Typisch Zug: Kanton «vergisst» bei Strassenbauprojekt den Veloverkehr
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Das Tempo in der Unterführung ist hoch, die Sicht jedoch beschränkt. (Bild: ios)

Sanierungspläne in der Kritik Typisch Zug: Kanton «vergisst» bei Strassenbauprojekt den Veloverkehr

4 min Lesezeit 11.09.2020, 05:00 Uhr

Eine Unterführung auf der Kantonsstrasse zwischen Cham und Zug gehört seit jeher zu den Problemkindern der Zuger Strasseninfrastruktur. Gleich daneben befindet sich eine weitere Unterführung für Velos. Beide werden aufwändig saniert – Verbesserungen gibts aber nur für die Autofahrer.

Auf den ersten Blick ist die Unterführung auf der Kantonsstrasse zwischen Cham und Zug ziemlich unspektakulär. Keine Augenweide, aber auch nicht weiter bemerkenswert. Der zweite Blick lohnt sich hier, im Gebiet Alpenblick/Kollermühle, jedoch durchaus.

Die Unterführung hat nicht nur eine lange Geschichte, sondern ist auch eine perfekte Metapher für die Konflikte innerhalb der Zuger Verkehrspolitik.

Nicht ganz dicht

Die sogenannte Strassenwanne, die unter den SBB-Gleisen hindurchführt, ist nicht ganz dicht – war sie scheinbar noch nie. In den frühen 1970er-Jahren erstellt, wurde schnell klar, dass sie dem Grundwasser dort nicht gewachsen war.

Die Unterführung musste bereits mehrfach saniert werden. Nun soll eine umfassendere Sanierung der baulichen Inkontinenz endgültig ein Ende bereiten. Konkret soll eine zusätzliche Wanne eingesetzt werden. Zudem sollen die Fahrbahnen verbreitert werden.

Zurzeit läuft das Baubewilligungsverfahren, wie es bei der Zuger Baudirektion auf Anfrage heisst. Im 4. Quartal 2020 soll der Objektkreditantrag beim Zuger Kantonsrat erfolgen. Dieser wird sich auf rund 16 Millionen Franken belaufen. Der Baustart könnte 2022 erfolgen und rund 1,5 Jahre in Anspruch nehmen.

Brücken müssen angehoben werden

Um das Projekt umzusetzen, müssen SBB-Brücke und Trasse um bis zu 50 Zentimeter angehoben werden. Das bedingt auch Anpassungen der benachbarten Brücke über die dortige Radwegunterführung.

Auch deren Abdichtung soll verbessert werden. So weit, so gut. Besser wird’s für die Velofahrer aber nicht. Gemäss den Plänen wird die Radwegunterführung ansonsten wieder in ihren heutigen Zustand gebracht.

Genau dieser Aspekt steht nun aber im Gegenwind. Undichte Wände und daraus resultierende Pfützen seien das kleinste Problem der Unterführung,  entnimmt man einer Interpellation von den Kantonsrätinnen Tabea Zimmermann Gibson, Esther Haas und dem Kantonsrat Andreas Hürlimann (alle ALG).

Unzulässig unübersichtlich

Das Hauptproblem: Die Unterführung macht eine Kurve. Insbesondere wer von Cham her durch die Unterführung fährt, sieht erst sehr spät, wer einem von der anderen Seite entgegenkommt. Esther Haas kennt die Situation bestens: «Es ist mein täglicher Arbeitsweg.» Die unübersichtliche Stelle sei mehr als nur ein Ärgernis, sie sei schlicht unzulässig.

Die drei Parlamentarier haben eine Interpellation an die Regierung überwiesen. In dieser verweisen sie auf die Anforderungen an die Radwegunterführung gemäss dem Schweizerischen Verband der Strassen- und Verkehrsfachleute (VSS). Demnach müsste eine Unterführung, die derart steil ist, wie jene in Cham eine sogenannte «Anhaltssichtweite» von mindestens 60 Metern haben. Man müsste also mindestens 60 Meter weit sehen, um rechtzeitig bremsen zu können. In Cham beträgt die Anhaltssichtweite jedoch lediglich etwa 25 Meter.

Die Interpellation von Esther Haas zeigt das Problem der Radunterführung anhand der Baupläne auf. (Screenshot)

Seit seiner Eröffnung 2015 wird der Veloweg immer reger genutzt. Die Enge und übersichtliche Unterführung führt seither aber immer wieder zu heiklen Situationen und Konflikten, berichtet Haas aus erster Hand.

«Dass man bei einem 15-Millionen-Franken-Projekt sowas nicht berücksichtigt, ist schade.»

Esther Haas, Zuger Kantonsrätin ALG

Problem bekannt, die Chance nicht

«Es ist einigermassen erstaunlich, dass die Chance dieser Sanierung nicht genutzt werden soll, um auch die Sicherheit der Velofahrer zu verbessern», sagt Kantonsrätin Haas. Es sei umso ärgerlicher, als dass die Probleme der Unterführung längst bekannt seien. «Dass man bei einem 16-Millionen-Franken-Projekt sowas nicht berücksichtigt, ist schade.»

Von der Regierung wollen die drei Parlamentsmitglieder deshalb wissen, ob man bereit ist, in der Frage der Radwegunterführung nochmals über die Bücher zu gehen. Das Projekt ist im Mai bereits öffentlich aufgelegen. Eine Antwort steht noch aus.

Symptomatisch für die Verkehrsplanung

Dass eine mögliche Verbesserung der Radwegunterführung «vergessen» ging, sei leider symptomatisch für die Verkehrspolitik im Kanton Zug, erfährt man von ALG-Kantonsrätin Tabea Zimmermann Gibson: «Es gibt zwar durchaus punktuelle Verbesserungen, die aber nicht in ein wirkliches Netz eingebunden sind. Die Zuger Velofahrer sind in der Folge mit einem unübersichtlichen Flickenteppich konfrontiert.»

«Das Bedürfnis nach neuen und sicheren Radwegen ist auch in Zug enorm gewachsen.»

Tabea Zimmermann Gibson, Kantonsrätin ALG

Bei der Unterführung in Cham verpasse man nicht nur die Chance, eine echte Verbesserung zu bewirken, sagt Zimmermann. Dass nach Abschluss der Arbeiten wieder der Status quo einkehren soll, sei auch Ausdruck davon, dass man die Zeichen der Zeit nicht liest: «Das Bedürfnis nach neuen und sicheren Radwegen ist auch in Zug enorm gewachsen.»

Der Verkehr auf den Velowegen hat nicht nur stetig zugenommen, er ist auch schneller geworden – nicht zuletzt durch das Aufkommen von E-Bikes. «Umso höher müssen mögliche Massnahmen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit gewertet werden», sagt Zimmermann. «Es tut weh, dass das Gespür dafür in der Baudirektion scheinbar nicht vorhanden ist.»

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