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Teenager stampfen als Maturaarbeit ein Festival aus dem Boden
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Der Schlagzeuger und Maturand Till Rether hat mit dem Festival gerade viel um die Ohren. (Bild: jwy )

Im August spielen in Ebikon Bands auf Teenager stampfen als Maturaarbeit ein Festival aus dem Boden

5 min Lesezeit 22.06.2019, 16:00 Uhr

Zwei 18-Jährige organisieren für ihre Maturaarbeit das Benefizfestival «Blue Aid». zentralplus erzählt, wie es die zwei Nobodys nach Dutzenden Absagen von Bands schafften, zwei angesagte Acts zu engagieren. Und warum die Schulleitung zuerst skeptisch war.

Hat er seine ambitionierte Idee noch nie bereut? «Wenn du das Risiko nicht eingehen willst, musst du das gar nicht erst machen», sagt Till Rether, lacht verschmitzt und nimmt einen Schluck von seinem Cappuccino.

Es bleibt viel zu tun und es kann noch einiges schiefgehen bis am 24. August, wenn in der alten Landi-Halle in Ebikon das erste «Blue Aid»-Festival über die Bühne geht (siehe Box). «Wir sind auf gutem Weg», sagt er.

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Eine Herzensangelegenheit

Till Rether ist erst 18-jährig und absolviert momentan das Gymnasium Plus an der Kanti Schüpfheim. Das Angebot mit Halbtagesunterricht ermöglicht es Talenten, in Musik, Sport, Kunst, Sprache oder Schauspiel an den freien Nachmittagen ihrer Leidenschaft nachzugehen. «Mehr Freizeit, aber auch mehr Hausaufgaben», bringt der Musikbegeisterte das Angebot auf den Punkt.

So kann Rether ausgiebig Schlagzeug üben und gleichzeitig das Kurzzeitgymnasium absolvieren. Er hat eine eigene Band, spielt in verschiedenen Ensembles und ist in der Guggenmusik aktiv.

Allerdings gehen die Nachmittage im Moment eher für die Vorbereitung des Benefizfestivals drauf, das Rether mit Mitschüler Nicolas Koch als Maturaarbeit organisiert.

Mehr als Unterhaltung

Auf die Idee kamen sie, weil in Ebikon musikalisch wenig läuft. Das einstige Open Air ist eingegangen – über den Sommer bleiben einzig die stets ausverkauften Konzerte in der Rotsee-Badi. Da könnte mehr gehen, sind sie überzeugt. Mit der Maturaarbeit hatten sie einen guten Grund, die kulturelle Belebung in Ebikon selber in die Hand zu nehmen.

Das Festival

Blue Aid Festival Ebikon: Samstag, 24. August, ab 17 Uhr, ehemalige Landi-Halle, Ebikon. Als Ausklang gibt es tanzbare Brass-Musik von Pnøh – und DJ-Sound bis 2 Uhr morgens.

Eintritt: 57.90 Franken, Jugendliche und Studierende: 34.90. Vorverkauf über die Website. Neben Besucherinnen suchen die Organisatoren auch noch Gönner für das Benefizkonzert.

Ein Festival verbinde ihre Leidenschaft mit etwas Sinnstiftendem. «Ich wollte ein Benefizkonzert organisieren, mein Kollege kam in den Vorstand der Non-Profit-Organisation «Mary’s Meals». So kam das zusammen», sagt Rether. Mit dem Festival wollen sie ein Zeichen setzen, dass Musik mehr kann, als bloss unterhalten.

Wenn schon, dann richtig

Die Schule war wegen der Risiken zuerst skeptisch und hat ihnen geraten, lediglich eine Studie durchzuführen. «Durchaus nachvollziehbar», findet Rether. Andere rieten, eine Spur schmaler zu fahren. Aber so wäre für die beiden der Ansporn zu klein gewesen – wenn schon, dann richtig. «Gerade weil wir in der Schule so viel Theorie haben, tut es gut, etwas Praktisches auf die Beine zu stellen.» Und wenn’s nicht funktionieren sollte, hätten sie zumindest etwas fürs Leben gelernt.

Sie seien oft gefragt worden, ob sie sicher seien. «Nein, aber wenn wir es nicht probieren, werden wir es nie wissen», sagt Rether und lacht.

Nur mit Vitamin B möglich

Als grosse Herausforderung hat sich das Booking der Bands herausgestellt. Ein Festival als Maturaarbeit mag sympathisch klingen, um Musiker zu überzeugen und zu verpflichten, ist es definitiv kein Vorteil.

«Als junge Nobodys wurden wir anfangs nicht ernst genommen», sagt Rether. Sie hatten die halbe Schweizer Musiklandschaft abgeklappert, jedoch mit null Resonanz. «Wenn du keinen Namen und nichts vorzuweisen hast, und noch sagst, dass es eine Maturaarbeit ist, dann brauchst du jemand, der die Tür öffnet», so Rether ganz realistisch.

Durch Kontakte kamen sie an die richtigen Leute und weckten das Interesse. Der Benefizgedanke dahinter half zusätzlich. «Wir haben mit sehr vielen Leuten gesprochen, die uns unterstützen», sagt Rether.

Tipps hier, Ratschläge da: Sogar der Ebikoner Gemeindepräsident half und ein Cousin ist Lichttechniker einer Band – so führte das eine zum nächsten.

Zwei angesagte Bands

Nun ist ein mehr als ansehnliches Programm zusammengekommen: Dominic Shoemaker ist ein vielversprechender junger Bluesmusiker aus der Region. Die Indie-Folk-Band The Gardener & The Tree aus Schaffhausen füllen schweizweit und darüber hinaus Hallen und haben kürzlich einen Swiss Music Award für ihre Live-Acts gewonnen. Baba Shrimps aus Zürich schliesslich sind ein sicherer Wert auf den Schweizer Festivalbühnen.

So tönen The Gardener & The Tree live:

 

«Es sind gute Bands», sagt Till Rether nicht ohne Stolz. Alle drei würden beweisen, dass sie für Stimmung sorgen können. Gratis spielen die Musiker nicht. «Aber sie sind uns sehr weit entgegengekommen, sonst hätten wir sie uns niemals leisten können», sagt er.

Die Einnahmen gehen vollumfänglich an die Organisation «Mary’s Meals», die hierzulande noch nicht so bekannt ist. Die internationale Organisation ermöglicht Kindern mit einer Mahlzeiten den Bildungszugang. Der Gedanke dahinter: Mit 17.50 Franken kann man ein Kind ein Jahr lang ernähren.

Platz für über 700 Leute

750 Leute werden Platz haben in der alten, leer stehenden Landi-Halle gleich neben dem MParc-Areal. Da braucht es einiges an Helfer und Infrastruktur – die nötigen Kontakte haben sie dafür schon geknüpft: WCs, Catering, Bühne, Soundtechnik, Licht, Sicherheitsdienst, Getränke … «Die Infrastruktur steht, aber das ganze Drumherum kommt noch zusammen, langweilig wird’s uns nicht.»

Flyer, Verträge, Werbung, Helfer, Vorverkauf – noch bleibt viel zu tun. Und oft sind sie einen Schritt zu spät. «Wir suchen zum Beispiel immer noch Gönner und Sponsoren», sagt Rether. Aber es sehe gut aus, dass sie finanziell durchkommen. «Je mehr Sponsoren wir haben, desto mehr können wir spenden.»

Die Unterstützung von Kollegen sei riesig: Sie werben in den sozialen Medien, helfen mit den Vorbereitungen, anerbieten sich als Helfer vor Ort. «Und andere kommen einfach für die Musik und trinken etwas, das braucht’s auch», sagt er.

Baba Shrimps:

 

Gegen das Festival-Sterben

Das ganze Projekt wird mit dem Event noch nicht zu Ende sein. «Danach müssen wir noch eine schriftliche Arbeit schreiben», sagt Rether. Sie hoffen, dass sie dafür von der Schule etwas Gnadenfrist erhalten. Denn neben der ganzen Nachbearbeitung des Festivals liege das schlicht nicht auch noch drin.

Ziel ist, dass das «Blue Aid»-Festival keine einmalige Sache bleibt, sondern sich als Anlass etabliert. «Wir wollen diesem Festival-Sterben etwas entgegenhalten», sagt er und lacht. Das Blue Balls ächzt, das Luzerner Fest pausiert – vielleicht ist es tatsächlich ein guter Zeitpunkt für etwas Neues.

2020 wird Till Rether seine Matura im Sack haben – was dann kommt, sei noch unsicher. Musik studieren will er nicht, wie einst geplant. «Das Musikgeschäft ist mir zu unsicher», sagt er. Aber Musik werde immer eine Rolle spielen. Ob eher als Festival-Organisator oder Schlagzeuger, wird sich noch herausstellen.

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