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Tierquälerei in Ufhusen: Kälber trinken nun Qualitätsmilch
  • Wirtschaft
Im Ufhuser Weiler Rufswil mussten Dutzende verletzte Rinder von einem Quälhof geborgen werden.  (Bild: google maps / flickr)

Bauer Urs B. wird seine Milch kaum mehr los Tierquälerei in Ufhusen: Kälber trinken nun Qualitätsmilch

3 min Lesezeit 28.12.2017, 18:20 Uhr

Nachdem der Luzerner Kantonstierarzt 31 kranke Rinder in Ufhusen abholen liess, hat der Tierhalter ein Problem: Niemand will seine Milch mehr. Sie wird nun als Tierfutter verwertet – obwohl sie hygienisch einwandfrei ist. Die Zentralschweizer Milchproduzenten stecken in der Zwickmühle.

Über den Daumen gepeilt 1’500 Franken muss sich der Hinterländer Grossbauer und Kiesbaron Urs B. ans Bein streichen – jeden Tag. Denn der Milchverarbeiter Emmi will seine Milch nicht mehr. «Die Einhaltung des Tierschutzgesetzes und das Tierwohl sind für uns zentral», sagt Unternehmenssprecherin Sibylle Umiker gegenüber zentralplus. Abgeholt und vermittelt wurde die Milch der gequälten Tiere von der Genossenschaft der Zentralschweizer Milchproduzenten (ZMP), die gleichzeitig auch Hauptaktionärin von Emmi ist.

Die ZMP holt Urs B.s Milch auch weiter in Ufhusen ab – «denn die Kühe müssen ja gemolken werden», wie Carol Aschwanden von den ZMP sagt. «Allerdings gelangt sie nicht mehr in die Lebensmittelindustrie.» Sie wird nun einem Luzerner Tierfutterhersteller verkauft und in der Kälbermast eingesetzt. «Einen Abnehmer zu finden, war nicht einfach», so Carol Aschwanden.

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Trotz dreckiger Umgebung gute Milch

Für Urs B. bedeutet dies einen erheblichen wirtschaftlichen Verlust, denn für den Liter Tiernahrung erhält er weniger als 20 Rappen, während er vorher mit einem Preis von rund 55 Rappen für einen Liter Industriemilch rechnen durfte.

«Einen Abnehmer für die Milch zu finden, war nicht einfach.»

Carol Aschwanden, Zentralschweizer Milchproduzenten (ZMP)

Gerüchten aus bäuerlichen Kreisen zufolge, wonach er auch Probleme beim Absatz seiner Erzeugnisse gehabt habe, tritt Aschwanden entgegen. «Seine Milch war eigentlich immer gut.» Dies bestätigt auch der Kantonstierarzt Otto Ineichen. Die Vorgaben zur Milchhygiene seien erfüllt worden, «die Verkehrstauglichkeit war nicht tangiert.» Offensichtlich können auch kranke Kühe gesunde Milch geben.

Lebensmittelindustrie will mit Quälerei nichts zu tun haben

Die ZMP hat nach der Intervention des Veterinäramts von der Milch neuerliche Proben genommen und im Labor untersuchen lassen. «Sie war einwandfrei», sagt Aschwanden. Gefrierpunkt, Keim- und Zellzahlen hätten keinen Anlass zu Beanstandung gegeben.

Der Luzerner Kantonstierarzt Otto Ineichen während der Pressekonferenz am Mittwochnachmittag.

Kantonstierarzt Otto Ineichen: «Die Verkehrstauglichkeit der Milch war nicht tangiert.»

(Bild: giw)

Für die Genossenschaft ist der Fall von Urs B. der Erste, in dem man einen Lieferstopp für gute Milch verhängt, erzählt Aschwanden. Dies sei aber notwendig, um einen Imageschaden für die Molkereibranche abzuwenden. Wer will schon Produkte kaufen, die mit Milch «vom Quälhof» hergestellt wurden, wie Medien den Ufhuser Betrieb nennen?

150’000 Liter Milch im Monat

Viele Bauern hätten eine Versicherung für den Fall, dass sie ihre Milch wegen hygienischer Mängel nicht absetzen können. Aber ob in diesem Fall eine Versicherung zahle, sei fraglich, so Aschwanden. 

Schicksal der geschundenen Kreaturen ungewiss

Anfang Jahr alarmierten durch jämmerliche Tierlaute beunruhigte Anwohner aus Ufhusen die Behörden. Vor gut einer Woche schritt dann der Luzerner Veterinärdienst ein und beschlagnahmte an sechs Standorten 31 verletzte Rinder. Dem Besitzer der Tiere aus dem Weiler Rufswil droht nun ein Gerichtsverfahren wegen Tierquälerei (zentralplus berichtete). Wie es den geschundenen Rindern geht – ob sie auf dem Weg der Besserung sind oder eingeschläfert wurden – will Kantonstierarzt Otto Ineichen «aufgrund des Amtsgeheimnisses und der Datenschutzbestimmungen» nicht verraten.

Die ZMP ist aber ohnehin in einer Zwickmühle, denn sie muss verschiedene Interessen berücksichtigen. Einerseits vermarktet sie die Milch und achtet für ihre Kunden auf Nachhaltigkeit, Tierschutz und Hygiene. Auf der anderen Seite muss sie auch für ihre Mitglieder sorgen, die ihre Milch zu einem guten Preis loswerden wollen – denn sie ist ja eine Genossenschaft von 3’100 Erzeugern. Urs B. ist einer der grössten unter ihnen. Er hält immer noch 420 Stück Vieh an mehreren Standorten – und liefert jeden zweiten Tag 10’000 Liter Milch ab. 

Datenschutz für «Quälhof»

Dennoch: «Wir haben sofort Massnahmen eingeleitet, weil wir wissen wollten, wie es um das Wohl der Kühe steht, deren Milch wir abholen», sagt Carol Aschwanden. Man habe Kontakt mit dem kantonalen Veterinäramt aufgenommen. Dieses gebe aber aus Datenschutzgründen keine Informationen heraus, was eine Zusammenarbeit schwierig mache, so Aschwanden. 

Deswegen haben die ZMP das Tierwohl durch einen eigenen Berater überprüfen lassen und eine unabhängige Kontrollstelle beauftragt, «das Wohl und die Gesundheit der Tiere langfristig sicherzustellen», wie Aschwanden sagt. Wenn der Bauer bei dem Prozess mitmache und der Tierschutz gewährleistet sei, könne man vielleicht eines Tages wieder bei Emmi anklopfen und wegen neuerlicher Milchlieferungen anfragen.

Muss vielleicht bald mehr Steuern zahlen. Emmi gehört zu den grössten Unternehmen im Kanton Luzern und errichtet in der Stadt Luzern gerade einen neuen Hauptsitz.

Milchverarbeiter Emmi: Hier ging in der letzten Zeit sämtliche Milch von Urs B. hin.

(Bild: Emanuel Ammon/AURA)

 

 

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