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Trotz falschem Bier viel Testosteron auf der Bühne
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Jack Stoiker: Mit rotem Hemd, beigem Anzug und seiner E-Gitarre.

Jack Stoiker in der Luzerner Schüür Trotz falschem Bier viel Testosteron auf der Bühne

3 min Lesezeit 22.12.2016, 16:15 Uhr

Die St. Galler Kultfigur Jack Stoiker betrat am Mittwochabend gleich zwei Mal die grosse Bühne der Schüür: als Support und als Special Guest von Knöppel. Sein neustes Album «Hey Wichsers» ist eine kulturkritische Antwort eines aufmerksamen Beobachters.

Das Thermometer sinkt auf eisige null Grad, und Luzern verwandelt sich, alle Jahre wieder, zum Nebelloch. An dieser bedauernswerten Lage ändern auch die «Engelsstimmen» in der weihnachtlich geschmückten Bahnhofshalle nichts. Ein vielversprechendes Konzert kommt also sehr gelegen. Midi, besser bekannt als Jack Stoiker, ist mit Marc Jenny am Bass und René Zosso am Schlagzeug zurück auf den Schweizer Bühnen.

Unter dem Namen Knöppel veröffentlichten sie am 21. Oktober ihren Erstling «Hey Wichsers». Aufgenommen im Studio von Michael Gallusser (Stahlberger, Lord Kesseli And The Drums). Knöppel ist nicht nur der Nachname eines deutschen Fussballspielers, der in den Achtzigerjahren dreimal für den 1. FC Köln spielte, sondern und vor allem der Inbegriff einer authentischen Ostschweizer Punkrockband, die man so selten zu hören bekommt.

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Jack mit Anzug und Regina

Doch alles der Reihe nach. Bereits vor dem Konzert meldeten sich Knöppel aus dem Backstage. Entrüstet posteten sie in den sozialen Medien ein Foto des Backstage-Kühlschranks – gefüllt mit Feldschlösschen statt Schützengarten. Die Lokalpatrioten von Knöppel zelebrieren ihre Herkunft. Das ist durchaus verständlich, denn neben Stahlberger und Dachs gehören Knöppel zu den wenigen Bands aus der Ostschweiz, die den Mut haben, in ihrem charakteristischen St.-Galler-Deutsch zu singen.

Die erste Hälfte des Abends gehört dann auch Jack Stoiker. Mit rotem Hemd, beigem Anzug und einer in edlem Braunton gehaltenen E-Gitarre betritt er die Bühne. Die Wenigen, die ihn nicht kennen, werden spätestens beim lautstarken Mitsingen darauf hingewiesen, dass er eigentlich ein Original ist. Keines mit Ruhm, aber mit Kult.

Mit Klassikern wie «Wa Chönd D’Vögel Deför», «Unbekannte Hygienebeamte» oder «Regina» fordert Jack das Publikum zum Nachdenken heraus. Während den Songs geht er immer wieder auf die Knie und lässt den Rockstar aus sich raus. Mit hochgezogenen Augenbrauen und in seinem herausgeputzten Anzug wirkt das komisch und authentisch zugleich. Die Besucher können sich ein Lachen nicht verkneifen.

Mit «Di Tütsche sind blöd» performt Jack den Song, mit dem er sich 2013 am Eurovision Song Contest bewarb. Auch bei diesem Lied ist klar, dass man erst nach fünfmaligem «Di Tütsche sind blöd» erfährt, dass eigentlich auch die Franzosen, Italiener, Belgier, Norweger, aber auch die Basler, Innerschweizer (ein Raunen geht durch das Publikum) und die Zürcher blöd sind.

Gehörige Portion Kulturkritik

Ein Blick in das Publikum zeigt, dass etwa 95 Prozent der Anwesenden dem männlichen Geschlecht zuzuschreiben sind. Die restlichen fünf Prozent befinden sich direkt vor der Bühne. Nach einer Zugabe und einer kurzen Pause ist die Zeit reif für Knöppel. Im ersten Moment machen sie in ihrer einheitlichen Aufmachung den Eindruck, als wollten sie zuallererst dem Publikum ihre frisch produzierten Tank Tops verkaufen. Nach dem zweiten Song jedoch merkt man, dass hier nicht die Firma, sondern der Punk den Ton angibt. Dass sie das Fluchen beherrschen, fällt schnell auf. Denn das Wort «Wichser» taucht in allen ihrer Songs auf. «Motherfucker», aber in St.-Galler-Deutsch.

Ja, auch auf den Facebook-Posts von Knöppel kommt das Wort «Wichser» ziemlich oft vor:

Mit vollem Körpereinsatz – wie beim Fussball – überzeugen Knöppel durch pointierte Songtexte. Konsequent setzen sie mit ihrer testosterongeschwängerten Härte die Songs in eine Bühnenperformance um und inszenieren sich selbst als knöppelnde «Wichser». Mit einer gehörigen Portion Kulturkritik – wie im Song «Ziel vor Auge» – erreicht der Abend langsam ein Ende. Und so spielen sie zum Schluss noch den Evergreen «Alti Wunde» von Jack Stoiker. Und zu diesem Zeitpunkt wird klar, dass der Grossmeister Jack nach einjähriger Bühnenabstinenz zurück ist. Als Midi, mit Knöppel und mit dem noch härteren, aber nicht weniger tiefgründigen Punkrock.

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