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Tod oder Freiheit für Luzerner Pech-Schwan
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Gut in ein Leintuch verpackt wurde der Schwan von der Ufschötti in die Schweizerische Vogelwarte Sempach transportiert. (Bild: Bruno Arpagaus/Stadt Luzern)

Rätselhafter Schwan beschäftigt Tierfreunde Tod oder Freiheit für Luzerner Pech-Schwan

5 min Lesezeit 15.02.2016, 15:51 Uhr

Etwas stimmt nicht mit diesem Schwan – doch woran er leidet, bleibt zunächst unklar. Mittlerweile rätselt man gar in Zürich über die Diagnose des in Luzern eingefangenen Tiers. Doch so viel steht bereits fest: Es handelt sich um einen besonderen Pechvogel.

Ein Schwan hockte tagelang einsam am Ufer bei der Ufschötti im Tribschenquartier, bewegte sich kaum und schien zu leiden – bis eine Passantin nicht länger zusehen wollte und sich am vergangenen Freitag bei der Luzerner Polizei meldete.

Vor Ort nahm sich schliesslich Bruno Arpagaus, der diensthabende Pikettchef der Stadt Luzern, des Tiers an. «Ich konnte nicht erkennen, was mit dem Tier nicht stimmt», sagt er, «ob es verletzt, krank oder einfach nur altersschwach ist.» Gefressen habe der Schwan jedenfalls, als er ihm ein bisschen Gras hinlegte. «Immerhin, das ist ein gutes Zeichen», so Arpagaus.

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Doch wie weiter? Das wusste Arpagaus zunächst auch nicht. «In solchen Fällen wende ich mich immer an die Vogelwarte Sempach», meint er. Doch um das Tier dorthin zu bringen, war einiges an Improvisationstalent gefragt, denn spezielle Käfige hat man bei der Stadt Luzern für solche Situationen nicht. Also fuhr Arpagaus nach Hause, um ein Leintuch zu holen. «Den Schwan einzuwickeln, erschien mir als die beste Lösung.»

«Wir können nicht ausschliessen, dass das Tier innere Verletzungen hat oder einen Angelhaken verschluckt hat.»
Vreni Mattmann, Schweizerische Vogelwarte Sempach

Widerstand habe der Schwan kaum geleistet. «Ein paar Mal hat er gefaucht», erzählt Arpagaus. Doch man habe gemerkt, dass das Tier dringend Hilfe benötige und bereits geschwächt war. «Ich habe ein Herz für Tiere», so der Pikettchef weiter. «Ich hätte das Tier auch dann nicht aufgegeben, wenn es komplizierter gewesen wäre, es zu verladen.»

In ein Leintuch eingehüllt konnte der Schwan mit dem Auto nach Sempach transportiert werden. (Bild: Bruno Arpagaus/Stadt Luzern)

In ein Leintuch eingehüllt konnte der Schwan mit dem Auto nach Sempach transportiert werden. (Bild: Bruno Arpagaus/Stadt Luzern)

Und so nahm er den gut verpackten Schwan ins Auto und machte sich auf den Weg nach Sempach. «Während der Fahrt hat der Schwan den Kopf gehoben und neugierig aus dem Fenster geschaut», lacht er.

Ein Pechvogel?

Doch was genau mit dem Tier nicht stimmt, das hat man auch bei der Schweizerischen Vogelwarte Sempach nicht herausgefunden. Dass der Schwan jedoch nicht zum ersten Mal zu Besuch in Sempach war, das ist Vreni Mattmann, Leiterin der Vogelpflegestation, gleich aufgefallen. «Da gibt es kaum Zweifel», meint sie. Das Tier sei erst kürzlich nach einem Unfall an der Tribschenstrasse bei ihr in Behandlung gewesen. 

«Wir unternehmen unser Bestmögliches, um ihn gesund zu pflegen.»
Vreni Mattmann 

Wie bereits zuvor untersuchte Mattmann den Vogel ein weiteres Mal. «Frakturen konnten wiederum nicht festgestellt werden», erklärt sie. Da sich das Tier beim letzten Mal normal verhalten habe und problemlos habe stehen und laufen können, hätte man es zurück in die Freiheit nach Luzern gebracht. Gekostet hat das die Stadt übrigens nichts – die Vogelpflege ist eine Dienstleistung der Schweizerischen Vogelwarte Sempach.

Nun geht’s weiter nach Zürich

Doch dieses Mal geht die Reise des Pechvogels weiter: Die Tierrrettung holte den Schwan diesen Montag in Sempach ab und brachte ihn ans Tierspital Zürich, wo umfangreichere Abklärungen wie Röntgen oder Blutuntersuchungen vorgenommen werden können.

«Wir können nicht ausschliessen, dass das Tier innere Verletzungen hat oder einen Angelhaken verschluckt hat», so Mattmann. Auch eine Bleivergiftung durch das Gründeln, also die Nahrungsaufnahme am Boden des Sees, sei nicht ganz auszuschliessen.

Freiheit oder Tod

Wie geht es weiter mit dem Schwan? Je nach Befund wird er nach der Untersuchung wieder zurück in die Wildvogelpflegestation der Vogelwarte nach Sempach gebracht. «Wir unternehmen unser Bestmögliches, um ihn gesund zu pflegen», sagt Mattmann. Im vergangenen Jahr wurden rund 1500 Vögel auf die Station gebracht – der grösste Teil davon konnte im Anschluss wieder in die Freiheit entlassen werden. Ob das auch beim Luzerner Schwan der Fall sein wird, ist jedoch derzeit noch nicht klar.

«Um in die Freiheit entlassen zu werden, muss der Schwan in der Lage sein, sich artgerecht zu bewegen, genügend Futter zu finden oder vor Feinden fliehen zu können», so die Tierpflegerin weiter. Beim Schwan sei es zudem erforderlich, dass er weiterhin gut schwimmen könne. «Wir sind zuversichtlich, dass der Schwan gute Chancen hat», so Mattmann.

Letztlich gibt es für Wildvögel nur zwei Optionen: Freiheit oder Tod. Wenn also der Schwan nicht mehr fähig sein sollte, ein artgerechtes Leben in Freiheit zu führen, dann wird er eingeschläfert. Bleibt zu hoffen, dass dem Pechvogel aus Luzern dieses Schicksal erspart bleibt. 

Schwanenpopulation in Luzern

Der Höckerschwan gehört zu den schwersten flugfähigen Vögeln weltweit. Ursprünglich ist er in Asien heimisch und wurde bereits im Mittelalter zur Bereicherung der Schlossgärten und Weiheranlagen nach Mitteleuropa gebracht. Immer wieder entflogen und verwildert, siedelte er sich in der Folge an Seen und Flüssen an. 

Wann genau erstmals Höckerschwäne in Luzern auftreten, ist nicht bekannt. Wie die Dienstabteilung für Umweltschutz der Stadt Luzern schreibt, ist jedoch bekannt, dass der Luzerner Grossrat Ludwig Christoph von Wyher im Jahr 1690 der Stadt Luzern vier Schwäne schenkte, die daraufhin ausgesetzt wurden.

Vier ausgesetzte Schwäne

Bekannt ist auch, dass in Luzern Höckerschwäne bereits 1709 unter Schutz gestellt wurden. «Trotzdem waren es um 1900 aus menschlicher Sicht zu wenige, was die Ornithologische Gesellschaft Luzern (OGL) dazu veranlasste, Jungschwäne zu züchten und freizulassen», heisst es weiter. Dieses Projekt schien erfolgreich verlaufen zu sein – denn Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Ruf nach einer Beschränkung laut.

Zwischen 1957 und 1975 wurden über 500 Schwäne nach auswärts verkauft oder verschenkt. Wie es seitens der Stadt Luzern heisst, wurde die Abgabe der Schwäne bis Anfang der 1990er-Jahre fortgesetzt.

Füttern nicht erwünscht

Gemäss der letzten Wasservogelzählung der Ornithologischen Gesellschaft der Stadt Luzern (OGL) lebten im April 2015 in der Luzerner Bucht rund 130 Höckerschwäne. Das Füttern der Tiere mit Brot ist nicht erwünscht – zum einen, da sich der Schwan eigentlich von Wasserpflanzen ernähren sollte, und zum anderen, da Brot eine grosse Lockwirkung auf die Vögel ausübt, wodurch sie sich vermehrt an bestimmten Standorten aufhalten.

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