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Tourismus-Experte: «Luzern ist an einem Wendepunkt angelangt»
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Ein kleiner Teil der 12'000 Personen umfassenden chinesischen Reisegruppe hat den Schwanenplatz erreicht. (Bild: bic)

Luzern in gefährlicher Nähe zu Amsterdam Tourismus-Experte: «Luzern ist an einem Wendepunkt angelangt»

6 min Lesezeit 05.06.2019, 10:05 Uhr

Beim Tourismus ist Luzern in den letzten Jahren unter Druck geraten. Dies zeigt eine neue Studie. Denn obwohl immer mehr Gäste die Leuchtenstadt besuchen, profitiert die Bevölkerung zu wenig. Bei der Anzahl Übernachtungen pro Einwohner sind gar Parallelen zur Party-Hochburg Amsterdam auszumachen.

Wie viele und welche Art von Touristen will die Stadt Luzern künftig anziehen? Welche Auswirkungen hat die touristische Entwicklung auf die Bevölkerung und deren Lebensqualität? Diese Fragen sind auch am Vierwaldstättersee in den letzten Jahren vermehrt in den Fokus gerückt und Gegenstand politischer Debatten geworden.

Bei den Verantwortlichen ist man der Meinung, die Zeichen der Zeit erkannt zu haben, und zeigt sich bemüht, das touristische Angebot nachhaltig und zum Vorteil der Einheimischen voranzutreiben. So zumindest sieht die Vision des neuen Präsidenten von Luzern Tourismus, Verkehrshaus-Direktor Martin Bütikofer, auf dem Papier aus (zentralplus berichtete).

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Rechtzeitiges Handeln verhindert «Overtourism»

Dass die eingeschlagene Kursänderung, wonach künftig mehr Wertschöpfung in der Region bleiben soll, angezeigt ist, besagt auch eine neue Studie zum Thema «Overtourism» der deutschen Unternehmensberatungsfirma Roland Berger. Verfasst hat sie der Österreicher Vladimir Preveden. «Unser in der Studie dargestelltes Modell ist meines Wissens die erste Darstellung, die das Phänomen ‹Overtourism› für Städte vergleichbar und quantifizierbar darstellt», sagt er. 

Er hat 52 europäische Städte untersucht, die bei Touristen besonders beliebt sind, darunter auch Luzern. Interessant: Ein Blick auf die Resultate zeigt, dass mehr Touristen nicht unbedingt zu «Overtourism» führen müssen, wenn die Destinationen rechtzeitig entsprechende Massnahmen ergreifen. Oder anders gesagt: «Overtourism» entsteht dort, wo die Politik und die verschiedenen touristischen Player es verpassen, die Entwicklung in für die heimische Bevölkerung erträgliche Bahnen zu lenken.

Luzern hat kritische Phase erreicht

«Ich denke nicht, dass Luzern beim Tourismus schon an Grenzen stösst», sagte der neue Tourismuspräsident vergangene Woche zu zentralplus. Dies bestätigt auch Studienautor Vladimir Preveden. Er hebt aber gleichzeitig den Mahnfinger. 

«Die Tourismusdichte ist in Luzern im Vergleich zu den anderen europäischen Städten schon sehr hoch.»

«Luzern ist aus meiner Sicht an einem Wendepunkt der touristischen Entwicklung angelangt.» Konkret bedeute dies, dass man von einer momentan guten Position aus noch selber bestimmen könne, in welche Richtung es weitergehen soll. Im Gegensatz zu anderen Städten wie Barcelona oder Venedig, die den kritischen Punkt zu spät erkannt haben. 

«Jede Stadt hat eine gewisse Kapazität, weshalb es irgendwann einfach zu viele Touristen gibt, um ein normales attraktives Leben für die Bevölkerung zu ermöglichen», so Preveden. Es komme dann zum Bruch zwischen Einwohnern und Touristen, worunter letztlich beide leiden würden. 

Overtourism = viele Übernachtungen, wenig Wertschöpfung

«Die Tourismusdichte ist in Luzern im Vergleich zu den anderen europäischen Städten schon sehr hoch. Darum ist nun eine konsequente Ausrichtung des touristischen Angebots und der Fokus auf höherwertige Gästesegmente notwendig», rät Preveden. Dies um die stetige Zunahme der Kurzaufenthalter, die vielleicht keine oder nur eine Nacht bleiben, einzudämmen und so gleichzeitig die Wertschöpfung zu erhöhen. Denn Gäste, die länger bleiben, geben nicht nur am Grendel Geld aus, sondern allenfalls auch in Museen oder im Theater. Dieses Credo «Qualität vor Quantität» wird auch in Luzern seit einiger Zeit mantraartig wiederholt.

«Es ist leichter, die Zahl der Logiernächte zu erhöhen, als die Wertschöpfung.»

Allgemein habe sich mittlerweile die Ansicht durchgesetzt, dass das Verhältnis von Übernachtungszahlen pro Einwohner und der Wertschöpfung der entscheidende Indikator für «Overtourism» ist, sagt Preveden. Hält sich das Verhältnis die Waage, besteht keine Gefahr. Die Entwicklung in die gewünschte Richtung zu lenken, sei allerdings eine Herausforderung. Denn «es ist leichter, die Zahl der Logiernächte zu erhöhen, als die Wertschöpfung». Luzern ist also gefordert. 

Luzern und Amsterdam fast im Gleichschritt

Dies zeigt ein kurzer Blick auf die aktuellen Gästezahlen. Letztes Jahr gab es mit gut 1,4 Millionen Logiernächten in Luzern einen neuen Allzeitrekord. Dieser Wert ist also noch ansteigend. Als Tagestouristen, die vergleichsweise wenig zur Wertschöpfung beitragen, kamen aber rund 9,7 Millionen Menschen nach Luzern. Brisant: Was die Anzahl Übernachtungen pro Einwohner betrifft, weicht Luzern nur wenig von der Ferien- und Party-Hochburg Amsterdam ab und die Wertschöpfung ist am Vierwaldstättersee nur unwesentlich höher.

Ein Vergleich mit Paris, das laut der Studie sehr gut unterwegs ist, fördert zudem interessantes zu Tage, was die Wertschöpfung betrifft (siehe Grafik): Während in der französischen Hauptstadt pro Übernachtung rund 170 Euro an allgemeiner Wertschöpfung generiert wird, sind es in Luzern «nur» etwa 125 Euro. In Paris bleiben die meisten Touristen ausserdem zwischen drei und neun Nächte, während es in Luzern im Schnitt weniger als drei sind.

Das Verhältnis von Übernachtungen und Wertschöpfung. Luzern ist derzeit in einer kritischen Phase:

Die Städte bewegen sich in der Regel von unten links nach leicht oben rechts. Luzern (roter Kreis) ist laut Studie momentan in der Kategorie der Städte, die langsam unter Druck geraten (under pressure).

Erläuterung: Je weiter rechts eine Stadt liegt, desto mehr Logiernächte pro Einwohner sind zu verzeichnen. Eine Position weiter oben bedeutet eine höhere Wertschöpfung pro Übernachtung. Luzern (roter Kreis) hat noch eine zu tiefe Wertschöpfung pro Übernachtung und ist unter Druck (under pressure).

(Bild: Quelle: «Overtourism» in Europe’s cities: Action required before it’s too late)

Die geschilderte negative Entwicklung sei aber in Prag geschehen, das heute wie Barcelona oder Venedig unter den vielen Touristen ächzt. «Prag ist eine sehr günstige und schöne Destination, die nach der Wende einen touristischen Neuigkeitswert für Westeuropäer bot und deshalb vor allem bei Millennials sehr beliebt ist», erklärt Preveden. In Prag habe man es aber nicht geschafft, ein touristisches Angebot zu kreieren, welches höherwertige Gästesegmente anspricht.  

Im Gegensatz dazu stünden zum Beispiel Wien oder Paris, die beide vor allem auf die Qualität des touristischen Angebots setzten und bewusst auch das Segment «Premium» anstreben. Die laut Preveden gute Situation von Paris ist insofern interessant, dass die Zahl der Logiernächte pro Einwohner zwar noch höher ist als in Luzern, gleichzeitig aber auch die generelle Wertschöpfung steigt.

Das heisst für Luzern: «Overtourism» beruht nicht nur auf dem subjektiven Negativerlebnis, wenn man sich in der Altstadt durch die grossen Touristengruppen schlängeln muss, sondern auch auf der Tatsache, dass man das Gefühl hat, nicht genügend von den vielen Gästen zu profitieren. 

Hebt auch für Luzern den Mahnfinger: Der österreichische Tourismus-Experte Vladimir Preveden.

Hebt auch für Luzern den Mahnfinger: der österreichische Tourismus-Experte Vladimir Preveden.

(Bild: zvg)

Gesucht: Touristischer Masterplan und Stadtentwicklung

Auch wenn die Anstrengungen gross sein werden, stellt Preveden den hiesigen Verantwortlichen ein befriedigendes Zeugnis aus. «Luzern geht aus meiner Sicht ebenfalls in diese Richtung, wie Paris oder Wien», so der Experte.  

Damit dies aber tatsächlich geschieht, brauche es verschiedene Anstrengungen und die Kooperation mit der Bevölkerung. «Andere Städte erreichen dies dadurch, dass sie einen touristischen Masterplan entwickeln, der sehr eng an die Pläne für die Stadtentwicklung gekoppelt ist», so Preveden. 

Die Verantwortlichen in Luzern sind also gut beraten, die propagierte Richtung konsequent weiter zu verfolgen. Ein erster Schritt wurde bereits gemacht. Die Grünen haben 2017 einen Vorstoss eingereicht und den Stadtrat aufgefordert, eine Vision des Tourismus für das Jahr 2030 aufzuzeigen (zentralplus berichtete). Der Bericht befindet sich derzeit in der Erarbeitung. 

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