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Tierversuche, Anti-Baby-Pille und fünfbeinige Frösche
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Bernhard Wehrli beim Steg der Eawag in Kastanienbaum. (Bild: les )

Was forscht die ETH am Vierwaldstättersee? Tierversuche, Anti-Baby-Pille und fünfbeinige Frösche

5 min Lesezeit 18.11.2016, 17:25 Uhr

In Kastanienbaum forschen 80 Wissenschaftler im Auftrag der ETH. Die breite Öffentlichkeit erfährt wenig davon – Zeit für einen Besuch. Dabei fühlten wir uns in die Schulzeit zurückversetzt, stiessen auf Tierversuche und erfuhren, welche Auswirkungen die Anti-Baby-Pille auf die Fische hat.

In Kastanienbaum auf der Horwer Halbinsel an bester Lage am Vierwaldstättersee befindet sich die Eawag. Nie gehört? Die Eawag ist das Wasserforschungsinstitut der ETH. Immer noch Bahnhof? Ging dem Verfasser ähnlich – deshalb nochmals von vorne.

Ist der See sauber, wenn man im Sommer darin schwimmt? Welche Fische leben in unseren Gewässern? Reinigen unsere Kläranlagen das Wasser eigentlich genügend? Auf alle diese Fragen weiss die Eawag eine Antwort. Das Hydrobiologische Labor in Kastanienbaum wurde vor exakt 100 Jahren gegründet. Seither wird dort Seeforschung im Auftrag des Bundes betrieben.

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«Wir sind keine PR-Agentur.»

Bernhard Wehrli, ETH-Professor

Hauptaufgabe heisst Forschung

Mittlerweile arbeiten 80 Forscher in Kastanienbaum. Bernhard Wehrli, Forscher am Eawag und ETH-Professor, sagt: «Wir sind stolz, der einzige Innerschweizer Standort der ETH zu sein.» Zwar seien die Schwerpunkte der ETH klar in Zürich und Lausanne, aber daneben würde der Staat auch vier Forschungsinstitute in der ganzen Schweiz finanzieren. Dazu gehören das Paul-Scherer-Institut, die eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt EMPA, die eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL – und eben die Eawag.

In Kastanienbaum arbeiten rund 80 Forscher.

In Kastanienbaum arbeiten rund 80 Forscher.

(Bild: les)

International anerkannte Forschungsanstalt

Ausstellung im Naturmuseum Luzern

Vom 19. November 2016 bis zum 28. April 2017 findet im Treppenhaus des Naturmuseums Luzern eine Ausstellung statt. Aus Anlass des 100-Jahre-Jubiläums gibt die Eawag einen Einblick in den See, die Geschichte und Tätigkeiten in Kastanienbaum von 1916 bis 2016.

Doch warum forscht die Eawag so unter dem Rader der Öffentlichkeit? «Wir sind keine PR-Agentur», sagt Wehrli schmunzelnd. Das Institut verfolge andere Aufgaben. «Unser Hauptmandat ist die Forschung. Unsere meist englischen Publikationen sind im Forschungskreis bekannt und das Eawag geniesst international einen tollen Ruf.» Zudem würde die Eawag häufig Behörden beraten, etwa in Fragen des Gewässerschutzes. «Das können technische Fragen sei, etwa zu Kläranlagen oder der Trinkwasserversorgung, aber auch regulatorische, beispielsweise Gewässersanierungen.»

Um einen Einblick zu gewähren, führt Wehrli durch die Räumlichkeiten der Eawag. Man fühlt sich in den Chemie- oder Biologieunterricht in Schulzeiten zurückversetzt. Nur scheint alles noch viel komplizierter – wissenschaftlicher halt – abzulaufen. In Labors werden Proben mit allen möglichen technischen Mitteln analysiert. Und ein Forscher ist gerade daran, ein neues Messgerät zu entwickeln, das man künftig auf dem Seegrund einsetzen könnte und das blitzschnell Resultate liefern kann.

So sieht ein Labor im Eawag aus.

So sieht ein Labor in der Eawag aus.

(Bild: les)

Wir werden Zeuge von Tierversuchen und einer Lebensrettung

Für Laien spannender wird es im nächsten Raum. Dutzende Aquarien stapeln sich übereinander und in allen schwimmen kleine Fische. «In jedem Aquarium befindet sich eine Population», sagt Oliver Selz aus der Abteilung Fischökologie und Evolution. Und was will man hier erforschen? «Wir kreuzen verschiedene Fischarten miteinander und schauen, was dabei herauskommt.» Man achte etwa auf die Grösse der frisch gezüchteten Fische oder welche Farben an welcher Stelle dominant sind.

Gibt es keine ethischen Probleme bei solchen Tierversuchen? «Wir haben eine Bewilligung. Klar ist es auf der einen Seite brutal, dass diese Fische nur zu Forschungszwecken leben und nachher getötet werden», sagt Selz. «Aber wir machen ja keine Versuche, bei denen Fische in irgendeiner Art leiden müssen.» Und noch etwas will Selz anbringen: «Die Aquarien sehen jetzt leblos aus und viele Fische befinden sich auf kleinem Raum.» Das sei allerdings Absicht. «Ansonsten führe es zu Territorialkämpfen zwischen den Männchen, die Schwachen werden getötet.» Der Zufall will es, dass Selz gerade einen kleinen Fisch entdeckt, der von anderen Männchen verstossen wurde. Er rettet ihm das Leben.

 

Dutzende Fischpopulationen sollen neue Forschungserkentnisse liefern.

Dutzende Fischpopulationen sollen neue Forschungserkenntnisse liefern.

(Bild: les)

Weshalb ist das Wasser grün?

Zurück im Büro von Bernhard Wehrli. Was machen die Forschenden im Kastanienbaum genau? «Ein wichtiges Feld ist die Wasserqualität. Man will wissen, ob das Wasser verschmutzt ist.» Aus der Landwirtschaft oder aus Kläranlagen können Nährstoffe in die Gewässer gelangen. Und eine weitere Art der Verschmutzung sei eine chemische durch irgendwelche Lösungsmittel oder Arzneimittel. «Das zweite grosse Feld ist die Biologie. Man will die Ökosysteme kennen.»

Was ist die Faszination dieser Naturwissenschaften? Wehrli macht ein Beispiel: «Als Kind entdeckte ich eine Kiste mit den Taschenuhren meines Grossvaters. Ich war interessiert und wollte wissen, wie die funktionieren. Also begann ich diese auseinanderzunehmen.» Und ganz so ähnlich funktioniere es mit den Gewässern. «Wir wollen herausfinden, wie die Gewässer ticken. Was für Fische und Pflanzen gibt es? Wieso ist ein See verschmutzt? Und weshalb ist das Wasser grün oder blau?»

Und wie schaut es denn aus mit der Sauberkeit der Luzerner Seen? «Sie haben sich stark verbessert, aber der Baldegger- und der Sempachersee gehören weiter zu den Sorgenkindern im Mittelland.» Die Fischvorkommnisse seien insbesondere im Vierwaldstättersee erstaunlich vielfältig. «Erst vor Kurzem haben wir so etwas wie eine Fisch-Volkszählung durchgeführt. Also eine Bestandsaufnahme in allen grossen Schweizer Seen, zum Teil bis in 300 Meter Tiefe», erklärt Wehrli.

Wie ist das mit der Anti-Baby-Pille?

Immer wieder taucht die Frage auf, wie hormonelle Verhütungsmittel des Menschen in die Umwelt gelangen und was die Auswirkungen insbesondere auf die Tiere davon sind. Wehrli erklärt: «Man nennt dies Verschmutzung durch Mikroschadstoffe. Bereits in einer ganz kleinen Konzentration – also einem Millionstel Gramm pro Liter – sind Auswirkungen spürbar.» Man sei daran, Lösungsansätze zu entwickeln. Als Hauptproblem ortet Wehrli, dass die Stoffe in den Kläranlagen nicht ausgefiltert würden. «Basierend auf unserer Forschung haben wir ein Programm gestartet. Wir wollen 100 grosse Kläranlagen aufrüsten.» Und die Tiere? «Es kann vorkommen, dass Frösche fünf Beine haben oder Fische eine Geschlechtsumwandlung vollziehen und anschliessend nicht mehr fortpflanzungsfähig sind.» In der Schweiz müsse man auch immer bedenken, dass unser Verhalten Auswirkungen auf unsere Nachbarländer hat, weil alle grossen Flüsse ihren Ursprung im Wasserschloss Schweiz haben.

«Ein Naturwissenschaftler braucht keine politische Ideologie, sondern in erster Linie Neugierde.»

Bernhard Wehrli

Täuscht der Eindruck oder sind die Messungen des Eawag für die Öffentlichkeit vor allem von Interesse, wenn die Gewässer schmutzig sind? Wehrli widerspricht nicht. «Wir verstehen es schon als unsere Aufgabe, frühzeitig Probleme zu erkennen und den Mahnfinger zu erheben.» Das könne zuweilen etwas undankbar sein. Allgemein müsse man festhalten, dass die Wasserqualität in der Schweiz gut sei. «Aber unsere Gewässerforschung ist auch ein Exportartikel.»

Ob man ein Grüner sein muss, um beim Eawag zu arbeiten, wollen wir abschliessend wissen. Wehrli schmunzelt und verneint: «Ein Naturwissenschaftler braucht keine politische Ideologie, sondern in erster Linie Neugierde. Wir hatten auch schon einen Doktorierenden, der sich aktiv bei der SVP engagierte.»

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