Technologie & Digitales

Provinz will schnelles Internet – Nutzen fraglich
Luzern: Mit 100 Millionen gegen die Bedeutungslosigkeit

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Die Bevölkerung in Luthern schrumpft. Guido Roos vom Entwicklungsträger Luzern West hofft darauf, dass schnelles Internet diese Entwicklung stoppt. (Bild: zvg)

Mit schnellem wollen 22 Luzerner Gemeinden als Standort attraktiver werden. Dafür nehmen sie jede Menge Geld in die Hand. Der Nutzen ist jedoch fraglich.

Ein Rohr im Boden, eine Leitung hindurch und ein entsprechender Anschluss im Wohnzimmer – fertig ist die Glasfaserverbindung. Im surfen, Filme streamen oder grosse Datenmengen herunterladen, all das geht damit viel schneller.

Diese Darstellung mag vereinfacht sein, trifft aber den Kern der Sache: Eine Internetverbindung ist bloss eine Frage der Infrastruktur. So wie der Zugang zu sauberem Wasser, der Anschluss an den Verkehr oder die Versorgung mit Elektrizität. Und genauso selbstverständlich wie Wasser oder Elektrizität wird eine gute Internetverbindung im 21. Jahrhundert – zumindest in der westlichen Welt – auch wahrgenommen.

Viele Gemeinden in Luzern haben schlechtes Internet

Vermeintlich. Denn selbst im Kanton Luzern gibt es Tausende Menschen, die keinen Zugang zu einem leistungsfähigen Internet haben. Zum Beispiel in der Region Luzern West, welche das Entlebuch, Willisau-Wiggertal und Teile des Rottal umfasst. «Rund 20’000 Personen in unserer Region verfügen über eine sehr schlechte Internetverbindung», sagt Guido Roos vom regionalen Entwicklungsträger Luzern West.

Das will der Entwicklungsträger Luzern West ändern. 22 Gemeinden in der Region haben sich für ein Mega-Projekt namens Prioris zusammengeschlossen (zentralplus berichtete). Sie wollen schnelles Internet auch in die äussersten Zipfel des Kantons bringen. Die ganze Region soll mit Glasfaser erschlossen werden. Das lassen sie sich eine stolze Summe kosten. Roos schätzt die maximalen Projektkosten auf einen tiefen dreistelligen Millionenbetrag.

In Luthern in einer Scheune wurde das Prioris-Projekt lanciert.

100 Millionen, um störungsfrei Netflix zu schauen und damit die zweite Zalando-Seite schnell lädt. Ist das nicht gar viel Geld?

Kampf gegen die Abwanderung

Die Gründe für das Mega-Projekt sind natürlich vielschichtiger als bloss ein ruckelnder Netflix-Stream. Die Städte und Agglomerationen in der Schweiz wachsen. Hier sind die grossen Unternehmen. Hier werden die politischen Entscheidungen getroffen. Und hier findet ein Grossteil des kulturellen Angebots statt. Die ländlichen Regionen hingegen drohen bei dieser Entwicklung den Anschluss zu verlieren.

«Glasfaser ist langfristig die wirklich sinnvolle und nachhaltige Erschliessung, quasi der VW der Zukunft.»

Guido Roos, Entwicklungsträger Region Luzern West

Die Wissenschaft bezeichnet diese Regionen als «potentialarme Räume». Diese Räume können im Vergleich zum Angebot in den Städten nicht gleich viel bieten. Insbesondere junge Einwohner wandern in zunehmender Zahl ab, die Steuereinnahmen der Gemeinden sinken, wegen Lehrermangel muss die Dorfschule geschlossen werden. Ein Teufelskreis, der eine nachhaltige Entwicklung der Gemeinde verunmöglicht.

Ein Blick auf die kantonale Bevölkerungsstatistik zeigt, dass manche abgelegenen Dörfer schrumpfen. Dies steht im krassen Gegensatz zum generellen Bevölkerungswachstum im Kanton und den städtischen Zentren.

Internet ist nur einer von vielen Faktoren

Dieser Entwicklung soll das neue Glasfasernetz nun Einhalt gebieten. Guido Roos vom Entwicklungsträger Region Luzern West betont: «Glasfaser wird in den nächsten Jahren zum Standard und darum zu einem entscheidenden Standortfaktor.»

Mit der der Gesellschaft und der Arbeitswelt wird eine schnelle Internetverbindung zunehmend wichtiger. Darum bezeichnet Roos das Vorhaben der 22 Gemeinden nicht als Luxusprojekt: «Glasfaser ist langfristig die wirklich sinnvolle und nachhaltige Erschliessung, quasi der VW der Zukunft.»

«Höhere Ansprüche an die Wohnung lassen sich in ländlicheren Gegenden oft einfacher realisieren als an zentralen Orten.»

Christoph Hauser, Hochschule Luzern

Zur Vorsicht mahnt Christoph Hauser von der Hochschule Luzern. Er setzt sich im Rahmen seiner Forschung mit Digitalisierung und auseinander. «Es wird sich wohl kaum jemand nur wegen der Geschwindigkeit des Internetanschlusses an einem bestimmten Ort niederlassen», sagt Hauser. Es gäbe aber schon eine Mindesterwartung ans Internet. Wird diese nicht erfüllt, ist das für die Einwohnerinnen oder Firmen womöglich ein Grund wegzuziehen.

Christoph Hauser (links) von der Hochschule Luzern und Guido Roos vom Entwicklungsträger Region Luzern West.

Auch Guido Roos räumt ein: «Uns ist bewusst, dass es mit schnellem Internet alleine noch nicht getan ist.» Andere Faktoren spielen bei einem Umzug ebenfalls eine Rolle. Doch gerade hier zeigt sich für Romoos, Luthern & Co. ein Hoffnungsschimmer am Horizont: Das Land ist als Wohnort beliebter denn je.

Alle wollen aufs Land

Eine repräsentative Studie des Forschungsinstituts Sotomo im Herbst 2021 hat gezeigt, dass knapp 40 Prozent der Befragten ihren Wohnort am liebsten auf dem Land hätten. Weitere 24 Prozent können es sich gut vorstellen, auf dem Land zu leben. Die Studienautoren kommen zum Schluss: «Der Sehnsuchtsort Nummer eins ist der ländliche Raum.»

Kein Raumtyp ist beliebter als das Land.

Treiber dieses Trends ist die Corona-Pandemie. Über 60 Prozent der Befragten schätzen die Nähe zur Natur sowie einen genügend grossen Wohnraum seit der Pandemie stärker als zuvor. Christoph Hauser von der Hochschule Luzern bestätigt: «Man hat gemerkt, dass die Ansprüche an die Wohnung gestiegen sind und höhere Ansprüche an die Wohnung lassen sich in ländlicheren Gegenden oft einfacher realisieren als an zentralen Orten.»

Nicht zuletzt haben die Autorinnen der Sotomo-Studie herausgefunden, dass gerade ein eigener Garten vielen Menschen seit der Pandemie am meisten fehlt. «Die Sehnsucht nach dem Land ist nicht zuletzt eine Sehnsucht nach dem Garten», fassen sie dieses Ergebnis zusammen.

Und an dieser Stelle kommt das schnelle Internet wieder ins Spiel. Denn dieses ermöglicht . Und wer nicht oder nur selten zur Arbeit pendeln muss, nimmt einen abgelegenen Wohnort viel eher in Kauf. Guido Roos ist optimistisch: «Das gibt uns eine viel bessere Ausgangslage. Wir spüren seit der Pandemie bereits ein wachsendes Interesse für unsere Region als Wohnort. Das bestärkt uns in unserem Projekt.»

Home-Office schadet der Natur

Was die «potenzialarmen» Gemeinden freut, ist für die Natur eine zweifelhafte Entwicklung. Es gäbe kaum Unternehmen, die Home-Office vollumfänglich beibehalten, erklärt der Wissenschaftler Christoph Hauser. Vermutlich setzen künftig viele auf eine Mischform, wo die Arbeitnehmer teilweise von zuhause aus, teilweise im Büro arbeiten.

Wenn nun also wegen der Home-Office-Möglichkeit mehr Menschen aufs Land ziehen, pendeln sie vielleicht seltener, sie legen dabei aber grössere Distanzen zurück. Zudem beanspruchen die Menschen auf dem Land grundsätzlich mehr Wohnfläche als in der Stadt. Die Zersiedelung der Landschaft nimmt zu.

Alles in allem rechnen Prognosen des deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (IFO) darum damit, dass das Home-Office der Natur langfristig sogar zusätzlich schaden könnte. In der Luzerner Provinz wird man darüber wohl getrost hinwegschauen.

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1 Kommentare
  1. Severus, 21.05.2022, 07:06 Uhr

    Keine schlechte Idee, insbesondere falls man Einkommensstarke Informatiker die wirklich permanent Home Office machen können in die Gemeinde zu ziehen schafft.

    Internet ist zwar nur ein Faktor, aber ein wichtiger.

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