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Über den Irrsinn im Bauch des Sonnenbergs
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«So leben wir im Sonnenbergtunnel»: Zusammengepfercht hätten im Ernstfall die Leute im Tunnel gelebt. (Bild: zvg )

Journalist Jost Auf der Maur im Untergrund Über den Irrsinn im Bauch des Sonnenbergs

7 Min 22.04.2017, 05:06 Uhr

Der verdiente Reporter Jost Auf der Maur hat sich aufgemacht, die unbekannte Schweiz zu entdecken. Sein neues Buch ist ein Streifzug in die Unterwelt – da darf die monströse Zivilschutzanlage im Luzerner Sonnenberg nicht fehlen. Ein Autor zwischen Faszination und Kritik am Gigantismus im Verborgenen.

Autor und Abenteurer Jost Auf der Maur hat tief gegraben. Er hat sich auf die Suche gemacht nach Wasserkraftwerken, Hightechlabors, Schatzkammern, Tunnels, Bundesratsbunkern und geheimen Kavernen – kurz: nach der unterirdischen Schweiz. In seinem neuen Buch schildert er die Suche in zwölf Kapiteln.

Da darf natürlich eines der monumentalsten Untertag-Bauwerke nicht fehlen: die Zivilschutzanlage Sonnenberg, die «Stadt ohne Menschen», wie Auf der Maur sie nennt. Das siebengeschossige Gebäude aus Stahlbeton wurde 1976 eingeweiht für den Fall eines Atomkriegs.

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Vom Park in den Bunker

In seiner gewohnt präzisen und schnörkellosen Sprache beschreibt der Reporter, wie er durch das behütete und vornehme Villenquartier am Sonnnenberg hochspaziert. «Die Strassen heissen Berglistrasse, Gigeliweg, Sälistrasse. Tiefer Frieden. Volles Grün.»

Bis er einen kleinen Park mit Kinderspielplatz erreicht, wo das Strässchen vor einer Betonfront endet. DDR-Stil statt Quartiercharme, der Eingang zur gigantischen Bunkerstadt im Sonnenberg, einer der grössten Zivilschutzanlagen der Welt, die 20’000 Menschen Zuflucht gewährt hätte. Im Ernstfall. Der Verein «unterirdisch überleben» bietet Führungen durch die weitläufige Unterwelt (zentralplus berichtete).

Gemütlichkeit sieht anders aus – Stollen im Sonnenberg.

Gemütlichkeit sieht anders aus – Stollen im Sonnenberg.

(Bild: zvg)

Auf der Maur – ganz Journalist – lässt es nicht bei der Beschreibung. Er recherchiert, zeigt Zusammenhänge auf, ordnet ein. Etwa über das «ernsteste aller Worte» – den «Ernstfall». «Damit konnte während des Kalten Krieges fast alles begründet, verlangt und durchgedrückt werden, vor allem auch Dinge, die auf den ersten Blick wenig plausibel scheinen. Zum Beispiel diese Bunkerstadt.»

Der Tunnelblick

Man wird nicht nur an die gewaltigen Dimensionen und irrwitzigen Pläne erinnert mit Operationssaal, Radiostudio, Verwaltungsbüros und Leichenkammer. Der Autor führt den Irrsinn an konkreten Beispielen vor Augen – etwa mit den gigantischen Vorräten der Überlebensnahrung, kurz ULN: «7’000 Tonnen hat die Schweiz von diesem ULN­-Granulat produzieren lassen, bei Nestlé. Zehn Jahre später, 1991, war das Ablaufdatum erreicht. Die ULN landete in den Futtertrögen der Landwirtschaft und bei den Menschen in Ex­-Jugoslawien, wo der ‹Ernstfall› eingetreten war.»

«Die Bunkerstadt war ein hohles Versprechen.»

Jost Auf der Maur

In den beiden Tunnels der Stadtautobahn durch den Sonnenberg hätten sich im Ernstfall die Betten aneinandergereiht – zwei Wochen hätte man gebraucht, um sie herzurichten. Zumindest in der Theorie. Neben aller Ingenieurskunst erinnert Jost Auf der Maur auch an die zahlreichen Nachlässigkeiten der technischen Meisterleistung.

Hohle Versprechen

Er sagt im Gespräch: «Es ist faszinierend zu sehen, was für einen Tunnelblick im wörtlichen Sinn die Verantwortlichen hatten. Dass man ein so monströses Fehlprojekt durchsetzt, wenn das Damoklesschwert des Kalten Krieges über einem schwebt. Es ist gigantisch, hat sehr viel Geld gekostet und hatte so viele gravierende Fehler. Es ist nicht vorstellbar, wie da über 20’000 Menschen zusammengepfercht hätten überleben sollen.»

Zum Beispiel wurde schlicht vergessen, Platz für das Gepäck der potenziell 20’000 Schutzsuchenden einzuplanen. Die erste grosse Übung 1987 endete im Fiasko, eines der grossen, atombombensicheren Tore versagte gar den Dienst. «Die Bunkerstadt war ein hohles Versprechen, die verheissene Sicherheit war nicht einmal ansatzweise vorhanden», schreibt der Autor.

Treppenhaus in den Untergrund im Sonnenberg.

Treppenhaus in den Untergrund im Sonnenberg.

(Bild: zvg)

Es ist ein schmaler Grat zwischen Faszination am Gigantismus und kritischer Einschätzung – Jost Auf der Maur sagt: «Es hat beides eine Rolle gespielt. Ich war fasziniert von der Art und Weise, ich war überrascht von der Grösse und Qualität der unterirdischen Schweiz und amüsiert von den Kuriositäten der verunglückten Projekte – gerade auch in Luzern.»

Die Polizei braucht den Bunker noch

Vieles weiss der einigermassen geschichtlich interessierte Luzerner zwar bereits, doch das schmälert die Lektüre keineswegs. Das Buch packt mit seiner Sprache – mit Sätzen wie diesen: «Die Zeit steht still, auch im Plenarsaal. Die Uhren haben es irgendwann aufgegeben, die unterirdische Zeit zu messen. Niemand braucht sie mehr zu kennen, in der Bunkerstadt ist die Zeit verloren gegangen, es ist eine Stadt ohne Menschen.»

«Die unterirdische Schweiz gehört zur Mentalitätsgeschichte dieses Landes.»

Übrigens ist der Sonnenberg-Bunker heute nicht ganz der Nostalgie überlassen – ein Hauch Ernstfall ist geblieben: Vier ganze Stockwerke hat noch immer die Luzerner Polizei gemietet für den Fall eines «unfriedlichen Ordnungsdienstes», erfährt man im Buch. Da sind tief im Berg Verhörzellen, Leibesvisitationsräume und Arrestzellen für 300 Menschen eingerichtet.

Buchvernissage in Luzern

Jost Auf der Maur: «Die Schweiz unter Tag. Eine Entdeckungsreise.» Echtzeit Verlag. Erscheint am 24. April. Buchvernissage: Mittwoch, 10. Mai, Zivilschutzanlage Sonnenberg. Auf Wunsch mit Führung, Moderation: Pablo Haller.

Informationen zu Führungen in der Zivilschutzanlage gibt’s bei «Unterirdisch überleben». Das Buch zeigt eine Übersichtskarte mit Ausflügen in die Unterwelt. Viele Orte sind gut zugänglich und haben einen Vorteil: Sie sind wettersicher.

Davon können etliche Teilnehmer einer friedlichen Demonstration im Winter 2007 ein Lied singen. Sie wurden von der Polizei eingekesselt und vorübergehend im Sonnenberg eingebunkert – auch das vergisst Auf der Maur nicht zu erwähnen. Immerhin blieb es bis heute der einzige Fall, wo die Polizeiräume im Untergrund zum Einsatz kamen.

Regierungssitz im Berg

Wer genug vom Sonnenberg-Bunker hat, erhält elf weitere packende, erstaunliche und geheimnisvolle Geschichten. «Die Mentalitätsgeschichte dieses Landes hat mich immer interessiert», sagt Auf der Maur. Da gehört die unterirdische Schweiz mit ihrer schieren Grösse einfach dazu. Der Autor wollte möglichst viel mit eigenen Augen sehen und sich ein Gesamtbild machen, soweit das möglich war.

Etwa in Amsteg, Kanton Uri. 1945, als der Krieg zu Ende war, kreuzte da auf einmal der Gesamtbundesrat auf. Im Brindli-Stollen war der lange hoch geheime Bundesratsbunker untergebracht. Alle wussten hier Bescheid, aber schwiegen lange über den 3’000 Quadratmeter grossen Regierungssitz im Berg.

«Ein Werk, geschaffen von hoch qualifizierten Ingenieuren und mies behandelten Gastarbeitern.»

«Hier hinein ins steinerne Herz der Schweiz hätten sie gegebenenfalls ihr nacktes Leben und die bundesrätliche Souveränität retten sollen, falls die Nazis dann doch noch mit Soldaten ins Land gekommen wären», schreibt Auf der Maur. Heute lagern im Stollen Geld und andere Wertsachen in einem Hochsicherheitstresor.

Rahmschnitzel im Stollen

Das Buch zeigt Fotos, wie die mit Täfer ausgestatteten Büros ausgesehen hätten, das edle Esszimmer («Hier sah es aus wie in einem kleinen Landgasthof, wo sonntags Rahmschnitzel mit Nüdeli aufgetragen werden») und die Fernmeldezentrale. Nichts davon kam je zum Einsatz, Jost Auf der Maur beschreibt es minutiös und durchaus kritisch.

Das Sitzungszimmer für die sieben Bundesräte und den Kanzler im Bunker bei Amsteg.

Das Sitzungszimmer für die sieben Bundesräte und den Kanzler im Bunker bei Amsteg.

(Bild: zvg/Armeefotodienst, Bern)

Im Kalten Krieg gab’s einen neuen Bunker bei Brienz, den K10 – er diente bis 1990. Heute gibt’s den K20, «in einem Felsmassiv am Flüsschen Kander». 1986 entschied der Bundesrat, diesen zu bauen mit Platz für 1’000 Personen. Kosten: 250 Millionen Franken. Im Vergleich dazu war der erste Bunker in Amsteg mit 7,2 Millionen Franken billig.

Es wird unheimlich

Weiter reist man mit dem Reporter zu den Mineuren im Gotthardtunnel, in die «Tunneldörfer» Göschenen oder Kandergrund sowie zum Bedrettofenster – dem Eingang zum längsten Tunnel der Schweiz, der nie benutzt worden ist: «Ein sündhaft teures Ärgernis ohne erkennbaren Nutzen.» Und man hört von einem neuen unterirdischen Projekt der Armee fernab der Öffentlichkeit. Auf der Maur beschreibt es als «gigantisches Paket elektronischer Systeme unter der Schweiz» mit Namen NEO.

Spätestens hier wird’s unheimlich. Weil man es nicht mehr mit den Zuständen des Kalten Krieges erklären kann, weil hier und da gelocht wird – und auch angesichts der Kosten zwischen 12 und 15 Milliarden Franken. Darüber konnte das Volk nie befinden und die Kosten würden scheibchenweise im Parlament durchgewinkt, so Auf der Maur.

Eine Stätte des Dankes

Die Suche nach dem Schweizer «U-Gen» ist nicht abgeschlossen – aber sie ist jetzt um einige Kapitel reicher. Was dem Autor wichtig ist: «95 Prozent der Leute, die das alles gebaut haben, waren Ausländer, dieses Verdienst will ich würdigen», sagt er. Es seien dabei viel mehr Leute ums Leben gekommen und verletzt worden, als offiziell dargestellt.

Journalist, Autor und Entdecker: Jost Auf der Maur.

Journalist, Autor und Entdecker: Jost Auf der Maur.

(Bild: zvg)

Er schreibt am Schluss des Buches: «Es sind sicher über 10’000 Tote zu beklagen. Mindestens 50’000 blieben fürs Leben gezeichnet. Das sind Zahlen wie aus einem Krieg. Die Menschen, die diesen ‹Krieg› für uns bestritten haben, kamen aus dem Ausland. Es wäre an der Zeit, dass wir für sie eine Stätte des Dankes und des Gedenkens einrichten.»

Aneinandergereiht würden all die Kavernen, Bunker, Tunnel eine Röhre von Zürich bis Teheran ergeben – 3’750 Kilometer lang. Im Verhältnis zur Landesgrösse ist das weltrekordverdächtig. «Ein Werk, geschaffen von hoch qualifizierten Ingenieuren und mies behandelten Gastarbeitern.» Und nun adäquat aufgearbeitet von Jost Auf der Maur.

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