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Susanne Giger schliesst die Buchhandlung Schmidgasse
  • Regionales Leben
Susanne Giger stellt sich neben den Sonnenuntergang. Zuerst wollte sie nur ein Buch mit aufs Bild nehmen – mit dem Titel «it's enough». (Bild: fam )

Zuger Traditions-Buchhandlung vor dem Aus Susanne Giger schliesst die Buchhandlung Schmidgasse

5 min Lesezeit 29.07.2016, 04:55 Uhr

Eine der letzten Nischenbuchhandlungen der Stadt Zug schliesst ihre Türen. Für Susanne Giger bleibt die Frage: «Wer bin ich ohne meine Buchhandlung?» Für Zug geht damit auch ein Stück Stadtkultur verloren.

Kaum setzt man einen Fuss in die Buchhandlung Schmidgasse, schon steckt die Nase in einem Roman. Die Hand greift unwillkürlich zu, das Gehirn will schöne Bücher lesen. Und hier gibt es davon so viele, dass man gar nicht weiss, wo anfangen. Susanne Giger allerdings weiss, wann aufhören. Es ist Schluss, aus, nach 27 Jahren macht Giger ihre Buchhandlung dicht.

«Ich bin erleichtert, dass diese Entscheidung jetzt endlich gefällt ist», sagt sie und wirkt dabei wie jemand, der gerade vom Leben durchgeschüttelt wurde. «Ich habe mich lange mit der Entscheidung getragen.» Giger setzt sich, gerade ist eine Kundin gegangen. Bis der Nächste kommt, haben wir Zeit fürs Gespräch.

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Du weisst nie, wer kommt

«In den letzten Jahren konnte ich nicht mehr kostendeckend arbeiten. Die Umsätze gehen konstant zurück, und jetzt hätte ich Ende dieses Jahres schon wieder drauflegen müssen.» Das ging schlicht nicht. Jetzt geht dafür alles schnell: Anfang September will sie den Ausverkauf starten, Ende Monat geht der Laden zu. Und damit ein Stück Zuger Stadtgefühl, ein Kulturgut, eine Stammkundschaft. «Eine tolle», sagt Giger. «Ich werde versuchen, mit meinen Stammkunden in Kontakt zu bleiben. Es hat so unglaublich viele schöne Begegnungen gegeben, hier im Buchladen. Du weißt ja nie, wer kommt, jeder Tag ist ganz anders.»

So sieht's in der Buchhandlung zur Schmidgasse aus – aber nur noch bis Ende September.

So sieht’s in der Buchhandlung zur Schmidgasse aus – aber nur noch bis Ende September.

(Bild: fam)

Wenn das Geschäft schliesst, bleibt nichts übrig – Gewinn hat die Buchhandlung keinen gemacht. «Das ist zwar sehr schade, aber in Ordnung», sagt Giger. Was sie stört, ist der stete Rückschritt. «Wir hatten hier früher ein Team, sechs Mitarbeiter, davon auch zwei Lehrlinge, der Laden war lebendig. Die letzten Jahre konnte ich nur noch alleine mit zwei Teilzeitmitarbeitern im Laden arbeiten, die Kunden blieben immer mehr aus. Das ist ein seltsames Gefühl, wenn das Team immer kleiner wird. Ich fühle mich zeitweise wie der letzte Mohikaner.»

Sklave des eigenen Geschäfts

27 Jahre hat Giger hier den Laden geführt, hier gearbeitet hat sie aber schon viel länger. Giger hat in der Buchhandlung Schmidgasse ihre Lehre absolviert, sieben Jahre, bevor sie den Laden übernommen hat. Ist mit dem Laden verknüpft, seit sie 22 Jahre alt war. Sie wollte hier eine «richtig gute» Buchhandlung weiterführen, einen schönen Laden mit einer gut recherchierten Auswahl. «Diese Art der Buchhandlung wird es wohl in Zukunft noch viel weniger geben, und für Zug ist die Nische mittlerweile schlicht zu klein.» Wo sollen ihre Stammkunden in Zukunft Bücher kaufen? «Das haben mich viele gefragt. Und dann ist die grosse Frage für mich: Wer bin ich überhaupt, ohne meine Buchhandlung?»

«So ein Geschäft macht einen ja auch ein Stück weit zu seinem Sklaven.»

Susanne Giger

Giger ist 56, es ist nicht leicht, sich neu zu erfinden. «Vielleicht hätte ich früher aufhören sollen», sagt sie und überlegt lange. Und fährt dann auf: «Das ist müssig, es ist so, wie es ist. Ich werde mir einen Job suchen, und freue mich darauf, nicht mehr diesen Druck zu haben. So ein Geschäft macht einen ja auch ein Stück weit zu seinem Sklaven.» Giger lacht und erzählt, besorgte Geister hätten ihr allen Ernstes vorgeschlagen, sie müsse ja gar keinen Job finden – sie habe ja einen Mann. Giger: «Wo sind wir hier eigentlich? Und in welchem Jahrhundert?»

Buchhändler sind widerborstig – wegen der Bücher

Und was ist Zug ohne die Buchhandlung an der Schmidgasse? Um eine Facette ärmer. Buchhändler sind widerborstig – und mischen sich ein. «Das kommt von all den Büchern», sagt Giger und lacht. «Da kommt so eine Breite an Inputs und an Inspiration.» Sagt sie und zeigt in den Laden. Philosophische Bücher, revolutionäre, Wirtschaft, Islam, vergessene Inseln, Geschichten, Gedichte: Das mischt sich alles zu einer streitbaren Persönlichkeit. Schon ihre Vorgängerin, Fanny Notz, war stadtbekannt und gesellschaftlich aktiv.

Susanne Giger sitzt im Grossen Gemeinderat der Stadt Zug und im Kantonsrat, setzt sich seit Jahren für diesen Teil der Stadt ein, der immer lebloser wird. Sie findet es verheerend, dass die Stadtverwaltung aus der Altstadt auszieht (zentralplus berichtete). «Das ist ja ein klares Zeichen für diesen Teil der Stadt.» Nur schon den Auszug der Post habe sie gespürt, 900 Leute pro Tag weniger, die durch den Stadtteil kommen. Was ihrem Laden aber wirklich das Genick gebrochen habe, da ist Giger überzeugt, ist der Fall der Buchpreisbindung vor zehn Jahren. «Da sind so viele Leute in den Buchmarkt eingedrungen, die eigentlich mit Büchern gar nichts zu tun haben. Die könnten auch Schrauben verkaufen. Das hat das Kulturgut Buch abgewertet.»

Das Schaufenster der Buchhandlung.

Das Schaufenster der Buchhandlung.

(Bild: fam)

Luxus: Buch lesen

Das und die fehlende Zeit zum Lesen. «Bücher lesen ist ein Luxus geworden. Das merke ich ja auch bei mir selber. Man muss sich aktiv dafür entscheiden, den Computer am Abend wegzulegen und zu merken: Ich habe ja einen Stapel Bücher, die ich gerne lesen möchte.» Ein wenig Hoffnung fürs Buch hat Giger aber trotzdem noch: Es gibt eine Gegenbewegung. Zurück zum Gedruckten, weg von den Tablets und den E-Books. «Aber bis diese Bewegung hier gross genug ist, bin ich schon lange weg.»

Weg und an anderen Projekten. Denn ganz verabschieden will sich Giger nicht – ein Buchladen ist auch ein Ort intellektueller Auseinandersetzung. «Und das fehlt mir in Zug: eine Szene, in der man sich austauscht und über die Gesellschaft nachdenkt.» Was ihr vorschwebt? Ein öffentlicher Raum vielleicht, in dem sich Leute treffen und austauschen können. «So, wie das hier im Buchladen war. Vielleicht eine Art Café ohne Konsumzwang. Ich weiss es noch nicht genau. Aber ich möchte mit meinen Stammkunden in Kontakt bleiben», sagt sie und steht auf, gerade ist jemand reingekommen, um eine Bestellung abzuholen. «Ah was, du hörst auf?», sagt der Kunde. «Ja», sagt Giger. «Das tut mir leid», der Kunde. «Da kannst du doch nichts dafür», sagt Giger und lacht.

Buchhandlung zur Schmidgasse

Buchhandlung zur Schmidgasse

(Bild: fam)

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