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«Tauben fliegen auf» – Bestseller auf der Bühne
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Sylvia Sobottka und Hannes Oppermann vor dem Luzerner Theater. (Bild: jav)

Uraufführung von Erfolgs-Roman im Luzerner Theater «Tauben fliegen auf» – Bestseller auf der Bühne

4 min Lesezeit 17.02.2017, 10:18 Uhr

Das Luzerner Theater bringt einen preisgekrönten Schweizer Bestseller erstmals auf die Bühne. «Tauben fliegen auf» von Melinda Nadj Abonji ist eine Geschichte über das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen. Etwas, das die Regisseurin und auch einer der Schauspieler selbst genauso kennen.

Zwischen zwei Welten aufwachsen, zwischen der Schweiz und dem heutigen Serbien. Eine Pubertät zwischen den strengen Regeln, den Traditionen der Eltern und der alten, ländlich-idyllischen und doch verlorenen Heimat und dem neuen Ort.

Die Regisseurin Sylvia Sobottka und der Dramaturg Hannes Oppermann beschäftigen sich bereits seit über einem Jahr mit dem Roman «Tauben fliegen auf» von Melinda Nadj Abonji. Der Beststeller erschien 2010 und gewann den Schweizer und den Deutschen Buchpreis.

Gemeinsames Erarbeiten

Gemeinsam mit der Autorin haben Sobottka und Oppermann die Passagen bestimmt, welche es auf die Bühne schaffen werden. «Wir haben beim Kennenlernen schnell gemerkt, dass wir biografisch einige Überschneidungen haben», erklärt Sobottka. Und nach einem langen, intensiven Gespräch habe Abonji das Buch dann für sie – beziehungsweise fürs Luzerner Theater – freigegeben. «Ich glaube, wir haben ihr Vertrauen gewonnen, uns den Roman anzuvertrauen, da wir viele Episoden auswählten, welche Melinda selbst auch bei ihren Lesungen verwendet. Es hat irgendwie gepasst», sagt Dramaturg Oppermann.

«Die Fahrten in die Heimat, die Erinnerungen an die Landschaft, das Licht, an den Geruch. Das alles kenne ich zu gut.»
Sylvia Sobottka, Regisseurin

Regisseurin Sobottka ist mit ihrer eigenen Geschichte bei der Produktion nicht die Einzige, bei welcher die Überschneidungen deutlich sind. Das Ensemble-Mitglied Mirza Šakić ist ebenfalls ein Kind von Einwanderern. Bei Šakić flohen die Eltern aus Bosnien in die Schweiz, bei Regisseurin Sobottka migrierten die Eltern aus Polen nach Deutschland. Viele Bilder von Abonji seien damit auch die ihren. «Die Fahrten in die Heimat, die Erinnerungen an die Landschaft, das Licht, an den Geruch. Das alles kenne ich zu gut. Auch die strenge, aber warme Grossmutter, das Essen, das oft übermässige Trinken. Die Mentalität, die Emotionen direkt und ungefiltert ausspuckt, ohne sie erst zu reflektieren und ohne die Distanz zu wahren», erzählt Sobottka.

Ihr sollt es einmal besser haben …

Es seien gewisse Mantren, die in «Tauben fliegen auf» auftauchten, welche auch Šakić oder sie als Kind immer und immer wieder gehört hätten, sagt die Regisseurin und zählt auf: «Schule und Studium sind wichtig, sei fleissig, stell dich hinten an, sei demütig und arbeite hart.» Es sei eine Art eigener Arbeitsethos der Migranten, die sich für ihre Kinder ein besseres Leben vorstellen. «Wir müssen uns ein menschliches Schicksal erst erarbeiten», sei auch so ein Mantra. Es gehe darum, Wohlstand zu erreichen, sozial aufzusteigen, aber auch zu zeigen, dass man dies mit einer tadellosen Moral tue.

«Es steht Literatur auf der Bühne und das soll man auch merken.»
Hannes Oppermann, Dramaturg

Der Roman sei eine Geschichte, die dieses ganz eigene Wertesystem der Familie und diese abgeschlossene Welt zeige, eine Geschichte über das Dazwischen. «Und es ist eine Coming-of-age-Geschichte», betont Sobottka.

Klappentext von «Tauben fliegen auf»

Zuhause ist die Familie Kocsis also in der Schweiz, aber es ist ein schwieriges Zuhause, von Heimat gar nicht zu reden, obwohl sie doch die Cafeteria betreiben und obwohl die Kinder dort aufgewachsen sind. Die Eltern haben es immerhin geschafft, aber die Schweiz schafft manchmal die Töchter, Ildiko vor allem, sie sind zwar dort angekommen, aber nicht immer angenommen.

Es genügt schon, den Streitigkeiten ihrer Angestellten aus den verschiedenen ehemals jugoslawischen Republiken zuzuhören, um sich nicht mehr zu wundern über ein seltsames Europa, das einander nicht wahrnehmen will. Bleiben da wirklich nur die Liebe und der Rückzug ins angeblich private Leben?

Literatur auf der «Bühne»

Die Sprache von Abonji wird dabei beibehalten. Die Hochsprache vermischt sich mit dem Schweizerdeutschen und vielleicht werden auch ungarische Brocken mit einfliessen. «Wenn die Schauspieler es authentisch hinbekommen», lacht Oppermann. Wichtig sei auf jeden Fall, die Musikalität der Sprache im Buch beizubehalten.«Es steht Literatur auf der Bühne und das soll man auch merken», so Oppermann.

«Sylvia hat für die Umsetzung des Buches auf der Bühne praktisch ein neues Genre erfunden», betont der Dramaturg. «Es ist eine Art szenisches Live-Hörspiel. Man könnte die Augen schliessen und hätte ein funktionierendes Hörspiel, doch dazu kommen szenische Bilder aus dem Buch, Momente und Erinnerungen.»

Auch beim Bühnenbild bleibt das Luzerner Theater seiner neuen Linie treu, Räume aufzubrechen. «Gespielt wird in der Box um die Zuschauer herum und zwischen ihnen hindurch. Die Zuschauer sitzen mit verschiedenen Perspektiven auf ganz unterschiedlichen Stühlen im Raum. Wir wollen damit die vielen Perspektiven, die im Roman eingenommen werden, auch ins Theater bringen», so Sobottka.

«Tür-Öffner» als Tür-Öffner

Rund um die Premiere am 10. März werden zwei Luzerner Salons zum Stück stattfinden. Diese Gesprächsrunden am 17. Februar und am 25. März behandeln das Thema «Tür-Öffner». Dabei werden zum Beispiel die Regisseurin selbst oder auch Emina Kovačević vom Schweizerischen Arbeiterhilfswerk Zentralschweiz mit jemandem, der ihnen metaphorisch eine Tür in der neuen Heimat geöffnet hat, darüber sprechen und sich bedanken.

«Wir wollen das Thema Hilfsbereitschaft in Verbindung mit Integration aus beiden Perspektiven zeigen. Aus Sicht der Migranten, welche durch dieses Handreichen den Kontakt ausserhalb der eigenen Community gefunden haben und sich so in der neuen Heimat integrieren konnten, aber auch aus der Sicht der Helfenden», erklärt Oppermann. Wie die Gespräche genau aussehen werden, ist noch nicht bestimmt. «Es wird Essen und Trinken geben und viele Geschichten», so der Dramaturg.

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