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Über Pornos, Youtube-Müll und die digitale Diktatur
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  • Rezension
Sie machte den Auftakt am Samstag: Die Sexualtherapeutin Heike Melzer über den Pornokonsum. (Bild: Franca Pedrazzetti)

Das haben wir am Luzerner Wissensfestival gelernt Über Pornos, Youtube-Müll und die digitale Diktatur

6 min Lesezeit 27.01.2019, 11:52 Uhr

Zwei Tage geballtes Wissen: Im Südpol ging das erste «Aha»-Festival über die Bühne. Viel Powerpoint gab’s auf die Augen, aber genauso viele erhellende und schockierende Fakten. Der Versuch einer Rückschau.

Acht Stunden, sechs Vorträge und 15 Seiten im Notizheft. «Je mehr ich weiss, desto mehr weiss ich, dass ich nichts weiss.»

Der Samstag des zweitägigen Wissensfestivals «Aha» im Südpol Luzern ist vorbei. Etwas benommen lassen wir das soeben Gelernte bei einem Bier an der Bar setzen.

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Sätze und Fakten schwirren durch den Kopf:

  • Ein Viertel der Pornokonsumenten sind Frauen – Tendenz zunehmend.
  • Der Hardcore von früher ist der Blümchensex von heute.
  • Alles wird besser, blöderweise merkt’s keiner.
  • Ich gehöre mit meinem Einkommen zu den Top 5 der Weltbevölkerung.
  • Ein Computer ist so empathisch wie ein Psychopath.
  • Für Spass beim Sex braucht’s Yin und Yang.
  • Die meisten Erwachsenen haben vergessen, wie Spielen geht (beim Sex).
  • Youtube ist ein riesiges Casino ohne Ausgang. Oder ein vermüllter Ozean. Oder ein Raum für seltsam anmutende Gelüste.
  • Zu Beginn aber war Youtube eine Datingplattform.
  • China ist eine Diktatur, die sich digital neu erfindet. Wir erleben die Rückkehr des Totalitarismus im smarten Gewand.
  • Klopapier gibt’s in gewissen öffentlichen chinesischen Toiletten nur gegen Gesichtserkennung.
  • George Orwells «1984» ist in China keine Warnung, sondern eine Gebrauchsanweisung.

Puh! und: Aha! Dabei haben wir nur gerade die Hälfte von zwölf Vorträgen am Samstag erlebt, geschweige denn die acht am Vortag. Das «Aha»-Festival ist eine bewusste Überforderung.

Initiiert haben dieses «Happening für die Wissenschaft» Christoph Fellmann und Ana Matijašević. Der Luzerner Theaterschaffende und die Zürcher Journalistin haben 20 Wissenschaftler, Forscherinnen und Experten für je einen Vortrag in den Luzerner Südpol eingeladen.

Die Wissensvermittlung in abendlich-lockerer Kulturumgebung scheint einen Nerv zu treffen, die Premiere des Festivals war ein Publikumserfolg. Schon der erste Vortrag um 16 Uhr in der grossen Halle war gut besucht, weil: Sex zieht.

Pornos anders schauen

Heike Melzer beantwortete die Frage: «Was macht Pornografie mit mir?» Doch die Münchner Neurologin und Psychotherapeutin drehte die Frage ins Aktive: «Was mache ich mit Pornografie?»

Melzer legte einen witzigen und frischen Auftritt in bester «Ted-Talk»-Manier hin, gespickt mit Fakten, Statistiken über Pornokonsum und Geschichten aus ihrer Sexualtherapiepraxis. Pornografie gab es schon immer, nur verschmelze sie heute immer mehr mit dem realen Sex.

Mit ihrem Headset-Mikro lief Melzer auf der Bühne hin und her und referierte über erwischte Väter beim Masturbieren, gescheiterte Pornos im All oder Sex-Gourmets. Und um die von ihr gestellte Frage zu beantworten: Melzer empfiehlt, es wie mit der Ernährung zu halten. «Wenn ich Pornos geniesse, haben sie einen Nutzen, aber am besten gemeinschaftlich.»

Die grosse Halle war von Anfang gut gefüllt.

Die grosse Halle war von Anfang gut gefüllt.

(Bild: Franca Pedrazzetti)

Aus der Betroffenheitswissenschaft

Martin Schröder lieferte danach einen der erhellendsten Auftritte des Abends zur Frage «Leben wir in der besten Zeit, die es je gab?». Der Marburger Soziologe sagt ganz klar «Ja». Ausgerechnet er aus der «Betroffenheitswissenschaft» sei aus den Socken gefallen, als er anfing, Zahlen zu studieren: Alles wird besser!

Die Leute sitzen beim Vortrag auf dem Boden, alle Stühle sind besetzt. «Ich bin kein Optimist», sagte er, aber die gigantischen Verbesserungen seien statistisch belegt.

«Man muss 100’000 Jahre warten, bis man in Luzern zum Mordopfer wird – fast schon langweilig.»

Martin Schröder, Soziologe

95 Prozent weniger Kriegstote, immer weniger Armut, steigende Lebenserwartung, rückläufige Säuglingssterblichkeit, zunehmender IQ, noch nie so viele demokratische Staaten und kaum mehr Tötungsdelikte. «Man muss 100’000 Jahre warten, bis man in Luzern zum Mordopfer wird – fast schon langweilig», so Schröder.

Wieso sind wir aber trotzdem so pessimistisch? Weil wir auf Probleme und negative Reize fokussieren und die Vergangenheit durch die rosa Brille sehen. Wir werden sensibler für Themen, gerade weil sie immer kleiner werden, sagt Schröder. Ach Mensch!

Die neue Dominanz der Frau

Nicht alle Auftritte überzeugten gleich, zu viele Experten versteckten sich hinter Powerpoint-Folien. Etwa Catrin Misselhorn, die über das spannende Thema von künstlicher Intelligenz und Empathie referierte.

Sie lehrt in Stuttgart über Robotik und künstliche Intelligenz. Ihr Vortrag war schulmeisterlich, grösstenteils abgelesen und eher Uni-Vorlesung als unterhaltsam. Maschinen haben keine Emotionen, oder eben doch? Wir sind leider ausgestiegen.

Auch beim von der «Tages-Anzeiger»-Journalistin Michèle Binswanger moderierten Talk mit Maggie Tapert im Club war der Andrang gross. Die amerikanische Sexologin, die in Zürich arbeitet, nahm unsere antiquierte Vorstellung von Sexualität auseinander.

Die amerikanische Sexologin Maggie Tapert (links) im Gespräch mit Michèle Binswanger im Südpol-Club.

Die amerikanische Sexologin Maggie Tapert (links) im Gespräch mit Michèle Binswanger im Südpol-Club.

(Bild: Franca Pedrazzetti)

Die 73-jährige Tapert fordert die sexuelle Dominanz der Frau. In ihrer Meinung ist sie resolut. Dem von Filmen geprägten Image der soften und unterwürfigen Frau als Objekt der Begierde tritt sie entschieden entgegen.

Die Frauen können in ihren Workshops mit den anonymen Männern machen, wonach ihnen ist. Die meisten Frauen hätten zuerst keine Idee und schämen sich. Tapert will bei den Frauen den sexuellen Spieltrieb wecken, dass sie den Mann einfach mal penetrieren. «Es gibt hundert Dinge, die man tun kann», sagt sie.

Der Müllhaufen Youtube

André Grzeszyk, Medien- und Filmwissenschaftler an der Uni Lüneburg, betrachtete das gigantische Universum Youtube. Er verzettelte sich auf sympathisch-nerdige Weise völlig in seinem Vortrag über die «grosse Zerstreuungsmaschine» – und brach nach einer Stunde abrupt ab, als er auf die Uhr schaute.

Das Festival war zeitlich in Verzug geraten, aber das Publikum blieb artig und wissensdurstig. Grzeszyks Vortrag pendelte zwischen Faszination, Abscheu und Spott über den «riesigen Müllhaufen» Youtube.

«Wenn’s um China geht, geht es auch um uns.»

Kai Strittmatter, Journalist

Die Debatte darüber, was denn bewahrenswert ist von all dem, das keiner anschaut – die gebe es noch kaum. Youtube sei zum Symbol für den «blinden Wachstumsgedanken» verkommen.

Da war es gut, konnte man noch etwas lachen über absurde Phänomene wie die unglaublich erfolgreichen «Unboxing»-Videos (Auspacken), Kanäle für Fahrstuhl-Fetischisten oder den «Hydraulic Press Channel». Der Kanal veröffentlicht Videos von verschiedenen Objekten, die in einer hydraulischen Presse zerquetscht werden.

Amt für Ehrlichkeit

Den Abschluss machte Kai Strittmatter, lange China-Korrespondent der «Süddeutschen Zeitung», der über das totalitäre Überwachungssystem ein Buch geschrieben hat. Er fand es relativ absurd, um 22 Uhr einen Vortrag zu halten, aber das Publikum füllte die grosse Halle.

«Wenn’s um China geht, geht es auch um uns», sagt er mit warnendem Unterton. Wie sich China von «Kasernenhof-Kommunismus» verabschiedet hat und die «Diktatur digital neu erfindet» – es kommt einem das Gruseln.

Strittmatter berichtet fesselnd vom für Journalisten spannendsten Ort der Welt. Was für ein Gegensatz zum Schröderschen «Alles wird besser» ein paar Stunden zuvor.

Der Journalist Kai Strittmatter erzählt über die digitale Überwachung in China – «wacht auf», mahnte er.

Der Journalist Kai Strittmatter erzählt über die digitale Überwachung in China – «wacht auf», mahnte er.

(Bild: Franca Pedrazzetti)

Ab 2020 überwacht China seine Bürger mittels eines digitalen Punktesystems, vieles ist schon Realität. Es gibt digitale Pranger (public shaming), ein Amt für Ehrlichkeit und bei Verfehlungen keine Flugtickets mehr.

«Es regnet Geld für die künstliche Intelligenz», so Strittmatter. Spätestens 2030 sei China diesbezüglich die Nummer 1. Er warnt: In Europa fehle uns die Einsicht, was da in rasantem Tempo geschehe, China marschiere ins Zentrum der Welt. «Wacht auf!», so Strittmatter eindringlich. Die Rettung nahte kurzfristig an der Bar.

Starkes Zeichen

Das Wissensfestival war ein starkes Zeichen im Zeitalter von Fake News und Intellektuellenfeindlichkeit. Das Experiment – in dieser Art ein Novum – ist geglückt.

Wissen aus dem geschlossenen Diskurs der Expertenkreise für ein «normales» Kultur-Publikum zu öffnen, deckt ein Bedürfnis. Das Neubad macht es seit fast einem Jahr mit den regelmässigen «Lectures» vor. Das nächste «Aha»-Festival ist für Januar 2020 angesagt.

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