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«Suchtkranke Menschen schämen sich»
  • Gesellschaft
Suchtberaterin Judith Halter will, das Süchtige als Teil der Gesellschaft akzeptiert werden. (Bild: ase)

Drogenkonsum in Zug und Luzern «Suchtkranke Menschen schämen sich»

6 min Lesezeit 21.03.2014, 05:00 Uhr

Die meisten Menschen, die Judith Halter um Rat bitten, kämpfen mit Alkoholproblemen. Sie stellt aber auch eine Zunahme bei den Beratungen von jugendlichen Cannabis-Konsumenten fest. Dazu kommen immer wieder neue Drogen auf dem Markt. «Ich wünsche mir, dass es in unserer Gesellschaft möglich ist, moralfrei und offen über den Suchtmittelkonsum zu reden», sagt die Leiterin der Suchtberatung Zug.

«Sucht beinhaltet einen Zwang, etwas konsumieren oder machen zu müssen», sagt Judith Halter, Leiterin der Suchtberatung Zug. Insgesamt wurden 550 Menschen im Jahr 2013 von ihrem fünfköpfigen Team unterstützt und begleitet. 90 Prozent davon waren Erwachsene. Am meisten Probleme verursacht nach wie vor Alkohol. «Bei 52 Prozent der Behandlungen ging es um dieses Thema», weiss Halter. Zwei Drittel dieser Klienten seien Männer.

Ähnliche Zahlen sind im Suchtmonitoring Schweiz, einem Projekt des Bundesamtes für Gesundheit, zu beobachten. Allerdings haben im landesweiten Vergleich die Frauen beim chronisch risikoreichen Alkoholkonsum aufgeholt. 4,2 Prozent der Männer und 4 Prozent der Frauen sind laut dieser Statistik der Sucht erlegen. «Dieses Ergebnis hat mich überrascht. In unserer Beratung sind bei Alkohol-Problemen nach wie vor die Männer stark übervertreten. Bei Medikamenten-Abhängigkeit und Essstörungen sind es mehrheitlich die Frauen», sagt die 51-jährige Psychologin.

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Cannabis vor Kokain

In Zug ist gegenüber dem Vorjahr speziell eine Zunahme bei den Beratungen von jugendlichen Cannabis-Konsumenten zu verzeichnen. Nebst dem legalen Rauschmittel Alkohol wurden 2013 im Kanton Zug die illegalen Substanzen Cannabis (19 Prozent), Kokain (7 Prozent), Opiate (5 Prozent) und Partydrogen wie Amphetamine oder Ecstasy (2 Prozent) konsumiert. «In den Achtziger- und Neunzigerjahren war Heroin weit verbreitet. Glücklicherweise gibt es heute weniger Neueinsteiger. Wir verzeichnen in Zug eine Abnahme von Heroin-Konsumenten», sagt Judith Halter. Diese Veränderung sei erfreulich, weil man heute wisse, dass nur wenige abhängige Heroin-Konsumenten von der Droge loskommen würden.

Backpulver und Insektizide in Partydrogen

«Es gibt immer wieder neue Drogen auf dem Markt», sagt Judith Halter. Der Konsum von aufputschenden Partydrogen sei risikoreich und gefährlich: «Synthetische Drogen wie Ecstasy und Amphetamine werden im Labor hergestellt und mit verschiedenen Substanzen gemischt. Manchmal findet man in solchen Tabletten Heroin, Backpulver oder Insektizide. Wir erklären den Jugendlichen immer wieder, dass sie nie wissen, was sie mit einer solchen Pille schlucken», sagt Halter, die seit 15 Jahren in der Suchtberatung Zug tätig ist.

Jede Droge schädige Körper und Psyche anders. Während Alkohol den Körper bei exzessivem Konsum extrem schädigt, sei der Konsum von ärztlich verschriebenem Heroin weniger schädlich. «Bei Menschen, die Heroin von der Gasse konsumieren, entstehen aufgrund der Mischung mit anderen Substanzen sowie der ungesunden Lebensführung Folgeschäden wie Abszesse und massive Zahnprobleme.»

Cannabis schädige die Lunge und es gebe zudem Hinweise darauf, dass diese Droge zu Veränderungen im Hirn führe. «Kokain belastet den Kreislauf schwer. Es gibt Kokainkonsumenten, die mit 35 Jahren einen Herzinfarkt erleiden. Kokainabhängige Menschen fallen oft auf. Sie sind extrem unruhig und angetrieben. Sie verhalten sich, als wenn sie die Besten wären. Selbstüberschätzung ist typisch für Kokain-Konsumenten.» Bei ihnen gebe es zudem überdurchschnittlich viele Suchtkranke mit der Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Auf sie wirkt Kokain häufig eher dämpfend und beruhigend.

Essstörungen müssen ernst genommen werden

Die Therapien und Beratungen von suchtkranken Menschen laufen sehr unterschiedlich ab. «Erfahrungsgemäss ist es so, dass Kokainkonsumenten relativ schwierig zu betreuen sind. Ihr typisches Verhalten ist, dass sie sehr aktiv und motiviert zu einer Beratung kommen. Sie zeigen vorerst viel Euphorie, doch plötzlich flacht diese ab und sie kommen nicht mehr zur Beratung.»

Judith Halter und ihre Kollegen haben in Zug auch Menschen mit Essstörungen (6 Prozent), Online-Sucht (4 Prozent) und Glücksspiel-Sucht (2 Prozent) beraten. «Je nach Schwere der Essstörung ist der Behandlungsverlauf schwierig und lange. Für betroffene Familien kann die Esssucht eines Kindes zur grossen Belastung werden. Menschen mit einer Anorexie wollen nicht essen. Bei einer Bulimie gehören regelmässige Essanfälle dazu, zum Teil mit Erbrechen. So kann eine Tochter sich beim Abendessen zwei Salatblätter auf den Teller legen, doch am anderen Morgen entdeckt die Mutter, dass der Kühlschrank leer ist.» Anorexie und Bulimie müssten unbedingt ernst genommen werden, da die Erkrankungen chronisch werden und Anorexie auch tödlich enden kann, sagt Halter.

Ein grosses Thema bei der Suchtberatung ist die Frage, warum jemand zu welchem Suchtmittel greift. «Natürlich spielt die Verfügbarkeit eine grosse Rolle. Jemand, der sehr angepasst lebt und nicht mit dem Gesetz in Konflikt kommen will, wird eher zum Alkohol greifen. Menschen, die sich weniger um das Gesetz kümmern, konsumieren eher illegale Substanzen», so Halter.

Doch auch der Aspekt der Selbstmedikation müsse in der Suchtberatung berücksichtigt werden: «Menschen mit einer psychischen  Erkrankung konsumieren vielleicht Alkohol, weil sie meinen, damit Angstzustände beheben zu können. Generell ist es so, dass wir bei den meisten unserer Klienten einen Mischkonsum feststellen. Viele Menschen konsumieren mehrere Substanzen und setzen diese je nach Wirkung ein.» 

Diesen Trend hin zum Mischkonsum stellt auch Beat Waldis, Geschäftsführer des Sozial-Beratungszentrums (SoBZ) Luzern fest. «Der Mehrfachkonsum hat klar zugenommen. Wir beraten öfters Menschen, die beispielsweise Medikamente einnehmen und zusätzlich Cannabis konsumieren», erklärt Waldis.

Bei 77 Prozent aller Beratungen, die letztes Jahr im SoBZ durchgeführt wurden, war das Rauschmittel Alkohol die Ursache. Waldis beobachtet vor allem bei den Essstörungen eine klare Zunahme. «Wir haben 2013 vermehrt Menschen mit massivem Übergewicht beraten. Mit dem übermässigen Konsum von Essen kann man unter Umständen Stress kompensieren. Wissenschaftlich ist bisher nicht erwiesen, wer in Stress-Situationen zum Essen neigt oder eher zum Alkohol greift. Beides sind jedoch Möglichkeiten, um mit den Belastungen im Alltag umzugehen», weiss der 58-jährige Sozialarbeiter.

Der Umgang mit dem Konsum macht Waldis Sorgen. «Konsum hat in unserer heutigen Gesellschaft generell einen hohen Stellenwert. Man putscht sich mit Substanzen auf, um leistungsfähig zu sein und am Abend braucht man Alkohol, um entspannen zu können. Man setzt die Substanzen bewusst für ganz verschiedene Effekte ein», so Waldis. Alkohol etwa sei nicht nur bei Jugendlichen sondern auch älteren Menschen, die in Pension gehen, ein Problem. «Es stellt sich hier die Frage, welchen Sinn man seinem Leben in einer arbeitsgeprägten Gesellschaft gibt. Der Umgang mit psychoaktiven Substanzen und mit Verhaltenssüchten ist prägend für unsere leistungsorientierte Gesellschaft.» Der Begriff Sucht wirkt auf Beat Waldis abgedroschen. «Wir müssen das Ganze in einem grösseren Zusammenhang stellen und uns fragen, wie wir mit Konsumgütern umgehen.»

Die Lebensqualität soll verbessert werden

Für Judith Halter von der Suchtberatung Zug ist klar: «Bei der Suchtarbeit darf man Abstinenz nicht als primäres Ziel setzen. Hauptziel ist die Verbesserung der physischen und psychischen Lebensqualität. Es werden realistische Ziele definiert, welche für die Betroffenen erreichbar sind und so zu einem Erfolgserlebnis führen können», sagt Judith Halter.

Die 51-Jährige weiss durch ihre jahrelange Arbeit mit suchtkranken Menschen, wie schwierig Veränderungen im Leben sind. Sie hofft, dass man diesen Menschen gegenüber Verständnis zeigt: «Suchtkranke Menschen schämen sich und haben grosse Angst davor, von der Bevölkerung verurteilt zu werden. Ich wünsche mir, dass es in unserer Gesellschaft möglich ist, moralfrei und offen über den Suchtmittelkonsum zu reden, und dass Sucht auch als Krankheit anerkannt wird. Mein Wunsch ist, dass Süchtige als Teil der Gesellschaft akzeptiert werden.»

Weitere Informationen unter www.zug.ch/sucht und www.sobz.ch.

 

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