Swissness, Sexyness und Product-Placement
  • Kultur
  • Rezension
So präsentieren sich die «Exfreundinnen» mit ihrem neusten Programm. (Bild: zvg)

Die «Exfreundinnen» im Luzerner Kleintheater Swissness, Sexyness und Product-Placement

4 min Lesezeit 16.11.2017, 14:31 Uhr

Am Mittwochabend war im Kleintheater die Stimmung bombastisch. Mit Klischees rund ums Thema Frauenfreundschaften lässt sich scheinbar die Masse unterhalten. Trotz allen musikalischen und spielerischen Könnens blieb der Inhalt aber meist platt.

Das Publikum im Luzerner Kleintheater am Mittwochabend ist frauendominiert und im eher älteren Segment anzusiedeln. Prosecco und Frauenfreundschaften soll dieser Abend bieten. Und viel zu lachen. Deshalb ist es selbstverständlich, dass die beste Freundin und ein gemeinsamer Apéro zur Einstimmung dazugehören.

Der Anfang jedoch lässt Böses erahnen. Ein Lied mit einer Plattitüde nach der anderen, 20er-Jahre-Choreografie und 90er-Jahre-Text. Es geht um Männer, die nach zwei Minuten ejakulieren, um Neid und Missgunst unter Frauen, um Alkohol und darum, dass sie sich zum Fressen gern haben, die vier Frauen auf der Bühne.

Die vier Frauen, das sind Martina Lory, Aniko Donath, Isabelle Flachsmann und die Luzernerin Sonja Füchslin am Flügel. Sie sind die «Exfreundinnen» und hatten mit ihrem musikalischen Comedy-Programm das Publikum im Kleintheater komplett im Griff. Es wurde im Takt geklatscht, es wurde gekichert und laut gelacht. Und der Applaus zum Ende war mehr als herzlich.

Jodeln und Löffeln in schwarzer Spitze

Auf der Bühne stehen vier Frauen, die ihr Handwerk beherrschen, das wird schnell klar. Der Gesang sitzt, ebenso wie die Klamotten (ganz wichtig: von Perosa), die grosse Spielfreude, das tänzerische und komödiantische Talent haben alle vorzuweisen. Sogar gesteppt wird weltmeisterlich.

Musikalisch gibt es so gar nichts auszusetzen. Immer wieder werden Schweizer Lieder angestimmt: Von «Det änä am Bärgli» geht es über Bligg bis zu «Frau Stirnimann», deren «Exfreundinnen»-Version zu regelrechten Beigeisterungsstürmen im Publikum führt. Es wird gejodelt und gelöffelt in hautengen Spitzenklamotten – Swissness in einer sexy Variante.

Und doch hat das Programm einige Schwachpunkte: Fade, altbekannte Sprüche und vorhersehbare Pointen kommen besonders in der ersten Hälfte zu oft vor. Immer wieder bleiben Fragezeichen stehen. Themen werden nur oberflächlich gestreift, Klischees zementiert und Plattitüden gestreut. Auch den roten Faden haben wir irgendwo unterwegs verloren.

BHs

Product-Placement gibt’s gleich schon am Anfang. Das Programmheft besteht hauptsächlich aus Unterwäschewerbung von Perosa. Was erstmal schockiert und amüsiert, ist auf den zweiten Blick keine blöde Idee. Denn bei den «Exfreundinnen» kann davon ausgegangen werden, dass sie keine Fördergelder erhalten – das Programm funktioniert wohl wirtschaftlich zu gut.

Denn es geht – oh, wie überraschend – um Sex, Emanzipation, Männer, Sex, Männer, Veganismus, Männer … Und das Ganze gespickt mit passiv-aggressivem Freundinnen-Getue. Und obwohl auf der Bühne bestimmt vier emanzipierte Frauen stehen, sind ihre Witze zum Thema eine Scheibe zu platt geraten. Ob die Emanze denn noch in die Küche darf? Darf sie denn «Küche» überhaupt noch sagen? Darf sie häkeln? «Emanzipation ist, trotz Highheels das Bühnenbild selber zu tragen.» Ein bisschen mehr Tiefe hätte gutgetan.

Das Programm-Heft der Exfreundinnen.

Das Programmheft der Exfreundinnen.

(Bild: jav)

Sie würden zu viel über Sex sprechen und seien zu wenig emanzipiert, habe ihnen ein Berliner Kritiker namens Franz Futz vorgeworfen. Doch sie seien so emanzipiert, dass sie sogar die schlechten Männerwitze selber machen. Da kann man leider zu Beginn nur beipflichten.

Doch als wir uns schon zurücklehnen, uns gelangweilte und leicht genervte Blicke zuwerfen, bekommen die vier Frauen uns plötzlich doch noch rum. Denn kurz vor der Pause kommt ein PMS-Song, der in seinen unverblümten Texten und der passenden Choreo so überraschend gerade heraus ist, dass wir ins Gelächter der Masse einstimmen müssen.

Meno-Pause

Nach der Pause knüpfen die vier Frauen an das Tempo von vorher an. Ein Solo am Flügel zeigt gleich, was Sonja Füchslin neben der Geige und dem Akkordeon sonst noch so draufhat.

Weiter geht es mit einer Vitamin-Clownesken und wir sind froh, uns nicht in der Pause verabschiedet zu haben. Es folgen einige überraschende und blöd-witzige Einlagen, die auch uns zum Lachen bringen. Eine starke Ex-Slampoetry-Performance von Martina Lory auf Henry VIII, ein Michael-Jackson-Schönheitswahn-Song mit Sterbendem-Schwan-Solo zum Ende, oder auch die Zugabe hauen ziemlich rein.

Gelästert wird aber selbstverständlich auch. Die Cervelat-Prominenz der Schweiz wird richtig heftig rangenommen und dabei bekommen nicht nur Irina Beller und Marco Rima ihr Fett weg. Auch gegen unsere «heilige Kuh» Mirka wird’s fies und gegen den Landesvater Turnherr.

«Frauen gemeinsam stark!», rufen sie zum Schluss und strecken ihre Fäuste in die Luft. Doch leider bringt das «Exfreundinnen»-Programm eine sehr oberflächliche Form der «Frauenfreindschaft» auf die Bühne. «Ich hasse Musicals», ruft Lory einmal aus – und doch bedienen die «Exfreundinnen» genau dieselbe Schiene – leichte Kost mit Musik.

Was am nächsten Morgen geblieben ist: Wie befreunde ich mich mit Franz Futz?

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

In diesen Artikel haben wir viel Zeit investiert. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare

Wie viel ist Dir unabhängiger Journalismus wert?

Schön besuchst Du zentralplus. Für Dich gehen wir vor Ort, sind mitten drin und nahe dran. Doch ganz gratis geht Qualitätsjournalismus nicht. Um die unabhängige Stimme zu den Grossverlagen in der Zentralschweiz zu bleiben, benötigen wir Deine Unterstützung. Zeig uns mit Deinem freiwilligen Abo oder einem einmaligen Beitrag, was wir Dir wert sind.

Schön besuchst Du zentralplus. Du verwendest einen Adblocker. Werbung ist für eine wichtige Einnahmequelle, die uns hilft, die unabhängige Stimme zu den Grossverlagen in der Zentralschweiz zu bleiben. Denn gratis geht Qualitätsjournalismus nicht. Zeig uns mit Deinem freiwilligen Abo oder einem einmaligen Beitrag, was wir Dir wert sind.

CHF