Totgesagte Biber nagen wieder
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Der Biber ist zurück: Als nachtaktives Tier bekommt man den Nager nur selten zu Gesicht. Umso deutlicher sind dafür die hinterlassenen Spuren. (Bild: dvm)

Rückeroberung des Lebensraums Totgesagte Biber nagen wieder

7 min Lesezeit 09.07.2015, 14:37 Uhr

Der tierische Architekt ist zurück: Nach über 200 Jahren gibt es in Luzern wieder Biber. Und das vor der Toren der Stadt. Die Rückeroberung des Lebensraums stellt den Kanton allerdings vor Herausforderungen.

Einst gehasst und gejagt, wurden viele Luzerner Wildtiere ausgerottet. Das war einmal, nun sind die bedrohten Arten wieder da. Neben den Wildschweinen und Luchsen erobern zurzeit auch die Biber den Kanton zurück (zentral+ berichtete).

Von den schweizweit rund 2’000 Bibern sind mittlerweile rund 30 im Luzernischen heimisch. «In den umliegenden Kantonen gibt es bereits etablierte Biber-Bestände», weiss Marleen Schäfer, Projektleiterin von «Hallo Biber! Zentralschweiz». «Von den dortigen Gewässern wandern die Biber nun auch langsam bei uns ein, zurzeit vor allem in den nordwestlichen Kantonsteil.» Die meisten Tiere würden entlang von Fliessgewässern wie der Reuss, der Wigger und der Ron leben. Sie seien aber auch an Seen wie dem Baldeggersee anzutreffen (siehe Karte).

Starker Einwanderer: Der Biber dringt im Kanton Luzern von Nordwesten her bis zur Stadt vor. Die Karte zeigt aktuell nachgewiesene Bestände.

Starker Einwanderer: Der Biber dringt im Kanton Luzern von Nordwesten her bis zur Stadt vor. Die Karte zeigt aktuell nachgewiesene Bestände.

(Bild: Google Maps / dvm)

Eine Biberfamilie hat sich gar direkt vor den Toren der Stadt angesiedelt. Bei Rathausen hat es sich im Unterwasserkanal des Wasserkraftwerks eine Biberfamilie bequem gemacht (siehe Bilder in der Slideshow).

Gut versteckt und doch unübersehbar

«Eigentlich sieht man die Spuren im Winter am besten», meint Marleen Schäfer. Weil die karge Vegetation überschaubarer sei und die Spuren des Bibers einfacher zu finden seien als im üppigen Grün des Sommers. 

«Der Biber verändert seine Umgebung wie kein anderes Tier.»

Marleen Schäfer, Projektleiterin Hallo Biber!

«Der Biber ist ein heimlicher Bewohner unserer Flüsse. Man bekommt ihn nur selten zu Gesicht», verrät Schäfer über den nachtaktiven Nager. Dennoch hinterlasse er überall seine Handschrift. «Der Biber ist ein ausgezeichneter Landschaftsarchitekt. Er verändert seine Umgebung wie kein anderes Tier.» Umso spannender seien die Entdeckungen seiner Spuren entlang der Reuss (siehe Box).

Nur wer genau hinschaut, erkennt, wo nicht der Mensch, sondern der Biber am Werk war. Davon zeugen vor allem die immer im selben Winkel «gefällten» Bäume. «Die Stämme werden immer im 45-Grad-Winkel angenagt, was bei grossen Bäumen dann oft sanduhr-förmig aussieht», erklärt die Biber-Kennerin Marleen Schäfer. Das tue der Biber hauptsächlich, um einfacher an die nahrhafte Rinde zu kommen, von welcher er sich ernähre. «Der Biber ist – im Gegensatz zum ebenfalls im Wasser lebenden Fischotter – ein Pflanzenfresser», sagt Schäfer. Das zeige insbesondere sein Gebiss mit den fehlenden Eckzähnen und den zurückversetzten breiten Backenzähnen. Zudem habe er ausserordentlich scharfe Schneidezähne. «Die sind gewissermassen seine Axt», so Schäfer.

Ein guter Holzfäller

Auf den Spuren des Bibers

Als fleissiger Baumeister hinterlässt der Biber markante Spuren. Beim Abendspaziergang mit Marleen Schäfer (Pro Natura Luzern und «Hallo Biber! Zentralschweiz») und Philipp Amrein (Fischereiaufseher Kanton Luzern) gibt es Spannendes über den Biber und seine Lebensweise zu erfahren. Mit etwas Glück können die Tiere sogar beobachtet werden. Die Exkursion findet am Mittwochabend, 26. August 2015, statt. Treffpunkt der rund zweistündigen Begehung ist um 18.00 Uhr bei der Busstation Allmendli in Emmen. Anmelden kann man sich bis 24. August 2015 beim Naturmuseum Luzern unter Telefon 041 228 54 11.

Diese setzt der Biber nicht nur zur Nahrungsmittelbeschaffung ein. Die gefällten Bäume und Sträucher dienen auch als Baumaterial für die bekannten Biberdämme und -burgen. Diese errichtet der Biber zum Schutz seiner Behausung. «Der Eingang zum Biberbau liegt immer etwa einen halben Meter unter der Wasseroberfläche», weiss Schäfer. Damit schütze er sich gegen feindliche Eindringlinge. Die aufwendig erstellte Biberburg diene demselben Zweck, «Schutz vor Feinden am Boden und aus der Luft».

Die Biber an der Reuss hätten es da etwas leichter gehabt, fährt Schäfer fort. «Ihren Bau haben sie einfach in die weiche Uferböschung gegraben.» Da der Eingang bequem unter Wasser angelegt werden könne, seien weder Damm noch Burg notwendig, so die Biber-Expertin. «Lediglich ein Asthaufen, ein sogenannter Mittelbau, zeigt, wo die Biber wohnen.»

Ernst zu nehmendes Gefahrenpotential

Der Biber und sein Lebensraum sind geschützt, seine Akzeptanz gross. Doch wo die Natur dem Menschen in den Weg kommt, beginnt die Suche nach einem Kompromiss. Der grösste Nager Europas verändert seine Umwelt stark: Immer wieder fällt er Gehölze, baut und staut. Von Schäden wie verstopften Abwasserkanälen, Feldüberflutungen und angeknabberten Feldfrüchten wie Mais oder Zuckerrüben sind laut Pro Natura meist nur einzelne Landwirte betroffen. Solche Schäden drohten grundsätzlich auch im Kanton Luzern: Nebst der Reuss wurde der Biber im Baldegger- und Mauensee, an der Ron und kürzlich sogar am Rotsee nachgewiesen. Ein kantonales Biber-Konzept steht deshalb kurz vor dem Abschluss. 

«Biberdämme können zu Überschwemmungen führen.»

Philipp Amrein, kantonale Dienststelle Landwirtschaft und Wald

Dieses soll laut Fischereiaufseher Philipp Amrein von der kantonalen Dienststelle Landwirtschaft und Wald (lawa) das Gleichgewicht zwischen Biber und Mensch im Kanton Luzern garantieren. «Der Biber ist ein guter Architekt und Baumeister», erklärt er. Das könne in der Nähe von Siedlungsgebieten zur Gefahr werden. «Biberdämme können zu Überschwemmungen führen.» Deshalb müsse man von Fall zu Fall abwägen, wie stark der Biber seinen Lebensraum gestalten dürfe, so Amrein.

Wo die Überschwemmungsgefahr und ein hohes Schadenpotential begründet sei, müsse der Lebensraum eingeschränkt werden. Dazu gehöre beispielsweise der Einsatz von Naturstein-Verbauungen im Uferbereich. «So zeigen wir dem Biber die Spielregeln.» Im Fall der Biberkolonie in der Nähe von Pfaffnau, Roggliswil und St. Urban habe man so einen Standortwechsel des Bibers herbeiführen können. «Umsiedeln hingegen ist und bleibt ein Tabu», hält Amrein fest. Das entspreche nicht dem Artenschutz und auch nicht der Wiederansiedlung. 

Im Falle der Biberkolonie an der Reuss bei Rathausen seien solche Massnahmen aber kein Thema. Im Kanal, der das Turbinenwasser abführt, gehe von Biberbauten keine Gefährdung aus, sagt Amrein. «Hier kann der Biber machen, was er will.»

Biber leben gefährlich 

Nicht immer haben es die Einwanderer so einfach. «Noch immer lauern in unseren Flüssen viele Gefahren, welche den Bibern das Leben schwermachen», klagt Schäfer. Nebst zahlreichen noch unüberwindbaren Flusskraftwerken gebe es zu viele kanalisierte und zubetonierte Flussufer: «Rund 90 Prozent der Schweizer Flüsse fliessen nicht mehr natürlich.»

«Wo Biber leben und ihre Umgebung gestalten, ist mehr Platz für die Natur.»

Marleen Schäfer

Vorwiegend Wanderhindernisse wie Wasserkraftwerke und hohe Schwellen seien für die Nager problematisch. «Biber entfernen sich nämlich nur ungern vom Wasser, da sie an Land eher schwerfällig unterwegs sind.» Sie würden bevorzugt entlang von Fliessgewässern in neue Territorien einwandern. 

Genau deshalb mache sich «Hallo Biber!» für mehr natürliche Gewässer mit einer grossen Artenvielfalt stark, so Schäfer. Dabei komme dem Biber eine entscheidende Rolle zu. «Der grosse Nager bringt neues Leben in unsere Gewässer.» Er schaffe mit seinen Stau- und Grabarbeiten besonders vielfältige Lebensräume. Nicht nur für sich, sondern auch für andere Auenbewohner wie Eisvögel und Libellen, Pappeln oder Weiden. «Wo Biber leben und ihre Umgebung gestalten, ist mehr Platz für die Natur.»

Biberbestand in Luzern nimmt zu

Die Wiederbesiedlung der Zentralschweiz durch den Biber ist im Gange. 2013 lebten im Kanton Luzern 12 Biber, vorwiegend in Gewässerabschnitten angrenzend an den Kanton Aargau. Heute sind es bereits mehr als doppelt so viele.

Von 0 auf 2000 in 200 Jahren

Vor rund 200 Jahren wurde er in der Schweiz ausgerottet – und blieb es bis 1956. Damals setzten Naturschützer in den Kantonen Genf, Thurgau und Aargau erfolgreich die ersten Biber aus. Weitere Auswilderungen folgten. Dennoch blieben die Bestände aufgrund der stark verbauten Fliessgewässer klein und voneinander isoliert.

Trotz vielen Hindernissen hat sich der Biber durchgebissen. Aktuelle Bestandsaufnahmen gehen von rund 2’000 Tieren aus. In der West- und Nordostschweiz sind sie wieder zahlreich, die Verbreitungslücke im Mittelland ist inzwischen verschwunden. Heute werden keine Biber mehr ausgesetzt. Hingegen werden menschgemachte Barrieren aus dem Weg geräumt und der Lebensraum bibertauglich gestaltet. So können Jungtiere, welche ihre Familie verlassen, neuen Lebensraum finden.

Dem Biber den roten Teppich ausrollen

Mit der Aktion «Hallo Biber!» von Pro Natura soll das Netz natürlicher und naturnaher Flüsse vom Rhein bis zur Rhone ausgebaut werden. Denn nur wo genügend Gewässerraum für Flüsse und Bäche zur Verfügung steht, finden Biber und andere Fliessgewässerbewohner ein Zuhause.

Das Projekt wurde nach dem erfolgreichen und mittlerweile abgeschlossenen Testlauf in der Nordwestschweiz 2007 im Rahmen der Kampagne «Befreit unsere Flüsse!» auf die gesamte Schweiz ausgeweitet. Seit 2014 ist «Hallo Biber!» auch in der Zentralschweiz aktiv. Das Regionalprogramm setzt gemeinsam mit Gemeinden und Kantonen biberfreundliche Renaturierungsprojekte um. Zudem werden Kinder, Erwachsene und Schulen über den Biber und seine Bedeutung informiert.

Mehr Bilder aus den Luzerner Biberrevieren sehen Sie hier in unserer Slideshow:

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