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Taufrische Ideen für die alte Stadt
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Barbara Hauert und ihre Studie: Akribische Analyse für mehr Leben in Zug. (Bild: Falco Meyer )

Lebendiges Zug Taufrische Ideen für die alte Stadt

7 min Lesezeit 1 Kommentar 26.02.2013, 15:01 Uhr

Eine Wirtschaftsstudentin möchte die Zuger Altstadt beleben. Dazu hat sie eine preisgekrönte Arbeit verfasst. Für die Zuger Stadtentwicklung kommen diese Ideen genau zur richtigen Zeit. 

Vor knapp einem Jahr ist Barbara Hauert mit Schreibblock und Stift durch die Stadt Zug gewandert und hat das Gewerbe analysiert. Sie hat Listen verfertigt und einen Massnahmen-Katalog geschrieben für die Belebung der Zuger Innenstadt. Mit dieser Bachelorarbeit hat sie prompt den ersten Preis der Abteilung Wirtschaft der Hochschule Luzern gewonnen.

Jetzt sitzt sie im Café «Im Hof» mitten in der Innenstadt, die Arbeit ist aufgeklappt, sie steckt voller Pläne und Analysen. Barbara Hauert sagt: «Die Gewerbler haben mich schon kariert angeschaut, wenn ich immer wieder vor ihren Läden durchgelaufen bin und mir Notizen gemacht habe.»

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Genaue Kartographie 

Dank dieser Detailarbeit gibt es jetzt eine genaue Kartographie des Gewerbes in Zug – eine Basis, anhand der weiter geplant werden kann. Die Bachelorarbeit ist in Zusammenarbeit mit Regula Kaiser von der Stadtentwicklung Zug entstanden, die Fragestellung lautete: «Das Metalli-Zentrum in der Neustadt ist eines der schweizweit am Besten frequentierten Einkaufszentren, ein paar Schritte weiter, in der Altstadt, ist gar nichts los. Wie kommt das, und wie liesse sich das ändern?», sagt Hauert und ergänzt: «Zug ist nicht nur eine erfolgreiche und steuerlich günstige Stadt, sie hat auch eine wunderschöne Altstadt. Nur kennt man die nicht.»

Denn die Mieten sind teuer in der Altstadt, und es gäbe nur kleine Gewerbeflächen, auf denen sich bloss Luxusgüter gewinnbringend verkaufen liessen, erklärt Hauert. Das müsste nicht unbedingt so sein, in der Altstadt könnte auch ganz anderes passieren: «Dafür muss es eine gemeinsame Idee von Seiten der Bevölkerung und der Politik darüber geben, was mit der Altstadt passieren soll. Bis jetzt fehlt eine klare Positionierung.»

Bewohner versus Gewerbler

Hauert hat die Situation mit einer Befragung der verschiedenen Akteure analysiert und ist zum Schluss gekommen: «Jeder möchte etwas anderes: die Bewohner der Altstadt möchten keine Veränderung, da es jetzt sehr sauber und gepflegt ist. Wenn keine Leute in der Altstadt einkaufen gehen, dann gibt es auch keinen Lärm.»

Für das Gewerbe allerdings wäre eine Belebung der Altstadt sehr wünschenswert. «Die Gewerbler und Detailhändler leiden unter der schlechten Anbindung der Altstadt an die Zwischenstadt, also das Gebiet um die Bahnhofstrasse.» Und für die Bevölkerung könnte eine Belebung der Altstadt ebenfalls attraktiv sein: «Es ist ein schöner Ort und es wäre toll, wenn es mehr Gelegenheiten gäbe, sich darin aufzuhalten.»

Aus städtischer Sicht allerdings gäbe es bis anhin keine grundlegende Entwicklungsidee für die Altstadt, meint Barbara Hauert, ein Umstand, der behoben werden müsste. «Ich habe in meiner Arbeit Winterthur als Gegenbeispiel herangezogen. Die Stadt gilt auf dem Gebiet der Stadtentwicklung als Beispiel für best practice. Da gibt es ein durchdachtes und umfassendes Konzept zur Entwicklung der Altstadt, und es funktioniert.»

Auf dieser Grundlage hat Hauert ihren Massnahmenkatalog erarbeitet. Sie schlägt mehrere Schritte vor. Grundlegend ist die Schaffung einer Identität für die Altstadt, dafür müsste die Frage geklärt werden, was man überhaupt mit der Altstadt anfangen will. Hauert sieht die Lösung in einer grossflächigen Bevölkerungsbefragung.

Bäume für die Neugasse

Das zweite Handlungsfeld lokalisiert Hauert in der Schaffung von attraktiven Räumen. Dabei ist der Verkehr über den Postplatz und durch die Neugasse das zentrale Problem: «Der Stadttunnel brächte eine echte und nachhaltige Verbesserung der Situation», sagt Hauert. Der Verkehr sei eine Zäsur, er trenne die Alt- von der Zwischenstadt und mache die Neugasse unattraktiv. Dabei ist die Zwischenstadt und ihre Verbindung zum historischen Kern zentral für die Entwicklung der Innenstadt: «Wäre die Neugasse zum Beispiel gepflastert mit Bäumen und Cafés, die ihre Tische auf die Strasse stellen, dann würde sie zum Flanieren anregen, man würde den Weg in die Altstadt gerne gehen.»

Als drittes Handlungsfeld identifiziert Hauert das Angebot: Wenn die Altstadt belebt werden soll, müsse auch hier eine Positionierung gefunden werden. «Einer der Interviewpartner hat Zug als Feinkostladen betitelt: Das wäre zum Beispiel eine sinnvolle Positionierung der Altstadt», sagt Hauert. Damit das funktioniere müsse allerdings ein sogenannter Ankerpartner gefunden werden, ein Angebot also, das die Leute in die Altstadt zieht. «Ein beliebtes oder exklusives Lebensmittelgeschäft etwa oder exotische Verpflegungsmöglichkeiten.»

Steuerverwaltung gehört nicht ins Zentrum

Ein anderer Weg würde über das Schaffen von grösseren Strukturen führen, argumentiert Hauert: «Wenn man in der Altstadt auch Räume zusammenlegen könnte, wäre mehr möglich.» Dieses Ansinnen kollidiert jedoch mit dem Denkmalschutz.

Deshalb macht Hauert ein solches Potenzial für Zusammenlegungen vor allem in der Zwischenstadt aus: Es gebe eine Reihe von Nutzungen, die nicht zwingend in das Zentrum der Stadt gehörten, grosse Büroräumlichkeiten etwa oder die Steuerverwaltung. Hier könnte man dem Gewerbe grössere Flächen zur Verfügung stellen, ohne den Denkmalschutz zu vernachlässigen. «Das ist realistisch und wäre auch ohne Stadttunnel machbar. In Winterthur gibt es eine Markthalle, in der sich verschiedene Lebensmittelhändler zusammengeschlossen haben, darin verkauft jeder sein eigenes Angebot, aber der Zusammenschluss zieht mehr Kunden an als jeder einzelne könnte.» So etwas könnte auch in der Zwischenstadt möglich sein, ist Hauert überzeugt. «Zuallererst allerdings muss die Stadt herausfinden, was sie eigentlich will.»

Neue Freiräume schaffen

Und das ist bei der Stadt angekommen: «Die Arbeit kommt genau zur richtigen Zeit», sagt Stadtentwicklerin Regula Kaiser: «Das Thema Altstadt wird fürs nächste Jahr unser Fokusgebiet sein, denn es tut sich was: Letzten Sommer hat sich eine neue Gruppierung gebildet, die sich um die Entwicklung der Altstadt kümmern will.»  Solche Initiativen findet Kaiser sehr begrüssenswert: «Die Kraft zur Veränderung muss aus der Altstadt selber kommen, sonst hat das kurze Beine.»

Die Frage, die Hauert aufgeworfen habe, sei zentral, findet Kaiser: «Was soll mit der Altstadt geschehen? Darauf braucht es eine Antwort aus der Bevölkerung. Soll das so bleiben wie jetzt, soll es lebendiger werden, wenn ja, wie?» Und dabei stünde, so Kaiser, neben der Auffassung der restlichen Kantonsbürger die Meinung der Altstadtbewohner an erster Stelle: «Zwar ist die Altstadt Identitätsstiftend für jeden Stadtbewohner, trotzdem ist sie auch ein Wohnquartier.»

Die Diskussion um die Positionierung der Altstadt hängt inhaltlich zusammen mit der Diskussion um andere Grossprojekte, wie etwa der möglichen Neugestaltung des Postplatzes und dem noch zu beschliessenden Bau des erwähnten Stadttunnels. «Die Belebung muss ja auch nicht nur in den engen Gassen der Altstadt stattfinden: Es würde beim Bau des Tunnels neue Freiräume geben, wie man jetzt auf den Visualisierungen für das Zentrum sehen kann. Das sind wunderschöne Bilder für die Innenstadt.» Dazu werden etwa in kürze die Ergebnisse des Mitwirkungs-Projekts «Freiraum-Zug» veröffentlicht, auch dort war die Altstadt ein wichtiges Thema.

Authentische Projekte bevorzugt

Wie steht die Stadtentwicklerin zu den von Hauert identifizierten Handlungsfeldern? «Ich persönlich bin nicht sicher, ob Projekte, die mit der grossen Kelle angerichtet werden, viel bewirken. Die bestehenden Nutzungsstrukturen haben etwas mit der generellen Situation zu tun: Der Detailhandel ist im Umbruch, mit dem Tante Emma Laden lässt sich kein Geld mehr verdienen. Ich setze mich lieber für authentische Projekte ein, wie etwas das AIGE, das leider schliessen musste. Ich denke, mit solchen Aktionen kann, wenn sie mehr Schnauf haben, eine lokal verankerte Belebung in der Altstadt entstehen.»

Mit Hauerts Handlungsfeldern und ihrer Analyse des Gewerbes habe man ein konkretes Werkzeug in der Hand, mit dem gearbeitet werden könne: «Frau Hauert hat eine sehr professionelle Arbeit geschrieben, sie spiegelt auf ganz unpolitische Weise die Stadtentwicklung wider und geht möglichen Veränderungen nach. Das ist für uns als Arbeitsgrundlage grossartig.» Jetzt könne man überprüfen, was daran politisch möglich sei. «Wir können erkennen, wer beteiligt ist, und wer etwas bewirken kann. Und wir können anhand dieser Arbeit durchdeklinieren, wo was wie geschehen könnte. Das ist die Aufgabe, die in diesem Jahr auf uns zukommt.»

Die Sache mit den Schildern

Etwas allerdings begreift Kaiser nicht, dabei geht es um Hauerts Vorschlag zur Erarbeitung eines Besucher-Leitkonzeptes, das den Leuten den Weg in die Altstadt weisen soll: «Dazu hat es ein fertiges Projekt gegeben, schöne Tafeln, gut eingepasst, das wurde dann vom Parlament abgeschmettert. Das ist unglaublich schade: Die Leute steigen in Zug am Bahnhof aus und wissen nicht mal, dass es eine Altstadt gibt, in der Zug zum Beispiel ein vielfältiges Angebot an Design, Kultur, Gastronomie und Sehenswürdigkeiten zu bieten hat.» 

Wieso abgeschmettert? Kaiser schmunzelt und sagt: «Vielleicht haben die Parlamentarier gedacht, sie wüssten ja, wo die Altstadt liegt, und die Schilder deshalb für überflüssig gehalten.»

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1 Kommentare
  1. Peter Bitterli, 27.02.2013, 22:04 Uhr

    Zug. Wow!
    Da hab ich mich auch schon oft verlaufen.
    Bachelor. Wow!
    Wohnen die nicht in Bologna?

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