Tinder und Fitness-Hype spielen Luzerner Partyszene aus
  • Gesellschaft
Philipp Waldis zeigt sich mit DJ Pat Farrell für die Gäste im Vegas nahbar. (Bild: Dominik Kohler)

Ex-Pravda-Pächter: massive Einbusse an Wochentagen Tinder und Fitness-Hype spielen Luzerner Partyszene aus

6 min Lesezeit 02.03.2018, 21:00 Uhr

Das Nachtleben in Luzern befindet sich am Donnerstag und Freitag zunehmend im Dornröschenschlaf. Philipp Waldis weiss, wie man die Branche wieder zum Laufen bringt – und greift dafür auf sein Know-how aus der Zeit als Pächter im Pravda Club zurück.

Hazy Osterwald war einer der Pioniere des Luzerner Nachtlebens. 1968 gründete er den ersten Klub in der Stadt, der seither fünf Mal den Namen gewechselt hat: Von Hazyland zum Garage-Club, vom Garage-Club zum Hexen-Kessel bis zum späteren New Loft und Loft. Heute ist das Lokal bei den Party-Gästen unter dem Namen «El Cartel» bekannt.

Dass in Luzern ständig die Namen der Clubs wechseln oder gar von der Bildfläche verschwinden, hat mehrere Gründe. zentralplus hat Philipp Waldis, den ehemaligen Pächter des Nachtklubs Pravda und den heutigen Besitzer des Vegas Club Luzern getroffen. Waldis kennt die Luzerner Szene wie seine Hosentasche.

zentralplus: Als 20-jährige Studentin habe ich jeden Donnerstag am Nachtleben teilgenommen. Täuscht der Eindruck oder wird die Stadt am Donnerstag- und Freitagabend immer seltener von Party-Gästen besucht?

Philipp Waldis: Es stimmt, das Nachtleben leidet während der Woche. Heute konzentriert es sich hauptsächlich auf den Samstagabend. Ich schätze, dass der Rückgang am Donnerstag- und Freitagabend zwischen 70 bis 80 Prozent beträgt. Die Trendgastronomie leidet vor allem während der Vorfasnacht, der Fasnacht und den Sommerferien.

zentralplus: Also steht den Luzerner Clubs das Wasser bis zum Hals?

Waldis: Nein, das würde ich nicht sagen. Zwar gab und gibt es immer wieder Dürrephasen. Ist diese überwunden, erholt sich das Nachtleben aber wieder.

Zur Person Philipp Waldis

Philipp Waldis hat in Freiburg studiert und das Studium mit dem Schwerpunkt «Medien- und Kommunikationswissenschaften» abgeschlossen. Seit über 20 Jahren ist er aktiver Bestandteil des Luzerner Nachtlebens. Zwischen 2009 und 2014 betrieb Waldis als Pächter den Nachtclub «Pravda» in Luzern. Seit 2012 ist er Inhaber des Vegas Club Luzern.

zentralplus: Ist den Leuten der Ausgang zu teuer geworden?

Waldis: Party-Gäste rechnen und vergleichen stärker als früher. Und: Es gibt mehr Alternativen. Heute fliegt man bereits für 50 Franken nach London, dann überlegt man sich zweimal, ob man für ein oder zwei Getränke denselben Betrag ausgeben möchte.

zentralplus: Kürzlich haben Sie im Vegas Club die Alkohol-Preise gesenkt. Welche marketingtechnischen Überlegungen stecken dahinter?

Waldis: Wir möchten Gäste belohnen, die früh erscheinen und das Vorglühen dadurch eindämmen. Dieses Vorglühen sehen wir als Rebellion der Partygäste gegen die horrenden Getränkepreise. Daneben versuchen wir zusätzliche Dienstleistungen wie den Shuttle-Bus anzubieten. Sie bringen die Gäste direkt vom Bahnhof Luzern vor den Club in Kriens. Der Start des neuen Konzepts war äusserst erfreulich und stiess auf grosse Nachfrage.

«Ein Club muss versuchen, Alternativen neben den Events an den Wochenenden anzubieten.»

Philipp Waldis, Besitzer Vegas Club Luzern

zentralplus: Sie animieren Junge, einfach mehr zu trinken.

Waldis: Falsch. Wir können schneller reagieren, wenn alkoholisierte Gäste an der Bar nach mehr Alkohol verlangen – dann versuchen die Barkeeper, den Gast auf Softgetränke umzulenken. Ausserdem haben wir durch die neuen Getränkepreise eine bessere Kontrolle über Lärmemissionen. Die Gäste verlagern ihren Trink-Standort ins Clubinnere.

zentralplus: Kann sich ein Club diesen Entwicklungen überhaupt entziehen, oder ist man gezwungen, sich anzupassen?

Waldis: Grundsätzlich muss ein Club versuchen, Alternativen neben den Events an den Wochenenden anzubieten. Ist der Club gross, wäre es möglich, Firmenanlässe durchzuführen, was im Vegas mit namhaften Firmen gut geglückt ist. Eingesetzte Showelemente aus dem Nachtleben machen dann den Abend zum einmaligen Erlebnis. Die Chance wächst, dass eine Firma anschliessend wiederkehrt oder neue Firmen auf die Lokalität aufmerksam werden. So kann man neue Kundenbeziehungen aufbauen und gleichzeitig Marktnischen nutzen.

Clubs haben die Möglichkeit, auf sinkende Zahlen zu reagieren, indem sie Firmenanlässe durchführen – und die Showelemente während dem Anlass einbauen.

Clubs haben die Möglichkeit, auf sinkende Zahlen zu reagieren, indem sie Firmenanlässe durchführen – und die Showelemente während dem Anlass einbauen.

(Bild: Vegas Dance Club)

zentralplus: Man könnte aber auch behaupten, dass durch Dumping-Preise der Konkurrenzkampf zwischen den Clubs angeheizt wird.

Waldis: Das denke ich weniger. Klar, einige Clubs werden auf die gesunkenen Preise reagieren. Allerdings hängt das auch von der Effizienz eines Clubs ab. Bei vielen Clublokalen lässt man die Angestellten arbeiten, ohne selber aktiv zu werden. Dadurch verdienen sich gewisse Personen im Hintergrund ein «goldenes Händchen». Den Preis für die starren Gebilde der verstaubten Gastronomie zahlen dann die Gäste, indem sie zum Beispiel hohe Getränkepreise zahlen müssen.

zentralplus: Woran liegt es, dass Clublokale nach einigen Jahren schliessen oder sich neu erfinden müssen?

Waldis: Das gesamte gesellschaftliche Verhalten hat sich gegenüber von früher verändert. War man vor zwanzig Jahren Single, ging man tanzen, suchte die Face-to-face-Kommunikation. Heute schafft das Internet Abhilfe.

Online-Partnerbörsen wie Tinder oder der Fitness-Hype sprechen gegen einen Partyabend. Wo man sich früher noch im Nachtleben zur Schau stellte, greift man heute nach dem Smartphone. Wieso sich also die Mühe machen und tanzen gehen?

zentralplus: Was sind die grössten Veränderungen gegenüber dem Nachtleben vor 20 Jahren?

Waldis: Die Anforderungen sind gestiegen. Damals zahlte man einen Eintritt von ungefähr zwanzig Franken, betrat eine Tanzbühne mit Drehlichtern, die Musik spielte bereits im Hintergrund und schon wurde der Abend zum Erlebnis.

«Das Nachtleben folgt Lebenszyklen, auf die man reagieren muss. Es braucht mehr kreativen Geist als je zuvor.»

Philipp Waldis, Besitzer Vegas Club Luzern

zentralplus: Also trinken die Gäste nicht nur Bier?

Waldis: Nein, die Gäste von heute sind anspruchsvoller. Sie stellen das Erlebnis vor den Konsum.

zentralplus: Und wie reagiert man als Veranstalter auf diese Veränderungen? 

Waldis: Durchhaltevermögen ist gefragt. Das Nachtleben folgt Lebenszyklen, auf die man reagieren muss. Deshalb ist es manchmal nötig, das Konzept anzupassen oder gar zu wechseln. Es braucht mehr kreativen Geist als je zuvor.

zentralplus: Auch die Musik wechselt: Von Rock ging es zu Hip Hop und Pop, Elektro und Reggaeton. Wo stehen wir in der Entwicklung?

Waldis: Es stimmt, Musik ist wie Mode, auch sie wechselt ständig. Aber nicht nur das: Auch die Musik hat sich diversifiziert, so existieren heute mehrere Moden gleichzeitig nebeneinander. Nun muss sich ein Club entscheiden ­– das birgt immer ein gewisses Risiko, weil Musik extrem kurzlebig ist.

zentralplus: Und wie evaluiert ihr? 

Waldis: Wir halten ständig die Augen oder in unserem Fall die Ohren offen. Wir beobachten die Veränderungen auf Musikplattformen, sind gleichzeitig aber auch in ständigem Kontakt mit Veranstaltern und natürlich den Gästen. Der grösste Fehler wäre es, an den Gästen vorbeizuplanen. Man muss ihren Puls fühlen, Wünsche von ihnen aufnehmen. Aber auch hier gilt: Eine 100-prozentige Trefferquote gibt es nicht.

Philipp Waldis zeigt sich regelmässig bei den Gästen in gemieteten Loungen, um die Kundenbeziehung zu pflegen.

Philipp Waldis zeigt sich regelmässig bei den Gästen in gemieteten Loungen, um die Kundenbeziehung zu pflegen.

(Bild: Vegas Dance Club)

zentralplus: Vor dreissig Jahren war es üblich, im Stammlokal tanzen zu gehen. Kann man heute noch von «Stammgästen» sprechen?

Waldis: Natürlich, ohne Stammgäste funktioniert es nicht. Über die Ausrichtung eines Clubs bestimmt die Grösse, und diese hat einen wesentlichen Einfluss auf die Bildung von Stammgästen. Ist der Club klein und überschaubar, ist er familiärer. Es ist einfacher, Stammgäste zu bilden. Ist er weitläufig, wird man auch als Gast anonymer, und für uns wird es schwieriger, ein Stammklientel aufzubauen. Das Pravda war zum Beispiel ein Community-Club. Der Vanilla Club im Tessin ist grösser und dadurch auch anonymer. Für gewisse Gäste hat nämlich auch die Anonymität seinen Reiz.

zentralplus: Wie pflegen Sie die Stammkunden?

Waldis: Die wichtigste Beziehungspflege findet nach wie vor im Club statt. Zum Beispiel dann, wenn ein Barkeeper an der Bar auf einen Gast trifft oder ich als Betreiber in den Lounges vorbeigehe und mich wie ein Koch in einem Restaurant bei den Gäste zeige und frage, ob sie zufrieden sind. Gerade in der heutigen Zeit ist es umso wichtiger geworden, nicht Praktikanten diese Funktion zu übertragen, sondern als Geschäftsführer für die Gäste nahbar zu sein.

zentralplus: Und wie sieht die Zukunft im Nachtleben aus?

Waldis: Wir müssen eine Show liefern, ein Team haben, das für das Nachtleben lebt – das beginnt beim Türsteher, der deeskalierend reagieren muss, und endet beim Barkeeper, der mehr sein muss, als ein Getränkeautomat.

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