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«Tatort»: Scho nätt u so, aber ender weniger …
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Kommissar Flückiger überpüft, ob der Verdächtige noch am Leben ist. (Bild: SRF/Daniel Winkler, Montage jav)

Kritik zum Luzerner Sonntags-Krimi «Tatort»: Scho nätt u so, aber ender weniger …

5 min Lesezeit 5 Kommentare 18.09.2016, 17:00 Uhr

Das Thema Sterbehilfe im neusten Luzerner Tatort wirft Wellen. Die Emotionen während des Films taten dies leider nicht. Schöne Bilder zwar, überraschend oder spannend war der Schweizer Sonntags-Krimi hingegen weniger. 💣 Spoiler-Alarm! 💣

Darum geht’s:

Eine Deutsche reist mit ihrer Tochter in die Schweiz, um hier zu sterben. Sie wird von drei Sterbehelfern empfangen und würdevoll in den Tod begleitet. Doch am nächsten Tag wird eine der Sterbehelferinnen tot aufgefunden, brutal erschlagen und erstickt. Die Ermittlungen führen die Tatort-Kommissare zwischen die verhärteten Fronten von Befürwortern und Gegnern der Sterbehilfe.

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Die Kritik:

Schöne Aufnahmen, gute Details – gleich am Anfang dieses Tatorts hält man fast die Luft an. Die ruhige und nahe Inszenierung der ersten Szene führt toll ans Thema heran. Allgemein, das muss man vorausschicken, sind die Kameraführung, Lichtgebung und die ungeschönten Nahaufnahmen und Details ausdrucksstark und passend.

Doch auf die ersten guten Momente folgt diese schrecklich ami-mässige «Das Leben ist so heilig»-Demonstration vor dem Sterbe-Zimmer. Gibt’s wirklich so taktlose Menschen unter den sonst so zurückhaltenden Schweizern?

Insgesamt ist dieser Tatort ein schöner Film geworden. Er ist aber weder spannend, noch überrascht er in irgendwelcher Weise.

Spannung? Ach nö …

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie man in einem Krimi die Spannung aufbaut: Entweder der Zuschauer weiss mehr als der Held und sieht, wie der Bösewicht immer etwas voraus ist, oder der Zuschauer weiss nichts und versucht genauso wie der Held ständig, alle Möglichkeiten einzuberechnen, jedes Indiz zu deuten und so den Täter zu entlarven.

Das funktioniert jedoch nicht, wenn man mitten im Film so plump wie nur möglich die Tatwaffe übergibt. Kaum hatte die junge sensible Krankenschwester dem irren Bruder sinnloserweise einen Plastiksack gemeinsam mit der Getränkeflasche überreicht, ist es vorbei mit dem Rätselraten. Alle Verstrickungen danach sind nette Beilage, mehr nicht.

Und eigentlich – ernsthaft? Wir nehmen das Thema Sterbehilfe und als Mörderin einen durchgeknallten Todesengel? Etwas mehr Kreativität hätte der Geschichte bestimmt nicht geschadet.

Schlussendlich muss man sagen: Überzeugende Schauspieler, lahme Story und die Spannung hat fast gänzlich gefehlt. Es ist nämlich so: Wenn man sich mit niemandem identifizieren kann und niemanden wirklich mag, dann gehen einem sowohl die Morde wie auch die Verhaftung ziemlich am Allerwertesten vorbei.

Die Dialoge sind wie immer im Luzerner Tatort etwas laaaangsam. Doch diesmal passt es zum Thema und zur Grundstimmung des Krimis. Deshalb keine grosse Kritik dazu. Zudem bringen die deutschen Schauspieler etwas Tempo rein.

Die Darsteller

Delia Mayer als Liz Ritschard – meiner Meinung nach immer sympathisch und authentisch. Man hätte ihr nur ein bisschen mehr Platz für ihre empathischen Anflüge und ethischen Überlegungen zum Thema Altern und zur Sterbehilfe einräumen dürfen. Denn wie sie das besuchsfreie Zeitabsitzen im Pflegeheim so ganz drastisch mit dem Dasein als Pflanze vergleicht, steigen doch einige verdrängte Gefühle und Gedanken an die Oberfläche.

Stefan Gubser als Reto Flückiger ist mir mittlerweile ohne Ecken und Kanten, ohne Privatleben doch am liebsten. Ich widerrufe meine Aussage, dass ich mir mehr Charakter und Lebenseinblicke wünsche. Denn wenn die Umsetzung darin besteht, dass der Herr einmal drei!!! Stunden zu spät zur Arbeit kommt und in den letzten fünf Sekunden noch die Schlussstimmung mit seiner Eveline versaut, dann: Nein danke.

Fabienne Hadorn als Leiterin der Spurensicherung Corinna Haas ist ganz schön wild geworden. Hatte sie doch gerade erst im letzten Tatort den Praktikanten abgeschleppt – und wir alle haben mehr gesehen als gewollt –, schon ist der Nächste im Visier.

Anna Schinz als Todesengel Nadine Camenisch ist echt gruslig. Zum Schluss möchte man der hübschen Krankenschwester auf keinen Fall mehr zu nahe kommen. Gut gespielt.

Martin Butzke als psychisch angeschlagener Martin Aichinger überzeugt und gefällt. Sein «Pest»-Gefluche in der Baselstrasse hätte mich jedenfalls ganz schön erschreckt. Nicht zu vergessen ist aber auch seine «Gastgeberin» Rebecca Indermaur als Debbie Zurbuchen. Diese seltsame Konstellation ist definitiv ein schöner Einfall für die Geschichte.

Martin Rapold als Pro-Vita-Boss Josef Thommen ist einfach nur nervtötend. Ein richtig schleimiger Kotzbrocken. Dem eigenen Ärgern nach zu urteilen: sehr gut gespielt.

Herausgehoben

Das Highlight: Ganz klar – der Österreicher mit seinem zynischen Spruch: «Ich geh zum Sterben wie zum Frisör.» Die Szene hat mir vom ganzen Tatort am besten gefallen. Unheimlich ausdrucksstarker Schauspieler in der Rolle eines richtig geilen Typen mit österreichischer Klappe. Sein brutaler Tod hat mich dann auch echt mitgenommen.

Der Aufreger: Seit wann gibt’s so viele religiöse Trottel – nicht nur bei der Pro Vita? Irgendwann hat man das Gefühl, dass bei Gesprächen über den Tod sicher zwei, drei Mal «Gott» erwähnt werden muss.

Guuuut: Der Tod von Helen Mathys gefällt. Der Schlag, das Schleifen, die verschwimmenden Kameraeinstellungen und das Ersticken. Schön zelebriert und richtig übel.

Ganz nett: Schön, dass der Herr Sauber zum Schluss nicht gerettet werden konnte. Ich dachte schon, wenn jetzt gleich die Kommissare die Wohnung stürmen und dem Todesengel den Plastiksack in letzter Sekunde entreissen, dann hätt’ ich echt den Fernseher ausgemacht. Es kann doch nicht immer gut ausgehen. Und er hatte ja grad zuvor mit der schwarzen Witwe kopuliert.

Seltsam: Welches Krematorium stellt denn bitte über Nacht 20 Rechaudkerzen auf jeden Sarg?

Unrealistisch: Der Herr Nachbar hatte doch Wasser ins Sterbefläschchen gefüllt. Weshalb der Todes-Cocktail dann doch bräunlich aussah, muss ja keiner verstehen. Vielleicht sollten die mal ihre Rohre checken lassen.

Note für den Film (von 1 bis 6): 4

Note für Kommissar Flückiger: 3

Note für Kommissarin Ritschard: 4

Und was haben wir an diesem Sonntagabend gelernt? Nie einen Spiegel mit der Faust zerschlagen. Autsch.

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5 Kommentare
  1. Miko Gee, 20.09.2016, 16:22 Uhr

    Die Rechaudkerzchen waren beim Eintreten des Sohnes noch nicht auf den Särgen zu sehen. Dass aber ein Krematorium über entsprechende Mengen an Kerzen verfügt und der Sohn diese selbst gefunden, arrangiert und entzündet hat um stimmungsvoll von seiner Mutter Abschied zu nehmen, ist dann gar nicht mehr sooo seltsam. 😉

    1. Jana Avanzini, 21.09.2016, 14:24 Uhr

      Stimmt. Eventuell wurde das sogar gedreht. Die Szene des 100-Kerzen-Anzündens hat dann aber – beim schlimmen körperlichen Zustand des Verdächtigen – so lange gedauert wie der Tatort selbst. Deshalb hat man sie schlussendlich doch rausgeschnitten. Schweren Herzens. 😉

    2. Miko Gee, 21.09.2016, 22:57 Uhr

      Das wäre wohl zu viel Action für einen Tatort gewesen xD

  2. Ronja Rebel, 20.09.2016, 11:54 Uhr

    Da zitiert aber jemand im Titel den Baze ohne jegliche Fussnote 😉