«Toxische Beziehungen können im Tod enden»
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Weiss, wie es sich anfühlt, in einen Narzissten verliebt zu sein: die Zugerin Chris Oeuvray. (Bild: zvg)

Zugerin über Narzissten und Femizide «Toxische Beziehungen können im Tod enden»

5 min Lesezeit 22.10.2020, 05:00 Uhr

Die Zuger Lebens- und Mentalberaterin Chris Oeuvray sagt, dass hinter Fällen häuslicher Gewalt oftmals ein Narzisst stehe. Gerade nach Trennungen könne es fürs Gegenüber gefährlich werden.

Kann Liebe töten? Klarer formuliert: Kann man aus Liebe töten?

Ja, sagt Chris Oeuvray. Die Zugerin ist Lebensberaterin und Mentaltrainerin. Grösstenteils setzt sie sich in ihrer Arbeit mit narzisstischen Dynamiken auseinander. Dieses Jahr hat sie zudem einen Thriller veröffentlicht: «Tödlich verliebt» (zentralplus berichtete).

«Toxische Beziehungen können mit dem Tod enden. Dessen muss man sich einfach bewusst sein», sagt die 53-Jährige. An diesem Freitagabend referiert sie in Zug gemeinsam mit einer Zuger Polizistin zum Thema Narzissmus und Femizide (siehe Box).

Was sich in den eigenen vier Wänden abspielen könnte

Ein Narzisst oder eine Narzisstin sucht sich in einer Beziehung jeweils ein passendes Pendant – Chris Oeuvray nennt sie Co-Narzissten. Zwischen diesen bestehe eine starke Abhängigkeit. Nachdem ein Narzisst sein Gegenüber anfangs umgarne, es auf Händen trage, zermürbe und destabilisiere er es später systematisch, so Oeuvray. Genauso können aber auch Frauen die Rolle der Narzisstin einnehmen.

Sie vermutet, dass auch bei Gewalt in den eigenen vier Wänden Narzissmus eine Rolle spielt. «Wenn es um häusliche Gewalt und Femizide geht, steht meistens ein Narzisst dahinter, oder ein Mensch, der zumindest stark narzisstische Ausprägungen hat.»

Männer haben Angst, Einfluss zu verlieren

Die Zuger Polizei bestätigt diese Einschätzung Oeuvrays nicht. «Als Strafverfolgungsbehörde ist es unsere Aufgabe, Fakten zu sammeln. Charaktereigenschaften von Betroffenen zu werten, ist nicht Sache der Polizei», heisst es auf Nachfrage.

Auf die Frage hin, ob es ein typisches Täterprofil gebe, schreibt Mediensprecher Frank Kleiner, dass Opfer und Täter bei häuslicher Gewalt oftmals einen Migrationshintergrund hätten. «Männer aus Kulturen mit patriarchalischem Familienmodell haben mit den westlichen Lebensformen, die ihre Frauen zunehmend annehmen, oft Probleme. Vielfach haben die Männer Angst, ihren Einfluss in der Familie zu verlieren.»

Die Zuger Polizei ist tagtäglich mit häuslicher Gewalt konfrontiert. Letztes Jahr musste sie insgesamt 404 mal ausrücken. Seit dem 1. April wurde die Fachstelle Häusliche Gewalt personell aufgestockt. Jetzt kümmern sich drei Mitarbeiterinnen mit gesamthaft 200 Stellenprozenten um den Bereich.

So oft war die Zuger Polizei in den letzten fünf Jahren mit häuslicher Gewalt konfrontiert:

Gerade nach Trennungen kann es gefährlich werden

Wie kommt Oeuvray zu ihrer Einschätzung? Viele ihrer Klientinnen seien betroffen, sagt sie. Einige von ihnen waren oder sind gefährdet, würden gestalkt und bedroht. «Das Problem ist, dass sie so viel in die Partnerschaft investiert haben und nicht wahrhaben wollen, dass es nicht funktioniert hat. Es ist für sie ein persönliches Versagen.»

Viele würden eine toxische Beziehung auch dann noch schönreden, wenn sie belogen, betrogen, ausgenützt, unterdrückt oder gar verprügelt worden seien. Damit würden sie dem Narzissten das Gefühl geben, dass er sich korrekt verhalte. «Das beflügelt ihn, und er wird in seinen Forderungen grenzenlos. Er kontrolliert ihr Denken, ihr Handeln, ihr Leben … bis zum Tod. Er glaubt, er hat das Recht dazu.»

Veranstaltungshinweis

An diesem Freitagabend hätte im Alterszentrum Neustadt in Zug eine Veranstaltung rund ums Thema Narzissmus, häusliche Gewalt und Femizid stattgefunden. Wegen Corona wurde die Veranstaltung nun kurzfristig auf Januar 2021 verschoben. Das genaue Datum folgt. Mehr Infos findest du hier.

Besonders nach Trennungen könne es für Co-Narzisstinnen gefährlich werden. Weil der Narzisst das Gefühl habe, dass das Gegenüber ihm gehöre und mit dem Kontrollverlust nicht umgehen könnte. Oftmals würden sich narzisstische Partner danach nochmals bei der Frau melden und wollen sie treffen, um alles zu klären. Sie würden ihr Hoffnung machen, den Reumütigen spielen. Gerade dann sei Vorsicht geboten, mahnt Oeuvray.

Co-Narzisstinnen seien froh, doch noch zu einem friedlichen Schluss zu kommen. Harmonie sei ihnen wichtig. Das wisse der Partner. «Die Frau glaubt und hofft auf einen friedlichen Schluss und weiss nicht, in welch bedrohlicher Situation sie steckt.»

Denn genau zu der Zeit würden die meisten Femizide geschehen, ist Oeuvray überzeugt. «Oft liest man ‹…kurz zuvor hatte sie sich von ihrem Partner getrennt›.»

Sie rät, den Kontakt komplett abzubrechen. Falls man sich doch treffen will, dann nur an einem öffentlichen Ort, in einem Café, einem Restaurant in der Stadt. Am besten nehme man einen Freund mit oder organisiere jemanden, der einen nach dem Treffen direkt vom Café abholt.

Abgelehnt und rachsüchtig

Doch wann wird ein Narzisst gewalttätig? «Wenn zuvor Gewalt im Spiel war, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass sich die Heftigkeit steigert. Wenn es früher zu keiner körperlichen Gewalt kam, kann sich das nach der Trennung ändern. Das ist unberechenbar, dafür gibt es keine Anzeichen», so Oeuvray. Die meisten narzisstischen Störungen würden sich in einem psychischen Missbrauch zeigen, was nicht weniger traumatisch und genauso gefährlich sein könne.

Der Mensch, der einen anderen körperlich angreife, ihm wehtue oder ihn gar töte, spüre sich in diesem Moment nicht mehr; er sei ausser sich. «Ein Mensch mit narzisstischen Neigungen kann das Gegenüber aus Rache töten. Aus der Verletzung heraus, dass er selbst abgelehnt wurde, entsteht der Wunsch, dem anderen maximal zu schaden. Der Narzisst nimmt sein eigenes Unglück in Kauf.» Es wird vom sogenannten Medea-Syndrom gesprochen.

Diese Erklärung entschuldige sein Verhalten aber nicht, so Oeuvray. «Er ist der Täter.»

Viele Betroffene melden sich bei Oeuvray

Oeuvray wollte mit ihrem Thriller eine Art #MeToo-Effekt auslösen. In der Tat werde sie von vielen Menschen darauf angesprochen und angeschrieben. «Ich bin erstaunt und freue mich, wie viel Rückmeldungen ich von Betroffenen erhalte», sagt sie. «Viele meinten, sie sind alleine. Aber das sind sie nicht.»

Narzissten hätten in den letzten Jahrhunderten viel Anerkennung erhalten, viele seien durch ihr rigoroses Verhalten erfolgreich. Oeuvray will Narzissten nicht bekämpfen, sondern Co-Narzisstinnen (wieder) aufbauen und stärken, damit sich diese gegenseitig unterstützen. Wenn diese ihre Erfahrungen teilen, sich den Rücken stärken und erkennen würden, dass es nicht ihre Aufgabe sei, «einem Narzissten zu dienen», komme etwas in Bewegung. «Je stärker Co-Narzisstinnen sind, desto weniger Macht haben Narzissten.»

Mehr über das Thema und den Thriller von Chris Oeuvray liest du hier:

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