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Tanzen zu Ehren des grössten Luzerner Musikers und Bürgerschrecks
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«Im kleinen Leben, da liegt der grosse Schmerz», sang der Luzerner Sänger Hösli (Bild: zvg)

Party anlässlich des 10. Todestages von Hösli Tanzen zu Ehren des grössten Luzerner Musikers und Bürgerschrecks

4 min Lesezeit 3 Kommentare 22.09.2017, 09:55 Uhr

Er war Punk, Sedel-Abwart, Rocker, Chansonnier und nannte sich auch Gilbert Dessert: Thomas Hösli bleibt die national prägendste Musikfigur Luzerns. Zehn Jahre nach seinem Tod gibt’s im Südpol ein grosses Fest, das Hösli Freude machen würde. Weggefährten erinnern sich an den «David Bowie der Voralpen».

«Im kleinen Leben, da liegt der grosse Schmerz.» Das sang der Luzerner Sänger Hösli (1965–2007), Rainer Werner Fassbinder zitierend. Der bayrische Brachialfilmer («Die Ehe der Maria Braun») kannte das Leben von der Gosse bis zum Glamour.

Und Hösli, dieser «bunte Farbfleck», wie ihn seine Musikerfreunde beim Begräbnis vor zehn Jahren verabschiedeten, sang so manches Lied davon.

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Jung und frech mit arroganter Attitüde: Moses in Heavy Sirup mit Markus Wicker (links) sowie Hösli in der Mitte.

Jung und frech mit arroganter Attitüde: Moses in Heavy Sirup mit Markus Wicker (links) sowie Hösli in der Mitte.

(Bild: zvg/Martin Müller)

Hösli kannte das Büezerleben bestens, musste selber für den Lebensunterhalt immer hart arbeiten. 1990, bei der Sanierung des Unispitals Zürich, geriet er mit dem Isoliermaterial Asbest in Kontakt. Und das Schicksal schlug zu. 41 Jahre alt wurde Hösli nur. Wenig Jahre, und doch so ein reiches Leben!

Elder Statesman der Sedel-Kultur

Vor zehn Jahren war die halbe Stadt an Höslis Beerdigung. Alle ausser dem Stapi, den hatte er sich zwar am Grab gewünscht. Geschenkt. Die Kunst- und Kulturszene feierte den «David Bowie der Voralpen, den Ivan Rebroff der Polizeistunde, den Elder Statesman der Sedel-Kultur» (Rockkritiker Albert Kuhn). Am Freitagabend wird er nun mit einer rauschenden Nacht im Südpol gefeiert.

Hösli-Party im Südpol

Am Freitagabend feiern die Luzerner nochmals den grossen Sänger der kleinen Stadt. Ab 20 Uhr treten im Südpol diverse Hösli-Tribute-Bands mit vielen ehemaligen Mitstreitern aus seinen Bands auf. Motto des Abends: «Heaven Is Not That Far» – eine Textzeile aus dem Hösli-Song «Elvis With A Fender Guitar». Stadtrat Adrian Borgula überbringt die Grussworte der Regierung, durch den Abend moderiert Jonas Räber. Es werden vor allem Songs aus den Zeiten von Steven’s Nude Club gespielt – sprich: Es darf trotz der Trauer um den anhaltenden Verlust von Hösli getanzt werden. Kreativität wird nur schon in den Bandnamen bewiesen: The Milky Ways from Mars, CountGabba und Stevens’s Noodle Soup. Wohlan denn: Let’s party!

«Ich vermisse dich und diese wunderbare Zeit der unzählbaren Möglichkeiten.» Das sagte die heute 57-jährige Luzerner Sängerin Vera Kaa am Grab. Und auch das: «Jung waren wir und wütend, dass es so wenig Kultur für uns gab.» Das war 1980, und Thomas Hösli war ein Pionier der Sedel-Aktivisten. Den Sedel gibt es noch. Hösli immerhin noch in Gedanken.

In Gedanken an ihren Ex-Freund ist auch Emanuela Hutter (52), mit der Hösli vier Jahre Bühne und Bett teilte. Bei ihr nahm sich die Rampensau, die sich bei Konzerten mitunter auch komplett frei machte, zurück. Hutter sagt: «Hösli hat mir Platz gegeben, die Bühne frei gemacht für mich.» Für Emanuela Hutter legte Hösli das Innerste seiner Seele frei.

Neuer Film von Beat Bieri

Einen Hommagefilm extra für den Konzertabend schuf TV-Mann Beat Bieri (64), der so packende Dok-Streifen wie über die Lindenstrasse ausgangs Luzern oder über das «Kinderzuchthaus Rathausen» bei Ebikon drehte. Und so unsere Region in die grosse Fernseh-Schweiz trug. Diesen Gang über die Luzerner Grenzen hinweg hat Hösli leider nicht wirklich geschafft, obwohl Bieri ihm aussergewöhnliche Qualitäten zuspricht.

«Hösli hatte Talent, Charisma, tolle Songs und peitschte sich zu grandiosen Performances auf.»

Beat Bieri, Musiker und Filmer

Bieri war zwei Jahre lang als Saxofonist beim Steven’s Nude Club, einer der Bands von Hösli. Und weilte mit ihm gar in New York im Plattenstudio.

Bühnentiere: Hösli (rechts) mit seinem Steven's Nude Club. Beat Bieri ist der dritte Mann von links.

Bühnentiere: Hösli (rechts) mit seinem Steven’s Nude Club. Beat Bieri ist der dritte Mann von links.

(Bild: zvg)

Er erinnert sich an das «Luzerner Phänomen»: «Hösli hatte Talent, Charisma, tolle Songs und peitschte sich zu grandiosen Performances auf. Eigentlich war er ein Rockmusiker mit internationalem Potenzial. Doch in Zürich kannte ihn ausserhalb der Musikerszene schon kaum mehr einer.» 

TV-Mann Bieri: «Man kann in Luzern einigermassen gut im goldenen Käfig überleben. Es gibt glücklicherweise Fördermittel und Auftrittsmöglichkeiten. Mit einem Nebenjob lässt sich so über die Runden kommen, ohne dass man als Musiker das Letzte geben muss.»

Ein Auftritt von Hösli mit Steven’s Nude Club 1989:

 

«Naturakt» hiess Höslis erste Band

Hösli gab alles und entblösste sich auf der Bühne immer wieder bis aufs Äusserste. «Naturakt» hiess seine erste Band, der Nude Club war die logische Folge eines Musikers, der aus Spargründen in New York aufnahm.

Hösli war auch Bürgerschreck und «Krach-Generator», der gerne bis an die Grenzen des Zumutbaren ging. Markus Wicker, Gitarrist neben Hösli, erinnert sich: «Er konnte dem Publikum schon auch Angst machen. Denn Hösli hat immer gerne seine eigene Gebrochenheit spazieren geführt.»

Bürgerschreck: Hösli konnte sein Publikum auch ganz schön irritieren.

Bürgerschreck: Hösli konnte sein Publikum auch ganz schön irritieren.

(Bild: zvg)

Er wollte geliebt werden, und manchmal hat er Hass auf der Bühne zelebriert. Doch sein Ziel war stets: «Ich möchte irgendwann einen Evergreen schreiben.» Der gelang ihm 1992 mit seinem Soloalbum «Reussbühl». Die letzten Worte auf dem letzten Song heissen: «Ewiger Sonnenaufgang. Ewiges Akkordeon.» Cheers, Hösli!

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3 Kommentare
  1. Karin Müller, 24.09.2017, 16:42 Uhr

    Thomas Hösli war ein jederzeit freundlicher und offener Mensch. Er gab sich trotz seiner lokalen Bekanntheit umgänglich, bescheiden und charmant.
    Als Musikant hatte er das Glück, fähige Leute um sich versammeln zu können. Dieter Amman schrieb ihm die Bläserarrangements, Ricardo Regidor lieferte den stabilen Boden seines jazzschulkompatiblen Hotelbar-Jazz’, Claude Settele sorgte für Rockgitarrenqualität aus Vor-Punk-Zeiten. Diese und andere professionelle Musiker konnte Hösli dank seines Charismas, seiner bewundernswerten Energie und seines unverfrorenen Draufgängertums anziehen und in Bann halten. Dazu knurrte er dann seine alternativ-pathetische und doch nie wirklich schmerzende Pennelär-Gebrauchslyrik.
    “Der grösste Luzerner Musiker”?? Sind da nicht – durchaus zeittypisch – sämtliche Masstäbe und Qualitätskriterien vollkommen durcheinandergeraten, ganz abgesehen von der nachgerade abenteuerlichen lokalmusikhistorischen Unbildung, die aus solchen Superlativen spricht? Hösli wäre das wohl etwas peinlich gewesen. Die Region Luzern hat in den vergangenen Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten erfreulicherweise eine sehr grosse Zahl von qualitativ hervorragenden und substanzreichen Musikerinnen und Musikern hervorgebracht, im Bereich Jazz wie im Bereich Klassik, im interpretierenden Fach wie im komponierenden, wobei der Ruf dieser Personen in der Regel ganz und gar nicht an der Grenze zu Rotkreuz oder Oftringen verfliegt. Als zumeist fachlich gut ausgebildete Profimusiker wären diese Leute nahezu alle in der Lage gewesen, bzw. wären es immer noch jederzeit, einen Hösli-Song in Minutenfrist aus dem Handgelenk zu schütteln, wenn es ihnen denn ihre Scham, Selbstkritik, Unlust und der eben noch nicht stattgehabte Verlust sämtlicher Masstäbe und Qualitätskriterien verbieten würde. So, wie nun mal die Verhältnisse zwischen richtigen Musikern und nassforschen Liebhabern halt einfach stehen, immer gestanden haben und immer stehen werden, was nur letztere und ihre Claqueure nie merken werden.
    “Die Guten gehn im gleichen Schritt. Ohne von ihnen zu wissen, tanzen die Andern um sie die Tänze der Zeit.”
    Man konnte und kann vor Hösli als Energiebündel, Charmeur und unfair früh Abgegangenem sehr wohl viel Respekt haben. Er ruhe in Frieden.

  2. Sam Pirelli, 22.09.2017, 12:49 Uhr

    Wann hat Hösli je Mundart gesungen?

    1. Redaktion Jonas Wydler, 22.09.2017, 13:45 Uhr

      Hochdeutsch natürlich, merci für den Hinweis!