Sturm auf die Zuger Bastille
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Das Zuger Brockenhaus feiert Jubiläum Sturm auf die Zuger Bastille

5 min Lesezeit 26.11.2016, 17:55 Uhr

Möbel, Bilder, Kleider, Haushaltsartikel: Seit 40 Jahren wechseln die Waren im Zuger Brockenhaus zugunsten der Frauenzentrale ihren Besitzer. Hinter der Erfolgsgeschichte des Brockis stehen viele gute Seelen. Es ist aber auch eine Geschichte vom Kampf gegen Diebe, von der Angst vor dem Umzug und von rennenden und rempelnden Kunden.

Mittwoch, kurz vor 13 Uhr. Ungeduldig stehen die Leute am Zaun. Bringen sich in Position, warten, bis es losgeht. Ihre Schuhsohlen scharren auf dem Asphaltboden wie die Hufe der Rennpferde kurz vor dem Start. Dann endlich, das erlösende Signal: die aufschwingenden Tore zum Areal des Ökihofes, das auch das Brockenhaus beherbergt. Die ersten rennen los.

Mit 88 Jahren noch stundenlang im Einsatz

Seit 40 Jahren öffnet das Zuger Brockenhaus seine Tore regelmässig. 40 Jahre, in denen tausende Kleidungsstücke, Vasen oder Stühle über den Ladentisch gingen, in denen eine Wertschöpfungskette aus bis dahin totgeglaubter Ware entstanden ist.

Frauenzentrale Zug

Am 25. September 1969 wurde die Frauenzentrale Zug als Dachverband aller Zuger Frauenorganisationen gegründet. Bis heute ist die Frauenzentrale Zug eine gemeinnützige Organisation und Anlaufstelle mit Beratungs- und Bildungsangeboten für Frauen, Männer, Paare und Familien. Sie bündelt als Verein ausserdem die Kräfte von Organisationen und Einzelpersonen im gesellschaftspolitischen Bereich. Die Aktivitäten der Frauenzentrale Zug sind auf den Kanton Zug ausgerichtet und umfassen Eff-zett das Fachzentrum, das Frauenetz und das Brockenhaus.

Angefangen hat die Geschichte des Zuger Brockis mit einer Not. «Wir hatten praktisch kein Geld für die Finanzierung der Anlaufstellen der Frauenzentrale», sagt Ruth Hausheer. Die 88-Jährige ist Gründungsmitglied des Zuger Brockenhauses und noch immer gut 900 Stunden jährlich ehrenamtlich im Einsatz. «Der Mitgliederbeitrag für den Verein betrug damals einen Franken pro Person», sagt sie. Damit sei man nicht weit gekommen. Zusammen mit Ursula Iselin, der damaligen Präsidentin der Frauenzentrale, habe sie überlegt, wie man zu Geld kommen könne (siehe Box).

Der Schock in der Toscana

In Winterthur, wo Ursula Iselin und Ruth Hausheer ursprünglich herkommen, gab es bereits ein Brockenhaus. Da sei die Idee hergekommen, etwas Ähnliches auch in Zug aufzubauen, erklärt Hausheer. Also sei eine Gruppe Zugerinnen nach Zürich gefahren und habe sich verschiedene Brockis angeschaut.

«Ursula Iselin und ich sassen da und weinten.»
Ruth Hausheer, ehrenamtliche Helferin im Zuger Brockenhaus 

Zurück in Zug wurde die Idee kopiert. «Zu Beginn waren wir im Theatersaal Cham. Doch der ist nach zwei Jahren abgebrannt», sagt Ruth Hausheer. Sie und ihr Mann (mit 93 Jahren ist er der älteste Helfer) seien mit den Iselins in der Toscana in den Ferien gewesen, als sie das erfahren hätten. «Ursula Iselin und ich sassen da und weinten.» Rückblickend erzählt sie es mit einem Lächeln auf den Lippen, doch man merkt, das Brockenhaus liegt der Frau am Herzen. Noch deutlicher wird es, wenn die 88-Jährige sagt: «Ich habe mir überlegt, ob ich mich nächstes Jahr pensionieren lassen soll. Aber ich glaube, ich mache es nicht.»

Buntes Treiben und Rempeleien

Inzwischen hat sich das Brockenhaus einen Ruf bis weit über die Kantonsgrenze hinaus erarbeitet. Cars voller Brocki-Liebhaber reisen aus der Ostschweiz an und sogar aus dem süddeutschen Raum kommen Kunden, erklärt Hans Küttel, Leiter des Zuger Brockenhauses. «Das liegt einerseits an der Qualität: Dass in Zug wohlhabende Leute wohnen, merkt man auch im Brockenhaus», so Küttel. «Andererseits liegt es auch an der Arbeit, die hier geleistet wird.» Es sei immer ordentlich aufgeräumt und perfekt für den Verkauf aufbereitet.

 

Geschäftsleiter Hans Küttel im Zuger Brockenhaus.

Geschäftsleiter Hans Küttel im Zuger Brockenhaus.

(Bild: pbu)

Zwei Mal pro Woche ist der Laden geöffnet. Rund 700 Besucher kommen jeweils in gut vier Stunden vorbei. Wobei der Besuch selten so gesittet abläuft, wie es klingt. Die Besucher kommen angerannt, drängeln sich durch den Laden, jagen den Schnäppchen hinterher. Mit geschulten Blicken und flinken Fingern werden Christbaumkugeln, Jupes oder CDs auf Brauchbarkeit und Preis hin geprüft, entweder in den Korb gelegt oder wieder zurückgestellt. Hie und da hört man ein «Grüezi, was hesch gfonde?», ab und zu ist es ein «Können Sie da mal Platz machen, ich will auch Jacken angucken!».

Die Frau des Bankers setzte sich durch

«Das Brockenhaus war vom ersten Tag an ein Erfolg», sagt Annelies Bächer. Sie ist seit der Gründung dabei und noch immer ehrenamtlich tätig. Damals musste sie sich erkämpfen, dass sie überhaupt arbeiten gehen durfte. «Die Frau eines Bankers arbeitete dazumal einfach nicht», sagt Annelies Bächer und grinst verschmitzt. Da habe sie sich aber durchgesetzt. «Das Brockenhaus ist eine gute Sache. Das wollte ich unterstützen», sagt sie. Es gebe auch heute viele versteckte Nöte. Im Brocki komme man günstig zu Waren, ohne sich outen zu müssen, sagt sie. «Aber auch der Gedanke, dass sonst alles in den Müll wandern würde, spornt mich an.»

Annelies Bächter und ihre Kollegin Andrea Brandenberg in der Bücherabteilung des Zuger Brockis. (Bild: zentralplus/bas)

Annelies Bächter und ihre Kollegin Andrea Brandenberg in der Bücherabteilung des Zuger Brockis. (Bild: zentralplus/bas)

Geändert habe sich in den vielen Jahren wenig. «Ausser die Kundschaft, die ist vielfältiger geworden. Heute kommen auch Regierungsräte oder Kantilehrer vorbei», erklärt Bächer. Die Hemmschwelle, im Brockenhaus einzukaufen, sei gesunken. Mehr noch: «Das Brockenhaus ist auch ein Ort, wo sich die Leute treffen, wo soziale Kontakte entstehen. Auch für die freiwilligen Helfer», findet Annelies Bächer.

Das Brocki – ein Abbild der Gesellschaft

Und tatsächlich. Guckt man sich im Brockenhaus um, scheint es ein Abbild der Gesellschaft zu sein: Da sind ältere Herren, die CDs bestaunen, da sind junge Mütter, die kreischende Kinder hinter sich herschleppen und sich einhändig durch die Keramikabteilung arbeiten. Da stehen schicke Damen neben jungen Männern vor dem Schuhregal. Gesprochen wird Deutsch, Französisch, Englisch, mit Händen, Füssen und Blicken.

«Die Frau hat aus Versehen die Kleider der Mutter, die in die Reinigung sollten, gebracht.»
Annelies Bächer, ehrenamtliche Helferin im Zuger Brocki

Trotz des guten Umsatzes und der vielen Besucher: Auch im Mikrokosmos Brockenhaus läuft nicht immer alles rund. Da war zum Beispiel einmal eine junge Frau, die gleich mehrere Säcke Kleider deponierte. «Ich habe dann alles sortiert, einiges in den Kleidersack gelegt, anderes angeschrieben und aufgehängt», erzählt Annelies Bächer. Kurze Zeit später sei die junge Frau angerannt gekommen, ganz nervös, und wollte die Kleider zurück. «Die Frau hat aus Versehen die Kleider der Mutter, die in die Reinigung sollten, ins Brocki gebracht.» Das sei eine Katastrophe gewesen. Denn weder die Tochter noch sie hätten gewusst, welche Kleidungsstücke dazugehörten.

Auch mit Dieben hat das Brockenhaus immer wieder zu kämpfen. «Den meisten geht es um den Kick. So zum Beispiel dem wohlhabenden Herrn, der letzthin einen Stapel Schallplatten versuchte rauszuschmuggeln», erzählt Bächer. Seit die Security am Eingang die Leute kontrolliere, habe dies aber abgenommen.

Bevorstehender Umzug verursacht Bauchweh

Doch zurzeit zieht eine andere schwarze Wolke am Himmel auf. Denn bei allen Gesprächen kommt irgendwann zur Sprache, dass man in Zukunft möglicherweise getrennt vom Ökihof arbeiten muss (zentralplus berichtete). Das macht vielen Angst. Auch, weil man dann Umsatzeinbussen und Mehraufwand fürchtet. Doch Zeit, darüber nachzudenken, bleibt kaum. Denn bis dahin wollen noch Tonnen von Waren den Besitzer wechseln und tausende von Franken in die Kasse der Frauenzentrale fliessen.

Man hat die Qual der Wahl: Eine Frau vor einem Regal voller Glasvasen. (Bild: zentralplus/bas)

Man hat die Qual der Wahl: Eine Frau vor einem Regal voller Glasvasen. (Bild: zentralplus/bas)

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