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«Tatort» in Luzern: Was habt ihr denn? Der ist richtig gut!
  • Kultur
Hans Hollmann brilliant als umstrittener Mäzen Walter Loving. (Bild: Pascal Mora)

Kritik zum KKL-Krimi «Die Musik stirbt zuletzt» «Tatort» in Luzern: Was habt ihr denn? Der ist richtig gut!

5 min Lesezeit 05.08.2018, 16:49 Uhr

Im Vorfeld wurde der One-Cut-Tatort aus dem KKL bereits heiss diskutiert. Und aufgrund der Schlagzeile einer Boulevard-Zeitung geht der ganze deutschsprachige Raum von einem grottenschlechten Film aus. Wir sind da absolut nicht derselben Meinung. 💣 Spoiler-Alarm! 💣

Darum geht’s: Der vierzehnte Luzerner Tatort spielt in Echtzeit während eines Klassikkonzerts mit Musik jüdischer Komponisten im KKL. Doch der Mäzen des Abends hat ein Geheimnis, einige noch Rechnungen mit ihm offen, es wird fleissig vergiftet und durchs KKL gerannt. Kommissarin Liz Ritschard ist im Abendkleid da und Kollege Reto Flückiger taucht in FCL-Fanmontur mit Stiefsohn in spe auf. (Mehr zum Inhalt und zum Dreh)

Filmkritik: Ich bin überrascht. Und wirklich gut unterhalten. Ich habe gelacht, mich gewundert, mitgelitten und -gefiebert. Ich fand das Thema spannend, die inneren Kämpfe, welche die Figuren ausfechten, ich fand den Fall spannend und besonders die Machart des Films. Ich war beeindruckt vom Tempo, von der Besetzung und den Bildern. Dies vor allem im Bewusstsein, welche Herausforderung der Echtzeitdreh darstellt. Zudem schafft es Regisseur Dani Levy, Tragik und Witz ganz nahe nebeneinander auftreten zu lassen. Und endlich, endlich, hat man Gubser und Mayer ohne den Stock im Allerwertesten erlebt. Vielleicht hätte man die beiden öfters improvisieren lassen sollen.

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Aber um zu relativieren: Ich bin nicht komplett und total von den Socken. Natürlich gibt es Kritikpunkte, aber ich würde diesen Sonntagskrimi durchaus nochmals schauen. Vor allem, um Dinge zu entdecken, die beim ersten Mal, im Eifer der Geschichte, untergegangen sind.

Das Ermittlerduo in Höchstform

Vielleicht ist es die Wehmut des Endspurts, da nun das Ende des Luzerner Tatorts verkündet wurde (zentralplus berichtete). Denn plötzlich haben Flückiger und Ritschard nicht nur natürlich klingende Konversationen, sie haben Tempo und sie haben ein Leben. Flückiger ist mit dem Sohn seiner Freundin Eveline unterwegs, Ritschard trifft einen ehemaligen Lover und schiebt sonst privat grad die Krise. Die Figuren erhalten Ecken, Kanten und Tiefe und wirken gemeinsam wie ein echtes Team.

Die Nerven liegen blank: Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) ermitteln nach einem Giftanschlag im KKL.

Die Nerven liegen blank: Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) ermitteln nach einem Giftanschlag im KKL.

(Bild: SRF/Hugofilm)

Der Text macht’s

Der Schluss will viel. Doch er stemmt es auch. Die Rede des Mäzens, der tödliche Kuss des Sohnes und die letzten Atemzüge von Franky Loving. Einen kurzen Moment hatte ich mir Sorgen gemacht, doch dann riss Andri Schenardi mit den letzten Worten an die Zuschauer das Ruder herum.

Textlich hat dieser Tatort sowieso viele äusserst gute Momente zu bieten. Besonders die direkten Ansprachen von Schenardi an die Zuschauer sind in ihrer Abgründigkeit oft poetisch. Immer wieder kommt der Sprachwitz raus und die Kommentare sitzen mit perfektem Timing.

Die Schauspieler

Delia Mayer als Liz Ritschard macht eine richtig gute Figur. Und wir beziehen uns dabei nicht mal auf die Optik. Die psychisch angeschlagene Kommissarin kämpft mit der Situation im KKL, fühlt mit den Betroffenen mit und spricht mir dabei wie so oft aus der Seele.

Stefan Gubser als Reto Flückiger macht sich ganz gut als Proll. Auch bei ihm gibt es mehr Privates zu erfahren, seine Beziehung zu Ritschard kommt raus und etwas Vergangenheit. Seine Faust fliegt, sein FCL-Schal tränkt sich mit Blut und er gewinnt im Trubel von Emotionen und Fehlern immer mehr an Profil.

Jean-Pierre Cornu als empathieloser Chef Mattmann – kommt nicht vor. Juhu. Endlich.

Hans Hollmann als Walter Loving ist schlicht perfekt. Eine Figur mit Höhen und Tiefen, mit abstossenden und anziehenden Momenten. Ein alter Mann, Held oder Krimineller, bemitleidenswert und widerwärtig, liebevoll und grausam.

Andri Schenardi, schon wieder als missratener Sohn in einem Luzerner Tatort. Er macht seine Sache wirklich irre solide, doch etwas Abwechslung bei der Schauspieler-Wahl täte dem Schweizer Tatort – übrigens auch in Zukunft – bestimmt gut.

Nicht immer funktioniert die Nähe von Schenardi mit dem Zuschauer am Bildschirm, doch in sehr vielen Momenten gibt es diesem Tatort Witz und Tempo. Bloss das Aussteigen aus der Rolle und das Kommentieren des Films von aussen ist definitiv einer zu viel.

Eins zu viel sind zwischendrin auch einige Schauspieler. Als hätten Uygar Tamer und auch Sibylle Canonica in einigen Momenten die Nähe der Kamera vergessen und gefühlt Mimik und Gestik für die KKL-Bühne ausgepackt. Besonders bei den Vergiftungsfällen und den Ausrastern ist man doch oft gefährlich nahe am Augenrollen. Bisschen hysterisch und überdramatisch.

Uygar Tamer zeigt jedoch als Anwältin Jelena Princip in den ruhigeren Momenten eine berechnende Wut und Verletzlichkeit.

Neben dem formidablen Cast mit Heidi Maria Glössner, Gottfried Breitfuss und Teresa Harder sind auch ein ganzer Haufen bekannte Gesichter für den Luzerner Theaterzuschauer zu entdecken. Da wäre Yves Wüthrich vom Ensemble des Luzerner Theaters, Patric Gehrig und Hans-Caspar Gattiker, da war Aaron Hitz, der sich erst kürzlich beim Luzerner Jedermann in die Herzen der Luzerner gespielt hat. Hitz bringt im Tatort als Sanitäter viel körperlichen Einsatz mit jedoch etwas hektischer Reanimationsarbeit.

Unter den Darstellern des KKL-Krimi sind zahlreiche bekannte Gesichter aus Film und Theater zu sehen: So auch Heidi Maria Glössner als Konzertveranstalterin Silvia Bosshardt.

Unter den Darstellern des KKL-Krimi sind zahlreiche bekannte Gesichter aus Film und Theater zu sehen: So auch Heidi Maria Glössner als Konzertveranstalterin Silvia Bosshardt.

(Bild: Pascal Mora)

Hammermässiges und Übertriebenes

Überraschend ist der Effekt mit der Rückblende ins Jahr 1978. Da wurde offenbar ein Raum im KKL mit Grosseinsatz begrünt.

Hammer ist der Text. Wie bereits erläutert.

Etwas gar übertrieben kommt die Dreiecksgeschichte mit Papa, Sohnemann und schwangerer Anwältin daher. Wir wissen, in Filmen sind die richtig Reichen gerne mal grundverdorben, aber das war doch etwas sehr klischiert.

Schick die Kameraeinstellung, wenn man als Zuschauer mit dem Dirigent auf die KKL-Bühne tritt und einem der Applaus hunderter elegant gekleideter Zuschauer empfängt.

Etwas voraussehbar leider die Schuld von Alice Loving und der Tod von Jelena Princip.

Völlig effekthascherisch, unrealistisch und romantisiert ist die Demonstration für Palästina vor dem KKL. Ganz viel Dynamik, besonders viel Rauch, ganz viele Polizisten, ein paar Plakate und rennende Menschen mit Dreadlocks. Aber ehrlich: Die Luzerner Polizei würde sich nicht so härzig auf kleine Ring(el)kämpfe einlassen, sondern bei einem solchen Anlass mit Helmen, Schildern und Stöcken auffahren.

Bewundernswert ist der Kameramann Filip Zumbrunn. Wenn man sich überlegt, dass er die Kamera die ganze Zeit getragen und dabei immer das Script im Hinterkopf hatte. Rennend durch das Haus, über den Bahnhofsplatz, im Getümmel. Chapeau!

 

Note für den Film (von 1 bis 6): 5,5

Note für Kommissar Flückiger: 5

Note für Kommissarin Ritschard: 5,5

 

Hinweis: Nach der Ausstrahlung des Luzerner Tatorts diesen Sonntagabend werden wir auch über das bestimmt weit kritischere Twitter-Gewitter aus Deutschland, Österreich und der Schweiz berichten!

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