Tempo 30: Die meisten pfeifen drauf
  • Politik
Schnell mal zu schnell unterwegs: Motorradfahrer missachten das Tempolimit besonders häufig. (Bild: Adobe Stock)

Heisses Polit-Eisen in Luzern Tempo 30: Die meisten pfeifen drauf

3 min Lesezeit 5 Kommentare 24.07.2020, 19:00 Uhr

Eine nationale Erhebung zeigt, dass Auto- und Töfffahrer oft schneller als erlaubt unterwegs sind. Besonders in den verkehrsberuhigten Zonen. Das dürfte in Luzern die Diskussion nach entfernten Fussgängerstreifen wieder aufflammen lassen.

Innerorts und auf Autobahnen ist jedes dritte Fahrzeug zu schnell unterwegs. Das zeigt eine soeben publizierte Erhebung der nationalen Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU).

Bisher fehlten verlässliche Zahlen dazu, wie schnell auf den Schweizer Strassen tatsächlich gefahren wird. In ihrer Pilotstudie hat die BFU nun aber Daten von über 16 Millionen Fahrzeugen an 211 Strassenabschnitten ausgewertet.

Töfffahrer sündigen besonders oft

Besonders auffällig sind die Verstösse in den Tempo-30-Zonen. 54 Prozent aller ausgewerteten Motorfahrzeuge hielten sich nicht ans vorgegebene Tempolimit. «Nur eine Minderheit hält sich demnach in verkehrsberuhigten Dörfern und Quartieren an das Tempolimit», schreibt die BFU dazu.

Besonders schlecht fällt die Bilanz bei den Töffs aus: In der Deutschschweiz fuhren volle 72 Prozent aller Motorräder zu schnell durch die Tempo-30-Zonen.

Die Beratungsstelle für Unfallverhütung weist darauf hin, dass Tempo-30-Strecken vor allem auch als Mittel der Verkehrssicherheit gedacht sind. Hier sollen die verletzlichsten Verkehrsteilnehmer wie Velofahrer, Fussgänger und Kinder am sichersten unterwegs sein. «Darum sollte in diesen Zonen eine bessere Einhaltung des Limits erzielt werden», schreibt die BFU weiter.

Grundsätzlich keine Fussgängerstreifen

In Luzern gehören Tempo-30-Fragen zu den heisseren politischen Eisen. Im Grossen Stadtrat dreht sich die Diskussion vor allem um deren Nutzen gegen die Lärmbelastung. Zuletzt wurde etwa die Forderung, Tempo 30 nachts auf dem gesamten Stadtgebiet einzuführen, debattiert (zentralplus berichtete).

Spannend ist eine noch hängige Motion im Kantonsrat. Darin fordert Kantonsrat Andy Schneider (SP), die Anordnung von Fussgängerstreifen in Tempo-30-Zonen in die Verantwortung der Gemeinden zu delegieren.

Gemäss aktueller Verordnung sind in Tempo-30-Zonen grundsätzlich keine Fussgängerstreifen zuzulassen. Entsprechend wurden in den vergangenen Jahren viele Fussgängerstreifen entfernt, was oftmals mit kontroversen Diskussionen verbunden war.

Zonen sollen Fussgänger besser schützen

Kantonsrat Schneider verweist auf die offene Formulierung im Tempo-30-Verordnungstext, dass es nebst Schulen und Heimen noch andere Gründe gibt oder geben kann, die Fussgängerstreifen notwendig machen. Dieser Interpretationsspielraum sollte im Sinne der Verkehrssicherheit genutzt werden, ist Schneider überzeugt.

Da die Gemeinden die Sicherheitsbedürfnisse der einzelnen Quartiere bestens kennen, seien sie auch am besten befugt, die Frage der Fussgängerstreifen zu lösen, schreibt Schneider in seiner Motion. «Sie wissen, wo besondere Vortrittsbedürfnisse ausgewiesen und damit auch in Tempo-30-Zonen Fussgängerstreifen notwendig sind.»

Schneider reichte seine Motion im September 2019 ein. Die Stellungnahme der Luzerner Regierung liegt noch nicht vor. Die nun erschienene Verkehrserhebung dürfte Schneiders Anliegen jedenfalls den Rücken stärken.

Bis zu 300 Schwerverletzte weniger

Die Beratungsstelle für Unfallverhütung verbindet ihre Pilotstudie mit einem eindringlichen Appell. Würden alle die Tempolimits einhalten – egal ob in der 30er-Zone oder auf der Autobahn, gäbe es in der Schweiz pro Jahr rund 20 Todesopfer und 300 Schwerverletzte weniger.

Der Appell der BFU richtet sich sowohl an die Motorfahrzeugfahrer wie auch an die Polizei, Behörden und Autohersteller. Alle müssten einen Beitrag leisten, um eine bessere Einhaltung der geltenden Tempolimits zu erreichen.

Die Beratungsstelle für Unfallverhütung hat ein Infovideo zum Thema veröffentlicht:

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5 Kommentare
  1. Kurt Flury, 28.07.2020, 15:22 Uhr

    Anhand des Tempo 30 Aktivismus sieht man gut, dass „unser“ Land (bisher) von echten Probleme verschont blieb und offenbar weiterhin bleibt.

  2. Alfred Freitag, 27.07.2020, 00:23 Uhr

    Ein ideologisch verbrämter Artikel. Wieviel zu schnell wird nicht erwähnt, kann also auch 1 km/h zuviel gewesen sein. Auch das Titelbild suggeriert als Einleitung; Töff = Raser.
    Ich war gestern Zeuge, wie ein E-Biker (sw-gestreiftes T-Shirt+gelb abgedeckter 1-Rad-Anhänger rücksichtslos, in hohem Tempo zwischen Alten und Kindern, die sich auf einem Fussgängerstreifen befanden, hindurchraste.
    Leider kann man in so einer Situation nicht die winzig kleine Nummer ablesen. Solche Raser werden von links/grün permanent verharmlost.

  3. Andreas Peter, 25.07.2020, 12:00 Uhr

    Es gibt 30er Zonen, welche für einen Fahrer intuitiv nachvollziehbar sind und es gibt 30er Zonen, welche merklich nur Schikane sind.
    Auch das Lärmargument ist nicht nachvollziehbar. Ich denke mein Auto ist bei 30 km/h im 2. Gang lauter als mit 50 km/h im 3. oder 4. Gang.
    Aber gut, in dieser Stadt geht es ja nicht mehr um Argumente nur noch um Ideologie.
    Bemerkt endlich, wie manipuliert ihr seid, beginnt selbständig zu denken und eure vermeintlichen „Überzeugungen“ zu hinterfragen.
    Kleiner Tipp: Links ist Sackgasse, dort war sie immer schon in der ganzen Geschichte.

  4. Toni Meier, 25.07.2020, 09:31 Uhr

    Was ist mit den E-Bikes?

  5. Gery Blum, 25.07.2020, 08:59 Uhr

    Drei Fragen dazu, um die Kritikalität einschätzen zu können:
    1) Sind die nationalen Resultate auf Luzern 1:1 übertragbar?
    2) Wie viele Unfälle gibt es in Tempo 30 Zonen zwischen Velofahrern und Fussgängern?
    3) Wie viele Tote und Schwerverletzte gibt es in Tempo 30 Zonen?

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