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«Tele-Renés» wahres Reich lag an der Luzerner Baselstrasse
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Eva Gloor (Mitte) mit Beat und Yvonne Unternährer. Beide sind wie Tele-René leidenschaftliche Amateurfunker. (Bild: bic)

Abertausenden Schätzen droht der Schrottplatz «Tele-Renés» wahres Reich lag an der Luzerner Baselstrasse

6 min Lesezeit 2 Kommentare 10.10.2019, 18:10 Uhr

Der kultige Laden an der Luzerner Obergrundstrasse war nur ein kleiner Teil von «Tele-Renés» Welt. Noch viel mehr gab es an der Baselstrasse zu entdecken, wo er sogar eine eigene Funkschule betrieb. Doch die vielen tausend historischen Geräte enden wohl als Elektroschrott.

Am 24. September verstarb der Luzerner René Sigrist alias «Tele-René» an einem Krebsleiden. Der 77-Jährige hinterlässt eines der wohl kultigsten und ausgefallensten Geschäfte der Stadt. Abertausende alter Funk- und anderer Elektrogeräte stauen sich in dem kleinen Laden an der Obergrundstrasse. Auch Modelleisenbahnen aus Schweizer Produktion sammelte Sigrist leidenschaftlich. Das Geschäft betrieb «Tele-René» die letzten Jahre als Hobby (zentralplus berichtete). In Funkerkreisen war Sigrist unter dem Kürzel HB9AAI bekannt.

«Tele-René» war seit jungen Jahren ein angefressener Amateurfunker und liebte es, Technik aus allen Ecken der Welt zu kaufen und zu reparieren. Die Elektronik faszinierte ihn schon von Kindesbeinen an, wie wir vor Ort erfahren. Alleinerbin der gesamten Hinterlassenschaft ist Sigrists letzte Lebenspartnerin Eva Gloor, mit der er 21 Jahre liiert war. Nach ein paar Tagen der Trauer ist sie seit etwas mehr als einer Woche dran, möglichst viel der Erbmasse zu veräussern, denn der Mietvertrag an der Obergrundstrasse ist bereits Ende September ausgelaufen. «Ein aussichtsloses Unterfangen. Die Masse an alten Geräten ist einfach zu riesig», sagt Gloor mit einem Seufzen.

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Seit Sigrists Tod ist der Laden an der Obergrundstrasse geschlossen.

Kaum bekanntes Museum an der Baselstrasse

Museen, Sammler oder andere Amateurfunker würden, wenn es gut geht, ein bis zwei Geräte mitnehmen. Mehr könne aber niemand einfach so lagern. Die ihr übertragene Bürde, möglichst vieles noch irgendwo unterzubringen, macht der Rentnerin sichtlich zu schaffen, handelt es sich doch um das Lebenswerk ihres verstorbenen Partners. Gegen einen kleinen Obolus kann man die Geräte deshalb mitnehmen. «Das meiste endet wohl aber auf dem Elektroschrott», so Gloor wehmütig. Denn auch «Tele-Renés» leibliche Kinder, die in Deutschland und Neuseeland leben, hätten kaum Interesse an dem ganzen Material.

Wie sich herausstellte, handelt es sich bei den Geräten im Verkaufsgeschäft jedoch nur um einen kleinen Teil von «Tele-Renés» Sammlung. «Mein Partner betrieb an der Baselstrasse parallel zum Laden ein kleines Museum und eine Schule für Amateurfunker», erzählt Gloor. Denn wer mit professionellen Anlagen funken will, braucht eine spezielle Ausbildung. «Leute aus der ganzen Schweiz nahmen an den Kursen teil», erzählt Gloor.

1’200 alte Radios verschenkt

Und tatsächlich: Abertausende alte Geräte sind in den ehemaligen Unterrichsträumen verstaut. Die Lokalität befindet sich direkt gegenüber der Gewerbehalle. Als wir das Lokal besuchen, sind Freunde und Weggefährten von «Tele-René» dabei, die Gegenstände zu archivieren. Dazu werden sie mit Nummern versehen, in der Hoffnung, dass sich ihrer noch jemand annimmt.

«Was mit all den elektronischen Geräten letztlich passiert, wissen wir nicht.»

Beat Unternährer, Weggefährte von «Tele-René»

Einer der Helfer ist HB9THJ, mit bürgerlichem Namen Beat Unternährer, und seit 22 Jahren selber Amateurfunker. Um beim Räumen zu helfen, hat er kurzfristig zwei Tage frei genommen. «Einiges konnten wir zum Glück weitervermitteln», sagt er. Zum Beispiel gut 1’200 alte Radios, die jemand abgeholt habe. «Was damit letztlich passiert, wissen wir aber nicht.»

Man kann sich kaum vorstellen, wie es in den Räumen ausgesehen hat, als all die Radios noch dort waren. Denn noch immer stehen hunderte Exponate herum. Periskope aus Russland, alte Diktiergeräte oder sogenannte Mutteruhren, welche früher als zentrale Zeitmesser in grossen Betrieben wie Fabriken verwendet wurden, um die Zeit möglichst genau anzuzeigen. Diese sind extrem exakt und alle im Betrieb hatten sich danach zu richten.

Ein Einblick in 100 Jahre Technikgeschichte

All das und noch viel mehr gab es in Sigrists Reich an der Baselstrasse zu bestaunen. Auch Chronometer für Strassenbeleuchtungen, die alle paar Tage aufgezogen werden mussten, sammelte «Tele-René». Einige könnten sogar aus dem vorletzten Jahrhundert stammen. Hinzu kommen Autoradios der ersten Stunde sowie Funkgeräte von Flugzeugen und Schiffen aus den 1970er Jahren. Wer das kleine Museum besucht, erhält einen Einblick in gut 100 Jahre Technikgeschichte und kann die verschiedenen Entwicklungsschritte hautnah nachvollziehen.

An einigen Orten sieht es aus, als sei «Tele-René» nur kurz weg gewesen. So liegen Blätter mit Berechnungen für das Spannen eines Kupferdrahts mit einem Stratosphärenballon herum. «Knapp 300 Meter wurden die Ballone mit den daran befestigten Drähten in den Himmel geschickt, um Funksignale aus aller Welt zu empfangen», erklärt Beat Unternährer. Auf der alten Wandtafel sind mathematische Formeln zu sehen. Als hätte «Tele-René» erst kürzlich seinen letzten Kurs abgehalten. Tatsächlich dürfte die letzte Schulung aber knapp 30 Jahre zurückliegen, schätzt Eva Gloor.

Sigrists Sammlung sei in der Schweiz wohl einzigartig, was die Grösse und die Vielfalt betreffe, auch wenn es noch andere Sammler und Funker gebe, die in ähnlichem Stil Inventar angehäuft hätten. «Zumindest in der Zentralschweiz ist mir jedenfalls nichts dergleichen bekannt», sagt Unternährer. Von den Unterrichtsräumen und dem kleinen Museum wisse in Luzern allerdings kaum jemand. Es sei nur in Funkerkreisen bekannt, sagen Gloor und Unternährer unisono.

Der Laden an der Obergrundstrasse.

Von der Lehre in Littau zum eigenen Fernsehgeschäft

Die Technik war «Tele-Renés» Welt. Ab Ende der 1960er Jahre absolvierte er eine Lehre als Elektroniker beim Schweizer Generalimporteur «John Lay Electronics» mit Sitz in Littau. Die 1942 gegründete Firma fungierte als Schweizer Generalvertretung des Herstellers «Panasonic» sowie als Dienstleister im Bereich Audio, Video und Kommunikation. «Weil René schon als junger Mann nur schlecht sehen konnte, hatte er Mühe, eine Lehrstelle zu finden», erzählt Beat Unternährer. «Bei John Lay erhielt er aber eine Chance und arbeitete sich aufgrund seiner Leidenschaft für die Technik rasch nach oben. Nach ein paar Jahren war er bereits Verkaufsleiter.»

«Im nächsten Leben habe ich dann einen Mann, der Briefmarken sammelt.»

Eva Gloor, Partnerin von «Tele-René»

In dieser Funktion sei er mit vielen wichtigen Leuten und Entscheidungsträgern aus dem Elektronikbereich in Kontakt gekommen und habe internationale Freundschaften aufgebaut. «Sein Beziehungsnetz hat Tele-René dabei geholfen, an die vielen Geräte aus aller Welt zu gelangen. Aufgrund seiner guten Kontakte konnte sich Tele-René auch früh selbstständig machen und eröffnete seinen eigenen Fernsehladen in der Nähe des Restaurants Laterne an der Reuss », erinnert sich Unternährer. Später zügelte Sigrist dann an die Obergrundstrasse.

Am Sonntag muss alles weg sein

Eine letzte Möglichkeit, einen kleinen Teil von Sigrists Lebenswerk zu erstehen, bietet sich am kommenden Sonntag, von 13.30 bis 17 Uhr, direkt an der Baselstrasse 45. Denn spätestens am Sonntagabend müssen die Räumlichkeiten leer sein. Diesem Moment blickt Eva Gloor schon sehnsüchtig entgegen, auch wenn die überwiegende Mehrheit der Geräte als Elektroschrott enden wird. «Im nächsten Leben habe ich dann einen Mann, der Briefmarken sammelt», sagt Gloor mit ihrem trockenen Humor und verschwindet wieder hinter den vielen, teils grossen und sehr schweren Geräten.

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2 Kommentare
  1. Brun F., 13.10.2019, 11:27 Uhr

    Mein Mann hätte sehr grosses Interesse an alten, noch funktionierenden Radios, Schellackplatte uä, falls dies “verscherbelt” wird.

  2. Groucho, 11.10.2019, 20:31 Uhr

    “…ein Mann, der Briefmarken sammelt” – Vorsicht ! …Die Dame sollte mal bei mir reinschauen, dann verfliegt vielleicht auch dieser Wunsch recht schnell… 😉

    Schade um “René’s Reich” – Staunen über die Vielfalt in seinen Räumen und über sein immenses Wissen waren für mich stets ein Erlebnis – früher noch an der Burgerstrasse an der Reuss – lange ist’s her – RIP René.