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Streitgespräch: Braucht Luzern für 13 Millionen eine neue Velostation?
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1’100 Abstellplätze und einen direkten Zugang zum Bahnhof: die geplante Velostation unter der Bahnhofstrasse. (Bild: Visualisierung zvg)

SP- und SVP-Politiker vor der Velo-Abstimmung Streitgespräch: Braucht Luzern für 13 Millionen eine neue Velostation?

9 min Lesezeit 1 Kommentar 05.05.2019, 05:11 Uhr

Die geplante Velostation unter der Luzerner Bahnhofstrasse polarisiert: Stadtrat und Parlament sind dafür. Mehr Abstellplätze seien in Zukunft rund um den Bahnhof unumgänglich. Einzig die SVP wehrt sich nach Kräften. Wir trafen uns mit Nico van der Heiden (SP) und Urs Zimmermann (SVP) zum Streitgespräch.

Am 19. Mai stimmt die Stadt Luzern über den Projektierungskredit von 2,05 Millionen Franken für die Planung einer Velostation unter der Bahnhofstrasse ab. Abgestimmt werden muss, weil die SVP erfolgreich das Referendum dagegen ergriffen hat. Im Abstimmungskampf steht die Volkspartei alleine da: Stadtrat, Parlament und die anderen Parteien unterstützen das Vorhaben.

Braucht es diese 13 Millionen Franken teure Velostation mit 1’100 Plätzen wirklich – oder ist sie zu teuer und nutzlos? Darüber sprach zentralplus mit den beiden Grossstadträten Nico van der Heiden (SP) und Urs Zimmermann (SVP).

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zentralplus: An wie vielen Tage pro Woche sind Sie mit dem Velo unterwegs?

Urs Zimmermann: Ich denke, über das Jahr betrachtet müsste man bei mir eher von Monaten statt von Wochen reden (lacht). Im Sommer schwinge ich mich aber schätzungsweise einmal die Woche aufs Velo.

zentralplus: Von wo und wohin fahren Sie dann jeweils?

Zimmermann: Meistens von mir zu Hause im Schönbühlquartier in Richtung Zentrum und Bahnhof. Weil es jede Menge Abstellplätze gibt, parkiere ich das Velo oft beim Bahnhof oder benutze die Velostation bei der Uni.

zentralplus: Und Sie, Herr van der Heiden? Sie werden wohl täglich Velo fahren.

Nico van der Heiden: In der Tat. Ich benutze mein Velo zwischen zwei- bis viermal pro Tag. Ich pendle täglich nach Bern, wo ich ebenfalls ein Velo habe. In Luzern parkiere ich mein Velo im Gebiet um den Bahnhof, in Bern in einer der Velostationen.

zentralplus: Stellen Sie Unterschiede zwischen Bern und Luzern fest, was das Parkregime für die Velos betrifft?

van der Heiden: Ja, eindeutig. In Bern hat es rund um den Bahnhof fünf bewachte Velostationen mit insgesamt etwa 3’000 Parkplätzen. Diese sind allerdings nicht gratis. Ich bezahle 150 Franken im Jahr, dass das Velo sicher und gedeckt ist. In den letzten Jahren wurden dafür fast alle Abstellplätze an der Oberfläche rund um den Bahnhof aufgehoben. Es gibt momentan geschätzt noch etwa 200. Oft ist es leider schwierig, in den Stationen noch einen Parkplatz zu finden. Das zeigt, dass die Nachfrage vorhanden ist.

«Im Zuge der Aufwertung der Bahnhofstrasse müssen auch die oberirdischen Veloparkplätze verschwinden.»

Urs Zimmermann, SVP-Grossstadtrat

zentralplus: Nur noch 200 Veloparkplätze rund um den Bahnhof Luzern. Für Sie, Herr Zimmermann, eine schöne Vorstellung, nehme ich an.

Zimmermann: Die vielen Velos, die zum Beispiel entlang der Zentralstrasse stehen, stören mich überhaupt nicht. Die SVP ist aber klar der Meinung, dass im Zuge der Aufwertung der Bahnhofstrasse auch die oberirdischen Veloparkplätze verschwinden müssen. Damit tut man sich auf links-grüner Seite bislang aber leider noch schwer. Solange sich diesbezüglich nichts ändert, können wir einer Velostation in diesem Ausmass und zu diesen Kosten nicht zustimmen.

Sind sich nicht einig, wie eine effektive Veloförderung funktionieren soll: Die Grossstadträte Urs Zimmermann (links) und Nico van der Heiden.

Sind sich nicht einig, wie eine effektive Veloförderung funktionieren soll: Die Grossstadträte Urs Zimmermann (links) und Nico van der Heiden.

(Bild: zvg)

zentralplus: Glauben Sie nicht, dass die Leute automatisch die Station benutzen würden?

Zimmermann: Nein. Und genau hier liegt das Problem. Wir haben bereits eine Velostation, sie wird aber kaum genutzt, weil es noch zu viele Alternativen gibt. Glauben Sie, dass man an einem schönen Sommerabend sein Velo tatsächlich unterirdisch parkieren würde, wenn man in die Altstadt gehen will? Kommt hinzu: Auf Bundesebene fehlt ein Gesetz, welches ermöglichen würde, dass man das Abstellen von Velos verbieten kann. So lange das so bleibt, bin ich nicht sehr zuversichtlich, dass wir in Luzern schnell eine Lösung finden werden.

zentralplus: Bundesgesetz hin oder her: Wäre die Linke grundsätzlich bereit, zugunsten der Velostation die Parkplätze rund um den Bahnhof aufzuheben?

van der Heiden: Wie Urs Zimmermann angetönt hat, ist die rechtliche Situation ziemlich verzwickt. Das zeigt das Beispiel Basel. Hier wurde ein Parkverbot für Velos auf dem Bahnhofvorplatz eingeführt. Es wurde aber von Pro Velo bekämpft. Die Organisation stellte sich auf den Standpunkt, dass es wegen des fehlenden Bundesgesetzes gar nicht legal ist, ein Verbot zu erlassen. Dennoch wird es durchgesetzt und parkierte Velos weggeräumt. Es scheint also irgendwie zu funktionieren.

«Es macht keinen Sinn, dass man unter dem Boden 1’000 Veloparkplätze realisiert und gleichzeitig 1’000 oberirdische aufhebt.»

Nico van der Heiden, SP-Grossstadtrat

zentralplus: Das heisst, es würde wohl auch in Luzern klappen.

van der Heiden: Die Situation lässt sich schlecht vergleichen. Es macht aus meiner Sicht keinen Sinn, dass man in Luzern unter dem Boden 1’000 Veloparkplätze realisiert und gleichzeitig 1’000 oberirdische aufhebt. Dann wäre es tatsächlich eine sehr teure Nullrunde. In der Summe muss es am Ende mehr Veloabstellplätze geben, sonst lohnt sich die ganze Übung nicht. Wie viele es an der Oberfläche letztlich noch braucht, darüber können wir diskutieren. Alles wegzuräumen, kann aber sicher nicht das Ziel sein.

zentralplus: Ich bin ein wenig verwirrt. Geht es jetzt darum, an der Bahnhofstrasse oberirdische Parkplätze aufzuheben, oder darum, mehr Parkplätze zu schaffen? Oder anders gefragt: Für was genau soll die Stadt nun 13,5 Millionen ausgeben?

Zimmermann: Es geht darum, dass das Volk vor sechs Jahren entschieden hat, die Bahnhofstrasse aufzuwerten. Seither ist die Veloparkierung ein grosses Thema. Wir haben mit der unterirdischen Velostation einen Lösungsvorschlag auf dem Tisch, den man gut oder schlecht finden kann. Wenn man sich aber dafür entscheidet, die Velos auf der Bahnhofstrasse zu belassen, hat das wenig mit einer Aufwertung zu tun. Wir haben nicht zu wenig Abstellmöglichkeiten, da ansonsten die Velostation bei der Uni nicht nur zu 40 Prozent ausgelastet wäre.

zentralplus: Die SVP ist also für die Velostation, wenn oben dafür alles weggeräumt würde?

Zimmermann: Das müsste man dann nochmals genauer anschauen. Wir haben das Referendum gegen den Planungskredit ergriffen, weil wir wiederholt gesagt haben, dass das Projekt einfach zu teuer ist. Ausserdem sind wird der Ansicht, dass das Volk die Möglichkeit haben soll, darüber abzustimmen. Die Leute sollen sich jetzt eine Meinung bilden, nicht erst dann, wenn man die Planung gemacht hat, und es heisst «jetzt haben wir schon zwei Millionen ausgegeben und können nicht mehr zurück».

Auch die CVP wollte den Kredit dem obligatorischen Referendum unterstellen, was im Parlament abgelehnt wurde. Ich habe selber aktiv Unterschriften gesammelt und es lief selten so gut. «Die Erfahrung lehrt uns einfach, bei geplanten Ausgaben genauer hinzuschauen.»

«Ich persönlich wäre sofort bereit, die Velostation andernorts zu bauen.»

Nico van der Heiden

zentralplus: Teuer wird es, weil viele technische Leitungen umgelegt und das Wasser der Reuss zurückgehalten werden müssen. Luzern hat nun mal einfach diese topografische Ausgangslage.

Zimmermann: Die sehr hohen Kosten und die oberirdischen Parkplätze sind die zentralen Argumente für unseren Widerstand. Ich denke, dass wir nicht so auf Fundamentalopposition machen würden, wenn die Station vielleicht «nur» drei Millionen kosten würde. Aus verkehrsplanerischer Sicht ist der geplante Ort wohl sinnvoll. Aber aus einer bautechnischen Perspektive ist es der dümmste Ort, um zu bauen. Ich bin mir aber bewusst, dass uns die Topografie nicht in die Hände spielt.

van der Heiden: Die topografische Situation ist wirklich ein Fluch, da sind wir uns einig. Es lohnt sich nochmals ein Vergleich mit Bern. Dort steht der aus meiner persönlichen Warte hässlichste Bahnhof des Landes. Ein schrecklicher Betonkasten im Baustil der 1960er-Jahre, der aber laufend irgendwelche Räume freispielt, die zum Beispiel für Veloparkings genutzt werden können. Und das vergleichsweise günstig. In Luzern steht der Bahnhof hingegen schon fast im See. Ich persönlich wäre sofort bereit, die Velostation andernorts zu bauen. Leider gibt es aber schlicht keine andere Option.

Der Zugang zur Velostation würde über eine Rampe auf der Bahnhofstrasse führen

Der Zugang zur Velostation würde über eine Rampe auf der Bahnhofstrasse führen

(Bild: Visualisierung zvg)

zentralplus: Ein SVP-Politiker hat mir neulich erklärt, dass mit dem Tiefbahnhof neue Möglichkeiten für Veloparkplätze entstehen würden, weil das Autoparking unter dem Torbogen wegfiele. Wäre es für Sie, Herr van der Heiden, eine Option, bis dann zu warten?

van der Heiden: Nein, obwohl man davon ausgehen kann, dass der Tiefbahnhof dereinst kommt, will ich mich nicht auf Eventualitäten verlassen, die in 20 oder 25 Jahren vielleicht eintreffen. Über Jahre hinweg gäbe es eine riesige Baustelle und es macht meines Erachtens keinen Sinn, dort noch irgendwie zu versuchen, eine Velostation zu realisieren. Der Vorschlag, der jetzt auf dem Tisch liegt, wird hingegen nicht vom Tiefbahnhof tangiert und könnte für die nächsten hundert Jahre so bleiben, wie er ist.

Etwas darf auf keinen Fall vergessen werden. Der Tunnel für den Tiefbahnhof würde gemäss aktuellem Planungsstand im Bereich des Bahnhofplatzes im Tagbau erstellt. Bushaltestellen und Taxiparkplätze würden während Jahren wegfallen. Es wird also unattraktiver, mit dem Bus an den Bahnhof zu fahren. Ein Grund mehr, jetzt die nötige Infrastruktur für das Velo zu installieren.

«Eine Firma würde nie eine Halle bauen, die sie in 15 Jahren vielleicht auslastet.»

Urs Zimmermann

zentralplus: Das Projekt muss über einen langen Zeitraum betrachtet werden. Dann müsste die Station ja nicht bereits 2025 ausgelastet sein.

Zimmermann: Eine Firma würde aber nie eine Halle bauen, die sie in 15 Jahren vielleicht auslastet. Es wird ein erster Teil gebaut, mit der Option, diesen später zu erweitern. Und nochmals: So lange die heutige Station nicht ausgelastet ist, kommt für uns eine neue nicht in Frage. Ein weiterer Punkt ist, dass die Pendler ihr Velo den ganzen Tag am Bahnhof stehen lassen und den anderen den Platz wegnehmen. Bei Herrn van der Heiden kommt die gleiche Situation in Bern nochmals hinzu.

van der Heiden: Das Problem hat sich in Bern gelöst. Ich betreibe mit jemand anderem ein Parkplatz-Sharing. Wenn ich in Bern mein Velo nehme, kann die andere Person ihres dort hinstellen und am Abend ist es umgekehrt. Hier bietet uns die Digitalisierung noch viel ungenutztes Potenzial.

«Sie kennen die Antwort von Pro Velo. Die Antwort der SP ist aber eine andere.»

Nico van der Heiden

zentralplus: Ein wichtiger Punkt in der laufenden Diskussion sind mögliche Gebühren für die neue Station. Wie stehen sie dazu?

van der Heiden: Als Co-Präsident von Pro Velo Luzern ist das für mich natürlich ein No-Go. Wenn man das Velo fördern will, macht es keinen Sinn, eine Gebühr zu erheben. Die Antwort der SP ist wohl eine andere. Sie ist durchaus bereit, über eine Abgabe zu diskutieren, wenn die Velostation weitere Dienstleistungen anbietet.

In Bern, wo ich wie gesagt eine Jahresgebühr bezahle, funktioniert es recht gut. Von morgens um sechs bis abends um zehn ist jemand dort. Ich denke, dass es gerade für Frauen dadurch sicherer wird, ihr Velo auch am Abend dort abzustellen. Zudem gibt es einen Reparaturservice und eine Pumpstation. Für diesen Service sind die Leute bereit, zu bezahlen.

Zimmermann: Wir finden es ist nichts als richtig, wenn sich die Velofahrer an den hohen Bau- und Unterhaltskosten beteiligen. Es ist uns bewusst, dass dadurch die Kosten niemals gedeckt werden können und der Steuerzahler die Differenz bezahlen muss. Trotzdem muss der Velofahrer bereit sein, seinen Beitrag an die Infrastruktur zu leisten, wenn er diese benutzen darf. Denn vielleicht gibt es ja noch ein Rahmenprogramm wie einen Reparaturservice. Und einer kostenlosen Velostation dürften übrigens auch andere Parteien kritisch gegenüberstehen.

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1 Kommentare
  1. Frido Stutz, 06.05.2019, 17:49 Uhr

    Um das Fahrradfahren zu fördern, muss das Verhalten und die Bedürfnisse dieser bekannt sein. Wenn die Velofahrer etwas nicht lieben, sind es die zentralen grossen Velokeller, welche nur über Rampen und Treppen umständlich erreichbar sind. Der Velofahrer wählt das Zweirad, weil er damit flexibler ist und nahe an seiner Destination sein Velo sicher und schnell parken möchte.
    Die üblichen Untergrund-Velostationen sind enorm teuer und die Umwelt wird mit dem Transport von vielen Tausend Kubikmeter Aushub und Beton belastet. Müsste man die Kosten dafür dem Velofahrer übertragen, würde das kein einziger bezahlen. Es wird also vom Steuerzahler bezahlt. Dazu kommen noch die Betriebskosten. Wenn die Anlagen 7/24 bewacht sein sollen, braucht es drei Schichten Personal; wenn nicht, müssen diese nachts geschlossen werden und der Velofahrer bestellt nach dem Ausgang am Abend ein Taxi für die Heimfahrt. Wo bleibt dann die Ökologie?
    Velotürme hingegen kosten einen Bruchteil davon, benötigen weniger Raum, tragen zum modernen Bild einer Stadt bei, können dezentral in kleinen Nischen und Baulücken nahe der Destination dezentral leicht und schnell errichtet und jederzeit dem aktuellen Bedarf angepasst werden, und tragen zur Digitalisierung der Smart Cites bei. Auf nur 3.5 m2 Fläche können bis zu 20 E-bikes und Velos inklusive Zubehör und persönliche Gegenstände sicher gelagert werden. Bei einer Anlage für z. B. 500 Velos können bis zu 50 Velofahren simultan ihre Velos innert wenigen Sekunden ein- oder einparken, somit können auch zu Spitzenzeiten kaum Staus entstehen.

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