Therapeutische Gruppensitzung in der Box
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Schauspielerin Verena Lercher als Nora. Regisseur Bram Jansen widmet sich in der Box Henrik Ibsens Werk «Nora oder ein Puppenheim».

Luzerner Theater zeigt «What about Nora» Therapeutische Gruppensitzung in der Box

4 min Lesezeit 1 Kommentar 23.01.2017, 16:28 Uhr

Mit «Nora oder Ein Puppenheim» löste Henrik Ibsen vor 138 Jahren den Urknall für die Frauenbewegung aus. Im Original stand die Emanzipation der Frau im Zentrum stand. Heute geht es um die Frage nach der Selbstverwirklichung, die zum Erschöpfungszustand führen kann. 

Zwei Wochen, nachdem ihn seine Frau Nora verlassen hat, sitzt Torvald Helmer in einer therapeutischen Gruppensitzung.

Auch 138 Jahre nach der Uraufführung von Henrik Ibsens «Nora oder Ein Puppenheim» ist es dem gewissenhaften und gesetzestreuen, aber keineswegs unsympathischen Bankdirektor noch immer unerklärlich, warum seine Frau ihn und die drei Kinder verlassen hat. Lakonisch meint er dazu: «Es geht mir gut. Warum ich hier bin, ist mir nicht ganz klar.»

Trotzdem soll ihm nun eine Familienaufstellung Klarheit verschaffen, das Unfassbare zu begreifen. Dazu wählt er, wie es diese Therapieform vorsieht, für abwesende Familienmitglieder Stellvertreter aus dem Kreis der anderen Hilfesuchenden. Was nun folgt, ist eine etwas skurrile therapeutische Selbstoffenbarung der fünf in Helmers Tragödie involvierten Personen.

Erschöpfende Selbstbefragung und parodistische Floskeln 

Ganz dem heutigen Zeitgeist entsprechend – und im Gegensatz zum Original – wird in der Box des Luzerner Theaters, wo dieser Klassiker des Naturalismus zurzeit aufgeführt wird, nun allen Beteiligten die Gelegenheit geboten, aus ihrem Erleben heraus das Geschehene zu kommentieren. Dass die Rolle des Therapeuten abwechselnd von allen Beteiligten übernommen wird, ist dabei mit ein Grund, warum die therapeutischen Anleitungen, aus denen eine erschöpfende Selbstbefragung hervorgeht, zuweilen zu parodistischen Floskeln verkommen.

Schauspielerin Nina Langensand in «What about Nora?» in der Box.

Schauspielerin Nina Langensand in «What about Nora?» in der Box.

(Bild: Ingo Höhn)

Henrik Ibsens löste im Jahre 1879 mit seinem naturalistischen Drama einen Skandal aus. Und das nur, weil sich seine Heldin im Verlauf der Entwicklung und im Gegensatz zum traditionell klassischen Drama gegen den Suizid und für das Leben entscheidet. Um diese Nora, von ihrem Mann selbstredend bloss «Zwitscherlerche», «Eichhörnchen» und «Schleckmäulchen» genannt, entfaltet sich ein Konflikt um Ehre und Betrug, Liebe und Gesetzestreue.

Das bürgerliche Glück zerbricht

Verrückt: Nur weil Nora Geld aufnimmt und dafür eine Unterschrift fälscht, um mit einem Italienaufenthalt ihren kranken Mann vor dem Tod zu bewahren, zerbricht das bürgerliche Glück. Involviert in die Ehekrise der Helmers sind der schwerkranke Hausfreund Doktor Rank, der betrügerische, aber läuterungswillige Angestellte Krogstad und Christine Linde, eine alte Freundin Noras.

Das Skandalöse an Ibsens Enthüllungsdrama ist, dass sich eine Frau aus ihrer unmündigen Rolle emanzipiert und es wagt, den Ehemann und ihre drei Kinder zu verlassen, um fortan ein selbstbestimmtes, ein aus ihrer Unmündigkeit befreites Leben zu führen. Das war ein Urknall für die Frauenbewegung.    

Individualisierung bis zur Selbsterschöpfung

Was ist nun aus dieser emanzipierten Frau, die sich vor langer Zeit auf den Weg der Selbstfindung aufgemacht hat, geworden? Es ist genau diese Frage, mit der sich die Theaterleute beschäftigt haben und die sie in die Welt der Soziologie geführt hat.

Dass die eigenverantwortliche Selbstverwirklichung immer weniger zu Glück, aber immer mehr zu Depression und Angstzuständen führt, zeigt der Soziologe Alain Ehrenberg in seinem Buch «Das erschöpfte Selbst» auf. Darin entlarvt er den in den vergangenen Jahrzehnten mit rasantem Tempo fortgeschrittenen Individualisierungsprozess als gesellschaftliches Leid.

Theater, Therapie oder Wirklichkeit?

Obwohl das Stück in einen neuen Kontext gestellt wird, bleibt es in Bezug auf den Text verblüffend werkgetreu. Dazu trägt aber auch die schauspielerisch grossartige, glücklicherweise nicht hysterisch überhitzte Leistung bei.

Im Gegensatz dazu verlässt die Inszenierung die traditionelle Aufführungspraxis, die eine strikte Trennung von Bühne und Publikum vorsieht. So wie die Rolle des Therapeuten unter den Schauspielern wechselt, wird auch die Grenze zwischen Publikum und Schauspielern aufgeweicht. So sitzen die Schauspieler in der Mitte des Raumes unter den Reihen des Publikums, welches ab und zu gebeten wird, ausgewählte Textstellen aus dem Stück vorzulesen.

Die eigentliche Aussage des vom Zwang der Selbstverwirklichung gefährdeten Individuums fällt allerdings etwas vage aus. Die Erschöpfung des überanstrengten, sich ständig neu erfindenden Individuums tritt vielleicht am Klarsten im roboterhaften, exaltierten und meisterhaft aufgeführten Tanz der Nora (Verena Lercher) am Schluss der Aufführung in Erscheinung.

Mit der Idee, das Stück durch ein therapeutisches Setting in einen zeitgenössischen Kontext zu überführen, ist dem jungen niederländischen Regisseur Bram Jansen jedoch eine tolle Inszenierung gelungen. 

Weitere Aufführungen finden noch bis am 12. Februar in der Box des Luzerner Theaters statt.

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1 Kommentare
  1. Heinz Gadient, 24.01.2017, 15:01 Uhr

    Ich fand „Nora“ auch eine grossartige Inszenierung. Allerdings fand ich den Tanz am Schluss,welcher der Autorin Marlis Huber so gefallen hat, völlig überflüssig. Mir kam es vor als hätte den Regisseur der Mut verlassen, als habe er dem Publikum noch etwas „Theatralisches“ mit Licht, Musik und Kostüm bieten wollen. So oder so, eine tolle Inszenierung die sich zu besuchen lohnt.

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