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Theater Aeternam ohne das gewisse Etwas
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Theater Aeternam mit «Bandscheibenvorfall» im Kleintheater. (Bild: zvg/Marco Sieber)

«Bandscheibenvorfall» im Luzerner Kleintheater Theater Aeternam ohne das gewisse Etwas

4 min Lesezeit 23.11.2017, 14:12 Uhr

Das Theater Aeternam spielt im Kleintheater «Bandscheibenvorfall», eine Komödie von Ingrid Lausund. Und trotz grossartiger Leistung auf der Bühne konnte die Truppe nicht erfüllen, was man von ihr erwartet.

Diese Luzerner Theatertruppe macht es immer irgendwie anders als die anderen. Das Theater Aeternam hat sich in der freien Theaterwelt einen Ruf erarbeitet, dem es gerecht zu werden gilt.

Unter der Regie von Nina Halpern spielte die Truppe dieses Jahr das Stück Bandscheibenvorfall von Ingrid Lausund. Ein Stück über die Kämpfe in der Arbeitswelt. Es geht um Machtverteilung, um das Funktionieren in einer brutalen Umgebung, um Versuche, zu überleben und nicht unterzugehen. Und am Schluss geht es um Gewalt und darum, dass sich nicht wirklich etwas ändert.

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Erwartungen nicht erfüllt

Die neuste Produktion des Theater Aeternam kommt in ungewohnt gewohntem Rahmen daher. Nach Fussballfeldern, einem privaten Garten in Horw oder einem Museum spielt Aeternam dieses Jahr auf der Kleintheaterbühne im Guckkastenrahmen.

Leider kommt auch die Inszenierung nicht an die der letzten Jahre heran. Und das trotz immer aktueller Thematik und starker spielerischer Leistung. Das Stück schwankt zwischen Komik und Tragik, findet oft eine schöne Balance. Doch überraschend oder überrumpelnd war es nicht.

Eine fiese Welt im Boxring

Die fünf Schauspieler sind beinahe während des ganzen Stücks auf der Bühne. Festgefahren in einer Bürogemeinschaft. Das Büro ist durch Papierstapel, Ordner und eine Kaffeemaschine angedeutet. Doch rundherum steht ein käfigartiger Boxring.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Fünf Menschen in einer verseuchten Bürogemeinschaft versuchen sich zu behaupten und zu überzeugen. Dabei wird geraucht, es wird gemobbt, geflucht und geschimpft. Es wird asiatisch gekämpft, wie Hühner und in bester Wrestling-Manier. Und die Ohrfeigen sind heftig. Sieben davon kassiert Marco Sieber als Kruse. Bei der sechsten sieht man den Schweiss spritzen – die hat gesessen, ein Raunen im Publikum. Und doch ist die körperliche Gewalt noch die netteste Form in einer Welt voller Demütigungen.

(Bild: Matthias Muff)

Man schenkt sich nichts

Immer wieder werden die fünf Kollegen einzeln in einen Raum gerufen, der sich für den Zuschauer unsichtbar hinter den Kulissen befindet. Eine Glocke und aufputschende Musik lassen die Büroangestellten jeweils in Boxermanier aus dem Ring treten – in einen wohl viel gefährlicheren Kampfbereich.

Denn ein ganz fieser Chef mit einem kindischen Sinn für Humor scheint sich dort zu verbergen. Kehren die Mitarbeiter aus dem Büro zurück, haben sie Plastikmesser im Rücken, Prinzessinenhüte auf, zu grosse Jacken an oder Furzkissen an den Hintern geklebt. Was sich lustig anhört, das zermürbt die fünf offensichtlich immer mehr. Und auch gegenseitig schenken sie sich nichts.

Alle haben ihre eigene Art, sich im Boxring zu behaupten. Mit Gewalt, mit Humor, mit Ducken und Einstecken oder mit passiver Aggressivität. Nur eine versucht authentisch zu sein und ihre Gefühle und Bedürfnisse zu kommunizieren, auch die sexuellen – Franziska Bachmann Pfister als Kristensen beweist komödiantisches Talent.

Die Zeit, die Zeit

Über 100 Minuten ohne Pause dauert das Stück im Kleintheater. Es ist lang. Für einige Zuschauer offenbar zu lang. Auf den Stühlen wird gegen Ende immer öfters hin- und hergerutscht. Gerade zu Anfang und am Ende machten sich Längen bemerkbar. Besonders der Beginn mit einer Marsch-Choreografie und dazu anspruchsvollem rhythmischem Sprechen überzeugt nicht. Es scheint etwas zu viel zu sein für die Spieler.

Vorstellungen

Seit der Gründung der freien Theatergruppe Aeternam bringt diese jedes Jahr ein neues Stück auf die Bühne. «Bandscheibenvorfall» von Ingrid Lausund erzählt vom Kampf in der Arbeitswelt und ist eine Co-Produktion mit dem Kleintheater. Weitere Spieldaten: 24., 25. November und 7., 8., 9. Dezember, jeweils 20 Uhr. 

Stück: Ingrid Lausund, Regie: Nina Halpern, Bühne: Philipp Wagner, Kostüme: Birgit Künzler. Spiel: Franziska Bachmann Pfister, Christoph Fellmann, Nicole Lechmann, Mathias Ott und Marco Sieber.

Der Text macht Spass. Doch oft wird ihm etwas zu viel Zeit und Raum eingeräumt. Denn seine Wirkung entfaltet sich im überraschenden, im überrumpelnden Moment.

Und zum Schluss fühlt man sich gleich mehrfach am Ende angekommen. Ungefähr sechs Mal nacheinander erlebt man auf der Bühne einen Schlussmoment – doch das Licht geht nicht aus. Nach der Annäherung der Mitarbeiter ausserhalb des Rings und einem versöhnlichen (Schluss-)Bild meldet sich der Chef nochmals mit «Spiel mir das Lied vom Tod»: ein Cliffhanger.

Dann stellen sich alle gegen den Chef: eine hoffnungsvolle, kämpferische (Schluss-)Pose. Schliesslich zerstören sie ihren Büroraum – und räumen ihn dann wieder auf. Und zum Schluss stehen alle wieder im Ring. Die ständig überlaufende Kaffeemaschine ist wieder angeschlossen.

Tolle Leistung auf der Bühne

Die Spieler, denen richtig viel abverlangt wird, überzeugen auf ganzer Linie. Die Unterschiede zwischen Profi und Amateur verschwimmen in dieser Truppe, wie man es sonst kaum erlebt. Besonders Marco Sieber kann diesmal in seiner unsicheren Rolle eine Seite zeigen, die man von ihm noch nicht kannte, und diese spielt er mit einem perfekten Timing.

Auch viele witzige und neue Einfälle der Regie runden den Theaterabend ab. Doch letztlich war es weder ein Stück, bei welchem einem vor Lachen der Bauch schmerzte, noch blieb es im Hals stecken. Und leider tat es auch nicht wirklich im Herzen weh. Und das – das hat die Truppe selbst zu verantworten – erwartet man vom Theater Aeternam.

Mathias Ott, Nicole Lechmann, Christoph Fellmann, Marco Sieber und Franziska Bachmann Pfister (von links).

Mathias Ott, Nicole Lechmann, Christoph Fellmann, Marco Sieber und Franziska Bachmann Pfister (von links).

(Bild: Matthias Muff)

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