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Theaterständchen zum Anfassen – natürlich im übertragenen Sinne
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Das Ehepaar Cox überzeugte auch mit dem Schauspiel. (Bild: Roman Müller)

Arien von Bizet und Léhar: Hofkonzert ist ein Erfolg Theaterständchen zum Anfassen – natürlich im übertragenen Sinne

4 min Lesezeit 04.05.2020, 18:09 Uhr

Der spontane Spielplan des Luzerner Theaters lässt das Opern-Ensemble in 15-minütigen «Hofkonzerten» die Innenhöfe der Stadt besingen. Mit dem Hofkonzert #4 kam die Siedlung Mittlerhus in Kriens in den Genuss des Theaters bi de Lüt.

Der schmucke Innenhof, bestückt mit E-Piano, Verstärker und Teppich, wird Zeuge dieses spätnachmittäglichen Konzertes. Während sich das wunderbar altersdurchmischte Publikum fragt, ob die besagte Ausstattung tatsächlich per Lastenvelo nach Kriens transportiert wurde, greift der Pianist William Kelley bereits in die Tasten und nach wenigen Akkorden tritt Jason Cox (Bariton) in Torero-Weste auf. Die Arie «Votre Toast» (Toréador) aus der Oper «Carmen» von Georges Bizet steht am Anfang dieses reduzierten Konzertprogrammes.

Nach einer kurzen Abtastphase stellen sich sowohl Musiker als auch Publikum auf die ungewohnte Akustik ein und es entstehen erste Momente von absoluter Hingabe. Relativ abrupt spielt der Wind dem Pianisten einen Streich und ermöglicht der Sopranistin Rebecca Krynski Cox ihren ersten Auftritt, wobei auch ihre reaktionsschnelle Hilfsbereitschaft einen kurzen Unterbruch der Arie nicht vermeiden kann. Die entschuldigenden Worte des Pianisten sollten nicht die letzten sein, welche zwischen dem Ensemble und dem Publikum ausgetauscht werden, und stellen eine gesellige Nähe her.

Jason Cox mimt den Torero, während Rebecca Krynski Cox dem stoisch ruhigen Pianisten William Kelley zu Hilfe eilt. (Bild: Roman Müller)

Léhar, Operetten-König der Sehnsüchte

Zu Beginn des zweiten Stückes «Es lebt eine Vilja» (Vilja-Lied) aus der Operette «Die lustige Witwe» des österreichisch-ungarischen Komponisten Franz Léhar, wendet sich die Sopranistin mit einer mutmachenden Ansprache zur momentanen Situation ans Publikum und beginnt wenig später ihren Part. Für Kenner und Liebhaber der klassischen Musik sei an dieser Stelle das Oeuvre Léhars unbedingt empfohlen. Auch wenn es sich durch seine Zugänglichkeit etwas abseits der gängigen, seriösen Klassikprogramme befindet, trumpft es durch seine schmachtenden Kantilenen auf und erinnert an den Stil der berühmten Opernarien Puccinis. Das Brummen eines Flugzeugmotors erschwert kurzzeitig das Eintauchen in die Musik und auch das emsige Vogelgezwitscher macht unmissverständlich klar, worauf man an klassischen Outdoor-Konzerten alles gefasst sein muss. Im nachfolgenden Duett «Lippen Schweigen» aus derselben Operette Léhars kommen sich Sopranistin und Bariton beim gemeinsamen Walzer gefährlich nahe, worauf das Publikum beschwichtigend über ihr Eheverhältnis informiert wird.

Damit war das eigentliche Konzert auch schon vorbei. Zum Glück kam das aufmerksame Publikum, welches jeweils regen Applaus spendete, in den Genuss von zwei Zugaben, wobei bei der ersten, «Summertime» von George Gershwin, Jason Cox erst nach einem Neustart die richtige Tonhöhe fand. Dafür sang er das Mozart’sche Duett «La ci darem la mano» äusserst überzeugend und setzte somit einen hochstehenden Schlusspunkt.

Die Tücken der ungewöhnlichen Akustik tun der Stimmung keinen Abbruch

Neben den geschilderten kleinen Unglücken gilt es zu erwähnen, dass auch die Intonation der beiden Sänger, wohl den ungewöhnlichen Umständen geschuldet, nicht bis aufs Letzte lupenrein war. Während beim Bariton in der Bizet-Arie bei den wichtigen Tönen etwas die Höhe fehlte, hatte ausgerechnet die Sopranistin eher zu viel davon. Dies Tat der wohlwollenden Stimmung jedoch keinen Abbruch und die kleinen Malheure trugen hauptsächlich dank der umgänglichen Art der Sopranistin zur Verringerung der Distanz zwischen Publikum und Musikern bei.

Auch das zahlreich anwesende Publikum unter zehn Jahren sei hier für seine eifrige Teilnahme gelobt. Man könnte beinahe zum Schluss kommen, dass das Theater durch die Corona-Krise zu einer möglichen Lösung der Publikumsrekrutierung gefunden haben könnte. Einen so tiefen Altersdurchschnitt an einem klassischen Konzert ist wohl selten festzustellen.

Viel Publikum im Innenhof der Mittlerhus-Siedlung. (Bild: Roman Müller)

Hofkonzert als Krisenkiller

Von der «ausserordentlichen Situation» war tatsächlich wenig zu spüren, obschon keine Regelwidrigkeiten festzustellen waren. Das Publikum lauschte in kleinen Grüppchen mit respektablem Abstand zwischen einander. Alles in allem also eine wunderbare Sache mit einem kleinen Haken. So finden zwar, falls die Schutzmassnahmen des Bundes keinen regulären Theaterbetrieb zulassen, bei gutem Wetter regelmässig donnerstags und sonntags solche Hofkonzerte statt. Nur ist es dem Theater aus gesundheitlichen Gründen natürlich nicht erlaubt, Werbung dafür zu machen. Man weiss also nie, wo das nächste Konzert stattfindet, kann dieses jedoch ab dem Termin des übernächsten auf der Internetplattform des Theaters aufrufen. Und falls man Interesse hat und an einem geeigneten Ort wohnt, kann man mit etwas Glück sogar ein Hofkonzert zu sich einladen. Weitere Infos gibt es hier.

Die drei Musiker durften viel Applaus entgegennehmen. (Bild: Roman Müller)

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