Technologie & Digitales
Alina Matyukhina

Diese Zuger IT-Expertin bricht mit Informatikklischees

Alina Matyukhina möchte mehr Frauen fürs Thema Cybersicherheit begeistern. (Bild: zvg)

Sie ist 28 Jahre alt und bereits Leiterin Cybersicherheit bei Siemens: Alina Matyukhina. Eines ihrer grossen Projekte ist es, mehr Frauen in IT-Berufe zu bringen. zentralplus hat die IT-Expertin zum Gespräch getroffen.

Was, wenn das eigene Bankkonto plötzlich um 50'000 Franken leichter ist, ohne dass man das Geld selber genutzt hat? Wenn man in einem Einkaufszentrum stecken bleibt, weil sich die automatischen Türen nicht mehr öffnen lassen? Was, wenn im Operationssaal während der Herz-OP das Licht ausgeht? Diese gruseligen Szenarien sind zwar kaum vorstellbar, dennoch sind sie realistisch.

Unser Leben wird immer smarter: Technologien, aber auch physische Anlagen und Geräte sind immer mehr mit dem Internet verbunden. Dieses Netz aus verknüpften Geräten gestaltet so das sogenannte Internet der Dinge (IoT). Mit dieser Entwicklung, welche unser Leben ganz schön erleichtert, entstehen aber auch Gefahren. Dieser sind sich viele Leute, aber auch Unternehmen, noch immer kaum bewusst.

Und hier kommen Menschen wie Alina Matyukhina ins Spiel. Die Zugerin ist 28 Jahre alt und seit Anfang Jahr Leiterin des Bereichs Cybersicherheit, Building Automation, im globalen Hauptquartier von Siemens Smart Infrastructure in Zug. Dort kontrolliert sie die Cybersicherheit von Produkten, die für Gebäude und kritische Infrastrukturen weltweit hergestellt werden. Im Sommer gewann die gebürtige Ukrainerin den internationalen «Cybersecurity Woman of the Year Award».

Der Fokus der Hacker liegt heute auf der kritischen Infrastruktur

Wir wollen mehr erfahren über die promovierte IT-Sicherheitsexpertin. An einem garstig-verregneten Montagnachmittag im November treffen wir Matyukhina deshalb an ihrem Arbeitsort in Zug.

Die Frau wirkt aufgeräumt, selbstsicher und sehr herzlich. Spricht sie von ihrem Job, erzählt sie schnell und mit sichtlicher Begeisterung. Man merkt rasch, dass Matyukhina ihre Arbeit liebt. Es ist eine Arbeit, die immer wichtiger wird. «In den 90ern brachten Hacker Webseiten zum Spass zum Fall. Anfangs der 2000er begannen sie, die technischen Systeme von Finanzinstituten zu durchbrechen und somit beispielsweise Geld von Kreditkarten zu stehlen. Heute liegt der Fokus von Hackern eher auf der kritischen Infrastruktur.»

Alina Matyukhina war Teilnehmerin bei der Paneldiskussion der parlamentarischen Gruppe ePower. (Bild: zvg) (Bild: )

Will heissen: Darauf, Spitäler oder aber ganze Verwaltungen lahmzulegen. «Das ist ein riesiges Problem, weil sie damit effektiv Menschen in Gefahr bringen können.» Der Fokus von Matyukhinas Arbeit liegt beim Schutz von mit dem Internet verbundenen Geräten und Systemen, die beim Betrieb von Gebäuden wie Datenzentren, Krankenhäusern oder Pharmaunternehmen eingesetzt werden. Operation Technology (OT) werden diese Geräte im Fachjargon genannt.

Keine Organisation ist sicher

«Das ist der grosse Unterschied zwischen IT- und OT-Sicherheit. Bei der IT geht es um Daten. Klar ist es schmerzhaft, wenn einem Daten oder Geld gestohlen werden. In der OT geht es jedoch um etwas anderes. Es geht um die Sicherheit von Menschen.» Es ist daher nicht sonderlich beruhigend, als Matyukhina schulterzuckend sagt: «Jedes Unternehmen, jede Organisation kann gehackt werden, wenn es sich nicht entsprechend gegen Cyber-Gefahren schützt.»

Aber, so betont sie: «Die meisten Länder, so auch die Schweiz, haben das Problem mittlerweile erkannt.» Vor zwei Jahren rief die Bundesverwaltung ein nationales Zentrum für Cybersicherheit ins Leben. Aus diesem soll bald ein Bundesamt werden (zentralplus berichtete). Letzteres soll Institutionen helfen, welche von Hackerangriffen betroffen sind, aber auch als Anlaufstelle für Bevölkerung und Wirtschaft dienen. Die IT-Sicherheitsexpertin wurde im Rahmen eines Sessionsanlasses ebenfalls nach Bern eingeladen, um über das Thema Cybersicherheit zu sprechen, wie sie beiläufig erwähnt.

Geplant war diese Karriere nicht

Die Karriere der 28-Jährigen hätte bis jetzt nicht steiler verlaufen können. Geplant sei das nicht gewesen, erklärt sie. «Ich wollte einfach etwas machen, was der Gesellschaft wirklich etwas bringt.» Ursprünglich studierte Matyukhina Mathematik. Das war ihr jedoch zu theoretisch, die Anwendungsmöglichkeiten waren begrenzt.

«Ich möchte mit dem Klischee brechen, welches den Informatiker als einsamen Menschen im schwarzen Hoodie zeigt.»

Nach dem Bachelorabschluss wechselte sie darum auf Kryptografie und Business-IT, studierte in Österreich, Kanada und Lausanne. «Irgendwann landete ich beim Thema Cyber-Security und merkte: Hier kann ich wirklich etwas bewegen.» Denn es sei klar: «Wir können die Digitalisierung nicht aufhalten. Doch kann sie in der Gesellschaft nur funktionieren, wenn sie einhergeht mit dem Thema Cyber-Sicherheit.»

Weltweit fehlen derzeit Tausende IT-Sicherheits-Spezialisten, so Matyukhina. Das sei ein riesiges Problem. Entsprechend liegt es ihr am Herzen, insbesondere junge Frauen für diesen Weg zu begeistern. «Ich möchte mit dem typischen IT-Klischee brechen, welches den Informatiker als einsamen Menschen im schwarzen Hoodie zeigt.»

Auch eine Psychologin ist in der Cybersicherheit willkommen

«Gerade junge Frauen fürchten, dass der Job in der Cyber-Sicherheit zu technisch sei. Letzthin hielt ich eine Rede vor Studenten. Danach sprach ich mit einer Psychologiestudentin, die sich zwar fürs Thema interessierte, aber glaubte, mit ihrer Fachrichtung keine Chance zu haben in meinem Fachgebiet», erzählt Matyukhina. «Doch das Gegenteil ist der Fall. Denn ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist Psychologie. Wir müssen im Rahmen von Cyber Engineering verstehen lernen, wie Hacker denken.»

«Völlig unerwartet gewann ich den Preis. Das war einer der schönsten Tage in meinem Leben.»

Auf den «Women in Cyber Security»-Preis angesprochen, der Matyukhina im Sommer verliehen wurde, beginnt sie zu strahlen. «Ich weiss heute noch nicht, wer mich dafür nominiert hat», so die Ukrainerin. «Meine Führungskraft motivierte mich jedoch, nach Las Vegas zur Preisverleihung zu reisen. Völlig unerwartet gewann ich. Das war einer der schönsten Tage in meinem Leben», so die IT-Spezialistin.

Unterstützen statt gegenseitig konkurrenzieren

«Was mich besonders berührte: Der Saal war zur Hälfte mit Männern besetzt, die gekommen waren, um die anwesenden Frauen zu unterstützen. Genau so muss es sein. Dass man voneinander lernt, statt sich gegenseitig zu konkurrenzieren.»

Bei Siemens, ihrem heutigen Arbeitgeber, habe man das sehr gut erkannt. «Ich werde enorm bestärkt in meinem Tun. Überhaupt ist man hier sehr darauf bedacht, Diversität im Management zu fördern.» Auch treffe sie sich intern regelmässig mit Frauen in ähnlichen Positionen. «Das ist enorm wichtig. Gerade in der Techbranche gibt es Themen, die insbesondere Frauen betreffen. Von einander zu lernen und sich gegenseitig zu inspirieren ist daher besonders wichtig.»

Verwendete Quellen
  • Persönliches Gespräch mit Alina Matyukhina
  • Informationen Bund zum geplanten Bundesamt für Cybersicherheit
  • Bericht im «Blick» über Matyukhina
  • Artikel in der «Handelszeitung» über den «Women in Cyber Security»-Preis

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