier. (Bild: mam)

Einziger Schatten-Spielplatz soll weichen Überfalltaktik sorgt im Zuger Hertiquartier für Unmut

7 min Lesezeit 1 Kommentar 26.03.2021, 17:00 Uhr

Das Herti-Schulhaus in Zug platzt aus allen Nähten. Nun will die Stadtverwaltung ein zweieinhalbstöckiges Provisorium in ein Wohnquartier pflanzen. Weil sie die Quartierbewohner nicht über ihre Absichten informiert hat, wird auf Plakaten zu Einsprachen gegen das Projekt aufgerufen.

Die ersten Monate des Jahres 2021 waren gut für die Bewohner der Überbauung Herti 3 in Zug. Erstmals seit Jahren wieder fiel genug Schnee, und so konnten die Kinder aus den vielen Wohnblocks im riesigen Freiraum in der Mitte des Quartiers im gefrorenen Weiss herumtollen und Schneemänner bauen. Als der Schnee weg war, spielten sie auf den Spielplätzen.

Damit soll bald Schluss sein. Denn eines Tages erschienen Arbeiter auf dem Gelände, holzten Büsche und Bäume ab, um am Westende des Quartiers ein voluminöses Baugespann zu errichten. Viele Herti-Bewohner fragten sich, was dies soll.

Raum für Freizeitbetreuung

Das Baugespann steht für ein Projekt der Stadt Zug. Diese möchte am westlichen Ende des Wohnquartiers – unmittelbar östlich des Schulhauses Herti – einen über sieben Meter hohen Schulpavillon errichten. Über dem Hochparterre sind zwei Stockwerke geplant, ausserdem soll eine Küche errichtet werden. Die Stadt braucht Räumlichkeiten für die schulergänzende Kinderbetreuung und will diese nun in Windeseile errichten.

Blenden wir zurück: Dass das Schulhaus Herti viel zu klein ist, ist seit langem bekannt. 2013 versenkten Stadtparlamentarier ein Bauprojekt, welches das Problem behoben hätte. Die Schulraumplanung oblag damals der linken Stadträtin Vroni Straub (CSP), welche die bürgerliche Mehrheit im Grossen Gemeinderat bei Gelegenheit gerne piesackte.

Container-Dörfli für Schüler

Darauf behalf sich der Stadtrat mit Provisorien. Weil diese aber nirgends hinreichten und die Quartierbewohner auf die Barrikaden gingen, da ihre Kinder nicht genügend Betreuungsplätze erhielten, wurden Räumlichkeiten hinzugemietet: Für den Mittagstisch und die Freizeitbetreuung beispielsweise in einer städtischen Liegenschaft an der General-Guisan-Strasse. Ausserdem quartierte man Kinder im Vereinslokal des Schweizerischen Alpenclubs (SAC) ein.

Das reicht aber immer noch nicht. Im vergangenen Herbst mietete die Stadt diverse Baucontainer, welche sie aufeinandertürmen liessen, um den Klassenzug der Erstklässler unterrichten zu können. Die Schulraumplanung ging vom Schuldepartement ans Baudepartement von Stadträtin Eliane Birchmeier (FDP). Das sollte den Rückstand bei den Infrastrukturbauten verringern helfen, denn ihre Abteilung muss die Bauten ohnehin realisieren und ist ausserdem für solide Arbeit bekannt.

So sieht Schulhaus-Bau in der reichen Stadt Zug aus. Das hässliche Container-Dörfli wurde im Herbst errichtet.

Bewohner hatten keine Ahnung

Im Fall der geplanten Herti-Erweiterung – welche der vierte Barackenbau ausserhalb des eigentlichen Schulhauses darstellt – setzt das Baudepartement offenkundig auf eine Art Überfalltaktik. Sie schloss einen Deal mit der Grundeigentümerin, der Korporation Zug, und will noch im Mai mit den Bauarbeiten beginnen. Die Quartierbewohnerinnen wurden nicht informiert und gucken nun in die Röhre.

Dazu muss man folgendes wissen: Die Wohnblocks in der Herti 3 wurden im Baurecht auf Land der Korporation Zug errichtet. Die Immobilien gehören verschiedenen Wohnbaugenossenschaften und privaten Stockeigentümern, welche sich in der IG Herti 3 zusammengeschlossen haben, um gemeinsame Infrastrukturen zu bewirtschaften.

In der Hauptsache ist dies eine riesenhafte Tiefgarage. Diese wird von einer Rasenfläche überspannt, die allenfalls von den Kindern des Quartiers zum Fussballspielen genützt werden. Das soziale Leben indes spielt sich in der Nähe der Wohnbauten ab, wo Bänkli stehen, aber auch vereinzelte Spielgeräte für Kinder, welche aus der Bauzeit der Blöcke stammen.

Spielplätze tangiert

Wirkliche Spielplätze, welche ihren Namen verdienen, gibt es zwei – beide sind am Westrand des Quartiers platziert – wo auch die Stadt ihren mehrstöckigen Pavillon hinstellen will. Einer wird von der Wohnbaugenossenschaft Gewoba unterhalten, der andere von der IG Herti 3. Dieser ist der einzige, der im Sommer von der Südseite her beschattet ist.

Genau dieser Spielplatz würde grösstenteils dem neuen Schulraum-Provisorium zum Opfer fallen. Das macht die Anwohner wütend. In Anschlägen auf dem Spielplatz und im nahegelegenen Wohnblock wird aufs Bauprojekt und seine Folgen hingewiesen – und angeregt, bis Ende März Einsprachen gegen das Projekt einzureichen.

Eine beschattete Alternative soll zwar in der Nähe der Allmendstrasse entstehen, wo ein alter Spielplatz von der Gewoba und IG Herti 3 renoviert wird, doch dauert es Jahre, bis Bäume eine sinnvolle Grösse erreicht haben.

Provisorium für immer?

Anwohner haben auch bei der Korporation Zug angerufen, um sich über die Vorgänge zu erkundigen. Diese hat ihr Land auf Anfrage an die Stadt Zug vermietet – unter der Annahme, dass das Provisorium befristet sein würde und dass der Bau dem Zonenplan entspricht.

Auch grössere Einrichtungen, die am Geschehen beteiligt sind, sind irritiert. Esther Keiser, Geschäftsführerin der Wohnbaugenossenschaft Gewoba sagt, das Vorgehen der Stadt, die Anwohner im Vorfeld nicht zu informieren, sei «unschön». Niemand habe etwas gegen Bauten für die Kinderbetreuung einzuwenden. Doch wie das Ganze abgewickelt werde, sei sehr unglücklich. «Das macht es auch für uns als Verwaltung schwierig», findet sie. Denn was solle man Anwohnern sagen, warum Hecken gefällt und Bauprofile erstellt würden, wenn man nichts darüber wisse.

«Wir wollen und müssen mehr Plätze für den Mittagstisch und die Nachmittagsbetreuung anbieten.»

Eliane Birchmeier (FDP), Zuger Stadträtin

Anwohner argwöhnen, dass der Pavillon kein Provisorium bleiben wird, sondern dauerhaft stehen bleibt. Sie haben aus der Vergangenheit gelernt. Denn Schulprovisorien bleiben in Zug oft über ein halbes Jahrhundert lang und werden bisweilen auch noch denkmalgeschützt (zentralplus berichtete). Was das Misstrauen zusätzlich nährt, ist, dass der geplante Pavillon eine schöne Fassade hat – ganz im Unterschied zum hässlichen Container-Dörfli, welche die Stadt im Herbst für die Erstklässler des Herti-Schulhauses errichtet hat.

Baugesuch ist Information

Bei der Stadt Zug stellt man sich auf den Standpunkt, dass das öffentlich aufliegende Baugesuch die Information der Anwohner darstelle. Für die schulergänzende Betreuung brauche es dringend weitere Plätze. Es bestehe eine lange Warteliste. «Wir wollen und müssen mehr Plätze für den Mittagstisch und die Nachmittagsbetreuung anbieten, weil diese von den Familien im Quartier sehr nachgefragt sind.», sagt Stadträtin Eliane Birchmeier.

Mit dem neuen Pavillon könne dieser Bedarf gedeckt und allen Kindern ein Platz zur Verfügung gestellt werden. «Entsprechend positiv waren die Rückmeldungen aus dem Quartier auf die Ankündigung für zusätzliche Plätze mit dem neuen Pavillon.»

«Standort ein Glücksfall»

In der Überbauung Herti 3 fragt man sich indes, ob es ausserhalb des Wohnquartiers wirklich keine Alternativstandorte gibt. Schliesslich gibt’s südlich des Herti-Schulhauses einigen freien Platz, welcher der Stadt gehört, und westlich davon liegt das Areal der Gewürzmühle, die sich ebenfalls in städtischem Eigentum befindet.

«Es wurden verschiedene Standorte geprüft», sagt dazu die Bauvorsteherin. Bestehende Nutzungen stellten aus räumlichen und betrieblichen Gründen keine Option dar. «Ebenso bietet sich kein Standort auf dem bereits sehr begrenzten Schulareal an.» Der nun gewählte Ort sei nicht nur aufgrund der Nachbarschaft zur Schulanlage ein Glücksfall, so Birchmeier, «sondern auch im Hinblick auf die Erweiterung der Schulanlage Herti.»

Nutzung bis 2026 geplant

Dass der neue Pavillon in bekannter Manier zum Providurium wird, dementiert Birchmeier. Er werde bis zur Fertigstellung der ersten Bauetappe zur Erweiterung der Schulanlage Herti im 2026/2027 in Betrieb sein. Danach gehe die von der Stadt gemietete Parzelle an die Korporation Zug zurück.

Die Erweiterung des Herti-Schulhauses soll den grossen Befreiungsschlag fürs Quartier bringen. Derzeit wird ein Projektwettbewerb vorbereitet. Im Bezug auf den Neubau gibt es einen Austausch zwischen Stadt und Quartier – und zwar über Schüler-Eltern-Gruppen, den Quartierverein und Politikerinnen, die im Quartier wohnen.

Kein anderer Standort möglich? Gelände südlich des Herti-Schulhauses.

Ob dies die Herti-3-Bewohner besänftigt, ist ungewiss. Zur Zahl der bereits eingegangenen Einsprachen äussert sich die Stadtverwaltung auf Anfrage nicht.

Idee aus den 1970er Jahren

Indes lässt sich der Hintergrund der Standortwahl rekonstruieren. Offensichtlich war vor über 50 Jahren am Ort des geplanten Pavillons ein Kindergarten geplant. Auf einen Zonenplan aus den 1970er Jahren stützt sich mindestens die Stadt Zug. Anwohner sind sich indes nicht sicher, ob dieses einstige Vorhaben durch den aktuell gültigen Zonenplan von 2009 gestützt wird.

Diese Fragen werden Juristen der Verwaltungsgerichtsbarkeit entscheiden, welche die Einsprachen zu prüfen haben.

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1 Kommentare
  1. Steuerhölle, 27.03.2021, 10:04 Uhr

    Hauptsache die Steuern senken. Himmeltraurig dieser Kanton.

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