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«Traumland»: Das Luzerner Theater erforscht neue Gefilde
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Die Seelen der Verstorbenen tauchen als Geister auf.  (Bild: Ingo Höhn )

Schifffahrt in der Nacht als gewagtes Experiment «Traumland»: Das Luzerner Theater erforscht neue Gefilde

4 min Lesezeit 09.09.2018, 12:49 Uhr

Mit «Traumland» geht das Luzerner Theater neue Wege: Das Stück spielt während einer Abendrundfahrt auf dem Vierwaldstättersee. Ein Experiment, das im Grossen und Ganzen überzeugt. Doch die Techniker kommen auf dem Schiff an ihre Grenzen.

Der Saal der MS Saphir ist gut gefüllt. Die Wartenden fummeln an ihrem Headset herum, dem Touristen-Guide, der ihnen beim Betreten des Schiffes ausgehändigt wurde. Das Gerät gibt keinen Ton von sich, die Gäste sind gut gelaunt und gesprächig.

Plötzlich taucht eine Frau am Kopf des Saals auf, ganz verstört bricht sie weinend an der Bar zusammen. Ein Crew-Mitglied führt sie zu einem Platz, die Lichter gehen aus, die Gespräche verstummen. Die Gäste sitzen in absoluter Dunkelheit. Langsam und leise wendet das Motorschiff im Luzerner Seebecken, vor den Fenstern ziehen die Lichter der Hotelpromenade vorbei.

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Es ist keine normale Nachtfahrt auf dem Vierwaldstättersee. Am Samstagabend feierte das Stück «Traumland» des Luzerner Theaters Premiere. Es ist ein Theaterstück, das auf dem Wasser spielt.

Regionaler Text mit aktuellen Ereignissen

Das Stück, inszeniert vom ungarischen Theater- und Filmregisseur Kornél Mundruczó, erzählt die Geschichte von Tina und Roger, beide Opfer der Zugentgleisung vom März 2017 im Bahnhof Luzern. Er ist Fotograf und macht sich auf den Weg, Sitzbänke für einen Reiseführer zu fotografieren. Sie begleitet ihn. So beginnt die Geschichte.

Protagonistin Tina vor der Diawand.

Protagonistin Tina vor der Diawand.

(Bild: Ingo Höhn)

Der Text der ungarischen Autorin Kata Wéber nimmt Bezug auf Hiesiges, ist dabei erfreulich akkurat und behandelt aktuelle Themen der Region. Mittelpunkt der Geschichte bilden das neue Bürgenstock-Resort und das seit Jahren geschlossene «Geisterhotel» St. Niklausen.

«Traumland»

«Traumland» wird noch vom 9. bis und mit 12. September und vom 15. bis und mit 19. September aufgeführt. Beginn ist jeweils um 20.30 Uhr ab Steg 5, gleich vor dem KKL.

Wie ein Hörspiel präsentiert

«Traumland» mimt eine Touristenrundfahrt. Über die Kopfhörer, die jeder Zuschauer trägt, wird der Text wie als Hörspiel präsentiert. Die Stimme Tilo Werners liest über das Headset von den Protagonisten, während man durch die Panoramafenster der MS Saphir die besprochenen Orte an sich vorbeiziehen sieht. Aufgelockert werden die Textpassagen durch gesungene Lieder und eine Dia-Show.

Die Idee ist gut, doch der Einstieg ins Stück ist sehr gemächlich. Man lauscht Werners Stimme ab Band und geniesst die einzigartige Schifffahrt durch die Luzerner Nacht, doch mehr passiert in der ersten Hälfte des Stückes nicht. Dieses Moment der Einfachheit gehört zur Handschrift Mundruczós, wird aber etwas überstrapaziert.

Dramaturgisch gelungene Momente

Ab der Mitte kommt Veränderung ins Stück. Angekommen beim «Geisterhotel» St. Niklausen, wechselt die Kulisse, das alte Gebäude am Fusse des Bürgenstocks wird in rotes Neonlicht getaucht, Rauch und Feuerwerk durchfluten Geister, welche die Hotelpromenade zieren. Die MS Saphir dreht sich langsam hin und her, so dass jeder Gast einen Blick auf die Szenerie werfen kann. Auch die Geschichte auf den Ohren ändert sich, Tragik bricht ein in das vorher geschaffene Idyll von Tina und Roger.

Das «Geisterhotel» St. Niklausen ist hell erleuchtet.

Das «Geisterhotel» St. Niklausen ist hell erleuchtet.

(Bild: Ingo Höhn)

Von jetzt an erlebt das Stück viele sehr gelungene dramaturgische Momente. So erklärt der Text zum Beispiel, wie in der Hitze des Sommers jeder in die kühle Alpenluft fliehen will – was die Anzahl der Bergtoten in die Höhe treibt. Die Gäste, inzwischen seit dreissig Minuten im warmen, fast stickigen Saal der MS Saphir, können trotz der Tragik die Motivation der Berggänger verstehen. In dem Moment wird zum ersten Mal die Schiebetür geöffnet, frische Nachtluft dringt in den Saal, die Leute sind spürbar erleichtert.

Bei der Rückfahrt nach Luzern wird der Text nicht mehr gelesen, sondern von der Schauspielerin Wiebke Kayser vorgetragen. Die Dias sind nicht gezeigt, sondern theatralisch inszeniert. Während der Text sich dem Tod zuwendet, wird das Stück lebendig. Und wie auf der Rundfahrt kommt auch die Geschichte am Ende dort an, wo sie begonnen hatte: bei der weinenden Frau auf dem Schiff.

Technik nicht ganz eingespielt

Der Abend stellte auch die Technik vor einige Herausforderungen. Viele davon wurden kreativ gemeistert, beispielsweise wurden Spot-Lichter oder Strobo-Effekte ganz simpel mit einer Taschenlampe gelöst. Einfach, aber wirkungsvoll.

Die Musiker verwandelten die MS Saphir in einen mystischen Ort.

Die Musiker verwandelten die MS Saphir in einen mystischen Ort.

(Bild: Ingo Höhn)

Dennoch hatte die Technik mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Lautes Feedback auf den Boxen, die Headsets versagten immer mal wieder ihren Dienst und einmal versperrte gar ein Techniker einem Schauspieler den Weg. Dies führte dazu, dass besagter Techniker beim Vorbeigehen dem in Geisterkutten gehüllten Akteur ein paar Worte zuraunte. Ein Bruch der Illusion, der so kaum gewollt – und leider störend war. So wurde man immer wieder aus der mystischen Atmosphäre gerissen, die Mundruczó erschuf.

Ein gewagtes Experiment

«Traumland» ist ein Experiment. Das Luzerner Theater geht wieder einmal neue Wege, verlässt die Geborgenheit seines eigenen Hauses. Auch dies macht das Haus unter Noch-Intendant Benedikt von Peter so erfolgreich. Und das gewagte Experiment fällt trotz kleiner Schönheitsfehler keineswegs ins Wasser.

So ist auch das Ende schön inszeniert. Mundruczó bleibt hier nahe am Film: Der Premierenjubel und die Verbeugungen bleiben aus, denn an Bord gebe es keinen Applaus, erklären die Schauspieler. Wie im Kino gehen die Lichter an, die Leute reiben sich die Dunkelheit aus den Augen, stehen langsam auf, begeben sich von der MS Saphir – und lassen das «Traumland» hinter sich.

Tina im Gespräch mit einem Geist.

Tina im Gespräch mit einem Geist.

(Bild: Ingo Höhn)

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